Das Herz des Königs ist ein Roman der deutschen Schriftstellerin Viola Alvarez aus dem Jahr 2003. Mit dem bei der Verlagsgruppe Lübbe erschienenen Werk feierte die Autorin ihr Debüt.

Der Roman erzählt in Form einer fiktiven Autobiographie das Leben von Marke, dem König von Cornwall. Durch die ungewöhnliche Perspektivenwahl und Figurendarstellung verhandelt der Roman den in der europäischen Erzähltradition verhafteten Tristan-und-Isolde-Stoff neu.

Als die bisher einzige Bearbeitung, welche die Geschichte von Tristan und Isolde aus der Innensicht Markes schildert, steht Das Herz des Königs an einer herausragenden Position der beinahe tausendjährigen Rezeptionsgeschichte dieses Stoffes.

Inhaltsangabe

Das Buch beginnt mit König Marke, der bewegungsunfähig im Bett liegt und sich in Rückblicken an sein Leben erinnert.

In einer entbehrungsreichen Kindheit wird Marke auf das schwierige Leben als König von Cornwall vorbereitet. Seine Eltern schicken ihn zu Verwandten in die Bretagne, wo er lernt, zu kämpfen und zu töten. Als er als 21-Jähriger in seine Heimat zurückkehrt, ist das Land von kriegerischen Auseinandersetzungen zerrüttet. Trotz der katastrophalen Lage verweigert seine Mutter, ihm die Herrschaft über Cornwall zu übergeben. Marke gelingt es, den wichtigsten Berater seiner Mutter, den opportunistischen und machthungrigen Majordomus de Zwyyntek, auf seine Seite zu ziehen. Er gesteht ihm und dessen Sohn einen lebenslangen Anspruch auf die einflussreiche Stellung als sein persönlicher Berater zu. Mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, seine Mutter vom Hof zu locken, in ein Kloster zu verbannen und die Macht zu übernehmen.

Nachdem er seine Fähigkeiten als König unter Beweis gestellt hat, stimmt er dem Vorschlag des Majordomus zu, eine politisch motivierte Ehe einzugehen. Um den Frieden in seinem Land zu sichern, ist Marke bereit, sich durch eine Heirat mit dem schlimmsten Feind Cornwalls, Irland, zu verbünden.

Da die irische Königin nicht verfügbar ist, fällt die zweite Wahl auf deren Tochter, Isolde. Markes Ziehsohn Tristan fährt nach Irland, um ihr die Brautwerbung zu überbringen. Auf der Heimreise schlafen die beiden miteinander. Als Isolde in Cornwall eintrifft, empfängt Marke sie und ihr Gefolge am Hafen. Zu diesem Zeitpunkt trifft Marke, der die Heirat mit der blutjungen, einfältigen Isolde ohnehin als eine Zumutung empfindet, zum ersten Mal auf Brangaene. Von der klugen und hübschen Dienerin seiner zukünftigen Frau beeindruckt, bleibt er dennoch seinen politischen Überlegungen treu und heiratet Isolde.

Nun nehmen die tragischen Geschehnisse ihren Verlauf. Marke bemerkt die Liebe zwischen Isolde und Tristan. Er unternimmt jedoch nichts gegen den Betrug, da er selbst nur noch Augen für Brangaene hat. De Zwyyntek entdeckt die Affäre und nutzt sie, um seine eigenen Machtansprüche zu verwirklichen. Unter ungeklärten Umständen verschwindet Brangaene. Marke verfällt nach diesem Verlust in eine Starre und muss die Herrschaftsgeschäfte dem Majordomus überlassen.

Als sich Marke kaum noch Hoffnungen auf eine Besserung seines Zustandes macht, wendet sich das Blatt: Brangaene, inzwischen Nonne, kehrt zurück, entsandt von ihrem Kloster St. Materiana, um den kranken König zu heilen. Als Marke sie mit Fragen überhäuft, warum sie ins Kloster gegangen sei, entdeckt er, dass Brangaene stumm ist.

Alle Chancen, jemals zu erfahren, was passiert ist, scheinen verloren, doch die Geschichte nimmt eine unverhoffte Wendung. Brangaene kann schreiben. Sie berichtet Marke ihre Geschichte auf einem Stück Pergament. De Zwyyntek ließ sie verschleppen und ihr die Zunge herausschneiden und verbannte sie in das Kloster.

Glücklich, wieder mit Brangaene vereint zu sein, stirbt Marke mit Blick auf das Meer. Als der Majordomus entdeckt, dass der König über seinen Verrat informiert ist, ermordet er Brangaene hinterrücks und wirft die Leichen des Liebespaares aus dem Fenster ins Meer hinab. Ein langjähriger Freund von Marke, der Bischof von Salisbury, kommt kurz nach der Mordtat an den Hof. De Zwyyntek gesteht sein Verbrechen und wird hingerichtet. Zur Erinnerung an Marke und Brangaene füllt der Bischof eine Amphore mit Meerwasser und lässt sie mit Zinn versiegeln. Das Land Cornwall ist nun herrscherlos, Marke und Brangaene sind miteinander im Tod vereint.

Literarische Grundlagen

Die Erzählung von Tristan und Isolde ist einer der am häufigsten bearbeiteten epischen mittelalterlichen Stoffe europäischen Ursprungs. Als wesentlichste Überlieferungsstränge gelten die version primitive Eilharts von Oberg sowie die version courtoise, im deutschsprachigen Raum begründet durch Gottfried von Straßburg.

Viola Alvarez greift in ihrem Roman beide Versionen auf, worauf sie auch explizit hinweist:

„In diesem Roman werden bisweilen Motive aus den mittelalterlichen Tristan-Romanen Eilharts von Oberge und Gottfrieds von Straßburg verarbeitet.“Viola Alvarez: Das Herz des Königs. Bergisch Gladbach: BLT 2005, S. 6.

Sie stellt sich selbst damit in die Tradition einer jahrhundertelangen Rezeptionsgeschichte. Ihr Umgang mit dem Tristan und Isolde-Stoff ist dabei gekennzeichnet durch einen psychologisierenden Zugang, welcher eine konsequente Demontage der mystifizierten Tristanliebe nach sich zieht.

Im Mittelpunkt von Das Herz des Königs steht aufgrund dieses Anspruchs der Demontage nicht das Liebespaar Tristan und Isolde, sondern Marke. Diese Verschiebung des Fokus auf Marke ist nicht neu, sie findet sich bereits in Georg Kaisers Drama König Hahnrei aus dem Jahr 1913. Allerdings zeigt Alvarez den König erstmals aus der Innensicht und entlarvt im Zuge ihrer Erzählung Isolde und Tristan als armselige Witzfiguren. Sie räumen den Platz des idealen Liebespaares für Marke und Brangaene, deren Liebe jedoch eine wesentlich reifere und weniger perfekte Partnerschaft begründet als die überhöhte, absolute Tristanminne.

Das Herz des Königs stellt demnach eine innovative Variation des Tristan und Isolde-Stoffes dar, die einzigartig ist in der bisherigen Rezeptionsgeschichte. Auf Alvarez’ Umgang mit den Quellen, Motiven und Figuren wird im Folgenden näher eingegangen.

Quellen

Als Quellen für Das Herz des Königs lassen sich vorrangig Eilharts von Oberg Tristrant, Gottfrieds von Straßburg Tristan sowie in geringerem Ausmaß Richard Wagners Oper Tristan und Isolde ausmachen.

Mit diesen Quellen verfährt Alvarez auf vier verschiedene Arten:

direkte Übernahme, im Fall der mittelhochdeutschen Texte in Form von Teilübersetzungen (zum Beispiel Minnelied des Kurvenal, Liebesdialoge) indirekte Übernahme durch Variation von Motiven (zum Beispiel Minnegrotte) Parodie und Gegenzeichnung von Motiven und Figuren Aussparungen

Besonders auffallend ist, dass Alvarez alle mythisch-magischen Aspekte ihrer Quellen verwirft. So verzichtet sie beispielsweise auf den Drachenkampf und auf das Gottesurteil. Daraus ergibt sich der Effekt einer weitführenden Entromantisierung des Stoffes, der über die Ebene der Paarbeziehung hinausgeht.

Zum Teil begründen sich die Änderungen auch in der Umkehrung der Perspektive: Die Listen zur Entdeckung des Ehebruchs müssen geradezu entfallen oder parodiert werden – sie wären psychologisch nicht schlüssig, ist Marke bei Alvarez doch keineswegs ein eifersüchtiger Ehemann, sondern liebt Isolde einfach nicht.

Besonders deutlich wird das Ziel der Entromantisierung von Tristan und Isolde in Alvarez’ Gestaltung der Motive und Figuren.

Motive

Die folgende vergleichende Übersicht steht exemplarisch für eine Vielzahl der von Alvarez aufgegriffenen Motive.

Motive Eilhart Gottfried Wagner Alvarez Imram-Motiv konsequent vorhanden; Tristan landet durch Zufall an der Küste Irlands zurückgebildet; Tristans Ankunft in Irland ist psychologisch motiviert entfällt entfällt Schwalbenhaar-Motiv deutlich ausgearbeitet; die zweite Irlandfahrt Tristans wird durch höhere Kräfte motiviert Gottfried verweist auf das Motiv, lehnt es jedoch als unlogisch ab; die zweite Irlandfahrt Tristans wird psychologisch motiviert entfällt entfällt; die Hochzeit mit Isolde entspringt politischem Kalkül Meer Motiv nur rudimentär symbolisch aufgeladen; spielt vorwiegend durch das Imram-Motiv eine Rolle Motiv klar auf Tristan und Isolde bezogen; am deutlichsten wird dies im Wortspiel mit lameir:

„‚lameir‘ sprach sî, ‚daz ist mîn nôt, lameir das swaeret mir den muot, lameir ist, daz mir leide tuot.‘“Gottfried von Straßburg: Tristan. Band 2. Stuttgart: Reclam 2007, S. 128, v. 11986-11988. Motiv wird in Verbindung mit dem Liebestod gebracht:

„In des Wonnemeeres wogendem Schwall, in der Duft-Wellen tönendem Schall, in des Welt-Atems wehendem All –

ertrinken –

versinken –

unbewußt –

höchste Lust!“Richard Wagner: Tristan und Isolde. Textbuch mit Varianten der Partitur. Hrsg. von Egon Voss. Stuttgart: Reclam 2003, S. 108. Motiv wird übertragen auf Brangaene und Marke; es findet sich ebenso wie bei Wagner das Motiv des Ertrinkens:

„Wenn sie kam, um bei mir zu sein, hielten wir uns oft nur wortlos fest mit dem Gefühl, zu ertrinken. Und das Schlimmste war, den anderen nicht retten zu können.“Viola Alvarez: Das Herz des Königs. Bergisch Gladbach: BLT 2005, S. 475.

Tristan und Isolde werden von diesem Motiv ausgeschlossen; Isolde sieht im Meer nur „Wasser, […] aber sonst?“Viola Alvarez: Das Herz des Königs. Bergisch Gladbach: BLT 2005, S. 368. Liebestod wird durch die Kraft des Trankes erklärt:

„daz machte des trankes craft.“Eilhart von Oberg: Tristrant [20. Februar 2010] entfällt, da Werk nicht vollendet wird idealisiert und verklärtVgl. Richard Wagner: Tristan und Isolde. Textbuch mit Varianten der Partitur. Hrsg. von Egon Voss. Stuttgart: Reclam 2003, S. 108. wird auf Marke und Brangaene verschoben bzw. in Bezug auf Tristan und Isolde zum Eifersuchtskonflikt transformiert Minnegrotte entfällt; anstelle der Grotte steht ein entbehrungsreiches Leben im Wald idealer, phantastischer Ort, an dem die Menschen keiner Nahrung bedürfen; Allegorie der Liebe, versehen mit ausführlicher Allegorese Verdichtung zum „Wunderreich der Nacht“Richard Wagner: Tristan und Isolde. Textbuch mit Varianten der Partitur. Hrsg. von Egon Voss. Stuttgart: Reclam 2003, S. 58. Variation in Form eines Tags am MeerVgl. Viola Alvarez: Das Herz des Königs. Bergisch Gladbach: BLT 2005, S. 460.; Singularität des Moments betont die Vergänglichkeit Minnetrank Wirkung des Tranks ist zeitlich begrenzt; mechanische Wirkung Wirkung des Tranks ist zeitlich unbegrenzt; Psychologisierung der Wirkung Wirkung wird nicht näher spezifiziert Trank wird als „stärkste[r] Branntwein“Viola Alvarez: Das Herz des Königs. Bergisch Gladbach: BLT 2005, S. 387. von ganz Irland entzaubert

Insgesamt zeigt sich in Alvarez’ Umgang mit den tradierten Motiven eine deutliche Tendenz, jene Motive, welche in Zusammenhang mit der Liebe stehen, einerseits auf Marke und Brangaene zu übertragen sowie andererseits dem modernen Weltverständnis anzupassen. Zauberhafte Elemente verschwinden, vollkommene Orte weichen vollkommenen Momenten, die nicht überdauern können und für Brangaene und Marke singulär bleiben, da sie ihre Liebe nicht öffentlich machen dürfen. Der Roman thematisiert demnach nicht die große, perfekte Liebe romantischer Phantasien, sondern eine Liebe, in der sich zwei Menschen mit all ihren Schwächen begegnen, aneinander Fehler machen und dennoch wieder zusammenfinden können – auch wenn sie ihre Liebe zueinander in ihrem Leben nicht vollkommen verwirklichen können.

Figuren