mini|Clara Viebig, Berlin, 1890 230px|rechts Clara Viebig (* 17. Juli 1860 in Trier; † 31. Juli 1952 in Berlin (West)) war eine deutsche Erzählerin, Dramatikerin und Feuilletonistin des Naturalismus. Sie war einer der meistgelesenen Autoren um 1900.Alberto Morino: Die deutsche Leihbibliothek. Otto Harrasowitz, Wiesbaden 1990, S. 483 ().
Leben Clara Viebig war die Tochter des Oberregierungsrates und Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung Ernst Viebig und dessen Ehefrau Clara. Die Familie stammte ursprünglich aus Posen und gelangte durch die Versetzung des Vaters nach Trier. Dort wurde Clara in der damaligen Simeonstiftstraße 10 geboren (heute Kutzbachstraße). Im Jahr 1861 wohnte die Familie in der heutigen Zuckerbergstraße 24, später verzog sie nach der Olk.Hubert Schiel: Trierisches Jahrbuch. 1956.
Ihre Geburtsstadt behielt Clara Viebig Zeit ihres Lebens in guter Erinnerung: „Ich habe mir just den schönsten Winkel des ganzen schönen Rheinlandes zum Geborenwerden ausgesucht. In Trier, unweit der ‚Poort‘, wie das Römertor im Volksmund heißt, stand meine Wiege; sie schaukelte im Takt der vielen frommen Glocken, die, […] mit mächtigen Stimmen über die Mosel schallten.“Clara Viebig: Aus meiner Werkstatt. In: St. Galler Tagblatt. 15. Juli 1930.
1868 wurde ihr Vater zum Stellvertreter des Regierungspräsidenten Friedrich von Kühlwetter befördert und musste mit seiner Familie nach Düsseldorf umziehen.Das Leben der Schriftstellerin Clara Viebig – eine Übersicht. In: Christel Aretz, Peter Kämmereit (Hrsg.): Clara Viebig. Ein langes Leben für die Literatur – Dokumentation zum 150. Geburtstag. Zell 2010, S. 17–20, hier S. 17. Auch dort, in der Geburtsstadt des von ihr verehrten Heinrich Heine, lebte sich Clara Viebig schnell ein.
Für das Jahr 1876 schickten ihre Eltern die junge Clara in Pension in die Familie eines Landgerichtsrats in Trier, den sie später in ihren Schriften ‚Matthieu‘ nannte: „Mathieu, Untersuchungsrichter des Kreisgerichts Trier, das den ganzen ländlichen Bezirk des zu Trier gehörenden Eifelteils umfasste, […] auf seinen vielen Dienstfahrten zu Tatbestandsaufnahmen, zu Verhören und Obduktionen nahm er mich mit.“ Während sie in den Wirtsstuben auf den Onkel wartete, lernte sie durch die Erzählungen der Wirtinnen Land und Leute kennen. Aus dieser Zeit stammt ihre Liebe zur Eifel, die sie später in ihren Erzählungen und Romanen literarisch umsetzte.
Nach dem Tod des Vaters zog Clara Viebig 1883 mit der Mutter nach Berlin.Barbara Krauß-Theim: Naturalismus und Heimatkunst bei Clara Viebig. Lang, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-631-44812-0, S. 110. Dort studierte sie Gesang an der Hochschule für Musik und gab Privatstunden, um sich ein Zubrot zu verdienen.
13 Jahre lang verbrachte Clara Viebig die Ferien bei Verwandten auf deren Gütern in der Provinz Posen. Die dort erhaltenen Eindrücke setzte sie später in zahlreichen Romanen und Erzählungen um.
mini|Clara Viebig um 1900
Viebig bezeichnete die Lektüre der Werke Émile Zolas, speziell Germinal, als ausschlaggebend für ihr eigenes literarisches Schaffen. Wegen dieses Vorbildes wurde Viebig auch die „deutsche Zolaide“ genannt.Vgl. Anselm Salzer, Eduard von Tunk (Hrsg.): Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur in sechs Bänden. Band IV: Vom jungen Deutschland bis zum Naturalismus. Frechen o. J., S. 307. Die Schriftstellerin erinnerte sich: „Dieser ‚Germinal‘ war mir eine Offenbarung. […] O diese Kraft, diese Größe, diese Glut der Farben, diese Fülle der Gesichte, diese Leidenschaft der Gefühle – so muß man schreiben, so! Ohne Rücksicht, ohne Furcht, ohne scheues Bedenken […] nur ehrlich, ehrlich!“Clara Viebig: Vom Weg meiner Jugend. In: Als unsere großen Dichterinnen noch kleine Mädchen waren. Moeser, Leipzig 1912, S. 87–118, hier S. 117.
Stilistisch schulte sie sich an den naturalistisch orientierten Romanen des französischen Schriftstellers Guy de Maupassant (1850–1893): „Von ihm habe ich gelernt, sprachlich wählerisch zu sein.“
Für ihre ersten Arbeiten verwendete Clara Viebig das Pseudonym „C. Viebig“, um in der männlich dominierten Literatur des Kaiserreiches leichter Fuß zu fassen. Man habe geraten, „statt meines ehrlichen Taufnamens Clara mich mit einem einfachen C. zu begnügen. Er meinte, Publikum und Redakteure hätten nun einmal ein gewisses Misstrauen gegen die weibliche Feder, besonders, wenn die Autorin noch unbekannt sei; es wäre vorteilhafter für mich, wenn man hinter dem C. einen Carl oder Clemens oder Constantin vermutete.“Clara Viebig: Die weibliche Feder. In: Die Woche. 32. Jg. Nr. 48, 29. November 1930, S. 16. Ihr gelang es, zahlreiche Skizzen, Märchen, Novelletten und Novellen in den Feuilletonbeilagen von Zeitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen. 1896, mit 36 Jahren, konnte Clara Viebig mit dem Fortsetzungsroman Wildfeuer in einer Berliner Zeitung auch als Romanautorin debütieren.
Im Jahr 1895 kam Viebig durch die Bekanntschaft mit Theodor Fontane mit dem Verlag seines Sohnes Friedrich Fontane in Kontakt. So lernte sie auch dessen jüdischen Teilhaber Friedrich Theodor Cohn kennen, den sie 1896 in Berlin heiratete. Fortan veröffentlichte sie in dessen Verlag F. Fontane & Co. fast alle ihre Werke.Viktor Zmegac (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur, vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Band III: 1848–1918. Königstein 1980, S. 400. Ihr gemeinsamer Sohn Ernst Viebig (1897–1959) wurde Komponist und Dirigent. Die Familie lebte in der Landgemeinde Zehlendorf bei Berlin in großbürgerlichen Verhältnissen.
Clara Viebigs Romane gehörten in der Zeit um 1900 zu den meistgelesenen im deutschen Sprachraum, was in mehreren Bibliothekenumfragen in dieser Zeit ermittelt wurde.Alberto Morino: Die deutsche Leihbibliothek. Otto Harrasowitz, Wiesbaden 1990, S. 283 ff. (mit häufigen Nennungen in mehreren Befragungen zwischen 1899 und 1909; ).
Sie urlaubte mit ihrer Familie wiederholt im Eifelkurort Bad Bertrich, wo sie immer wieder Anregungen zu ihren „Eifelwerken“ fand. Hier lernte sie die dort lebende Schriftstellerin Emmi Elert kennen. Sie pflegte ein gutes freundschaftliches Verhältnis zu ihr und nahm wohl auch Einfluss auf Elerts literarisches Schaffen.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs zeigte Viebig sich zunächst patriotisch und schrieb entsprechende Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Ihr anfänglicher Enthusiasmus wandelte sich jedoch schnell in Skepsis, als sich ihr Sohn Ernst zum Heer meldete: „Sie waren eben alle nicht bei Sinnen gewesen, die Söhne nicht, die Lehrer nicht, die Väter nicht – alle nicht. Nur die Mütter sahen, wie es wirklich war; die ahnten, wie es kommen würde. Gekommen war.“Clara Viebig: Töchter der Hekuba. Berlin 1917, S. 6. Zu den Kriegsromanen Clara Viebigs siehe Rolf Löchel: Fluch dem Krieg! Zum 150. Geburtstag der noch immer weithin als schlichte Heimatdichterin verkannten Schriftstellerin Clara Viebig. In: literaturkritik.de, 16. Juni 2010, geändert am 21. November 2016, abgerufen am 31. August 2023.
Auf dem Höhepunkt ihres literarischen Schaffens publizierte Viebig fast jährlich einen Roman oder einen Band mit Erzählungen. Zwischen 1898 und 1933 unternahm Clara Viebig allein oder mit ihrem Ehemann immer wieder Vortragsreisen nach Basel, Den Haag, Luxemburg, New York City, Paris, Sankt Petersburg und Wien. Ihre Werke werden insbesondere ins Französische, Spanische, Englische, Italienische, Niederländische, Norwegische, Schwedische, Finnische, Tschechische, Ukrainische, Slowenische und ins Russische übersetzt, einige in Blindenschrift übertragen.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 musste ihr Mann als Jude seine Unternehmensanteile an die Deutsche Verlagsanstalt abgeben, was die Publikationsmöglichkeiten der Schriftstellerin erheblich einschränkte. Nach seinem Tod 1936 trat Clara Viebig der Reichsschrifttumskammer bei, so dass sie drei ältere Romane noch einmal neu auflegen konnte.Das Leben der Schriftstellerin Clara Viebig – eine Übersicht. In: Christel Aretz, Peter Kämmereit (Hrsg.): Clara Viebig. Ein langes Leben für die Literatur – Dokumentation zum 150. Geburtstag. Zell 2010, S. 17–20, hier S. 19.
Während des Zweiten Weltkrieges flüchtete die Schriftstellerin wegen der Luftangriffe auf Berlin ins schlesische Mittelwalde. Sie überlebte den Krieg zusammen mit ihrer langjährigen Haushälterin Marie Holzbauer und kehrte 1946 als Vertriebene krank und verarmt in den Berliner Bezirk Zehlendorf zurück. Abgerufen am 9. April 2020. Ein alter Bekannter aus den Zeiten der Eifelreisen, Ernst Leo Müller, der ehemalige Bürgermeister von Hillesheim, unterstützte sie fortan, wenn auch nicht immer uneigennützig, wirtschaftlich und persönlich.Vgl. Thea Merkelbach, Wolfgang Heimer, Dieter Heimer: Die letzten Lebensjahre Clara Viebigs. In: Düsseldorfer Jahrbuch. Band 82. Hrsg. vom Düsseldorfer Geschichtsverein. Düsseldorf 2012, S. 131–181.
Anlässlich des 70. Geburtstages ehrte die Stadt Düsseldorf, der Clara Viebig insbesondere mit ihrem Roman Die Wacht am Rhein aus dem Jahr 1902 ein Denkmal gesetzt hatte, sie mit der Benennung einer Straße. Im Dresdner Stadtteil Löbtau gibt es seit den 1960er Jahren eine Clara-Viebig-Straße, ebenso in ihrer Geburtsstadt Trier. Im ostbelgischen ManderfeldWebsite Ostbelgien und in WittlichWebsite der Clara-Viebig-Realschule wurden Schulen nach der Schriftstellerin benannt. mini|Grabstein Ernst und Clara Viebig Clara Viebig starb am 31. Juli 1952 im Alter von 92 Jahren. Ihre letzte Ruhe fand sie in der Ehrengrabstätte ihres Vaters auf dem Nordfriedhof Düsseldorf.
Wirkungsgeschichte Schon in den „Goldenen Zwanziger Jahren“ hatte sich insbesondere die weibliche Leserschaft neuen Autorinnen wie Hedwig Courths-Mahler zugewandt oder Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit wie Irmgard Keun.Vgl. Carola Stern: Kommen Sie, Cohn! Friedrich Cohn und Clara Viebig. Köln 2006, S. 107.
Nach dem Zweiten Weltkrieg traten Inhalte und Stilistik des Werkes von Clara Viebig zunächst in den Hintergrund gegenüber neuen Vertretern und Richtungen der deutschen Literatur, etwa denen der Trümmerliteratur. Jedoch legte der in Ost-Berlin neu entstandene Verlag Das Neue Berlin einige Berlin-Romane wieder auf. Im Westdeutschland der 1950er Jahre veröffentlichte der Georg Fischer Verlag in Wittlich einige Eifelromane und -novellen.
In den 1990er Jahren folgten der Rastätter Pabel-Moewig Verlag, außerdem der Düsseldorfer Erb-Verlag mit Romanen, deren Handlung in der Eifel und am Rhein spielt, sowie die Verbandsgemeinde Manderscheid mit einer Neuauflage des in ihrer Gemarkung spielenden Weiberdorfes und des Müller-Hannes.
Auch der Eifelverein und Einzelpersonen engagieren sich für Viebigs Werk. Anlässlich von Todestagen veröffentlichten der Schriftsteller Hajo Knebel und die Publizisten Josef Zierden und Josef Ruland Kurzeinführungen in das Werk, die mit Auszügen veranschaulicht sind. Ebenso stellte Bert Kortländer im Clara Viebig-Lesebuch der Kölner Nyland-Stiftung Auszüge aus wichtigen Romanen zusammen, außerdem autobiographische Schriften, Briefe und Bilder.Clara Viebig-Lesebuch, zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Bernd Kortländer (= Nylands Kleine Rheinische Bibliothek. Band 10). Nyland, Köln 2015 (154 S.).
Die am 31. Juli 1992 in Bad Bertrich gegründete Clara-Viebig-Gesellschaft beschäftigt sich mit der Erforschung des Lebens und Schaffens der Schriftstellerin. Sie unterhält in Bad Bertrich einen Clara-Viebig-Pavillon, erschuf anlässlich des 50. Todestages der Schriftstellerin eine Wanderausstellung, sammelt Sekundärliteratur und arbeitet an einer Briefdatenbank. Die Gesellschaft ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten.