mini|hochkant=1.2|Kodama Yoshio während seiner Einlieferung in das Sugamo-Gefängnis (26. März 1946) Kodama Yoshio (; * 18. Februar 1911 in Nihonmatsu; † 17. Januar 1984 in Tokio) war ein politisch engagierter japanischer Krimineller, der intensive Kontakte zur japanischen Führungsschicht vor und nach dem Zweiten Weltkrieg besaß. Von den 1950er bis in die 1970er Jahre hinein war Kodama aufgrund seiner engen Beziehungen zu den Politikern der japanischen Regierungspartei LDP der Kuromaku ()Die wörtliche Übersetzung des Begriffes bedeutet „Schwarzer Vorhang“. Dieser Begriff wird in Japan für eine Person verwendet, die aus der Dunkelheit heraus bedeutende Kräfte kontrolliert und Beziehungen knüpft. aller Yakuza.
Leben mini|Tōyama Mitsuru (Mitte) und Kodama Yoshio (erste Reihe, zweiter von rechts) während eines Treffens der Gen’yōsha
Kodama war der fünfte Sohn eines bankrottgegangenen Geschäftsmannes aus Nihonmatsu. 1920 wurde er zu entfernten Verwandten nach Korea geschickt und verbrachte drei Jahre in der japanischen Kolonie. Er wurde schlecht behandelt, litt unter Isolation und musste Kinderarbeit in einem Stahlwerk leisten.Kaplan, Dubro: Yakuza. S. 64.
Im Alter von zwölf Jahren floh er nach Japan und geriet in Kontakt zu Yakuza, die ihn als Schützling adoptierten. Seine ersten Aufgaben bestanden beispielsweise darin, Gewerkschafter zusammenzuschlagen, die Demonstrationen gegen unwürdige Arbeitsbedingungen organisierten. Aus diesem Grund praktizierte er Karate. In diesem Milieu lernte er die japanischen Geheimgesellschaften und ultranationalistischen Parteien kennen, deren Ziel die Expansion Japans auf ganz Ostasien war.
Ende der 1920er Jahre trat er in die Geheimgesellschaften Gen’yōsha und Kenkoku-kai („Gesellschaft für die Gründung der Nation“) ein. 1929 versuchte er während einer Parade, Kaiser Hirohito einen selbstverfassten Aufruf zu gesteigertem Patriotismus zu überreichen. Er wurde aber von den Sicherungskräften abgefangen und daraufhin für sechs Monate eingesperrt. Während dieser Haftzeit schrieb er sein erstes Buch, eine Fibel für fanatische japanische Nationalisten. Nach seiner Freilassung wurde er von Toyama Mitsuru in die Mandschurei geschickt und war dort unter dem Befehl von Doihara Kenji an der Unterdrückung des antijapanischen Widerstands beteiligt. Einige Monate später kehrte Kodama nach Japan zurück.Seagrave, Seagrave: Gold Warriors. S. 40–41.
Ultranationalistischer Terrorist und Yakuza 1933 formte Kodama seine eigene paramilitärische Gruppe mit dem Namen “Unabhängige Jugendorganisation” (, Dokuritsu Seinen-sha).Kaplan, Dubro: Yakuza. S. 51. Ihre Haupttätigkeit bestand darin, Opium aus Japan nach Korea und die Mandschurei zu exportieren, um den Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen die japanische Fremdherrschaft zu brechen.Southwell: History of organized Crime. S. 70.
Seine Gruppe war in Zusammenarbeit mit der Gruppe Tenkōkai (, „Gesellschaft für himmlische Aktion“) für die Ermordung dreier japanischer Politiker verantwortlich, die für eine friedliche Koexistenz von Japan, Korea und China eintraten. Im Jahr 1934 war Kodama an der Planung eines Attentats auf den Premierminister Saitō Makoto beteiligt. Der Anschlag wurde von der japanischen Polizei verhindert und Kodama verhaftet. Dreieinhalb Jahre später wurde er auf Veranlassung von Doihara KenjiSeagrave, Seagrave: Gold Warriors. S. 40. vor dem Ausbruch des Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieges im April 1937Seagrave, Seagrave: Gold Warriors. S. 40–41. aus dem Fuchū-Gefängnis entlassen.
Zweiter Japanisch-Chinesischer Krieg und Pazifikkrieg mini|Kodama Yoshio als Bodyguard des chinesischen Kollaborateurs Wang Jingwei (1939) mini|Kodama Yoshio während seiner Dienstzeit in China (Zwischen 1941 und 1945) mini|Von links: Major Chikanori Moji (Adjutant), Kodama Yoshio, Generalleutnant Ōnishi Takijirō und Soldat Fujiyoshi (). Im Oktober 1944Kodama: „Ständiger Wandel einer Gesellschaft: Ausgewählte Werke von Kodama Yoshio, Mittlerer Band“ , Nihon oyobi Nihonjin sha, Shōwa 47, Tōkyō , nicht nummerierte Abbildungsseite im Tainan-Schrein auf Taiwan. Nach seiner Freilassung trat er dem Kaiserlich Japanischen Heer bei. Seine Position innerhalb des japanischen Militärapparates ist häufig unklar, da er zu verschiedenen Zeitpunkten von allen Waffengattungen als irregulärer Mitarbeiter geführt worden ist.Hori: Uyoku Jiten
Nach der Eroberung Shanghais durch japanische Truppen wurde er dort stationiert und arbeitete mit Doihara Kenji zusammen.Kodama: Sugamo Diary. S. 240. Unter anderem war er 1939 Bodyguard für den von Doihara gewonnenen chinesischen Kollaborateur Wang Jingwei. Bei seiner Tätigkeit lernte er den Admiral und späteren Begründer der Kamikaze-Einheiten Ōnishi Takijirō kennen, zu dem er eine gute Freundschaft aufbaute.
Von 1939 bis 1941 reiste er als japanischer Spion durch China und baute ein Netzwerk auf, das verschiedene mit den Japanern kollaborierende Triaden umfasste. Er gründete ähnlich wie andere japanische Geheimdienstler seine eigene Kodama-Spezialabteilung (Kodama-Kikan), die dank seiner Beziehungen zu Admiral Ōnishi einen exklusiven Vertrag mit den japanischen Marineluftstreitkräfte zur Nutzung von Flugzeugen besaß.
Aufgrund dieser Voraussetzungen konnte Kodama mit Hilfe seiner von ihm selbst als „aufopfernde Jugendliche“ bezeichneten BandeHerold: Die Macht der Yakuza. S. 155. in großem Stil in der Mandschurei und China plündern und das geraubte Gut mit hohem Profit in Japan verkaufen. Kodama selbst sah seine Tätigkeit später als rein idealistisch und patriotisch an.Kodama: I Was defeated. S.??? Dank seines Idealismus wurde er bis zum Jahr 1945 zu einem der reichsten Japaner mit einem Vermögen von umgerechnet 175 Millionen US-Dollar. Bei seinen Raubzügen ging Kodama sehr brutal vor. Wenn er in ein chinesisches Dorf kam, ermordete er persönlich sofort den Vorsteher oder eine andere wichtige Persönlichkeit, um die Herausgabe aller Wertgegenstände zu beschleunigen.Seagrave, Seagrave: Gold Warriors. S. 41.
Gegen Ende des Pazifikkriegs wurde Kodama zum Konteradmiral der Kaiserlich Japanischen Marine befördert.Tim Weiner: Legacy of Ashes. S. 116. Er machte Bekanntschaft mit Ichiro Kono, einem später der LDP angehörenden Politiker, der ihm das System der Parteienpolitik Japans erläuterte und der in den 1960er Jahren für die Organisation der Olympischen Sommerspiele von Tokio verantwortlich sein sollte.Kaplan, Dubro: Yakuza. S. 67.
Untersuchungshaft im Sugamo-Gefängnis Die Niederlage Japans stellte für Kodama zunächst einen enormen Rückschlag dar. Kurz nach der Verkündigung der bedingungslosen Kapitulation Japans am 15. August 1945 wohnte er dem rituellen Selbstmord von Admiral Ōnishi bei, konnte sich in der Folgezeit aber nicht dazu überwinden, selbst Seppuku zu begehen.Kodama: Sugamo Diary. S. 23.
Wenig später agierte er als Berater der japanischen Übergangsregierung von Prinz Higashikuni Naruhiko.Kaplan, Dubro: Yakuza. S. 66. Da Kodama die Konfiszierung seines Vermögens durch die US-amerikanischen Okkupationsbehörden befürchtete, gab er Teile davon an den Yakuza-Chef Karoku Tsuji, andere Teile wurden auf dem Gelände des kaiserlichen Palasts in Tokio aufbewahrt.Seagrave, Seagrave: Gold Warriors. S. 63,108.
Im März 1946 wurde Kodama von den US-amerikanischen Okkupationsbehörden verhaftet und als einer von insgesamt 644 mutmaßlichen Kriegsverbrechern in das Sugamo-Gefängnis in Tokio eingeliefert. Hier traf er mit allen später verurteilten Hauptkriegsverbrechern zusammen, die ab Mai 1946 in den Tokioter Prozessen angeklagt wurden. Da er viel Zeit hatte, konnte sich Kodama in sämtlichen verfügbaren Tageszeitungen über die aktuellen Geschehnisse und tiefgreifenden politischen Veränderungen in Ostasien auf dem Laufenden halten. Er erkannte, dass die neuen demokratischen Kräfte in Japan schwach waren:Kodama: Sugamo Diary. S. 158.
Dieses Machtvakuum sah Kodama als Chance für sein zukünftiges Fortkommen. Er knüpfte während seiner Haft wichtige Beziehungen zu politischen und wirtschaftlichen Größen, die ihm nach seiner Entlassung aus Sugamo sehr nützlich werden sollten. Zu diesen Bekanntschaften gehörten beispielsweise der Geschäftsmann Ryōichi Sasakawa, der sich später selbst als „reichster Faschist der Welt“ bezeichnete,Allerdings scheint Ryōichi Kodama im Sugamo-Gefängnis auch auf die Nerven gegangen zu sein, da er sich sehr über die Ankunft neuer Zellengenossen freute, „die das Ego von Ryōichi etwas eindämmen werden.“ der spätere japanische Ministerpräsident Kishi Nobusuke und weitere Politiker der wenige Jahre später gegründeten japanischen Partei LDP.
Wie viele weitere mutmaßliche japanische Kriegsverbrecher wurde Kodama während seiner Haft von der US-amerikanischen G-2 Section unter Charles Willoughby angeworben. Unter der Bedingung, alle antikommunistischen Aktivitäten der CIC-Abteilung von G-2 zu unterstützen, wurde die Anklage gegen ihn fallengelassen. Das in China geraubte Vermögen blieb in seinem Besitz. Am 24. Dezember 1948 verließ er das Sugamo-Gefängnis als freier Mann und sollte zeit seines Lebens nie wieder eingesperrt werden. Kodama verbrachte insgesamt sechseinhalb Jahre seines Lebens in Gefängnissen.
Kuromaku mini|Kodama im Januar 1953 während eines Besuchs der konservativen Politiker Hatoyama Ichirō und Miki Bukichi in seinem Tokioter Anwesen. Ein Jahr später wurde Hatoyama japanischer Premierminister. Das Bild wurde 1953 in der Zeitung Mainichi Shimbun veröffentlicht.
Nach seiner Entlassung aus Sugamo demonstrierte Kodama schnell, dass er auf die Unterstützung der Yakuza zählen konnte. 1949 ließ er die Bande Meiraki-Gumi gegen die Gewerkschaften in der Hokutan-Kohlemine vorgehen. Bis 1950 hatte Kodama seine Position als Vermittler zwischen den Yakuza und dem Geheimdienst G-2 weitgehend gesichert. Über ihn versuchte G-2 Spionagemissionen in das 1949 kommunistisch gewordene China zu organisieren. Das von Kodama zu diesem Zweck angeheuerte Schiff "Choshu Maru" wurde aber von chinesischen Sicherheitsbehörden im Hafen von Schanghai festgesetzt.
Wenig später wurden die Unternehmungen von G-2 und damit auch der Kontakt mit Kodama von der Central Intelligence Agency (CIA) übernommen. Dies ging nicht ohne Reibungen vonstatten, da Kodama den Geheimdienst wenig später um 150.000 US-Dollar und eine Schiffsladung Wolfram betrog, die er im Auftrag der Amerikaner aus China herausschmuggeln sollte. Dennoch wurde der Kontakt aufrechterhalten und gepflegt, da er den US-amerikanischen Geheimdienst immer wieder vor der Gefahr einer kommunistischen Unterwanderung Japans warnte. Als Folge dieser Zusammenarbeit wurde die japanische Demokratie mit Billigung der CIA in eine Demokratie der Yakuza umgewandelt.
1955 wurde die Liberaldemokratische Partei (LDP) durch die Vereinigung von Liberaler Partei und Demokratischer Partei gegründet (Hoshu Gōdō dt. „Konservative Fusion“). Der Parteichef und japanische Premierminister Hatoyama Ichirō hatte seinen politischen Aufstieg im Wesentlichen Kodama zu verdanken. Die gesamte Führungsebene der Partei stand in engem Kontakt zu Kodama. Damit wurde das organisierte Verbrechen de facto zur Regierung Japans und Kodama hatte die Position des Kuromaku, der Grauen Eminenz der japanischen Politik eingenommen. Er war zusammen mit allen anderen Größen der japanischen Rechten Mitglied der „Alljapanischen Konferenz Patriotischer Verbände“ (, Zen-nihon aikokushadantai kaigi, kurz: Zen'ai Kaigi).Kaplan, Dubro: Yakuza. S. 87.