mini|Edmond Kaiser (Foto: Erling Mandelmann) Edmond Kaiser (* 2. Januar 1914 in Paris; † 4. März 2000 in Coimbatore, Indien), seit 1960 Schweizer Bürger1960 erwarb er das Schweizer Bürgerrecht in Mathod., war ein Journalist, Dichter und Schriftsteller, Agnostiker jüdischer Abstammung, der sich für benachteiligte Kinder und Frauen in der Welt engagierte.
Leben Edmond Kaiser wurde im Januar 1914 im Pariser Quartier des Batignolles als Sohn des Vertreters Maure Kaiser und dessen Ehefrau Louise Chostmann geboren. Sein Vater starb bereits 1918, so dass Kaiser von seiner Mutter, die 1931 ihren Schwager Armand Kaiser, Kaufmann in Lausanne, heiratete, und seiner Großmutter, der Witwe Edmond Chostmann, erzogen wurde.Gallaz, S. 20 u. 143. Früh lernte er das Klavierspielen und verehrte zeitlebens die großen deutschen Komponisten Bach, Mozart und Schubert, vor allem aber Beethoven. Als Jugendlicher las er Zola, Flaubert und Lamartine und schrieb als 15-Jähriger zahlreiche Gedichte, die er in einer kleinen Runde Gleichgesinnter am Square des Batignolles vortrug; wenig später schloss er sich der „Association des Poètes français“ an der Place du Châtelet an.Gallaz, S. 89–92. Nach dem Schulbesuch 1919–1928 war Kaiser in Paris zwei Jahre als Gelegenheitsarbeiter tätig und trat 1931 der im gleichen Jahr in Paris gegründeten radikalen Pazifistenorganisation „Internationale Liga der Kämpfer für den Frieden“ bei.Ligue internationale des combattants de la paix mit Sitz in Paris; 1935 etwa 10.000 Mitglieder. Nachdem er schon mehrfach während seiner Schulzeit eine befreundete Familie in Radolfzell am Bodensee besucht hatte,Georges Ferber: Ernstes und Heiteres aus ungemütlicher Zeit 1945. Wie es von der anderen Seite aussah. In: Helmut Maurer (Hrsg.): Die Grenzstadt Konstanz 1945. Konstanz 1988, ISBN 3-87799-074-6, S. 22–40, hier S. 27. ging er 1932/33 auf Drängen seines Stiefvaters für ein Jahr nach Deutschland, um die deutsche Sprache zu erlernen.
Im Oktober 1933 traf er in Lausanne ein, wo er anfangs bei seiner Mutter in der 1927 errichteten Villa „Le Kaiser“ seines Stiefvaters (Chemin du Languedoc 10) wohnte.Melderegister Fiche II (Kaiser-Burnod), Archives communales Lausanne. Im Juli 1936 heiratete er die 19-jährige Élisabeth Burnod aus Villeneuve. in Elisabeth Burnod in der Bibliomedia Schweiz. Das Eheversprechen wurde am 16. Juni 1936 im Feuille d’Avis de Lausanne, der Zeitung 24 Heures, S. 16, bekannt gegeben, die Heirat erfolgte am 10. Juli; Melderegister Fiche I (Kaiser-Burnod), Archives communales Lausanne. Bereits zwei Monate nach der Hochzeit zog das junge Paar nach Paris und betätigte sich dort schriftstellerisch u. a. 1937/38 mit Beiträgen in der Zeitschrift La Phalange.La Phalange erschien 1935–1939 als Monatszeitschrift. Kaiser nahm die Stelle eines Sekretärs bei der Firma Philips an. Im Jahr 1937 wurde seine Tochter Myriam geboren,Myriam Kaiser lebte seit 1941 (mit einjähriger Unterbrechung 1946/47) bis zu ihrer Heirat mit dem Lektor René Belakovsky (1930–2000) bei ihrer Großmutter in der Villa Kaiser, Lausanne, Chemin du Languedoc 10. 1939 sein Sohn Jean-David, der 1941 durch einen tragischen Unfall starb.Gallaz, S. 143–144.
Im Jahr 1940 meldete er sich freiwillig zur Armee, „um die Sterbenden zu trösten“So Stefan Troller 1980 in seinem Film über Kaiser., und erhielt für die mutige Rettung eines Verwundeten in der Schlacht von Dreux die Auszeichnung Croix de guerreFarine: Edmond Kaiser.. 1943/44 war er in den Résistance-Netzen „Libération Nord“ und „Brutus“ mit den Decknamen Matthieu und Yves aktiv.So verfügte Kaiser u. a. über einen angeblich in Lyon am 9. August 1944 ausgestellten Personalausweis (Carte d’Identité) für den Sekretär Louis Eugène Matthieu, wohnhaft in Lyon, Cours Vitton 15, geb. Paris, 19. Arrondissement, 3. Aug. 1910; Abb. bei Gallaz, S. 66. Im September 1943 kam es in seiner Pariser Wohnung (Rue des Chaufourniers 13) zu einem Treffen mit zwei Agenten der deutschen Abwehr aus Lille,Erwin Streif (* Luxemburg 1914) alias Marcel Stael und Ernest Boussac (* Tourcoing 1887, Polizeikommissar i. R.) alias Le Touquet; . die vorgaben, dem britischen Geheimdienst anzugehören. Kaiser, der sich als Chef der „Libération“ in seinem Pariser Arrondissement bezeichnete, bat die beiden Agenten darum, seine Frau, die Paris verlassen müsse, nach Lille mitzunehmen, was auch geschah. In den folgenden Monaten gab es mehrfach Kontakte zwischen deutschen Geheimagenten und Kaiser in Paris und Lille,Einzelheiten dazu berichtete Ende 1944 der zu den Alliierten übergelaufene deutsche Geheimagent Streif; . doch ist nach dem derzeitigen Stand der Forschung davon auszugehen, dass Kaiser erst Mitte 1944 durch seine Frau über die wahre Identität dieser Agenten informiert wurde. Er tauchte unter, wurde nach einer Denunziation von einem deutschen Militärgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt und schloss sich der französischen Armee unter General de Lattre an. Nach der Besetzung Konstanz’ durch die Franzosen war er dort für die Untersuchung von Kriegsverbrechen zuständig,Gallaz, S. 27. Ferber, S. 29. aber auch an Ermittlungen zu sonstigen NS-Verbrechen beteiligt.Arnulf Moser: „Zigeuner“ und „negroide Bastarde“. Zwangssterilisationen aus rassischen Gründen beim Konstanzer Gesundheitsamt 1933–1945. In: Website der Stolpersteine Konstanz.
Nachdem er Anfang 1947 des Hochverrats bezichtigt worden war, musste er Konstanz verlassen und wurde durch den französischen Sicherheitsdienst Direction de la surveillance du territoire (DST) über Baden-Baden und Paris nach Lille gebracht, wo er im Juni 1947 einen Monat lang im Gefängnis Loos inhaftiert war. Das Verfahren gegen ihn wurde zwar eingestellt, doch noch 50 Jahre später litt Kaiser wegen dieses Gefängnisaufenthalts unter Angstzuständen.1998 äußerte Kaiser : « Avoir fait un mois de prison pour y avoir jeté par erreur, au printemps 1946, ça m’a plongé dans une terreur de la police et de la justice qui dure encore. Comment est-ce possible ? Cinquante ans plus tard ! Vous avez été libéré, évidemment, puisque l’accusation ne tenait pas debout, mais ça ne vous enlève pas une seconde le peur d’être arrêté une deuxième fois »; Gallaz, S. 29, Text S. 136. Zu Kaisers umstrittener Tätigkeit in der Resistance 1943/44 und seinem Gefängnisaufenthalt in Loos ausführlich Burghardt/Topp-Burghardt, Amours, Kap. IV.
Kaiser verließ Frankreich und ließ sich in Mathod nieder, wo er später (30. November 1960) das Schweizer Bürgerrecht erwarb. Seine Ehe mit Élisabeth Burnod, der er 1951 noch sein Buch über den Tod ihres Sohnes gewidmet hatte, wurde Anfang 1952 geschieden.Melderegister Fiche III (Kaiser-Reymind), Archives communales Lausanne. Wahrscheinlich lebte das Paar bereits seit 1948 getrennt; vgl. Gallaz, S. 144. Ein Jahr später zog er von Mathod nach Lausanne in die Avenue du Léman 50 und arbeitete bis 1961 als Angestellter bei der Dekorationsfirma André Pache. Aus seiner Beziehung mit der Sängerin Lucienne Marguerite Reymond (1929–1969)Geschiedene Dégallier, Tochter des Samuel R. ging im Februar 1954 eine Tochter Geneviève Béatrice hervor, die durch die Eheschließung der Eltern im April 1956 legitimiert wurde. 1961 zog Kaiser in eine andere Lausanner Wohnung (Chemin de Grand-Vennes 7), 1967 endgültig in die Villa seiner 1957 verwitweten Mutter am Chemin du Languedoc 10. Im Mai 1974 legitimierte Kaiser den am 4. April 1956 in Senegal geborenen Amadou Tidiane,Melderegister Fiche III (Kaiser-Burnod), Archives communales Lausanne. Nach Gallaz, S. 144, hielt sich Kaiser 1957 in Senegal auf. der bereits 1973 in der Todesanzeige von Kaisers Mutter neben Geneviève als sein Kind bezeichnet wird.Gallaz, S. 142, nennt einen Miguelito aus Kolumbien als weiteres Kind.
Einsatz für Notleidende
mini|Edmond Kaiser im Jahr 1995 in seinem Büro bei Sentinelles. (Foto: Markus Schweizer) Nachdem in Europa die Grausamkeiten des 1954 beginnenden algerischen Bürgerkriegs bekannt geworden waren, setzte sich Kaiser nachdrücklich dafür ein, notleidende Kinder aus Algerien in der Schweiz aufzunehmen.Vgl. dazu den Film über Kaiser im SRF vom 11. April 1991. Am 15. Juni 1958 wurde Kaiser in Genf Mitglied des Zentralkomitees dieser neuen Organisation. Dieser neuen Aufgabe widmete er sich „mit Leib und Seele, fast Tag und Nacht“ und wurde Sekretär der Lausanner Stiftung der Emmaus-Freunde. Wegen „Schwierigkeiten menschlicher und finanzieller Art“ innerhalb der Lausanner Stiftung verließ er Mitte 1959 die Emmaus-Freunde.Im September 1957 hatte Kaiser in Bern gemeinsam mit Abbé Pierre an einem „Studientag für die Verantwortlichen der Schweizer Gemeinschaften und Emmaus-Freunde“ teilgenommen. In Lausanne bat er in seiner zweimal monatlich erscheinenden Zeitschrift La Trompette um Unterstützung für die Emmaus-Freunde; Farine: Edmond Kaiser.
Im November 1959 gründete er das Kinderhilfswerk Terre des HommesAnfang 1967 war Kaiser bei der in Stuttgart anwesend., das er bis 1980 leitete und das 2010 weltweit über ein Budget von über 100 Millionen Euro verfügte. Eindrucksvoll stellte Georg Stefan Troller 1980 in seinem Fernsehbeitrag „Tropfen auf den heißen Stein“ den radikalen Einsatz Kaisers für notleidende Kinder in Indien dar. Durch seine Verhandlungen mit Staatsoberhäuptern in Afrika (u. a. im Umfeld des Biafra-Kriegs) zur Rettung von Kindern wurde er ebenso bekannt wie durch seinen Hungerstreik, mit dem er 1971 erzwang, dass vom Hungertod bedrohte Kinder aus Bangladesch ausgeflogen wurden.Zu Kaisers Unterstützung trat auch Jack Rollan (1916–2007), ein seinerzeit bekannter Chansonnier und Moderator bei Radio suisse romande, in den Hungerstreik; ausführlich dazu die Akte „Affaire Kaiser“, Archives cantonales vaudoises, PP 881/335. Vgl. auch die zahlreichen Anmerkungen Kaisers bei Gallaz sowie die oben genannten Filmbeiträge im SFR und Biafra (RTS).
Im Jahr 1976 wurde Kaiser durch das Buch „Ainsi soit-elle“ von Benoîte Groult auf die Genitalverstümmelung und sexuelle Ausbeutung von Mädchen und jungen Frauen weltweit aufmerksam und gründete daraufhin 1980 die Organisation „Sentinelles – Au secours de l’innocence meutrie“ (Schildwache zum Schutz der verletzten Unschuld). (PDF; 1,8 MB) der Organisation Sentinelles. mit Edmond Kaiser über Sentinelles.
Weltanschauung und Charakter Ob Kaiser in seinem Pariser Elternhaus im jüdischen Glauben erzogen wurde, ist fraglich.Seine Großmutter, die ein kleines Geschäft führte, vermied es sogar, den jüdisch klingenden Namen ihres verstorbenen Mannes zu nennen; Gallaz, S. 20. In seinen späteren Interviews 1980/1998 berichtete Kaiser jedenfalls nichts von einem jüdischen Gemeindeleben in Paris oder Lausanne, vielmehr grenzte er sich als Agnostiker scharf von jeder Art eines Glaubens an einen Gott ab.„Je ne crois pas“ (1980). An anderer Stelle des Gesprächs mit Troller bei den Filmaufnahmen in Indien im Zusammenhang mit Schillers Ode An die Freude fordert Kaiser sinngemäß dazu auf, die Götter „da oben zu lassen“. Das Wort „Jude“ habe für ihn nichts mit „Israelit“ oder „Israeli“ zu tun; es sei für ihn nicht mehr als eine Kennzeichnung wie jede andere, wie ein Hund eben ein Hund sei, eine Klaviertastatur eine Klaviertastatur und ein Araber ein Araber.Für den Jüdischen Weltkongress, der das Alleinvertretungsrecht des Judentums vom Anfang der Zeit bis in alle Ewigkeit für sich in Anspruch nehme, hatte er nur eine abfällige Bemerkung übrig; Gallaz, S. 19–20. Nach Angaben aus dem Familienumfeld stand Kaiser der katholischen Kirche immer sehr nahe und hatte als junger Mann angeblich die Absicht, katholischer Priester zu werden, doch habe ihn die Vorschrift des Zölibats davon abgehalten. Er sei aber niemals zur katholischen Kirche konvertiert.In der Einwohnerkontrolle der Stadt Lausanne (Archives communales de la Ville de Lausanne, Fiche 148656) wurde Kaiser dort 1952 mit der Religion „cath“ registriert, wobei es sich wohl um einen Irrtum handelt.