Karl Epting (Pseudonyme: Matthias Schwabe und Friedrich Langmuth; geboren 17. Mai 1905 in Odumase, britische Kolonie Goldküste; gestorben 17. Februar 1979 in Hänner) war ein deutscher Romanist, der sich während der Zeit des Nationalsozialismus kulturpolitisch engagierte. Er arbeitete von Ende 1933 bis 1944 in Paris, ab 1940 im besetzten Frankreich als Kulturreferent der deutschen Botschaft. Epting verfasste unter dem Pseudonym Matthias Schwabe antifranzösische und antisemitische Hetzschriften. Nach dem Krieg war er Gymnasiallehrer am Hegel-Gymnasium in Stuttgart-Vaihingen und bis 1969 Schuldirektor des Theodor-Heuss-Gymnasiums Heilbronn.
Leben Kindheit und Ausbildung, 1905–1932 Karl Epting wurde als Kind des Basler Missionars Karl EptingIn Memoriam Missionar Karl Epting (1855–1875). Obituary of Karl Epting. Eine Auswahl von Briefen und Berichten zusammengestellt von Karl-Christoph Epting, Oktober 1975 in der britischen Kolonie Goldküste geboren, wuchs allerdings größtenteils in Basel aufMichels, S. 22; seine Schwester war die Pastorin und Frauenrechtlerin Ruth Epting. Nach dem Schulbesuch in den evangelischen Seminaren Schönthal und Urach studierte er Geschichte, Germanistik und Romanistik an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Universität Dijon und Ludwig-Maximilians-Universität München. 1928 promovierte er über Friedrich von Hagedorn.
Nach der Referendarzeit als Lehrer war er Geschäftsführer des Studentenwerks Tübingen und der Akademischen Auslandsstelle an der Universität Tübingen. 1931 wurde er Leiter der „Abteilung für studentische Selbsthilfe und Gemeinschaftsarbeit“ des Weltstudentenwerks in Genf, einer internationalen Hilfsorganisation für Studenten.
Epting war verheiratet mit der Schriftstellerin Alice Kullmann (1898–1971), die Ratgeberbücher schrieb und über die gemeinsame Pariser Zeit zwei Memoirenbände veröffentlichte.
Karriere im Nationalsozialismus, 1933–1944 Von 1933 bis 1939 war er Leiter des Pariser Büros des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Epting lernte Otto Abetz 1930 im Sohlbergkreis kennen und arbeitete ab 1934 mit ihm zusammen, als dieser in der Dienststelle Ribbentrop beschäftigt war. Ab dem Zeitpunkt fungierte Epting als Vertrauensmann der Dienststelle Ribbentrop in Paris. Nach einem misslungenen Aufnahmeversuch 1936 trat er zum 1. September 1939 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 7.752.315).Bundesarchiv R 9361-II/213619Parteimitgliedschaft siehe Kurzlebenslauf beim AA Epting war „ein beflissener Vertreter nationalsozialistischer Ideologie“.Michels: Das deutsche Institut, S. 21 Angesichts des drohenden Krieges musste er im August 1939 seinen Posten beim DAAD in Paris auf Anweisung der französischen Behörden verlassen.
Während des Sitzkriegs (Drôle de guerre, September 1939–Mai 1940) war er Mitglied des sechsköpfigen Frankreich-Komitees des Auswärtigen Amtes und publizierte unter dem Pseudonym Matthias Schwabe antisemitische und frankreichfeindliche Hetzschriften.
Am 15. Juni 1940 kehrte er unter der Leitung von Otto Abetz zusammen mit Ernst Achenbach, Friedrich Grimm, Friedrich Sieburg und dem Leiter der NSDAP/AO Rudolf Schleier nach Paris zurück, zunächst in die Dienststelle des Bevollmächtigten des AA beim Militärbefehlshaber Frankreich. Im November 1940 kam Gerhard Heller zum Militärbefehlshaber, der dort die Zensur über das Verlagswesen ausüben sollte.
Epting übernahm die Kulturabteilung der deutschen Botschaft, die ab September 1940 als das selbstständige „Deutsche Institut“ firmierte. Das Deutsche Institut übernahm das von den Deutschen beschlagnahmte Palais der polnischen Botschaft, das Hotel de Sagan (heute Hotel de Monaco) in der Rue Saint-Dominique, in dem die Exilregierung Polens nach dem Fall Polens zum Teil ihren Sitz genommen hatte. Epting konnte in dem Hotel de Sagan mit seinen vielen Repräsentationsräumen große Veranstaltungen durchführen und gründete zahlreiche Zweigstellen, zunächst im besetzten Frankreich und später auch in Vichy-Frankreich. Zur Kulturarbeit gehörte für Epting auch die Beteiligung am Kunstraub in Frankreich. Hierbei unterstützte Epting die Botschaft in den ersten Monaten der Besatzung.s. Eckard Michels: Das Deutsche Institut in Paris 1940–1944. Ein Beitrag zu den deutsch-französischen Kulturbeziehungen und zur auswärtigen Kulturpolitik des Dritten Reiches. Franz Steiner, Stuttgart 1993, ISBN 3-515-06381-1, S. 56; zu Eptings Bibliotheksraub: Martine Poulain, Livres pillés, lectures surveillées. Les bibliothèques françaises sous l’occupation, Gallimard, Folio histoire 224, Paris 2008, ISBN 2-07-045397-9, S. 26. Im Ganzen war das Ziel der deutschen Kulturpolitik, die Franzosen im nationalsozialistischen Sinn zu beeinflussen. Hitler kümmerte sich persönlich um diese Politik. Hitlers geheim gehaltene Frankreichpolitik sah vor, aus Frankreich einen Agrarstaat zu machen und die französische Kultur zu zerstören. Die Kulturpolitik hatte die Aufgabe, diese Ziele zu fördern. Großer Widerstand der Franzosen und die Bildung einer Einheitsfront gegen die deutsche Besatzung sollten verhindert werden und gleichzeitig die Illusion einer späteren Verständigungsmöglichkeit mit Deutschland belassen werden. Auch sollte die antisemitische Politik der Nazis gerechtfertigt werden und Verständnis für die Ermordung der Juden in Frankreich. Eine breite Kulturarbeit mit deutschen Sprachkursen, Vorträgen und Ausstellungen sollte das Vordringen der deutschen Sprache und Kultur im Sinne der NSDAP befördern und zielte darauf, die Franzosen mit einer „Charme-Offensive“ für die „deutschen Kriegsziele zu vereinnahmen.“ Das Deutsche Institut wurde 1943 von der deutschen Botschaft als „das wichtigste kulturpolitische Propagandainstrument, über das wir zur Zeit in Frankreich verfügen,“ eingeschätzt. Aber das Deutsche Institut griff unter Epting „in Konkurrenz zu anderen Dienststellen auch in das französische Kulturleben ein, um durch Zensur- und Zwangsmaßnahmen eine Festigung der deutschen Herrschaft über Frankreich zu bewirken.“Michels: Das Deutsche Institut. 1993, S. 5ff.
1942 wurde Gerhard Krüger von Unterstaatssekretär Luther als Kulturattaché und Kontrolleur für Botschafter Otto Abetz in Paris installiert und Epting nach einer Auseinandersetzung mit Krüger nach Berlin zurückbeordert. Epting nutzte die folgende Zeit und habilitierte sich am 29. Juli 1943 am Deutschen Auslandswissenschaftlichen Institut (DAWI) bei Franz Six. Krüger stolperte auf dem diplomatischen Parkett„Verführen, nicht vergewaltigen“, Rudolf Rahn, Ruheloses Leben: Aufzeichnungen und Erinnerungen. Diederichs Verlag, Düsseldorf 1949, S. 289 und wurde durch den Mediziner SS-General Werner Gerlach ersetzt. Nachdem Luther von Ribbentrop in Berlin entmachtet worden war, konnten Abetz und Epting ihre Stellen in Paris wieder einnehmen.
Von 1942 bis 1944 gab Epting neun Ausgaben der Zeitschrift Deutschland-Frankreich heraus. Epting wurde im Auftrag der deutschen Botschaft Besitzer der Buchhandlung Rive Gauche, die das Monopol für den Vertrieb deutscher Literatur in Frankreich besaß. Rive Gauche wurde binnen kurzem zu einer der größten Buchhandlungen Frankreichs, weil sie anfangs auch von vielen Franzosen genutzt wurde. Das änderte sich erst nach mehreren Bombenanschlägen seitens der Résistance. Mit Heller war Epting schon in der Frühphase der Besetzung Frankreichs an den verschiedenen Versionen einer nach Otto Abetz benannten Zensurmaßnahme, der „Otto-Liste“ (Ouvrages retirés de la vente par les éditeurs ou interdits par les autorités allemandes), beteiligt, die am 28. September 1940 in der ersten Version erstellt worden war und eine Selbstzensur der französischen Verlage bewirkte. Dabei waren vor allem Werke jüdischer, demokratischer sowie gegen die Besatzungsmacht gerichteter Autoren verboten. Ebenfalls mit Heller organisierte er die Fahrt der französischen Delegation zum Europäischen Dichtertreffen nach Weimar. Im Unterschied zu den literarischen Vorlieben Hellers unterstützte Epting den in antisemitischen Ausbrüchen schwelgenden Louis-Ferdinand Céline. Eptings antisemitische Äußerungen gehören nach Wolfgang Geiger zu der schlimmsten antisemitischen Hetze über Frankreich, die je verfasst wurde.Wolfgang Geiger: Das Frankreichbild im Dritten Reich, Vortrag an der Universität Frankfurt 18. Mai 2000 — online auf historia-interculturalis.de So forderte er 1942 von der Militärverwaltung, die jüdischen Kinder in den Schulen von den französischen abzusondern, und bereitete damit die Ghettoisierung im Sammellager Drancy und Deportation der Juden in Frankreich vor. Eine Konzertreise des französischen Pianisten und Kollaborateurs Alfred Cortot nach Deutschland sollte gemäß Eptings Forderung nicht genehmigt werden, da dieser mit einer Jüdin verheiratet sei.Michels: Das deutsche Institut, S. 128f und S. 85 Mit der Ausdehnung der Otto-Liste auf alle 739 jüdischen Schriftsteller französischer Sprache und bei dem allgemeinen Verbot, englischsprachige oder russische Autoren zu verlegen, zogen er und Heller an einem Strang.Später versuchte Heller in seiner Autobiografie, seinen Antisemitismus zu beschönigen. In einem besetzten Land, S. 250f
1944 floh Epting nach Deutschland, lehrte am DAWI in Berlin und wurde dann nach Süddeutschland versetzt. Hier „betreute“ er bis zum Kriegsende die ins Schloss Sigmaringen geflohenen französischen Kollaborateure.
Nach dem Krieg, 1945–1979 Epting wurde 1946 von den Amerikanern in Dachau und Reutlingen interniert und machte im Wilhelmstraßen-Prozess eine Aussage zur Entlastung des Außenamtsstaatssekretärs und Weizsäcker-Nachfolgers Gustav Adolf Steengracht von Moyland. Danach wurde er per Londoner Statut an die Franzosen ausgeliefert und am 23. November 1948 in Frankreich in vier Punkten angeklagt:Michels: Das deutsche Institut, S. 61 Mitwirkung bei der Plünderung französischen Kunstbesitzes, insbesondere der Sammlungen Rosenberg und Seligmann; Denunziation der Frau des von den Deutschen verhafteten Jean de Pange; Beschlagnahme des Archivs der Völkerbundsorganisation Internationales Institut für geistige Zusammenarbeit; Förderung der Kollaboration. Am 28. Februar 1949 – nach drei Jahren Haft zuletzt im Militärgefängnis Cherche-Midi – wurde er von einem französischen Militärgericht in Paris in allen Punkten freigesprochen.
Über seine Entnazifizierung in Deutschland ist nichts bekannt. Nach seiner Freilassung arbeitete Epting als Lektor und Leiter des Greven Verlages in Köln. Später wurde Epting wieder in den Staatsdienst aufgenommen und arbeitete von 1957 bis 1960 als Gymnasial-Lehrer am damaligen (Pro-)Gymnasium (heute Hegel-Gymnasium) in Stuttgart-Vaihingen. Von 1960 bis 1969 leitete er als Oberstudiendirektor das Theodor-Heuss-Gymnasium Heilbronn (THG).Gisela Lohbeck: Website des THG Heilbronn: "Die Schulleiterära von Dr. Karl Epting 1960 bis 1969 schließt sich eng an Weißsche Vorgaben an. Dr. Epting veröffentlichte zahlreiche Vorträge und Schriften. Erwähnt seien hier nur seine Gedanken eines Konservativen (1977) und Die Humanismen der Gegenwart und unsere klassische Bildung." Jahrbuch zum 50-jährigen Bestehen des Theodor-Heuss-Gymnasiums (2000) Über Eptings Rolle bei der Durchführung der Nazipolitik in Frankreich wurde kein Wort verloren. Er führte das THG, „[...] als wäre nichts gewesen. Ehemalige THG-Schüler erinnern sich mit Entsetzen.“Kilian Krauth: Heilbronn blendete NS-Vergangenheit von Ex-THG-Direktor aus Heilbronner Stimme, 5. September 2018
Bedeutung für Frankreich-Politik und Kulturpolitik