mini|hochkant|Logo Gebrüder Stumm GmbH (1965) Gebrüder Stumm, ab 1806 OHG, ab 1888 KG, ab 1903 GmbH, ab 1969 Stumm AG,Zu den Rechtsformen Ruhrbergbau. Geschichte, Aufbau und Verflechtung seiner Gesellschaften und Organisationen. Unter Mitwirkung der Gesellschaften des Ruhrbergbaus zusammengestellt und bearbeitet von Gerhard Gebhardt, Glückauf, Essen 1957, S. 461. Der Beschluss zur Umwandlung in eine AG erfolgte im November 1969. Siehe Thomas Urban: Die Krisenfestigkeit der Unternehmerfamilie – Haniel, Stumm und der «doppelte» Strukturwandel. In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Bd. 63 (2018). H. 2, S. 210. Siehe ferner Marquard & Bahls Aktiengesellschaft. In: Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, Lieferung 9-1996/97. war ein Montankonzern, der von 1806 bis 1974 bestand und zeitweise zu den größten deutschen Industrieunternehmen zählte.Siehe die Nennungen in: Martin Fiedler, Howard Gospel: The Top 100 Largest Employers in UK and Germany in the Twentieth Century. Data (ca. 1907, 1935/38, 1955/57, 1972/73, 1992/95); Die 100 größten Arbeitgeber in Großbritannien und Deutschland im 20. Jahrhundert. Daten (ca. 1907, 1935/38, 1955/57, 1972/73, 1992/95), Cologne Economic History Paper, No. 3 (2010). Abgerufen am 4. März 2019. Seine Blütezeit erlebte das Unternehmen unter Carl Ferdinand von Stumm-Halberg (1836–1901).

Das Unternehmen betätigte sich in der Saarregion, in Lothringen und im Ruhrgebiet. In der Zwischenkriegszeit musste es mit Verlusten in Lothringen und bis 1926 mit einer erzwungenen französischen Mehrheitsbeteiligung zurechtkommen. Einen relevanten Teil des Kapitals erwarb anschließend Otto Wolff. Während des Zweiten Weltkrieges setzte das Unternehmen umfassend Zwangsarbeiter ein. In den Jahren des Wiederaufbaus, bis 1956 begleitet durch die französische Zwangsverwaltung an der Saar, wurde der Prozess der Diversifizierung fortgesetzt, der bereits in den 1930er Jahren begonnen hatte; insbesondere die Metallverarbeitung und der Stahlhandel waren dabei von Bedeutung.

Die Bewältigung des Strukturwandels in der westdeutschen Montanindustrie misslang. Das Unternehmen wurde im Oktober 1974 zahlungsunfähig, was auch durch Manipulationen des Managements nicht mehr verschleiert werden konnte. An den Konzernzusammenbruch schloss sich von 1976 bis 1980 ein Wirtschaftsstrafprozess an, er galt bis dahin als einer der größten seiner Art in der Bundesrepublik Deutschland.

Anfänge und Aufstieg Die Montanunternehmerfamilie Stumm stammte aus dem Hunsrück. 1715 erhielt Johann Nikolaus Stumm das landesherrliche Privileg zur Errichtung eines Waffen- und Eisenhammers. Seine Söhne und Enkel erweiterten den Betrieb, der Ende des 18. Jahrhunderts fünf Hüttenwerke und sechs Eisenhämmer im Hunsrück umfasste. Aus technischen Gründen, wegen des sich verstärkenden Mangels an lokaler Holzkohle und aufgrund der zunehmend erschwerten Erzversorgung wandten sich die Stumms dem Saargebiet zu.250 Jahre Gebrüder Stumm GmbH, Brambauer 1965, S. 4–6.Zu Details siehe auch:

Das Unternehmen wurde mit der Firma Gebrüder Stumm am 22. März 1806 in Saarbrücken von den Brüdern Friedrich Philipp Stumm (1751–1835), Christian Philipp Stumm (1760–1826) und Johann Ferdinand Stumm (1764–1839) mit dem Kauf dreier Eisenhütten im Saardepartement, der Neunkircher Hütte, der Fischbacher Schmelze und des Halberger Werks, begründet. Diese Eisenwerke aus ehemals nassau-saarbrückischem Staatsbesitz waren nach der Annexion des linken Rheinufers in den Besitz des französischen Staates gekommen und standen nach einer Reihe von Besitzübergängen nun zum Verkauf.250 Jahre Gebrüder Stumm GmbH, Brambauer 1965, S. 8.K. H. Herchenröder, Joh. Schäfer, Manfred Zapp: Die Nachfolger der Ruhrkonzerne (Die „Neuordnung“ der Montanindustrie), Econ, Düsseldorf 1953, S. 303.

mini|hochkant=1.2|Neunkircher Eisenwerk (1857) Insbesondere Johann Ferdinand Stumm und Friedrich Philipp Stumm trieben die Entwicklung des Unternehmens voran. Sie errichteten 1831 das erste Puddelwerk im Saargebiet. Karl Friedrich Stumm (1798–1848), Sohn von Friedrich Philipp Stumm, modernisierte das Eisenwerk. Dazu zählte der Einsatz einer Dampfmaschine sowie der vollständige Ersatz von Holzkohle durch Steinkohlenkoks. Zudem setzte er Ferdinand Steinbeis als Direktor ein. Dieser sorgte für weitere technische Verbesserungen. Auch stieß er die betriebliche Fürsorge bei Stumm an: Er förderte die Berufsausbildung, gründete betriebliche Sozialeinrichtungen, förderte die Wohnungsfürsorge, errichtete eine betriebliche Invalidenkasse und stellte einen Werksarzt an. Mit dem Neunkircher Hochofen- und Puddelwerk verfügte Gebrüder Stumm damals über eines der modernsten Eisenhüttenwerke in Deutschland.Ralf Banken: Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg. Ein erfolgreicher Unternehmer? In: Bewegen, Verbinden, Gestalten. Unternehmer vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Festschrift für Klara van Eyll zum 28. September 2003. Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln 2003, S. 251–264, hier S. 251. Nach dem Tod von Karl Friedrich Stumm – er nahm sich das Leben, weil er im Zuge der Wirtschaftskrise von 1848 mit seinem Privatvermögen für Schulden durch kreditfinanzierte Investitionen hafteteThomas Urban: Die Krisenfestigkeit der Unternehmerfamilie – Haniel, Stumm und der «doppelte» Strukturwandel. In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Bd. 63 (2018). H. 2, S. 194. – leitete dessen Schwager das Unternehmen.

Blütezeit mini|hochkant=1.2|Teilansicht des Neunkircher Eisenwerks in den 1860er Jahren 1858 übernahm Carl Ferdinand von Stumm-Halberg im Alter von 22 Jahren die Leitung. Er baute das Unternehmen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorsichtig, aber stetig zu einem modernen Großbetrieb der eisenschaffenden Industrie aus.K. H. Herchenröder, Joh. Schäfer, Manfred Zapp: Die Nachfolger der Ruhrkonzerne (Die „Neuordnung“ der Montanindustrie), Econ, Düsseldorf 1953, S. 304.Zur vorsichtigen Investitionspolitik und konservativen Kapitalpolitik siehe insbesondere Ralf Banken: Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg. Ein erfolgreicher Unternehmer? In: Bewegen, Verbinden, Gestalten. Unternehmer vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Festschrift für Klara van Eyll zum 28. September 2003. Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln 2003, S. 251–264. Kern des Unternehmens waren das Neunkircher Eisenwerk sowie die Mehrheitsbeteiligungen an der Dillinger Hütte und der Halberger Hütte. Während der Standort in Dillingen für die Blech- und Panzerplattenproduktion zuständig war, konzentrierte sich die Herstellung in Halberg auf Gusswaren und die in Neunkirchen auf Walzeisen (außer Blechen).Ralf Banken: Die Industrialisierung der Saarregion 1815–1914. Bd. 2. Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850–1914 (Regionale Industrialisierung, Bd. 4), Steiner, Stuttgart 2003, S. 328 f. und S. 458 f., ISBN 978-3-515-07828-3. Die technologisch fortschrittliche Panzerplattenproduktion erwies sich dabei als sehr einträglich, da sie Basis für die Flottenrüstung war und zudem mit Krupp nur ein einziger Wettbewerber auftrat; beide Unternehmen sprachen Preise ab.Frühzeitig historiografisch hierzu Eckart Kehr: Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894–1901. Versuch eines Querschnitts durch die innenpolitischen, sozialen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus. Verlag Emil Ebering, Berlin 1930. Zu den Absprachen siehe Harold James: Krupp. Deutsche Legende und globales Unternehmen. Aus dem Englischen von Karl-Heinz Siber. Verlag C.H. Beck, München 2011. S. 121, ISBN 978-3-406-62414-8.

Stumm verzichtete im Unterschied zu den Ruhrkonzernen auf die Anwerbung von Wanderarbeitern, abgesehen von Italienern, die nach 1910 maximal 10 Prozent der Belegschaft der Hütte ausmachten. Hingegen waren schon seit den 1840er Jahren Arbeitskräfte aus dem armen Norden der Saarregion angeworben und sesshaft gemacht worden; viele Pendler behielten weiter ihre Nebenerwerbslandwirtschaft im Heimatdorf. So wurde ein fester, gut qualifizierter Arbeitnehmerstamm herangebildet. In den Städten besaßen jedoch nur wenige Arbeiter und Angestellte des Konzerns ein eigenes Heim.Wolfgang Behringer, Gabriele Clemens: Geschichte des Saarlandes. Verlag C. H. Beck, München 2011, S. 88.Ralf Banken: Die Industrialisierung der Saarregion 1815–1914. Bd. 2. Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850–1914 (Regionale Industrialisierung, Bd. 4), Steiner, Stuttgart 2003, S. 17, ISBN 978-3-515-07828-3.

Durch seine wirtschaftlichen Erfolge zu Lebzeiten sowie durch seine ausgeprägt nationalen politischen Standpunkte wurde Carl Ferdinand von Stumm-Halberg reichsweit bekannt. Im eigenen Betrieb vertrat er einen autoritären Herr-im-Hause-Standpunkt, der Arbeitern jedes gewerkschaftliche und politische Engagement verbotHelga Grebing: Arbeiterbewegung. Sozialer Protest und kollektive Interessenvertretung bis 1914. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1985, S. 69 f., ISBN 3-423-04507-8. und umfassend in die persönliche Lebensführung des Einzelnen eingriff, beispielsweise durch die Vorgabe, er sei vor einer Heirat um Erlaubnis zu fragen oder das Lektüreverbot bestimmter Zeitungen.Ralf Banken: Die Industrialisierung der Saarregion 1815–1914. Bd. 2. Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850–1914 (Regionale Industrialisierung, Bd. 4), Steiner, Stuttgart 2003, S. 444, ISBN 978-3-515-07828-3. Allgemeinpolitisch vertrat Carl Ferdinand von Stumm-Halberg als Mitgründer der Freikonservativen Partei autoritäre, antisozialistische, preußisch-protestantische, nationale und konservative Positionen. Insbesondere ab den 1890er Jahren erledigten familienfremde Manager das unternehmerische Tagesgeschäft, weil Stumm-Halberg politische Aufgaben wahrnahm; er traf im Unternehmen überwiegend nur noch strategische Entscheidungen.Ralf Banken: Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg. Ein erfolgreicher Unternehmer? In: Bewegen, Verbinden, Gestalten. Unternehmer vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Festschrift für Klara van Eyll zum 28. September 2003. Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln 2003, S. 251–264, hier S. 262–264. Die vorgefundene betriebliche Sozialpolitik behielt er bei und baute sie aus.Zu den Formen und Zwecken dieser Sozialpolitik siehe Ralf Banken: Die Industrialisierung der Saarregion 1815–1914. Bd. 2. Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850–1914 (Regionale Industrialisierung, Bd. 4), Steiner, Stuttgart 2003, S. 432–434, S. 441 und S. 444, ISBN 978-3-515-07828-3. Zeitgenossen hielten die wirtschaftliche, betriebspolitische und allgemeinpolitische Macht Stumms für so bedeutend, dass sie von Saarabien und vom Königreich Stumm sprachen.Ralf Banken: Die Industrialisierung der Saarregion 1815–1914. Bd. 2. Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850–1914 (Regionale Industrialisierung, Bd. 4), Steiner, Stuttgart 2003, S. 14, ISBN 978-3-515-07828-3.

Das Fischbacher und das Halberger Werk wurden 1860 verkauftRalf Banken: Die Industrialisierung der Saarregion 1815–1914. Bd. 2. Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850–1914 (Regionale Industrialisierung, Bd. 4), Steiner, Stuttgart 2003, S. 313, ISBN 978-3-515-07828-3. und die Produktion in Neunkirchen konzentriert. 1870 waren 1350 Arbeiter in der Hütte beschäftigt. Der Jahresausstoß lag bei 10.000 Tonnen, 38 Puddelöfen waren in Betrieb. Hinzu kamen ein Walzwerk, ein Drahtwalzwerk, die Achsenherstellung und der Bau einer eigenen Koksofen-Anlage. 1875 erwarb Gebrüder Stumm eine Mehrheitsbeteiligung an der Halberger Hütte, die zwischenzeitlich modernisiert worden, jedoch durch den Gründerkrach in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war.Ralf Banken: Die Industrialisierung der Saarregion 1815–1914. Bd. 2. Take-Off-Phase und Hochindustrialisierung 1850–1914 (Regionale Industrialisierung, Bd. 4), Steiner, Stuttgart 2003, S. 328 f., ISBN 978-3-515-07828-3.