hochkant=2|mini|Ataa Oko mit seiner Frau vor einem seiner frühen figürlichen Särge, um 1960

Die Sargkunst in Ghana stellt seit der Mitte des 20. Jahrhunderts eine regionale Besonderheit der Sarggestaltung der Ga-Adangme dar, die sich aus den figürlichen Sänften entwickelt hat, in denen sich die Oberhäupter der Ga schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts tragen ließen. Die figürlichen Särge werden in Form von Früchten, Tieren, Status- oder Familiensymbolen hergestellt, nach dem Wunsch der Verstorbenen selbst oder ihrer Hinterbliebenen. Die im Süden und der Region Greater Accra lebenden Ga verwenden diese figürlichen Särge für ihre Beerdigungsrituale. Sie werden außerhalb der Region auch „fantasy coffins“, „design coffins“ oder „fantastische Särge“ genannt, auch die einheimischen Bezeichnungen „abebuu adekai“ oder „okadi adekai“ sind über die Region hinaus gebräuchlich.

Bedeutung Das Verwenden solcher Särge hängt eng mit der Religion und den Jenseitsvorstellungen der Ga zusammen. Der Tod bedeutet für sie kein definitives Ende, sondern das Leben geht nach ihrer Vorstellung im Jenseits ähnlich weiter wie auf Erden. Die Verstorbenen sind als Ahnen einflussreicher als die lebenden Menschen und steuern die Geschicke ihrer noch lebenden Verwandtschaft. Die Familien versuchen mit den aufwändigen figürlichen Särgen den Geist des Toten wohlwollend zu stimmen. Der gesellschaftliche Status im Jenseits hängt neben dem Erfolg im Leben auch vom Umfang der Bestattungsfeier und der Exklusivität des Sarges ab.

Die Särge sind nur am Beerdigungstag sichtbar, sie kommen mit den Toten ins Grab. Die Sarggestaltung dient weniger einem dekorativen Zweck, sie ist vielmehr von Symbolen vorbestimmt. Figurensärge beziehen sich oft auf den Beruf des Verstorbenen und sollen ihm helfen, im Jenseits seiner irdischen Tätigkeit weiter nachzugehen. Ein Schwert- oder Stuhlsarg ist hingegen eine königliche oder priesterliche Insigne mit magisch-religiöser Funktion für Menschen mit einem entsprechenden Status. Solche Särge stellen genau wie gewisse Tiere zum Teil Klan-Totems dar, wie etwa der Löwe, der Hahn oder die Krabbe, die nur Oberhäuptern gewisser Familien zustehen. Viele Sargmotive verweisen auf Sprichwörter, die von den Ga unterschiedlich interpretiert werden. Die figürlichen Särge werden in der Region von Greater Accra etwa seit 1950 vor allem von der ländlichen, traditionell gläubigen Bevölkerung, aber zunehmend auch von den Christen benutzt und sind nun ein fester Bestandteil der lokalen Beerdigungskultur.

Der Hauptzweck der figürlichen Särge, von den Ga okadi adekai oder abebuu adekai genannt, sind Beerdigungen in der Region Greater Accra. Nur ein kleiner Teil dieser Objekte wird für „westliche“ Museen und Sammler geschaffen. In der Region von Greater Accra gibt es mehrere Ateliers, in denen figürliche Särge in unterschiedlicher künstlerischer Qualität hergestellt werden. Der in und außerhalb Ghana wohl bekannteste Sargkünstler ist Paa Joe, der ehemalige Meisterschreiner des 1992 verstorbenen Kane Kwei. Er hat viele Jahre ein Atelier in Nungua geführt. Seit 2008 besitzt er eine neue Werkstatt in Pobiman, in der Nähe von Nswam. Neben Paa Joe führen drei seiner einstigen Meisterschreiner, Daniel Mensah (Hello) in Teshie, Eric Kpakpo in La und Kudjo Affutu in Awutu, Central Region, eine eigene Werkstatt. Kane Kreis einstiges Atelier in Teshie wird heute von Eric Anang geführt.

Geschichte der Kunstform mini|Figürliche Sänfte gezeichnet von Ataa Oko 2009

Die figürlichen Särge wurden um 1970 von einer Gruppe Kalifornier im Atelier von Kane Kwei in Teshie entdeckt. 1972 hat man dessen Särge erstmals in Kalifornien als Kunstwerke ausgestellt. Seit der Ausstellung Les Magiciens de la terre im Centre Pompidou in Paris 1989, bei der Figurensärge aus Ghana zum ersten Mal auch in Europa ausgestellt wurden, galt Kane Kwei in der westlichen Kunstwelt als Erfinder der figürlichen Särge, und dieser Künstler und die ghanaische Sargkunst wurden weltweit bekannt. 1994 erschien ein Bildband von Thierry Secretan, der wesentlich zu Kane Kweis Ruhm und zur Bekanntheit seiner Figurensärge im Westen beitrug. Kane Kwei, der sich in den ersten Interviews mit westlichen Journalisten als Erfinder der Figurensärge bezeichnet hatte, musste später jedoch zugeben, dass er diese Idee von jemandem anderem übernommen hatte.Roberta Bonetti: Alternate Histories of the Abebuu Adekai. In: African Arts. Herbst 2010, S. 14–33: Roberta Bonetti kommt wie schon Regula Tschumi (2006) zum Schluss, dass Kane Kwei ein vom Kunstmarkt erfundener „Erfinder“ ist: “[…] We have seen how the same criteria of authenticity that were fundamental in documenting the uniqueness and truthfulness of ancient works have been adopted for recent coffins. The proof is provided by the presumed origin of the work, which has become even more precious and exceptional ever since the death of its „invented“ inventor, Kane Kwei.” Kane Kwei zufolge war es sein Onkel Ataa Owuo (1904–1976), von dem er die Idee übernommen hatte. Dieser führte in den 1950er-Jahren in Teshie eine Möbelschreinerei und soll Kane Kwei zufolge gelegentliche figürliche Särge oder Sänften hergestellt haben. Allerdings ist derzeit nichts Genaueres über Ataa Owuos Werke bekannt und es liegen keine Fotos oder andere Unterlagen zu seinen Arbeiten vor. So ist fraglich, ob dieser Möbelschreiner je figürliche Särge hergestellt hat. In Teshies Nachbarstadt La gab es einen weiteren bekannten Meister namens Ataa Oko, der schon vor 1950 figürliche Särge hergestellt hat. Kane Kwei hat Ataa Oko gekannt, dessen Namen aber in keinem Interview verraten.

Ataa Oko hatte bereits um 1945 damit angefangen, figürliche Särge herzustellen. Neben den mündlichen Überlieferungen gibt es Fotos aus den 1950er- und 1960er-Jahren, die dies belegen. Er wurde wegen seiner ungewöhnlichen Werke rasch in der ganzen Küstenregion berühmt. Kane Kwei und Ataa Oko lernten sich spätestens um 1970 persönlich kennen, als Kane Kwei seine zweite Frau aus Ataa Okos Haus in La heiratete und deshalb häufig in La gesehen wurde.

Ataa Oko erzählt, dass ihn eine Traumvision zu seinem ersten Figurensarg, einem Krokodil, inspiriert habe. Er hatte diesen Sarg für die Frau eines verwandten Oberhauptes hergestellt. Seine Familie freute sich allerdings gar nicht darüber. Sie hielten die Herstellung eines Krokodilsarges für gefährlich. Die Verwandten warnten ihn, er könne von einem Krokodil getötet werden, wenn er weiterhin solche Särge baue. Aber er ließ sich nicht entmutigen, außerdem träumte er abermals. So entstanden nacheinander seine ersten Särge: ein Haus, ein Stuhl, ein Huhn, ein Fisch und ein Kanu. Ataa Oko und Kane Kwei gaben beide vor, die ersten Schreiner von figürlichen Särge gewesen zu sein. Jedoch waren bereits zwischen 1930 und 1960 bei den Ga figürliche Sänften in Mode, in denen sich die Oberhäupter bei wichtigen Anlässen herumtragen ließen. Ataa Oko hat seinen eigenen Aussagen zufolge solche Sänften gesehen, die äußerlich gleich wie die figürlichen Särge aussahen. Die Ethnologin Regula Tschumi geht davon aus, dass die figürlichen Sänften den Künstler zu seinen Figurensärgen angeregt haben.Regula Tschumi: The Figurative Palanquins of the Ga. History and Significance. In: African Arts. 46 (4), 2013, S. 61–62.

Ataa Oko hatte lange Zeit keinen Kontakt zu Fremden gepflegt. Seine Werkstatt befand sich abseits der großen Durchgangsstraßen und er stellte seine Särge nur für seine Familie und für ghanaische Kunden her. Dies ist wohl der Hauptgrund, dass er und seine Werke in westlichen Kunstkreisen bis in die 1970er-Jahre unbekannt blieben. So entwickelte Ataa Oko eine ganz eigene künstlerische Formensprache in seinen Särgen, unbeeinflusst vom westlichen Kunstmarkt. Seine Särge unterscheiden sich nicht nur in ihrer Grundkonstruktion, sondern auch in den vom Künstler verwendeten Materialien von jenen Werken, die bislang in westlichen Museen und Galerien gezeigt wurden.

Wie nun neueste Forschungsresultate zu den figürlichen Särgen und Sänften der Ga belegen, sind Särge und Sänften in ihrer Verwendung und Bedeutung eng miteinander verbunden und werden schon wesentlich länger benutzt als man im Westen bis anhin angenommen hat. Die Suche nach einem „Erfinder“ dieser ungewöhnlichen Kunstform ist insbesondere deshalb müssig, weil heute niemand mehr wissen kann, wo und wann erstmals solche Objekte hergestellt wurden.Regula Tschumi: The Figurative Palanquins of the Ga. History and Significance. In: African Arts. 46 (4), 2013, S. 60–73.

Zur Herstellung der figürlichen Särge In den verschiedenen Werkstätten in der Region von Greater Accra, in denen figürliche Särge hergestellt werden, beschäftigt jeder Meister mindestens einen oder sogar mehrere Lehrlinge, die einen großen Teil der Arbeit übernehmen. Das erlaubt dem Meister, mehrere Särge gleichzeitig herzustellen. Für die in Ghana benutzten Särge wird gewöhnlich einheimisches Wawa-Holz verwendet, nur für Museumssärge werden gut haltbare Edelhölzer, etwa Mahagoni, eingesetzt. Sämtliche Schreinerarbeiten werden in allen Ateliers ohne Einsatz von elektrischen Maschinen, nur von Hand und mit einfachsten Werkzeugen ausgeführt. Die figürlichen Särge werden, je nach Schwierigkeitsgrad und je nachdem, wie geübt die Schreiner und Lehrlinge sind, innerhalb von zwei bis sechs Wochen fertiggestellt. Wenn es besonders eilt, werken mehrere Schreiner an einem Objekt. Bemalt werden die Särge, je nach Modell, vom Meister selbst oder aber von einem professionellen Künstler, einem sogenannten Schildermaler. Diese gehören auch zu jenen Künstlern, die für die kleinen Kinos in der Region handgemalte Filmplakate anfertigen. Filmtheater und handgemalte Filmplakate in Ghana existieren heute zwar nur noch selten, dafür stellen die Schildermaler ihre handgemalten Plakate nun ebenfalls für den westlichen Kunstmarkt her.

Biografische Daten einiger selbständiger Sargkünstler Ataa Oko Addo mini|Die beiden ghanaischen Sargkünstler Ataa Oko und Kudjoe Affutu vor Ataa Oko's Hahn

Ataa Oko Addo (1919–2012) wurde in der Küstenstadt La in Greater Accra (Ghana) geboren. Er arbeitete als selbstständiger Sarg- und Sänftenschreiner und Art-brut-Künstler in La. Mit 13 Jahren begann er als Fischer und auf Kakaoplantagen im Asante-Gebiet zu arbeiten. 1936 begann er seine Ausbildung zum Schreiner bei Sowah Obu in Accra. 1939 verlor er bei einem Unfall drei Finger und musste seine Tätigkeit als Schreiner längere Zeit unterbrechen. Dann bekam er wieder befristete Arbeitsverträge als Schreiner und stellte bereits um 1945–1948 seine ersten figürlichen Särge her. Er gilt deshalb in Ghana als einer der Pioniere der ghanaischen Sargkunst. 1950 fand er Arbeit in Tamale. Nach seiner Rückkehr 1951 eröffnete er eine eigene Schreinerwerkstatt in La (früher Labadi). Hier kam er um 1970 Kontakt auch in Kontakt mit Kane Kwei.

Erstmals erwähnt wurden Ataa Okos Arbeiten von der Schweizer Ethnologin Regula Tschumi, die den Künstler während ihrer ersten Feldforschung im Jahr 2002 kennengelernt hatte. Ataa Oko und Regula Tschumi pflegten von da an eine enge, bis zu Ataa Okos Tod im Dezember 2012 andauernde Zusammenarbeit, in der sich der Künstler zu einem Zeichner und Maler entwickelte. Dies führte im Jahr 2006 zu dessen erster Teilnahme an einer internationalen Kunstausstellung: „Six Feet Under“ im Kunstmuseum Bern. Vier Jahre später würdigte man Ataa Okos figürliche Särge und seine Zeichnungen in einer ersten Einzelausstellung in der Collection de l’Art Brut Lausanne.

Kudjoe Affutu mini|Kudjoe Affutu, ghanaischer Sargkünstler (2007), Foto: Regula Tschumi