Die neuen Leiden des jungen W. ist ein Roman und Bühnenstück von Ulrich Plenzdorf, das Parallelen zwischen Werther (aus Goethes Die Leiden des jungen Werthers), Holden (aus Salingers Der Fänger im Roggen), Robinson (aus Daniel Defoes Robinson Crusoe) und Edgar Wibeau zieht, der Hauptfigur des Werks: ein siebzehnjähriger DDR-Bürger.
Plenzdorf schrieb 1968 zusammen mit der Dramaturgin Inge Heym eine Urfassung als Filmszenarium, die er bei der DEFA einreichte, welche aber abgelehnt wurde.Regine Sylvester: Ulrich Plenzdorf ist tot, Berliner Zeitung, 10. August 2007. Abgerufen am 8. Juni 2024. Darauf schrieb er Die neuen Leiden des jungen W. als Prosatext und bot das Manuskript mehreren Verlagen an. 1972 wurde in der DDR-Literaturzeitschrift Sinn und Form der Prosatext veröffentlicht. 1973 bot der Hinstorff Verlag Plenzdorf eine Buchveröffentlichung mit einer größeren Seitenzahl als die der Sinn und Form-Veröffentlichung an. So konnte Plenzdorf seinen Prosatext überarbeiten. 1976 wurde das Stück mit Klaus Hoffmann und Léonie Thelen in den Hauptrollen in Westdeutschland verfilmt.
Geschichte Plenzdorf schrieb sein gesellschaftskritisches Bühnenstück Die neuen Leiden des jungen W. im Jargon der DDR-Jugend der 1970er Jahre. Es erzählt die Geschichte eines Jugendlichen, der aus seiner kleinbürgerlichen Umwelt ausbrechen will und beim Lesen von Goethes Werk Die Leiden des jungen Werthers immer wieder Ähnlichkeiten mit seinem eigenen Leben entdeckt. Die Uraufführung des Stücks am 18. Mai 1972 in Halle (Saale) unter der Regie von Horst Schönemann mit Reinhard Straube in der Titelrolle war ein großer Erfolg. In den folgenden Jahren wurde Die neuen Leiden des jungen W. zu einem „Kult-Stück“ und an vielen Bühnen der DDR, aber auch in der Bundesrepublik und in anderen Ländern aufgeführt.
Die Prosafassung bzw. das Bühnenstück wurden in folgenden Sprachen veröffentlicht: 1972 (deutsch), 1973 (tschechisch-Theatermanuskript), 1973 (italienisch, schwedisch), 1974 (finnisch, niederländisch, norwegisch, polnisch), 1975 (französisch), 1976 (estnisch, japanisch, norwegisch, ungarisch), 1977 (rumänisch, slowakisch), 1978 (serbokroatisch), 1979 (dänisch, englisch von Kenneth Wilcox), 1980 (litauisch), 1981 (neugriechisch von Toula Sieti, Athen), 1982 (georgisch, slowenisch), 1984 (spanisch), 1986 (tschechisch), 1991 (türkisch von Nuran Özyer, Ankara).
Unterschiedliche Fassungen Im Jahre 1968 entstand ein Szenarium in Form eines unbetitelten Manuskripts, das die Urfassung darstellt. Im Jahre 1972 erschien eine veränderte Fassung. Hierbei handelt es sich um eine Prosafassung unter dem Titel Die neuen Leiden des jungen W., die im Jahre 1972 im zweiten Heft der DDR-Zeitschrift Sinn und Form veröffentlicht wurde. Im selben Jahre kam es zur Uraufführung eines Stücks in zwei Teilen in Halle. Dieses Stück wurde ebenfalls im Jahre 1972 als Bühnen-Manuskript gedruckt. Ein Jahr später, also im Jahre 1973, wurde schließlich eine erweiterte Prosafassung ohne Gattungsbezeichnung veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um eine Buchausgabe, die zeitgleich in der DDR und der Bundesrepublik erschienen ist. Ein Unterschied besteht darin, dass die Urfassung einen Selbstmordversuch enthält, in späteren Fassungen aber von einem Unfalltod geredet wird. Auch in der Buchfassung wurde der Schluss verändert, einiges wurde erweitert, anderes wiederum getilgt.Rüdiger Bernhardt: Textanalyse und Interpretation zu "Die neuen Leiden des jungen W." (= Königs Erläuterungen und Materialien 304). Bange Verlag, Hollfeld, 1. Aufl. 2012 ISBN 978-3-8044-1977-3
Fassung von 1973 Inhalt Edgar Wibeau wurde von seinem Vater verlassen, als er fünf Jahre alt war. Nach dem Tod Edgars mit 17 Jahren befragt sein Vater Personen, die seinem Sohn nahestanden, um ihn im Nachhinein kennenzulernen.
Edgar wächst in DDR-Zeiten bei seiner Mutter als Musterschüler und Vorzeigeknabe auf – vielleicht nicht ganz freiwillig, denn er macht seine Ausbildung an einer Berufsschule, die von seiner Mutter geleitet wird. Nach einem Streit mit seinem Lehrmeister Flemming tut er, was er schon lange tun wollte – er verschwindet mit seinem Freund Willi aus seinem Heimatort, der fiktiven Kleinstadt Mittenberg, und geht nach Berlin. Willi zieht es jedoch bald wieder nach Mittenberg zurück. Edgar bleibt allein in Berlin, wo er in einer verlassenen Gartenlaube neben einem Kindergarten in Berlin-Lichtenberg unterkommt. In diesem Kindergarten arbeitet die 20-jährige Charlie, in die er sich bald verliebt. Dieter, ihr Verlobter und späterer Ehemann, und Charlie selbst geben Edgar viel zu denken. Der einzige, mit dem Edgar Kontakt hält, ist sein Jugendfreund Willi. Diesem schickt er regelmäßig Tonbänder mit Zitaten aus Goethes Werther, die seine eigene Lage gut beschreiben. „Old Werther“ heißt auch später Edgars „Wertherpistole“, die er gern einsetzt, wenn Situationen unangenehm werden oder er sich seiner Sache nicht mehr ganz sicher ist. Nachdem der junge Rebell an einer Kunsthochschule nicht aufgenommen worden war, sich selbst als verkanntes Genie aber nie ganz abschreibt, nimmt er eine Arbeit als Anstreicher auf. Um Addi und Zaremba, seinen Arbeitskollegen, etwas zu beweisen, versucht er, ein „nebelloses Farbspritzgerät“ zu entwickeln, an dem Addi selbst gerade erst gescheitert ist. Beim ersten Versuch, die selbstgebaute Maschine in Betrieb zu nehmen, wird Edgar durch einen Stromschlag getötet.
Erzählstruktur Zu Beginn der Handlung ist die Hauptfigur, der siebzehnjährige Lehrling Edgar Wibeau, bereits tot. Die Handlung setzt kurz nach dem Erscheinen der Todesanzeigen damit ein, dass Edgars Vater die Wohnung der Mutter aufsucht, die Edgar allein großgezogen hat. Im weiteren Verlauf versucht der Vater, Details über Edgars Leben herauszufinden, um seinen Sohn im Nachhinein „kennenzulernen“. Zu diesem Zweck spricht er auch mit Willi, Charlie und Edgars Meister Addi. Die in den Gesprächen angerissenen Themen und Fragen schildert, berichtigt und kommentiert Edgar aus dem Jenseits in längeren inneren Monologen. Seine innere Verfassung drückt Edgar mit Hilfe von Zitaten aus Goethes „Werther“ aus, die er, auf Tonband gesprochen, an Willi geschickt hatte.
Die Zitate aus Goethes „Werther“, die von Edgar Wibeau als „Werther-Pistole“ bezeichnet werden, haben verschiedene Funktionen. Zum einen bringen sie die Leidenschaft Edgars zum Ausdruck, die er durch seine Alltagssprache nicht wiedergeben könnte, zum anderen verschaffen sie ihm Distanz zur Gesellschaft und provozieren diese gleichzeitig. Trotz der veralteten Sprache vergangener Literaturepochen weisen die Zitate mentale Aktualität auf.
Stil und Sprache Innerhalb des Werkes stößt der Leser auf eine Mischung unterschiedlicher sprachlicher Mittel. Edgar verwendet eine fiktive Jugendsprache, die von Plenzdorf konstruiert und entwickelt wurde. Beispiele hierfür sind die Wendung „und so“ und Versatzstücke, wie beispielsweise „Leute“. Des Weiteren beinhaltet das Werk eine literarische Sprache, die beispielsweise immer dann zum Vorschein kommt, wenn Werther-Zitate von Goethe eingeschoben werden oder einzelne Wendungen aus Salingers Werk Der Fänger im Roggen in den Text mit einfließen. Diese beiden Sprachen werden zudem durch eine Umgangs- und Fäkalsprache ergänzt. Während der Begriff „rumkraucht“ ein Beispiel für die Umgangssprache darstellt, die in den Dialogen des Vaters und Dieters vorkommt, gehören Begriffe und Wendungen wie „Sauerei“ und „Du Scheiße!“ zur Fäkalsprache. Dadurch will Edgar die jugendlichen Leser seiner Altersgruppe ansprechen und für sich gewinnen. Zusammenfassend kann man also sagen, dass das Werk eine Vielzahl unterschiedlicher sprachlicher Mittel beinhaltet, die zueinander in Kontrast stehen.
Figuren Edgar Wibeau Edgar Wibeau ist 17 Jahre alt und stammt aus Mittenberg. Von Geschwistern ist nie die Rede; sein Vater verließ früh die Familie. An der Berufsschule, die ausgerechnet von seiner Mutter geleitet wird, gilt er als Musterschüler, der sich nie an Streichen beteiligt, selbst wenn die Ideen von ihm stammen. Doch irgendwann platzt ihm der Kragen, und er haut nach Berlin ab, wo er lange Zeit völlig verwildert lebt. Obwohl er sich selbst als erfahrenen Herzensbrecher sieht, empfindet er zum ersten Mal romantische Liebe für die drei Jahre ältere Kindergärtnerin Charlie. Mit ihr und ihrem Verlobten Dieter entwickelt sich ein ähnliches Dreiecksverhältnis wie es auch von Goethe in „Werthers Leiden“ dargestellt wird. Edgar ist Fan von westlicher Populärkultur wie „echten Jeans“, Jazz (besonders von Satchmo) und US-amerikanischen Filmen. Er ist außerdem ziemlich gut in der alternativen Ostberliner Musikszene bewandert; allerdings teilt er durchaus die sozialistischen Ideale, regt sich über den Vietnamkrieg auf, bewundert den alten Rotfrontkämpfer Zaremba und ist vor allem kein „Gammler“, ist also bereit, für seinen Unterhalt zu arbeiten. Das von seiner Mutter, seinem Ausbilder oder seinem Nebenbuhler Dieter verkörperte realsozialistische Spießertum lehnt er aber ab. Edgar objektiv zu charakterisieren ist insofern schwer, als er von den Personen seines Umfelds sehr unterschiedlich beschrieben wird (Rashomon-Effekt). Während Willi ihn als guten Maler, kreativ, „Chef in allen Fächern“ und konsequentes Genie bezeichnet, denken andere wie Addi und Charlie eher negativ über ihn und bezeichnen ihn als „vernagelten Idioten“, „Nichtskönner“ und Angeber. Aus all diesen verschiedenen Aspekten lässt sich ersehen, dass Edgar eine sowohl ego- wie auch exzentrische Person ist, die der Person, die ihm gegenübersteht, genau zeigt, was er von ihr hält.
Charlie Schmidt Charlie ist eine 20-jährige Kindergärtnerin. Sie fühlt sich zumindest in mancher Hinsicht zu Edgar hingezogen, denkt aber nicht daran, ihre Verlobung mit Dieter für ihn zu opfern. Insbesondere seine Lebensverhältnisse lehnt sie komplett ab, und er ist ihr einfach zu jung. Charlie ist hübsch, intelligent und freundlich, lässt sich aber weder von Dieter noch vom charmanten Edgar einwickeln.
Dieter Dieter ist – zumindest im Vergleich zu Edgar – ein linientreuer „Spießer“. Er hat eben seine Dienstzeit bei der Armee mustergültig abgeschlossen und will nun mit dem dadurch erworbenen Stipendium Germanistik studieren. Edgar schätzt ihn auf 25. Dieter und Charlie kennen sich „von Kind auf“ und heiraten später so wie geplant.
Herr Wibeau Edgars Vater ist 36 Jahre alt und wohnt mit seiner Freundin in einer Hochhaus-Wohnung in Berlin – als Statiker, und nicht, wie von Edgar angenommen, als Maler. Er verließ seine Frau und sein Kind und interessiert sich erst nach dem Tod seines Sohnes für dessen Leben.
Else Wibeau Als junger, alleinerziehender Mutter gelang der linientreuen Genossin eine beeindruckende Karriere zur Schulleiterin. Sie hat sich jedoch nie allzu sehr um ihren Sohn gekümmert, verlangte ihm immer viel ab und war vermutlich sehr gekränkt, nachdem Edgar Mittenberg verlassen hatte. Dennoch liebt sie Edgar und unterstützt ihn, so gut es geht. Nachdem er ausgerissen war, scheint es, als kümmere sie sich nicht mehr besonders um ihn. Dennoch erzwingt sie von Willi den Aufenthaltsort von Edgar in Berlin.
Addi Berliner Er ist der Brigadeleiter einer Malerbrigade, etwas aufbrausend aber trotzdem ein guter Mensch. Edgar beschreibt ihn als „Steher“, wahrscheinlich Edgars größte Auszeichnung. Auch wenn Addi öfter mit ihm streitet, verstehen sie sich ganz gut. Nach Edgars Rauswurf bekommt Addi ein schlechtes Gewissen, das er auch nach dessen Tod behält.
Zaremba