mini|Emil Abderhalden Emil Abderhalden (* 9. März 1877 in Oberuzwil; † 5. August 1950 in Zürich) war ein Schweizer Physiologe und Physiologischer Chemiker, Mitbegründer der Proteinbiochemie und Präsident der Leopoldina, wissenschaftlicher Kollaborateur im NS-System.
Biografie Emil Abderhalden war der Sohn des Volksschullehrers Nikolaus Abderhalden und studierte ab 1895 Medizin an der Universität Basel, wo er 1901 sein Studium mit dem Staatsexamen abschloss und 1902 zum Dr. med. promoviert wurde. Sein Doktorvater Gustav von Bunge prägte ihn sowohl in wissenschaftlicher als auch in sozialer Hinsicht und vermittelte ihn, trotz wissenschaftlicher Differenzen, 1902 als Assistenten zum späteren Nobelpreisträger Emil Fischer an die Universität Berlin, wo sich Abderhalden 1904 bei Wilhelm Engelmann habilitierte.
Ab 1908 war Abderhalden Professor für Physiologie an der Tierärztlichen Hochschule Berlin. Im selben Jahr noch betraute man ihn mit der Leitung des Physiologischen Instituts der Hochschule. 1911 bis 1945 lehrte Abderhalden physiologische Chemie und Physiologie an der Universität Halle. 1912 wurde er zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt.Mitgliederverzeichnis Leopoldina, Emil Abderhalden (mit Bild) Im Jahr 1914 erhielt er die Cothenius-Medaille der Leopoldina.
Chemikern ist Abderhalden durch die Entwicklung der Trockenpistole bekannt, einer Apparatur, mit der eine Substanz intensiv getrocknet werden kann, um sie zu charakterisieren, z. B. durch Elementaranalyse. Allerdings ist die Namensgebung nach Abderhalden auf eine Falschzitation bzw. -interpretation zurückzuführen, da in Band 2 des Houben-Weyl von 1911, die Trockenpistole als „Von A. Brahm und J. Wetzel ist in Aberhaldens Buch (Handbuch der biochemischen Arbeitsmethoden. Berlin 1910) ein Vakuumtrockenapparat zuerst beschrieben “ erstmalig beschrieben wird.
Im Ersten Weltkrieg kam Abderhalden durch das Stellvertretende Generalkommando des Heeres in Magdeburg zur Koordination der Transporte von Verwundeten. Dafür wurde er mit dem Eisernen Kreuz am weißen Bande ausgezeichnet. 1915 war er der Gründer des Bundes zur Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 9.Wolfgang U. Eckart: Medizin und Krieg. Deutschland 1914–1924, Ferdinand Schöningh Verlag Paderborn 2014, S. 228. ISBN 978-3-506-75677-0. mini|Aufruf Abderhaldens im Rahmen der Kindertransporte in die Schweiz nach dem Ersten Weltkrieg Diese Organisation diente vor allem der Sicherung der Ernährung im Ersten Weltkrieg. In den Jahren 1919 bis 1923 organisierte Abderhalden für etwa 100.000 unterernährte, teils tuberkulöse Kinder Ferienaufenthalte in der Schweiz. Während der Inflationszeit ließ er Volksküchen, Lese- und Wärmestuben für mittellose Hallenser einrichten. Durch Abderhalden entstanden 1675 Kleingärten in Halle (Saale).Rede Prof. Glaesser vor Kulturausschuss Halle, 4. Dezember 2013 (). Ab 1919 war Abderhalden für die liberale DDP Mitglied in der verfassunggebenden preußischen Landesversammlung.
1932 wählte ihn das Präsidium der Leopoldina zu ihrem 20. Präsidenten. Dieses Amt hatte Abderhalden offiziell bis 1950 inne, wurde aber ab 1945 von seinem Nachfolger Otto Schlüter vertreten. Als deren Präsident begrenzte Abderhalden die Instrumentalisierung der Leopoldina durch den Nationalsozialismus und wurde, weil überdurchschnittlich viele jüdische Assistenten in seinem Institut angestellt waren, bereits im Jahr 1932 von nationalsozialistischen Studenten angegriffen.Emil Abderhalden an den Rektor der Universität Halle, Gustav Frölich, 24. August 1932, Universitätsarchiv Halle, Personalakte Nr. 3826 (Emil Abderhalden)
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten trat Abderhalden 1934 dem Nationalsozialistischen Lehrerbund bei, einem der Parteigliederung der NSDAP angeschlossenen Verband, und setzte sich auch öffentlich für die „neue Gesundheitspolitik“ der Nationalsozialisten ein. Nachdem er zur Zeit der Weimarer Republik bereits Sterilisationen von Erbkranken gefordert hatte, begrüßte er das nationalsozialistische Gesetz zur Zwangssterilisation.
Am 23. Juni 1945 wurde Abderhalden beim Abzug der Amerikaner mit zahlreichen Wissenschaftlern der Region zwangsweise nach dem Westen deportiert, um ihr Potenzial nicht den nachrückenden Sowjets zu überlassen (da Abderhalden mit der Leitung beauftragt wurde, firmiert diese Zwangsevakuierung in der Literatur als Abderhalden-Transport). Er ging dann in sein Heimatland, die Schweiz. In den Jahren 1946 bis 1947 lehrte er als Professor für Physiologische Chemie am Lehrstuhl für Physiologische Chemie an der Universität Zürich.Winfried R. Pötsch, Annelore Fischer und Wolfgang Müller unter Mitarbeit von Heinz Cassenbaum: Lexikon bedeutender Chemiker, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1988, S. 7, ISBN 3-323-00185-0. Da inzwischen seine Familie ebenfalls in Zürich weilte, lehnte er im Oktober 1947 einen Ruf an die Universität Halle ab, wo ein Jahr später sein Schüler Horst Hanson zu seinem Nachfolger ernannt wurde. Abderhalden starb 1950 in Zürich und wurde auf dem Friedhof Fluntern beigesetzt. Seine Grabstätte ist aufgelassen.
Emil Abderhaldens Sohn Rudolf Abderhalden war ebenfalls ein bekannter Physiologe. Mit seiner Frau Margarete, geb. Bart, hatte er vier weitere Kinder.
Wissenschaftliches Wirken Abderhaldens Arbeitsgebiete waren Eiweißchemie, Ernährung und Stoffwechsel.
Abderhalden promovierte 1902 mit einer Arbeit über den Einfluss der Höhenluft auf die Zusammensetzung des Blutes. Seine erste Veröffentlichung war bereits 1897 erschienen (Z. Biol. 1897, 12, 191). Seine Habilitation befasste sich mit „Abbau und Aufbau der Eiweisskörper im tierischen Organismus“. Abderhalden beschäftigte sich unter anderem mit der enzymatischen (damals fermentativ genannten) Spaltung von Polypeptiden.
Er beschrieb eine Cystinspeicherkrankheit und erlangte mit seinem Konzept der „Abwehrfermente“ (zunächst „Schutzfermente“ des tierischen Organismus, 1912Vgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 55.) kurzzeitigen, aber trügerischen Ruhm. Abderhalden glaubte 1912, bei Antikörpern eine zusätzliche enzymatische Reaktion nachweisen zu können. Der Nachweis war mit den damaligen Analysemethoden schwierig, weshalb Abderhalden lange an seiner Hypothese festhielt – auch als sie längst widerlegt war. Erster Kritiker war der Biochemiker Leonor Michaelis. Eine vernichtende Kritik der Anwendung der „Abderhalden-Reaktion“ (genannt auch Abderhaldensche Serumreaktion und kurz Abderhaldensche Reaktion, zu deren Durchführung Pregl Kollodiumdialysatoren empfahl, die dann von Georg Haas zur 1915 bis 1923 erfolgten Entwicklung der ersten erfolgreichen Hämodialyse am Menschen eingesetzt wurdenJost Benedum: Die Frühgeschichte der künstlichen Niere. In: AINS. Anästhesiologie Intensivmedizin Notfallmedizin Schmerztherapie. Band 38, Nr. 11, November 2003, S. 681–688, hier: S. 683.) als Schwangerschaftstest wurde 1915 publiziert: „… die individuelle Variation der Sera von Schwangeren und Nichtschwangeren lassen die Resultate beider so vollends überlappen, dass die Reaktion, selbst mit quantitativen Techniken völlig unterschiedslos für eine positive oder negative Schwangerschaftsdiagnose verläuft.“
Abderhalden, der als fähiger Lehrer galt, publizierte mehrere Lehrbücher. Von 1920 bis 1939 erschien sein Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden mit mehr als 100 Bänden.Mathias Grote, The Politics of the Handbook, in: History of Knowledge. Research, Resources, and Perspectives, 31. Juli 2018, online, abgefragt am 31. Juli 2018
Zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigte er sich mit als kriegswichtig eingestuften Forschungen über Ersatzstoffe (wie eine Rasierseife ohne Fettanteil, einen Kaffee-Ersatz und Tierfutter aus Fischmehl).Johannes Weigelt: Die Universität Halle im Kriege, in: Hallische Nachrichten, 7. Januar 1941, S. 1f. Dafür wurde er 1944 mit dem Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse ausgezeichnet.
Unterstützung durch die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) plante, ein Kaiser-Wilhelm-Institut für Physiologie zu errichten, als Direktor war Emil Abderhalden vorgesehen; der Beschluss zur Gründung wurde 1914 gefasst, aber letztlich nie verwirklicht. Standort des Instituts sollte Berlin-Dahlem sein. In der Folge wurde die Forschung Abderhaldens bis zum Jahr 1944 finanziell von der KWG unterstützt. Formell befand sich das Institut am Physiologischen Institut der Universität Halle/Saale, wo auch Abderhalden wirkte.siehe für den ganzen Abschnitt Eckart Henning, Marion Kazemi: Handbuch zur Institutsgeschichte der Kaiser-Wilhelm-/ Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften 1911–2011 – Daten und Quellen, Berlin 2016, 2 Teilbände, Teilband 2: Institute und Forschungsstellen M-Z (online), S. 1277–1280, Abschnitt zum Kaiser-Wilhelm-Institut für Physiologie. Ute Deichmann und Benno Müller-Hill schreiben: “He was due to becoming director of the Kaiser Wilhelm-Institute for physiology in 1914, but the First World War intervened. As a kind of compensation, the Kaiser Wilhelm-Gesellschaft financed his research with substantial grants until 1944”.
Im Januar 1912 rief der preußische Kultusminister August von Trott zu Solz ein „Beratungsgremium für die geplanten biologischen Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ein“. Das Gremium empfahl unter anderem die Gründung eines Instituts für allgemeine Physiologie. Im März 1914 beschloss der Senat der KWG die Gründung eines „Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physiologie“ mit Emil Abderhalden als Direktor. Das Institut sollte in Verbindung mit dem ebenfalls beschlossenen KWI für Hirnforschung errichtet werden, das Oskar Vogt leiten sollte. Wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges wurden die Planungen jedoch zurückgestellt.
Im Januar 1916 erhielt Abderhalden 6.000 Mark für die Ausbildung von Assistenten des zukünftigen Instituts. Ab Mai 1917 erhielt Abderhalden auf Antrag jährlich bis zu 10.000 Mark Fördermittel für seine Forschungen, ab Juni 1919 wurde der Jahresetat für Abderhalden auf 20.000 Mark erhöht. In den Tätigkeitsberichten für die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft erschien Abderhalden als „Direktor des Physiologischen Instituts“, bis zu sechs Assistenten wurden aus KWG-Mitteln finanziert. Abderhalden wurde jedoch nicht zum „Wissenschaftlichen Mitglied“ der KWG ernannt. Mitte 1929 stellt die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ihre Finanzierung des nur projektierten Instituts aus Etatmitteln ab dem Jahr 1930 ein. Abderhalden erhielt jedoch weiter eine finanzielle Unterstützung von 11.257 Mark jährlich bis 1944. Er hatte wegen des geplanten Instituts mehrere Berufungen abgesagt.
Kritik und NS-Zeit Mangelhafte Methodik 1998 erschien eine Studie im Wissenschaftsjournal Nature, die ausführt, dass grosse Teile von Abderhaldens Arbeiten, und zwar die „Abwehrfermente“-Theorie und auf ihr basierende „Erkenntnisse“, wissenschaftlich nie belegbar waren, dass jedoch grosse Teile des wissenschaftlichen Establishments im Deutschen Reich aufgrund von Abderhaldens Reputation nicht gewagt hätten, diese zum Teil durch Fälschungen „belegten“ Theorien zu kritisieren oder sich gar durch Manipulation von Forschungsergebnissen zu Komplizen machten.Ute Deichmann, Benno Müller-Hill: The fraud of Abderhalden's enzymes. In: Nature. 393, 1998, S. 109, doi:10.1038/30090. Von Abderhalden und seinen Schülern wurden Experimente, die seine Thesen belegen sollten, so oft wiederholt, bis sich scheinbar (durch Antikörper und nicht etwa durch die nichtexistenten „Abwehrfermente“ – Proteasen – verursachte Immunpräzipitation) positive Ergebnisse zeigten; die Ergebnisse der negativ verlaufenen Versuche wurden verworfen.