Das Dr. von Haunersche Kinderspital, häufig nur das Haunersche genannt, ist eine Kinderklinik und Kinderpoliklinik in München. Das Haunersche ist Teil des LMU Klinikums, einer der größten Universitätskliniken in Deutschland und Europa. Das Kinderspital existiert seit 1998 in seiner jetzigen Form, nachdem die von dem Namensgeber August Hauner 1846 ins Leben gerufene Kinderklinik und die auf Franz Xaver Reiner zurückgehende erste Kinderpoliklinik Münchens fusionierten.
Das Kinderspital behandelt ausschließlich Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr. Mit 119 Betten in der Pädiatrischen Klinik, 61 Betten in der Kinderchirurgischen Klinik sowie drei Intensivstationen ist das Dr. von Haunersche Kinderspital ein Krankenhaus der Maximalversorgung. Jährlich werden mehr als 6500 Fälle in der Klinik stationär behandelt.
Standort mini|hochkant|Gebäude am Goetheplatz:1 Hauptgebäude (1882)2 Erweiterungsbau (1908–1909)3 Baracke (1957)4 Neubau (1967–1976)5 Anteil an der ehemaligen II. Frauenklinik Das Dr. von Haunersche Kinderspital ist Teil des Campus Innenstadt des LMU Klinikums in München. Es liegt im Winkel zwischen Lindwurmstraße und Goethestraße am Goetheplatz in der Münchner Ludwigsvorstadt. Weitere Standorte befinden sich an der Pettenkoferstraße und der Maistraße. Auch eine Abteilung an der Marchioninistraße, also am Campus Großhadern des LMU Klinikums, ist mit dem Haunerschen Kinderspital assoziiert.
Geschichte Anfänge der Kinderpoliklinik Die systematische medizinische Betreuung von Kindern in München geht auf Franz Xaver Reiner zurück, der sich 1817 als Armenarzt in München niedergelassen hatte. Am 5. Januar 1818 eröffnete er eine Sprechstunde in seiner Wohnung in der Löwengrube 5 in München unter dem Namen Reinersche Besuchsanstalt für kranke Kinder und Augenkranke, um insbesondere mittellosen Kranken unentgeltlich helfen zu können. Anfangs unterstützten private Spender die Anstalt, ab 1825 leistete Prinz Karl von Bayern jährlich finanzielle Zuschüsse.
Im Jahre 1827 zog diese erste Poliklinik in ein eigenes Haus am Viktualienmarkt Nr. 9, das vormalige Gendarmeriegebäude. 1829 übernahm Königin Therese, die Frau Ludwigs I., die Schirmherrschaft. Nach dem Tode Franz Xaver Reiners 1837 leitete Wimmer die Anstalt bis 1857, danach wurde der junge Alfred Vogel Vorstand. Im Jahre 1863 zog er mit der Abteilung für Kinderkrankheiten in die neu errichtete Allgemeine Poliklinik in der Sonnenstraße 17 neben der Gebäranstalt, nach ihrem Stifter Franz Reisinger aus Augsburg Reisingerianum genannt. Er hielt dort Vorlesungen, schrieb das erste Lehrbuch für Kinderkrankheiten in deutscher Sprache (9 Auflagen, 6 Hauptsprachen) und wurde 1865 zum außerordentlichen Professor ernannt. Von 1866 bis 1886 war Heinrich Ranke Vorstand der Kinderpoliklinik. Als er Direktor der neuen Universitätskinderklinik an der Lindwurmstraße wurde, folgte Carl Seitz von 1890 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1928. Im Jahre 1907 zog die Kinderpoliklinik zusammen mit den anderen Abteilungen des Reisingerianums in die neue Poliklinik in der Pettenkoferstraße. München erhielt als einzige deutsche Stadt zwei Lehrstühle für Kinderheilkunde. Erst 1918 wurde die Kinderheilkunde als selbständiges Lehr- und Prüfungsfach anerkannt.Irmtraud Vollmer: Zur Geschichte der Kinderpoliklinik in München. Dissertation, 1974, siehe hier
Anfänge der Kinderklinik miniatur|hochkant|Historischer Eingang des Dr. v. Haunerschen Kinderspitals 1846 gründete August Hauner das Dr. von Haunersche Kinderspital. Hauner war seit dem Jahre 1844 als Arzt in München ansässig und hatte 1845 den Plan gefasst, eine stationäre Versorgung von jungen Patienten in der bayerischen Metropole einzurichten.Wolfgang G. Locher, Dietrich Reinhardt, Dietrich von Schweinitz: Das Dr. von Haunersche Kinderkrankenhaus in München. Von der Stiegenwohnung zur medizinischen Spitzenleistung. In: Hauner Journal, Jahrgang 2008, Heft 1, S. 1, (PDF; 447 kB). Als Vorbild galt der Aufbau eines privaten Kinderspitals in Wien kurz zuvor.W. Locher: 150 Jahre Dr. von Haunersches Kinderspital 1846–1996. Von der Mietwohnung zur Universitätsklinik. München 1996, S. 42.
Die Umsetzung seiner Pläne erreichte Hauner durch Eigenkapital und Spendengelder, die er sammelte. Zu Beginn besaß das Spital sechs Betten, die in einer angemieteten Vier-Zimmer-Wohnung im Haus Sonnenstraße 27 untergebracht waren. 1848 erweiterte der Förderverein, der sich kurz nach der Gründung der Klinik gebildet hatte, die Infrastruktur mit einem eigenen Gebäude mit dreißig Betten an der Jägerstraße. Nachdem August Hauner 1850 habilitiert worden war, begann er andere interessierte Ärzte in der Pädiatrie auszubilden. Schon damals gehörten chirurgische Eingriffe zum Leistungsspektrum des Spitals, und Hauner schaffte es, bedeutende Chirurgen wie Carl Thiersch und Johann Nepomuk von Nußbaum zur Arbeit in seinem Spital zu bewegen.
Nachdem im Jahre 1854 die Kosten erstmals die Einnahmen überstiegen, forderte August Hauner 1855 die Stadt München zur Übernahme des Spitals auf, allerdings ohne Erfolg. Eine Erweiterung des Spitals war damals bereits unerlässlich, da eine Trennung der Kinder mit ansteckenden Krankheiten von Patienten nach einem chirurgischen Eingriff mit der vorhandenen Infrastruktur nicht möglich war.W. Locher: 150 Jahre Dr. von Haunersches Kinderspital 1846–1996. München 1996, S. 44 ff.
Hauner musste daher die Erweiterung selbst in die Hand nehmen und schaffte es dank vieler Gönner, darunter der König von Bayern, die Mittel für einen Neubau aufzutreiben. Der erste Spatenstich des noch heute genutzten Hauptgebäudes erfolgte 1880 an der Lindwurmstraße. Zwei Jahre später war das Gebäude fertiggestellt, das vom Architekten Arnold Zenetti entworfen worden war.
Als August Hauner 1884 starb, übernahm sein Schwiegersohn Alfred von Halm, Sohn des Altphilologen und Bibliothekars Karl Felix Halm, die Klinikleitung. Halm hatte 1876 Hauners Tochter Auguste Juliane Katharina geheiratet und war bereits damals die rechte Hand Hauners im operativen Geschäft. Allerdings lag Halms Fokus nicht auf der pädiatrischen Ausbildung junger Medizinstudenten, sodass vorerst keine akademische Ausbildung junger Pädiater in der Einrichtung mehr stattfand. Es dauerte zwei Jahre, bis der bayerische Staat das Spital von Halm übernahm und die Ausbildung der Nachwuchsärzte an der Universität München wieder forcierte.W. Locher: 150 Jahre Dr. von Haunersches Kinderspital 1846–1996. München 1996, S. 61 ff. mini|Erweiterungsbau an der Goethestraße (1908–1909) Ab dem Jahr 1908 wurde das Kinderspital weiter ausgebaut, zunächst durch den Erweiterungsbau an der Goethestraße. 1910 wurden ein großer Hörsaal, eine Infektionsabteilung und eine für damalige Verhältnisse sehr moderne Säuglingsabteilung eingeweiht.W. Locher: 150 Jahre Dr. von Haunersches Kinderspital 1846–1996. München 1996, S. 80. Der Ausbau kostete insgesamt 300.000 Mark und brachte eine Erweiterung auf 150 Betten.
Während des Ersten Weltkriegs wurde erstmals eine Quarantäneabteilung im Haunerschen Kinderspital eingerichtet, die vor allem auf den Lehrbetrieb ausgerichtet war. Die Studenten konnten durch hohe Glaswände die Tätigkeiten der ausbildenden Ärzte verfolgen, ohne dass der Ablauf gestört wurde oder eine Ansteckungsgefahr für die Studenten bestand.S. Stehr: Zur Geschichte der Münchner Kinderheilkunde (1818 bis 1980), insbesondere die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität, München 1982.
Im Jahr 1919 wurde das Dr. von Haunersche Kinderspital zu einer der ersten echten Universitätskinderkliniken, als es dem Lehrstuhl des bereits seit 1906 als Chefarzt in der Klinik tätigen Meinhard von Pfaundler unterstellt wurde.
Ende des Jahres 1923 stand die Schließung des Spitals im Raum, denn auf dem Höhepunkt der Hyperinflation konnten die laufenden Kosten des Spitals nicht mehr gedeckt werden. Nur dank des 1886 gegründeten Vereins zur Unterstützung des Dr. von Haunerschen Kinderspitals, der heute noch aktiv ist, konnte der Klinikbetrieb mit Spendengeldern aufrechterhalten werden.W. Locher: 150 Jahre Dr. von Haunersches Kinderspital 1846–1996. München 1996, S. 89 ff.
1924 wurde der chirurgische Anbau ausgeführt. Der im Vergleich zum ursprünglichen Gebäude optisch fast identische Bau ermöglichte eine Erhöhung der Bettenzahl im chirurgischen Bereich von 34 auf 52 und bot erstmals Operationsbedingungen, die den Anforderungen der Asepsis entsprachen.W. Locher: 150 Jahre Dr. von Haunersches Kinderspital 1846–1996. München 1996, S. 88.
Von der ersten Fusion bis zur Trennung Von 1928 bis 1948 war erstmals auch die Kinderpoliklinik an das Haunersche angeschlossen.
Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurden insgesamt 31 Ärzte, die während ihrer Laufbahn am Haunerschen tätig waren, aus rassistischen oder politischen Gründen verfolgt. Die historische Aufarbeitung des Themas allerdings ist nach wie vor lückenhaft. Die Jahresberichte des Kinderspitals aus den Jahren 1933 bis 1945 sind nicht auffindbar und ein Großteil der betroffenen Mediziner emigrierte frühzeitig. alternativtext=Denkmal für Dr. W.A. v. Hauner im Innenhof der Klinik|mini|Denkmal für Dr. W.A. v. Hauner im Innenhof der Klinik Zu den bekanntesten Persönlichkeiten am Dr. von Haunerschen Kinderspital, die vom NS-Regime verfolgt wurden, gehörten Erich Benjamin, Rudolf Degkwitz, Ernst Moro und Albert Uffenheimer. Keiner von ihnen war bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten am Haunerschen tätig. Aufgrund der Quellenlage geht man davon aus, dass damals kein einziger jüdischer oder politisch verfolgter Mediziner in der Klinik arbeitete.
In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs konnte trotz Einzug vieler Ärzte zum Wehrdienst der Betrieb der Kinderklinik aufrechterhalten werden. Bereits in den Jahren zuvor und auch während des Krieges wurden Luftschutzbunker eingerichtet. Der zuletzt gebaute Bunker befand sich im Vorgarten am Goetheplatz. Etwa 250 Mal wurden bei Fliegeralarmen die Patienten in die Bunker gebracht.W. Locher: 150 Jahre Dr. von Haunersches Kinderspital 1846–1996. München 1996, S. 100.
Die ersten Kriegsschäden erlitt das Spital am 2. Oktober 1943; eine Phosphorbrandbombe zerstörte am 13. Juni 1944 unter anderem den Aufzug für die Krankenbetten. Der größte Schaden entstand beim Angriff am 12. Juli 1944, als soviel Substanz zerstört wurde, dass Patienten, Personal und Inventar nach Ohlstadt verlegt werden mussten.W. Locher: 150 Jahre Dr. von Haunersches Kinderspital 1846–1996. München 1996, S. 101.
Bereits kurz darauf begann ein provisorischer Wiederaufbau, so dass schon im Herbst 1945 Teile des Lehrbetriebs in München wieder aufgenommen werden konnten. Ein Jahr später wurden Teile der chirurgischen Abteilung aus Ohlstadt zurückverlegt. Allerdings entwickelte sich der Standort der Auslagerung über lange Jahre zu einem regionalen Kinderklinikstandort im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Das Klinikum im Ohlstadt wurde 1966 geschlossen.LMU München: Jahrbuch 1957/58, München 1958, S. 241.
Von der Trennung bis zur zweiten Fusion miniatur|Brückengang vom Neubau (1976) zu den Gebäudeteilen der ehemaligen II. Frauenklinik Im Jahre 1949 wurde die Kinderpoliklinik erneut vom Haunerschen Kinderspital unabhängig und anschließend bis 1998 von einem Lehrstuhl der Ludwig-Maximilians-Universität geführt.MedReport – Organ für ärztliche Fortbildungskongresse (Ausgabe 22 – 32. Jahrgang – August 2008), S. 1.