mini|hochkant|Beda Venerabilis (673–735) gilt als maßgeblicher Systematiker christlicher Zeitrechnung mini|hochkant|Die Charta Æthelbalds von Mercia aus dem Jahr 736 ist eine der ersten nach Inkarnationsjahren datierten Urkunden.

Die christliche Zeitrechnung ist ein System der Zeitrechnung mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den verschiedenen christlichen Gemeinschaften.

Die gebräuchlichste Ära geht vom angenommenen Geburtsjahr Jesu Christi aus und bezeichnet dieses Jahr als das Jahr eins und zählt von da ab weiter. Das Jahr eins und die darauffolgenden Jahre werden zur Unterscheidung von anderen Systemen gelegentlich mit dem Zusatz „nach Christus“, abgekürzt n. Chr. bezeichnet. In säkularer Form wird das mit der Abkürzung u. Z. (unserer Zeitrechnung) ausgedrückt. Vorgehende Jahre werden mit dem Zusatz „vor Christus“, abgekürzt v. Chr. bezeichnet. In säkularer Form benutzt man die Abkürzung v. u. Z. (vor unserer Zeitrechnung). Darüber hinaus bestehen je nach Kirche auch noch andere Jahreszählungen.

Die übrigen Elemente der Zeitrechnungssysteme im christlichen Kulturbereich, insbesondere die zyklischen Strukturen mit Sonnenjahren, Monaten, Wochen und Wochentagen wurden aus älteren Kulturen übernommen und kommen in Zeitrechnungen anderer Kulturen auch heute ebenso vor. Das Christentum übernahm sie von älteren Kulturen zusammen mit dem später reformierten julianischen Kalender der Römer. Die Sieben-Tage-Woche ist in der Tora nachweisbar verwendet worden und hat in der biblisch-jüdischen Tradition eine große Bedeutung. Das Sonnenjahr und seine vom Mondmonat abweichenden 12 Monate wurden mit dem julianischen Kalender übernommen. Die Bezugspunkte für die Jahresrechnung, den Jahresanfang, den Wochenanfang und den Tagesanfang variierten im Laufe der Geschichte.

Im lateinischen Mittelalter wurde die kirchliche Zeitrechnung unter dem Fachbegriff Computus zusammengefasst. Er bezeichnete nicht allein die Berechnung des Osterdatums, sondern umfasste ein Geflecht aus Zeitrechnung, Liturgie, Geschichtsschreibung und Jahreskalender, die nach Arno Borst drei „gleich mächtige Hauptsäulen“ der benediktinischen Gelehrsamkeit bildeten: Computus, Martyrologium und Chronik, ergänzt durch den Jahreskalender als vierte Säule.Arno Borst: Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Wagenbach, Berlin, 3. Aufl. 2004, S. 46.

Jahreszählung Jahreszählung „nach Christus“ nach Dionysius Exiguus Vorgeschichte Im Umfeld der frühen Kirche gab es verschiedene lokale Systeme der Jahreszählung. Das Judentum kannte noch kein eigenes System, dieses wurde mit dem jüdischen Kalender erst in rabbinischer Zeit entwickelt. Im hellenistischen Frühjudentum wurden die Jahre wohl noch nach der seleukidischen Zeitepoche gezählt. Im Kalender des Römischen Reichs bezeichnete man die Jahre gewöhnlich nach den amtierenden Konsuln – eine Zählung, die sich bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. hielt. Waren einmal absolute Zahlen notwendig, so rechnete man im Osten des Reiches nach einer der griechischen Zeitrechnungen, im Westen des Reiches mit der Jahreszählung seit der „Gründung Roms“ (ab urbe condita). Kaiser Justinian führte 537 die Zählung nach Regierungsjahren schließlich rechtsverbindlich ein.Corpus iuris civilis, Nov. 41, , 52, 54; 47

Jesu Christi Geburt als Bezugspunkt der Jahreszählung Ab der Spätantike waren im Christentum zwei Bezugspunkte für eine eigene Jahresrechnung besonders interessant, die Erschaffung der Welt und die Geburt Christi. Der Mönch Dionysius Exiguus sollte 525 im Auftrag des römischen Papstes den Ostertermin des nächsten Jahres ausrechnen. Er verwarf dabei die politische Gewohnheit, Kalenderjahre nach der Regierungszeit des als Christenverfolger verabscheuten Diokletians zu datieren, und bezog seine Ostertafel stattdessen auf das Anfangsdatum ab incarnatione domini nostri Iesu Christi („seit der Fleischwerdung unseres Herrn Jesus Christus“).Arno Borst: Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Wagenbach, Berlin, 3. Aufl. 2004, S. 29. Dionysius legte den Zeitpunkt der Geburt Jesu Christi für das Jahr 754 ab urbe condita („seit der Gründung Roms“) fest und bezeichnete das erste Jahr des Lebens Christi mit einer Eins. Er berechnete die Ostersonntage für fünf neunzehnjährige Mondzyklen voraus, von 532 bis 626, und bezog das christliche Hauptfest mit zusätzlichen Faustregeln auch auf das römische Sonnenjahr mit seinen Schalttagen. Dem Abendland wurde damit das antike Wissen um große Zeitspannen handlich zubereitet, zugleich aber weitere Nachforschung erspart: Man musste die Termine des Kirchenkalenders fortan bloß in einer Tabelle nachschlagen, nicht mehr jährlich vorausberechnen.Arno Borst: Computus, S. 29–30.

Beda Venerabilis und die Durchsetzung der Inkarnationsära Den entscheidenden Schritt zur Verbreitung der dionysianischen Jahreszählung tat der angelsächsische Benediktiner Beda Venerabilis (673–735). Sein grundlegendes Lehrbuch De temporum ratione (725) wurde zum Standardwerk der mittelalterlichen Komputistik. Es beginnt mit dem Kapitel De computo vel loquela digitorum und behandelt die Zeitrechnung als Zusammenspiel von göttlicher Autorität (auctoritas), menschlicher Übereinkunft (consuetudo) und natürlicher Ordnung (natura).Arno Borst: Computus, S. 41–42.

Beda errechnete das Datum der Weltschöpfung auf den 18. März 3952 v. Chr. und breitete im letzten Teil seines Lehrbuchs eine Chronik aus, die den Weg von der Schöpfung bis in seine Gegenwart nachzeichnete. Zugleich verfasste er das erste historische Martyrologium, das 114 kritisch gesichtete Heiligennamen in den Ablauf des Kirchenjahres setzte und für jeden Heiligen vermerkte, an welchem Tag, auf welche Weise und unter welchem Richter er die Welt besiegte.Arno Borst: Computus, S. 43–45.

Um 731 verfasste Beda die Historia ecclesiastica gentis Anglorum („Kirchengeschichte des englischen Volkes“). Hier ersetzte er die kosmische Weltära durch die Datierung nach der Fleischwerdung Jesu Christi – nicht als erster, aber in einem so wirkmächtigen Geschichtswerk, dass sich die Inkarnationsära vom angelsächsischen England aus im Verlauf des 8. Jahrhunderts über das fränkische Reich im Abendland verbreitete.Arno Borst: Computus, S. 44.

Die karolingische Reform Karl der Große befahl 789, dass alle Priester mit dem compotus vertraut und mit korrekten Lehrbüchern darüber versehen sein müssten.Arno Borst: Computus, S. 48. Er selbst erlernte die ars conputandi und ließ 809 eine siebenbändige komputistische Enzyklopädie zusammentragen, die Bedas Verzeichnisse aktualisierte und durch antike astronomische Texte ergänzte. Die darin abgefragten Fachleute für kirchliche Zeitrechnung empfingen einen eigenen Titel: compotiste.Arno Borst: Computus, S. 49–50.

Karl wollte nach Bedas Vorbild die römischen Monatsnamen durch naturnahe germanische ersetzen und benannte den März als Lentzinmanoth und den April als Ostarmanoth. Sein Sohn Ludwig der Fromme verwarf diese Neuerung und kehrte zu den lateinischen Bezeichnungen zurück – weshalb auf deutschen Rechnungen bis heute März und April steht, während die Dichter von Lenzgefühl und Osterwonne singen.Arno Borst: Computus, S. 49.

Hermann von Reichenau Hermann von Reichenau († 1054), Benediktiner der Reichenau, beherrschte als letzter das ganze Fächerspektrum zwischen Computus, Martyrolog und Chronik.Arno Borst: Computus, S. 72. Er erfand um 1050 die tragbare Säulchen-Sonnenuhr, die billiger herzustellen, einfacher zu bedienen und genauer war als herkömmliche Sonnen- oder Wasseruhren.Arno Borst: Computus, S. 69. Als er 1048 seine Chronik begann, prüfte er die Tausendjahresreihe der christlichen Zeitrechnung anhand astronomischer Tabellen nach und entdeckte, dass das altehrwürdige System auf irrigen Grundannahmen beruhte. Am Lebensende vertraute er den experimenta der Zeitmessung mehr als den rationes der Komputistik.Arno Borst: Computus, S. 72. Um das Jahr 1060 wurde die Jahresrechnung nach der Geburt Christi von der römisch-katholischen Kirche in Gebrauch genommen.

Datierung der Geburt Jesu Christi Es wird angenommen, dass Geburtstag und -jahr Jesu Christi schon den Urchristen unbekannt waren. Die Evangelien (entstanden vermutlich 60–100) machen dazu nur wenige, zudem unklare Angaben. Nach wurde Jesus zu Lebzeiten Herodes’ des Großen geboren, der nach Flavius Josephus umgerechnet 4 v. Chr. starb. Diese Angabe gilt auch wegen , wonach auch Johannes der Täufer zu Lebzeiten des Herodes geboren sein sollte, als glaubwürdig. Man nimmt daher heute allgemein an, dass Jesus zwischen 7 und 4 v. Chr. geboren wurde.

Die Angabe von , Jesus sei bei einer ersten römischen Volkszählung unter Publius Sulpicius Quirinius in Bethlehem geboren, gilt dagegen meist als ahistorisch, denn die Amtszeit des Quirinius in der Provinz Judäa begann nach zuverlässigen römischen Quellen erst 6 n. Chr. Für einen früheren Zensus dort gibt es keine Belege.

Das Jahr eins Wird das angenommene Geburtsjahr Jesu Christi mit 1 bezeichnet, so war ein Jahr nach Christi Geburt das Jahr 2 n. Chr. Da es ein „Jahr null“ in der von den Historikern angewendeten Zeitrechnung nicht gibt, lässt sich mit Jahreszahlen vor der Zeitenwende nicht wie mit üblichen negativen Zahlen rechnen. So beträgt etwa die Differenz zwischen dem Jahr 1 v. Chr. und 1 n. Chr. ein Jahr, aber nicht 2, wie zwischen den Zahlen −1 und 1.

In Deutschland, Österreich und in der Schweiz ist die Angabe v. Chr. bzw. n. Chr. üblich. In der DDR verwendete man auch „v. u. Z.“ und „u. Z.“ / „n. u. Z.“ („vor“ bzw. „[nach] unserer Zeitrechnung“), was sich ebenso bei jüdischen Autoren findet, dort teilweise auch „v./n. d. Z.“ („vor / nach der Zeitenwende“). Die in den Naturwissenschaften, bei technischen Anwendungen, Softwareentwicklung, Dokumentation und für internationale Korrespondenz eingesetzte ISO 8601 sieht eine vollständige Skala mit einem Jahr null und Jahresangaben mit negativem Vorzeichen vor, wobei auch für die Zeit vor der Einführung des gregorianischen Kalenders rückwirkend dessen Schaltverfahren angewandt werden kann.

Ab Geburt Jesu Christi nach dem Äthiopischen Kalender Der äthiopische Kalender bezieht sich auf die Geburt Jesu, doch nach den Berechnungen der alexandrinischen Weltära des Panodorus von Alexandrien. Die Abweichung zur Zählung nach Beda Venerabilis im gregorianischen Kalender beträgt etwa sieben Jahre und acht Monate.

Zählung ab Thronbesteigung Diokletians Der Kalender der koptischen Kirche wählt die Thronbesteigung Diokletians am 29. August 284 (nach julianischem Datum) als Beginn (Ära Diokletians).

Der Armenische Kalender beginnt im Jahr 552 n. Chr., als sich die Armenische Apostolische Kirche von der römischen Reichskirche trennte.

Jahreszählung ab Erschaffung der Welt Der erste bedeutende christliche Geschichtsschreiber, der die Schöpfung zum Bezugspunkt der Jahreszählung machte, war Gregor von Tours. Er kam auf 5184 Jahre vom Annus creationis mundi („Jahr der Erschaffung der Welt“) bis zur Auferstehung Jesu Christi. Allerdings stimmte seine Rechnung nicht: Gregor schrieb diese Zeilen nicht etwa 609 Jahre nach dem ersten Ostertag, sondern 594 Jahre nach Christi Geburt. Papst Gregor der Große hingegen erhob in Predigten von 592 und 593 grundsätzlichen Einspruch gegen die Quantifizierung der Zeit: Die Zahl 6 sei nicht aus arithmetischen Gründen vollkommen, sondern allein, weil Gott seine Weltschöpfung am sechsten Tag vollendet habe. Allegorische Zahlendeutung, nicht Abzählen von Dingen zeige den Weg zu Gott.Arno Borst: Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Wagenbach, Berlin, 3. Aufl. 2004, S. 34–35.