mini|300px|Der Limes Pannonicus am Pilisgebirge Das Kastell Visegrád-Sibrik, in der Antike wahrscheinlich Pone NavataZsolt Visy: Definition, Description and Mapping of Limes Samples. CE Project „Danube Limes – UNESCO World Heritage“ 1CE079P4. Budapest 2010. S. 22–23; hier: S. 22. genannt, ist ein ehemaliges römisches Militärlager, das als spätantike Grenzfestung für die Bewachung eines Donauabschnitts des pannonischen Limes zuständig war. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Das teilweise ergrabene und sichtbar gemachte Kastell liegt auf dem zum Visegráder Gebirge gehörenden Sibrik-Hügel bei Visegrád (Plintenburg) im ungarischen Komitat Pest. Die römischen Umfassungsmauern blieben noch im hohen Mittelalter in Gebrauch.
Lage Die Anlage wurde unter bester Ausnutzung der vorhandenen topographischen Gegebenheiten auf dem abgerundeten, trapezförmigen Plateau des 176 Meter über der Donau stehenden Sibrik-Hügels errichtet. Nach Südwesten war ein weiter Blick bis zum Gleithang des sich dort Richtung Norden windenden Donauknies möglich. Nach Nordosten konnten die Soldaten noch die nördliche Spitze der großen Donauinsel Szentendrei (Sankt-Andrä-Insel) beobachten. An diesem Punkt trennt sich der schon in der Antike breitere Ostarm des Stroms von seiner westlichen, zumeist parallel fließenden Abzweigung, die sich nahe dem Pilisgebirge nach Süden entlangzieht. Die Römer hatten die Insel sowie das Ostufer des Donau-Ostarms während der Spätantike in ihr Überwachungssystem mit einbezogen, was neben Ländeburgi die Arbeiten an dem vorgeschobenen Kastell Göd-Bócsaújtelep zeigen. Das dem Kastell Visegrád-Sibrik gegenüberliegende Ufer war Barbaricum. Es fand sich an anderer Stelle weiter westlich am Zulauf der Eipel, jedoch auch auf der gegenüberliegenden Uferseite ein spätrömischer Wachturm, so dass dort zumindest mit einer mehr oder weniger regelmäßigen Anwesenheit von Truppenkontingenten zu rechnen ist. Der pannonische Donaulimes wird in der ungarischen Forschung häufig Ripa (lateinisch für Ufer) genannt.
Forschungsgeschichte Mit slawischen Siedlern des 9. Jahrhunderts erhielt das Kastell wohl seinen heutigen Namen. Visegrád bedeutet Hohe Burg. 1009 erfolgte die erste schriftliche Erwähnung. Das Wissen um den alten besiedelten Platz, der die Keimzelle des für die ungarischen Geschichte so wichtigen Ortes Visegrád bildete, bewahrte sich lange Zeit neben der weiter verwendeten römischen Wehrmauer auch in einem mächtigen valentinianischen Turm, der im Mittelalter repariert worden ist. Die Forschung nimmt an, dass in diesem Turm König Salomon, der Widersacher des Königs Ladislaus I., wegen Thronstreitigkeiten um 1080 eingekerkert worden ist. Der in der Vergangenheit dafür bekannt gewordene Salomon-Turm, der Kernbau einer mittelalterlichen Bastion im Verteidigungskonzept der königlichen Burganlage von Visegrád, wurde erst im 13. Jahrhundert errichtet. Römische Steindenkmäler wurden in Visegrád bereits im 19. Jahrhundert geborgen, so 1894 in der Flur „Várkert“ (Schlossgarten). Der fast unüberbaute Kastellplatz wurde 1951 bis 1952, 1954Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976. S. 8. und 1970 bis 1975 von Sándor Soproni (1926–1995) und Mátyás Szőke teilweise ergraben. Anschließend folgte die Restaurierung und Konservierung eines Mauerabschnitts sowie des nachkastellzeitlichen Turmes. Auf der östlich gelegenen Flur Schlossgarten, auf dem Grundstück mit der Parzellenummer 2558, führte Soproni 1955 eine Teilsondierung durch und fand eine Villa Rustica mit unregelmäßigem Grundriss und Resten von Wandmalereien. Bei der Zitadelle Fellegvár und gleichfalls in der Flur Schloßgarten wurden zudem römische Gräber entdeckt.Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 65.
Baugeschichte
I. Phase mini|150px|Der Bereich des von Soproni ermittelten späteren Osttors während der ersten Bauphase mit einem Zwischenturm mini|150px|Während eines Umbaus entstand das Osttor. mini|150px|Zuletzt wurde der Komplex mit einem burgusartigen Bauwerk erneut verändert. Die spätrömische, rund 114 × 130 Meter umfassende Fortifikation wurde mit einem zeittypischen unregelmäßigen Grundriss errichtet, der die Höhe des Sibrik-Hügels in Form eines Drachenvierecks einnimmt. Die Mauerstärke der Umwehrung maß 1,1 bis 1,2 Meter,Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In Archaeologiai Értesitő 134. Budapest 2009. S. 41. die dicht aufeinanderfolgenden Seitentürme wiesen eine hufeisenförmige Grundform auf, während die Ecktürme fächerförmig ausgebildet waren. Im Inneren konnten keine Bebauungsspuren festgestellt werden. Lediglich an der Mauerinnenseite waren kleinere Räume angebaut. Nach Soproni befand sich im Osten das einzige, mit zwei Durchgängen versehene Tor, das möglicherweise von zwei hufeisenförmigen Türmen flankiert wurde.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8. S. 72–73. Dies zweifelte der Archäologe Endre Tóth mit dem Hinweis an, dass die Lage des Tores bis heute unbekannt ist.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In Archaeologiai Értesitő. 134, Budapest 2009, S. 51.
Soproni bestimmte die Gründungszeit der Anlage aufgrund von 50 Münzen, die während der teilweisen Freilegung der Wehrmauer aufgefunden wurden, auf das Ende der 320er Jahre. In Bezug auf spätantike Festungsanlagen stellte er speziell mit Blick auf Visegrád–Sibrik die Hypothese auf, dass alle in Pannonien bekannten fächer- und hufeisenförmigen Türme in die Regierungszeit Konstantins (306–337) zu datieren seien. Dieser Meinung folgte der Archäologe András Mócsy. Den veröffentlichten damaligen Grabungsbeobachtungen lässt sich das Alter des Kastells indes nicht entnehmen.Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In Archaeologiai Értesitő. 134, Budapest 2009, S. 48. Insgesamt ist Sopronis Überlegung umstritten. Die hufeisenförmigen Türme in Visegrád-Sibrik weisen als Besonderheit eine sehr gedrückte Bogenform auf. Dieses bautypische Merkmal findet sich in Pannonien nur selten: so beispielsweise am Kastell Klosterneuburg, in Szentendre und in Nagytétény. Der Archäologe Zsolt Visy geht mit Blick auf die bis ins erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts vorliegenden neueren Forschungsergebnisse davon aus, dass Visegrád-Sibrik erst wesentlich später, in den 350er und 360er Jahren, entstanden ist.Zsolt Visy: A római Limes Magyarországon – The Roman Limes in Hungary. Broschüre, 2008. S. 23.
2. Phase An der donauseitigen Ostfront des Kastells wurde der bisherige Zwischenturm abgebrochen. An seiner Stelle entstand ein Doppeltor. Diese Toranlage soll laut Soproni bereits während der Regierungszeit des Kaisers Constantius II. (337–361) umgebaut worden sein. Er vermutete, dass dabei die Tortürme abgebrochen wurden. Diese Überlegungen stehen heute auf dem Prüfstand.
3. Phase Nach dem Tode Kaiser Valentinians I. im Jahr 375 wurde das Kastell (noch vor 380) möglicherweise aufgelassen und seine Besatzungstruppe, die Auxilia Ursarensia, laut Notitia dignitatum, nach Ad Statuas (Várdomb) verlegt.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 163. Der Grund hierfür lag im starken Bedeutungsverlust des Standortes auf dem Sibrik-Hügel nach Aufgabe des großen Wallsystems um 378, das weit in die ungarische Tiefebene vorgeschoben bis zu diesem Zeitpunkt eine Pufferzone für die hinter der Donau liegenden pannonischen Provinzen gebildet hatte. Damit war eine höhere Truppenkonzentration an der jetzt direkt bedrohten Ostgrenze der Provinz entlang der von Norden nach Süden fließenden Donau notwendig geworden. Die Befestigung wurde eventuell als kleinerer Wachposten weiterverwendet, ein sicherer Nachweis dieser Annahme ist aufgrund der späteren weitgehenden Zerstörung des antiken Bodenniveaus unmöglich.Sándor Soproni: Die letzten Jahrzehnte des pannonischen Limes. C. H. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30453-2, S. 59. Die neue Besatzung errichtete an der mutmaßlichen Stelle des Tores einen mächtigen viereckigen Burgus,Burgus Visegrád-Sibrik bei . der einen Innendurchmesser von 11,75 × 11,75 Metern aufwies. Dieser war bis zur Aufgabe der Provinz in Verwendung.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 73. Seine Ruine war allem Anschein nach bis in das 11. Jahrhundert – als sein Mauerwerk wieder erneuert wurde – noch gut erhalten und deutlich sichtbar.
Während der Grabungen 1974 bis 1975 stießen die Archäologen innerhalb der Umwehrung im fächerförmigen Turm an der Nordostecke sowie im gegenüberliegenden Bereich auf Ziegelstempel des Terentius Dux, der nach Fundausweis zweier Wachtürme am Donauknie offenbar bis 371 die Amtsgeschäfte in der Provinz innehatte.Sándor Soproni: Die letzten Jahrzehnte des pannonischen Limes. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30453-2, S. 63. Mit den Ziegeln verbinden sich mögliche Bau- oder Reparaturarbeiten kurz vor Aufgabe der Anlage.
Funde und Befunde Wie bei anderen pannonischen Limeskastellen der Spätantike fand sich während der Grabungen der 1970er Jahre auf dem Sibrik-Hügel unter anderem in zwei von insgesamt drei aufgedeckten Grubenhäusern und in einer Abfallgrube einglättverzierte Keramik,Sándor Soproni: Die letzten Jahrzehnte des pannonischen Limes. C. H. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30453-2, S. 44. die vielleicht von neuangekommenen Siedlern mitgebracht worden ist und beispielsweise im gleichfalls spätrömischen Kleinkastell Pilismarót–Malompatak auch hergestellt wurde.Manfred Kandler (Hrsg.): Der römische Limes in Österreich. Ein Führer. 2., unveränderte Auflage. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1989, ISBN 3-7001-0785-4, S. 31. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, dass die späten einglättverzierten Stücke eine in der Spätantike zu beobachtende barbarisierte Bevölkerung erzeugte. Neben der Einglättkeramik kamen grobe, handgeformte barbarische Gefäße sowie unglasierte, tongrundige provinzialrömische Stücke aus dem Boden. Als weitere Keramikart trat Keramik mit geglätteter Oberfläche auf, wie sie auch auf handgeformten Gefäßen zu finden ist.Sándor Soproni: Die letzten Jahrzehnte des pannonischen Limes. C. H. Beck, München 1985, ISBN 3-406-30453-2, S. 51. Endre Tóth erwähnt im Zusammenhang mit den Funden aus den beiden Wohngruben und der Abfallgrube die eingeglättete Gittermusterkeramik.Endre Tóth: Karpen in der Provinz Valeria. Zur Frage der spätrömischen eingeglätteten Keramik in Transdanubien In: Communicationes archeologicae Hungariae. Múzsák KozművelŰdesi Kiadó, Budapest 2005. S. 382.
Die allgemeinen Diskussionen um eine genaue Altersbestimmung der einglättverzierten Ware sind noch im Gange, nachdem festgestellt worden ist, dass diese Keramik bereits im Fundgut der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts auftaucht.Katalin Ottományi: Késő római besimított kerámia Nagykanizsán. In: Zalai Gyűjtemény Nr. 18, 1982-83, S. 45–58 (in ungarischer Sprache). Dies steht älteren Forschungen entgegen, da dort Einglättkeramik jünger datiert wird. So führt Herbert Mitscha-Märheim sie noch als reine sogenannte Foederatenkeramik auf.Herbert Mitscha-Märheim: Dunkler Jahrhunderte goldene Spuren (Die Völkerwanderungszeit in Österreich). Verlag Wollzeilen, Wien 1963. Als Foederati bezeichnet die Forschung barbarische Söldner, denen in der Spät- und Endzeit des Limes vielfach die Grenzsicherung oblag.
Zu den Altfunden aus Visegrád gehören einige Altarsteine, wie das stark zerstörte, weiter oben bereits genannte, 1894 aufgefundene Stück, das ins 3. Jahrhundert datiert wird.