Moritz Julius Bonn (* 28. Juni 1873 in Frankfurt am Main; † 25. Januar 1965 in London) war ein deutsch-britischer Nationalökonom. mini|Moritz Julius Bonn

Familie Die jüdische Familie Bonn lebte vierhundert Jahre lang in Frankfurt – im Jahr 1939 musste ihr letzter Nachkomme die Stadt verlassen. Der Stammvater Aaron Jacob Bonn zum Hirschen starb 1556. Sein Nachkomme Aron Bonn, Vorsteher der jüdischen Gemeinde, bewohnte in der Frankfurter Judengasse das Haus Zum fröhlichen Mann. Außerdem verfügte er über einen Schlüssel für das Tor, welches das Getto von der Stadt trennte.

Der Großvater Baruch Bonn (1810–1878) gründete Anfang der 1830er Jahre eine Bank. Drei seiner vier Söhne waren ebenfalls im Bankgewerbe tätig: Philipp Bonn war Bankier und Mitglied der Handelskammer in Frankfurt, Wilhelm Bonn war erst Chef des Bankhauses “Speyer & Co.” in New York, dann Teilhaber des Bankhauses Lazard Speyer-Ellissen in Frankfurt am Main; Leopold Bonn arbeitete für die Schwesterbank „Speyer Brothers“ in London. Der Vater von Moritz Julius Bonn, dem letzten NachkommenDer den Ersten Weltkrieg überlebende einzige Sohn seiner Cousine Yella Hallgarten (Tochter von Philipp Bonn und Auguste Rosette Oppenheim) – Paul Arnold Hallgarten (* 7. Dez. 1902 in Frankfurt am Main – 1930 Salzburg) – war mit der Kunstmalerin Marie Elisabeth Wrede verheiratet. dieser jüdischen Familie, starb im Februar 1877. Seine Frau (* 1847) gebar wenige Monate nach dem Tode ihres Mannes ein Mädchen. Die einzige Schwester von Moritz Julius Bonn war mit dem Maler Giulio Aristide Sartorio (1860–1932) verheiratet.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 17–22.

Der jüdische Familienstamm mütterlicherseits – er führte bis 1813 den Namen Wolf und danach den Namen Brunner – war seit 1685 in Vorarlberg im Dorf Sulz, seit 1745 in Hohenems ansässig, wo ab 1909 die vormalige Israelitengasse als Brunnerstraße den Namen der Familie trug. Jakob Brunner, der älteste Sohn des mütterlichen Großvaters Heinrich Brunner (1784–1867), begründete in Triest einen Baumwollhandel. Der Sohn Marco Brunner († 1888), verheiratet mit einer Bozenerin und Großvater von Moritz Julius Bonn, verlegte nach einem Triester Aufenthalt seine Geschäftstätigkeit nach St. Gallen (Schweiz) und seinen Wohnort zurück nach Hohenems. Hier hielt sich der junge Moritz Julius Bonn immer wieder während seiner Sommerferien auf.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 25–27.

Leben Bonn wurde in der Hanauer Landstraße 45 geboren und verbrachte seine Kindheit und Schulzeit in Frankfurt. Sein Vater war Julius Philipp Bonn (1840–1877), die Mutter Elise Bonn, geborene Brunner (1848–1923). Im Jahr 1876 lebte die Familie jedoch aus geschäftlichen Gründen ein Jahr lang in London. Bonns Vater starb noch vor seinem fünften Geburtstag. Seine Schwester Julie Betty kam kurz danach zur Welt. Nach dem Tod ihres Vaters Marco Brunner erbaute die Witwe Bonn aus dem Erbe nach 1890 ein Wohnhaus in der Feldbergstraße 33 in Frankfurt am Main.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1953, S. 21 Nach dem Besuch des Philanthropins und später des Städtischen Gymnasiums studierte Bonn zunächst zwei Semester lang die Geschichte der Philosophie bei Kuno Fischer an der Universität Heidelberg. Anschließend hörte er Vorlesungen bei Karl Knies, einem Anhänger der Historischen Schule der Nationalökonomie. Bonn wechselte 1893 endgültig zur Nationalökonomie und studierte bei Lujo Brentano an der Universität München,M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 56–58. wo er 1895 mit der Dissertation Spaniens Niedergang während der Preisrevolution des 16. Jahrhunderts zum Doktor rer. pol. promoviert wurde.Patricia Clavin: A ‚Wandering Scholar‘ in Britain and the USA, 1933–1945: The Life and Work of Moritz Bonn. In: Anthony Grenville (Hrsg.), Refugees from the Third Reich in Britain (Yearbook of the Research Centre for German and Austrian Exile Studies, Editions Rodopi B.V., Amsterdam-New York 2003), S. 27–42.

Auf Empfehlung von Brentano und kurz vor der Promotion hatte Bonn ein Semester bei Carl Menger an der Wiener Universität angeschlossen. Über die Mitgliedschaft in der Sozialwissenschaftlichen Studentenvereinigung lernte Bonn den Politiker Engelbert Pernerstorfer kennen, der zu seinem Mentor wurde. Nach der Promotion absolvierte Bonn das Wintersemester 1895/96 bei Max Weber an der Universität Freiburg.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 62–71.

Von Mai 1896 bis 1898 studierte Bonn an der im selben Jahr eröffneten London School of Economics and Political Science. In dieser Zeit begann er seine intensiven ökonomischen und historischen Forschungen zur englischen Kolonisation in Irland. In den Jahren 1904/05 hielt sich Bonn in Italien auf, wo er die Engländerin Theresa Cubitt kennenlernte, die er 1905 in London heiratete.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 112–115.

In München habilitierte sich Bonn 1905 mit der Schrift Die englische Kolonisation in Irland. Nach einer kurzen Tätigkeit als Privatdozent ging er 1906 – gemeinsam mit seiner Frau – für ein Jahr nach Südafrika, um die Durchdringung einer Eingeborenenwirtschaft durch den westlichen Kapitalismus zu studieren. Im Januar 1907 machte das Ehepaar Bonn in der englischen Kapkolonie die Bekanntschaft von Philipp Kerr. Im selben Jahr reiste es weiter nach Deutsch-Südwestafrika.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 117–126.

Im Herbst 1910 eröffnete Bonn – inzwischen zum außerordentlichen Professor ernannt – als Direktor die Handelshochschule, einer Gründung der Stadt München und der Handelskammer. (Die Schule wurde 1922 als Technisch-Wirtschaftliches Institut in die Technische Universität München integriert.) Im Sommer 1913 erregte Bonn innerhalb der Kulturbürokratie erhebliches Aufsehen mit der Einladung an Tomáš Masaryk, zum Ende des Sommersemesters einen Vortrag in der Handelsschule zu halten.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 144 u. 155 f.

Zur Ausübung einer Gastprofessur in den USA bestieg Bonn – gemeinsam mit seiner Frau – am 26. Juli 1914 das Passagierschiff George Washington. Während der Überfahrt begann mit der österreichischen Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg. Einen Tag nach der Ankunft in New York am 3. August 1914 befanden sich Deutschland und England im Kriegszustand. In dieser für das deutsch-englische Ehepaar prekären Situation hatte Bonn GastprofessurenM. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 162–169. an der University of California (Wintersemester 1914/15), an der University of Wisconsin–Madison (Carl-Schurz-Lehrstuhl, Sommersemester 1915) und an der Cornell University (Jakob-Schiff-Lehrstuhl für deutsche Kultur, Wintersemester 1915/16) inne.

Im Frühjahr 1916 nahm Bonn in New York Kontakt zur Deutschen Botschaft auf, die Johann Heinrich Graf von Bernstorff leitete. Hier konnte Bonn eine Tätigkeit als Assistent für Währungs- und Devisenfragen in der Finanzabteilung des Geheimrates Heinrich Albert beginnen. Patricia Clavin schließt aus Hinweisen, dass er die amerikanische Öffentlichkeit davon zu überzeugen versuchte, dass Amerika nicht in den Krieg eingreifen sollte.Patricia Clavin: A ‚Wandering Scholar‘ in Britain and the USA, 1933–1945: The Life and Work of Moritz Bonn. In: Anthony Grenville (Hrsg.), Refugees from the Third Reich in Britain (Yearbook of the Research Centre for German and Austrian Exile Studies, Editions Rodopi B.V., Amsterdam-New York 2003), S. 30.

Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland ging das Ehepaar Bonn am 14. Februar 1917 an Bord des dänischen Passagierschiffes Frederik VIII, um über Kopenhagen und dann weiter mit einer Fähre nach Warnemünde nach Deutschland zurückzukehren. Nach einer kurzen Tätigkeit in der Propagandaabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin konnte Bonn wieder die Leitung der Handelshochschule in München übernehmen.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 171–179.

An der Münchener Handelshochschule sorgte Bonn im August 1919 für die Berufung Carl Schmitts als Dozent. Diese Förderung der akademischen Laufbahn wiederholte Bonn im Jahr 1928 in Berlin. Hierzu schreibt Jens Hacke, dass der welterfahrene, kosmopolitische Bonn als Nachkomme einer jüdischen Bankiersfamilie mit seiner Affinität zum pragmatischen angelsächsischen Liberalismus einen Typus verkörpere, den Schmitt intellektuell zwar faszinierte, der ihm zugleich in seiner antiliberalen und antisemitischen Richtung verhasst war.Jens Hacke: Moritz Julius Bonn – ein vergessener Verteidiger der Vernunft. Zum Liberalismus in der Krise der Zwischenkriegszeit. In: Mittelweg 36, Heft 6, Dezember 2010/Januar 2011, S. 31.

1919 war Bonn ein Mitglied der deutschen Delegation, die der amtierende Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau leitete und die den Friedensvertrag von Versailles aushandeln sollte.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 219–228.

Im Frühjahr 1920 erhielt Bonn von der Reichskanzlei die Ernennung zum Berater des Reichskanzlers Fehrenbach in Reparationsfragen. In dieser Eigenschaft nahm er im Juli 1920 an der Konferenz von Spa teil. Zur deutschen Delegation, die Walter Simons leitete, gehörte auch Hugo Stinnes, Bonns wirtschaftspolitischer Kontrahent. In seiner Autobiografie kommentiert Bonn sein eigenes Wirken mit dem Satz: Zwei Tage lang habe ich wirklich Geschichte machen helfen – was sich nie mehr wiederholte.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 244. Nach der Konferenz wurde Bonn Dozent an der Handelshochschule Berlin und Leiter des von ihm gegründeten Instituts für Finanzwesen. Im selben Jahr beteiligte er sich an der Gründung der Deutschen Hochschule für Politik.M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 402.

1922 nahm Bonn als persönlicher Berater des Reichskanzlers Joseph Wirth an der Konferenz von Genua teil. Hier war er Mitglied der Finanzkommission, der auch Reichsbankpräsident Rudolf Havenstein angehörte. Im Jahr 1929 beriet Bonn als Sachverständiger den Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht beim Young-Plan, der von einem Gremium internationaler Finanzexperten vom Februar bis Juni 1929 in Paris ausgehandelt wurde.

Von Sommer 1930 bis zum Frühjahr 1932 war Bonn in der sogenannten Golddelegation tätig, die der Völkerbund zur Untersuchung der Goldknappheit und deren Wirkung auf die Goldwährung eingesetzt hatte. Hierzu schreibt Bonn in seiner Autobiografie:

„Das Problem (der Kapitalflucht) war kein technisches – es war nicht die Folge von Fehlkonstruktionen im Mechanismus der Goldwährung −, sondern das Ergebnis unsicherer politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse. Man kann kein Währungssystem konstruieren, das schweren politischen Stößen erfolgreich widerstehen und weitgehende wirtschaftliche Fehlkalkulationen überdauern kann.“M. J. Bonn: So macht man Geschichte. Bilanz eines Lebens. List, München 1953, S. 309.

Nach seiner Wahl durch die Kollegenschaft konnte Bonn am 1. Oktober 1931 das Rektorat der Berliner Handelshochschule übernehmen. 1932 prägte er der Begriff „Dekolonisation“,Wolfgang Reinhard: Kleine Geschichte des Kolonialismus. Kröner, Stuttgart 1996, ISBN 3-520-47501-4, S. 280–281. dessen englische Übersetzung „decolonization“ im Britischen Weltreich und in den Vereinigten Staaten bald in Umlauf kam.Henk L. Wesseling: Towards a History of Decolonization. In: Itinerario, Jg. 11 (1987), S. 95–106.