miniatur|St-Saturnin (Puy-de-Dôme), Chorhaupt, von O miniatur|St-Saturnin (Puy-de-Dôme) von N miniatur|hochkant|Tod des heiligen Saturninus, Grafik 14. Jh. Die romanische Pfarrkirche St-Saturnin (oder auch Notre-Dame de Saint-Saturnin) liegt in der französischen Gemeinde Saint-Saturnin in der Region Auvergne-Rhône-Alpes, Arrondissement Clermont-Ferrand im Département Puy-de-Dôme, in den Bergwäldern des Massif de la Madeleine, beherrschend über der Klamm der Monne, wo das Tal der Veyre einmündet. Sie ist auf der Kuppe eines vulkanischen Bergvorsprungs erbaut, der einst durch Lavafluss aus dem Puy de la Vache und dem Puy de Lassolas gebildet wurde.
St-Saturnin gehört zu den sechs „Hauptkirchen“ der romanischen auvergnatischen Bauschule in der basse Auvergne (Limagne), eine Landschaft um die Stadt Clermont-Ferrand. Es handelt sich um die Kirchen (in Reihenfolge ihrer Größen): St-Saturnin, Saint-Nectaire, Notre-Dame d’Orcival, Notre-Dame-du-Port de Clermont-Ferrand, Mozac und Saint-Austremoine d’Issoire. Die „Mutterkirche“ dieses Stiltypus ist die vorromanische Kathedrale von Clermont-Ferrand, die einem gotischen Neubau weichen musste. Diese Kirchen weisen untereinander zahlreiche Ähnlichkeiten auf, dass man annehmen könnte, sie seien von demselben Baumeister erschaffen worden.
St-Saturnin ist die kleinste der oben genannten Hauptkirchen und weist trotz ihrer fehlenden Radialkapellen die charakteristischen Merkmale einer auvergnatischen Pyramide auf, in die ein massif barlong integriert ist. Sie besitzt auch keinen Narthex. Die Kirche hat als einziges romanisches Gotteshaus in der Auvergne die Französische Revolution nahezu unbeschädigt überstanden. Bei allen anderen Kirchen sind zumindest die Türme der revolutionären Wut auf alles Klerikale zum Opfer gefallen. Nur wenige Jahrzehnte später konnte den Restauratoren der Glockenvierungsturm von St-Saturnin als Vorbild für ihre Rekonstruktionen dienen, die allerdings nicht immer gelungen sind.
Die Kirche ist wohl dem Patrozinium des heiligen Saturninus von Toulouse zugeschrieben, daneben findet sie sich aber auch als Liebfrauenkirche () in der Literatur.Hin und wieder wird das Patrozinium der Kirche Saint-André zugeschrieben. Das ist allerdings nicht zutreffend, siehe Denkmaleintrag Ministère de la culture
Geschichte Der Heilige Saturninus von Toulouse (frz. Sernin) wurde wohl von Papst Fabianus zur Mission in das Languedoc und die Gascogne gesandt und zum ersten Bischof von Toulouse ernannt. Um 250 soll Saturninus auf den Stufen des Capitoliums in Toulouse von einem wilden Stier zu Tode geschleift worden sein, nach einer anderen Überlieferung soll er in der Christenverfolgung unter Kaiser Decius in Rom erlegen sein, indem er durch einen Stier zu Tode geschleift wurde. Seine Leidensgeschichte wurde im 5. Jahrhundert in rhythmisierter Prosa verfasst, sie war im ganzen Westgotenreich verbreitet. Seit der Karolingerzeit wurden seiner Vita zahlreiche legendäre Ausweitungen hinzugefügt.
Der Kult um Saturninus ist schon im 3. Jahrhundert belegt. Über seinem Grab in der damaligen Nekropole von Toulouse an der Straße nach Cahors ließ Bischof Hilarius von Toulouse in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts ein Oratorium aus Holz errichten. Schon im 5. Jahrhundert ist die Verehrung in Spanien, ab dem 6. Jahrhundert in ganz Gallien bezeugt. Die große Basilika von Toulouse wurde ab 1080 über seinem Grab von den Bischöfen Silvius und Exuperius als St-Saturnin-du-Taur (=Stier) erbaut.
Über die Datierung der Erbauung der Kirche sind keine detaillierten und belegten Quellenangaben bekannt. De Resi behauptet in seiner Kirchengeschichte der Auvergne von 1855 (Band II, S. 249), dass der heilige Odilon von Mercœur, Abt von Cluny (994-1048), gegen 1040 ein Kloster in Saint-Saturnin gegründet hat, bringt aber dafür keinen Beweis.
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts setzten die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela in Nordspanien ein. Ihre große Blütezeit fand in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts statt, in der die Pilger jährlich zu Hunderttausenden nach Süden zogen. So formierte sich der Jakobsweg in Frankreich, aus vier Hauptrouten, begleitet von einem Netz zahlreicher Nebenrouten. An diesen Wegen entstanden zahlreiche neue Kirchen, Klöster, Hospize, Herbergen und Friedhöfe, und vorhandene Einrichtungen wurden den neuen Anforderungen entsprechend erweitert. Man brauchte für eine Pilgerkirche vor allem große Bewegungsflächen für die zahlreichen Pilger, wie Chorumgänge und Seitenschiffe, Emporen, sowie möglichst viele Kapellen, zur Präsentation von Reliquien und deren Verehrung.
miniatur|hochkant=0.5|links|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 miniatur|hochkant|Jakobsgrab, Santiago-de-Compostela Wie auch bei den andern Hauptkirchen der basse Auvergne war die starke Entwicklung der Pilgerfahrten nach Spanien und die davon erhofften Einkünfte die Ursache für die Erbauung einer solchen Pilgerkirche in Saint-Saturnin, das an einer wichtigen Nebenroute, zwischen den Hauptrouten Via Lemovicensis und der Via Podiensis lag, welche von Nevers ausgehend, die ganze Auvergne erschloss und weiter nach Süden führte.
St-Saturnin wurde wahrscheinlich in einer einzigen Bauperiode im zweiten Quartal des 12. Jahrhunderts erbaut und vielleicht kurz vor 1150 fertiggestellt. Die Tatsache, dass damals ausgerechnet in diesem abgelegenen Ort eine solche Kirche errichtet werden konnte, wäre eine Untermauerung der oben genannten Vermutung, dass dort seit knapp einhundert Jahren bereits Benediktiner-Mönche ein Kloster unterhielten. Sie haben vielleicht die gegenüber dem Chorhaupt der Kirche erhaltene Chapelle Ste-Madelaine, das älteste Gebäude an diesem Platz, als ihre Prioratskirche genutzt. Das kleine Gärtchen neben der Kapelle war ursprünglich der Ortsfriedhof, der vermutlich auch zum Kloster gehörte. In der Sakristei der Kirche bewahrt man ein Relikt aus dem Kapitelsaal des Priorates auf, ein auf Doppelsäulen ruhender Drillingsbogen. Nach dem Stil der Kapitelle dürfte das Fragment älter sein als die heutige Kirche. Ein weiteres Indiz für die frühe Existenz eines Priorates.
Im Jahr 1157 übertrug Stephan VI. de Mercœr, der Bischof von Clermont (1151–1169), dem Domkapitel einen Zehnten, den es von der Kirche in Saint-Saturnin erheben sollte. Das ist allerdings relativ ungesichert und enthält keine Anhaltspunkte über die Erbauungszeit der Kirche. Man kann daraus lediglich die Vermutung folgern, dass die Kirche 1157 errichtet war.
Hingegen ist belegt, dass die Benediktiner von Issoire 1284 dort ein Priorat unterhielten, welches ihnen bis zur Revolution unterstand. miniatur|hochkant|Schlacht von Auray (1364) im Hundertjährigen Krieg, Miniatur 14. Jh. Als nach Mitte des 12. Jahrhunderts die Streitereien zwischen Frankreich und England um Aquitanien begannen, gingen die Pilgerbewegungen zurück. Die späteren Kriege des 13./15. Jahrhunderts, wie etwa der Hundertjährige Krieg (1339–1453), brachten einen dramatischen Einbruch und führten zum nahezu völligen Erliegen der Pilgerströme nach Spanien. Dementsprechend konnte das Kapitel von St-Saturnin nach Fertigstellung seiner Pilgerkirche nicht mehr lange an den Spendeneinnahmen von Jakobspilgern teilhaben. Es verblieben ihm lediglich die regionalen Wallfahrten.
Der Marktflecken Saint-Saturnin und dessen Kloster waren im Mittelalter von Wehrmauern umringt und standen unter dem Schutz der Herrschaften der Burgfeste, die sich etwa auf gleicher Höhe der Kirche nicht weit von ihr auf dem Bergrücken erhebt. Die Feste wurde im 13. Jahrhundert erbaut, blieb bis heute jedoch nahezu unversehrt. Sie gehörte einer der angesehensten Adelsfamilien Frankreichs, den La Tour d’Auvergne. Aus diesem Geschlecht gingen unter anderem die Königin Katharina von Medici – eine La Tour mütterlicherseits- und ein Jahrhundert später der berühmte Marschall der Turenne hervor.
Nicht zuletzt wegen dieses Schutzes überstand die Prioratskirche mit ihren Konventsgebäuden immerhin über 700 Jahre, nahezu ohne wesentliche Veränderungen bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts. miniatur|hochkant|Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 Sie entging aber auch den Zerstörungen der Revolution (1789 und Folgejahre), weil ein Herr namens Verdier de Pagnat sowohl die Kirche, als auch die benachbarte Kapelle Ste-Madeleine rechtzeitig gekauft hatte. Nach den Unruhen gab er die Gebäude wieder zurück. Allein der steinerne Turmhelm war eingerissen worden.
Über Lage, Umfang und Verbleib der Konventsgebäude gibt es nur einen kurzen Hinweis, dass sich auf der Südseite der Kirche Reste des Klosters befanden. Diese sind aber nicht öffentlich zugänglich. Vermutlich sind sie aber im Verlauf der Religionskriege (1562–1598) und/oder der Revolution weitgehend zerstört und entfernt worden. Eine kleine Pforte im südlichen Querhausarm gibt einen Hinweis darauf, dass auf dieser Seite der Kirche die Konventsgebäude ehemals anschlossen.
Aimon-Gilbert Mallay (1805–1883) erneuerte den steinernen Turmhelm 1852 weitgehend authentisch. Eine umfassende Restaurierung des Bauwerks erfolgte zwischen 1880 und 1898.
Bauwerk miniatur|hochkant=1.6|links|St-Saturnin (Puy-de-Dôme), Grundriss
Abmessungen zirka (aus Grundriss entnommen und hochgerechnet)
Gesamtlänge außen (ohne Pfeilervorlagen): 34,40 m Gesamtbreite Querhaus außen (ohne Pfeilervorlagen): 23,20 m Langhausbreite außen (ohne Pfeilervorlagen): 13,20 m Langhauslänge außen (ohne Pfeilervorlagen): 18,10 m Querhausbreite außen (ohne Pfeilervorlagen): 7,00 m Langhausbreite innen: 12,60 m Langhauslänge innen: 17,30 m Seitenschiffbreite inkl. Scheidewand: 3,00 m Querhauslänge innen: 21,20 m Chortiefe inkl. Umgang: 8,30 m Mittelschiffhöhe im Scheitel: 15,00 m Kuppelhöhe im Scheitel: 18,90 m miniatur|hochkant|Kirche von W
Das Mauerwerk des Kirchengebäudes besteht überwiegend aus heller Arkose (Sandstein) von Montpeyroux (Puy-de-Dôme). Im Inneren sind nahezu alle Kapitelle aus grauem vulkanischen Gestein skulptiert, der mit dem Trachyt von Saint-Nectaire (Puy-de-Dôme) vergleichbar ist. Verschiedentlich, vor allem an Keilsteinbögen von Blendarkaden, hat man im Wechsel helle Arkose mit nahezu schwarzem Vulkangestein verwendet.
Die Kirche besitzt nicht gänzlich die Anlage, wie die der restlichen Hauptkirchen der basse Auvergne, das heißt ein dreischiffiges, vierjochiges Langhaus, ein ausladendes Querhaus mit dem massif barlong und einen Umgangschor. Sie weist allerdings keinen Narthex und keine Kranzkapellen auf, was äußerst ungewöhnlich ist. Als einziges Vorbild kann aus der Region nur die Kirche Ste-Croix de Veauce angeführt werden.
Äußere Erscheinung miniatur|hochkant|links|Hauptportal in Fassade Langhaus miniatur|hochkant|Fassade von W Das Langhaus wird von einem knapp 30 Grad geneigten Satteldach ohne Höhenversätze überdeckt, das mit grauen Schieferschindeln eingedeckt ist. Das Regenwasser tropft an den Traufen ohne Rinnen frei ab. Die Traufgesimsplatten, mit gekehlter und abgeschrägter Sichtkante, liegen auf eng gestellten Hobelspankragsteinen auf, deren senkrecht Frontseiten deutlich erhöht sind und mit der Außenkante der Gesimsplatten abschließen.