mini|hochkant=1.5|Das Musikviertel 1906 – Blick vom Turm des Neuen Rathauses zum Reichsgerichtsgebäude Als Musikviertel wird inoffiziell das Wohngebiet der Leipziger Südwestvorstadt bezeichnet. Es gehört zum Ortsteil Zentrum-Süd im Stadtbezirk Mitte. Der Name geht auf die im Stadtteil als erste gebauten Musikinstitutionen des zweiten Gewandhauses (alias Neues Concerthaus) und des Neubaus des Königlichen Conservatoriums der Musik zurück.Susann Buhl, Tobias Gohlis: Leipzig. DuMont, Ostfildern 2009, ISBN 978-3-7701-7233-7, S. 166, Google Books.Das Leipziger Musikviertel. Verlag im Wissenschaftszentrum Leipzig, 1997, ISBN 3-930433-18-4, S. 7. Mehrere Straßen des Viertels sind nach Komponisten benannt, deshalb wird – fälschlicherweise – auch der Begriff Musikerviertel verwendet.André Loh-Kliesch: Musikviertel. In: Leipzig-Lexikon, abgerufen am 18. Mai 2020.Die Stadt Leipzig gibt auf einer ihrer Websites Musikerviertel als Alternativnamen für das Bachviertel an. Charakteristisch für das Musikviertel ist die Vielzahl von Bauwerken des Historismus; zahlreiche Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Für das gesamte Viertel gilt seit 1991 eine Ensembledenkmal- und Erhaltungssatzung.Wohn- & Bürgerhäuser im Leipziger Musikviertel. Musikviertel e. V. (Hrsg.), Sax Verlag, Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-010-4, S. 18. Es hat eine Fläche von rund 40 Hektar und ungefähr 5.000 Einwohner.Wohn- & Bürgerhäuser im Leipziger Musikviertel. Musikviertel e. V. (Hrsg.), Sax Verlag, Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-010-4, S. 8.
Lage und Ortstypik Das Musikviertel schließt sich in südwestlicher Richtung an die Innenstadt Leipzigs an. Es wird im Osten und Südosten durch den Pleißemühlgraben begrenzt, sowie im Südwesten, Westen und Norden durch die im Bogen verlaufende Karl-Tauchnitz-Straße. Westlich und nördlich des Viertels befinden sich der Clara-Zetkin-Park und der Johannapark; östlich grenzt die Innere Südvorstadt an. Gemäß der seit 1992 geltenden kommunalen Gliederung von Leipzig ist das Musikviertel der westliche Teil des Ortsteils Zentrum-Süd.
Den nördlichen Teil des Musikviertels prägen repräsentative öffentliche Bauten: das Gebäude des Bundesverwaltungsgerichts, die Universitätsbibliothek, die Hochschulen für Grafik und Buchkunst und für Musik und Theater sowie eine Außenstelle der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur, das Literaturinstitut, das Geisteswissenschaftliche Zentrum der Universität Leipzig und die Galerie für Zeitgenössische Kunst. Das Viertel besitzt viele prachtvolle Villen und bürgerliche Wohnhäuser, die das Musikviertel zu einem der elegantesten Viertel der Stadt machten. Die im Zweiten Weltkrieg gerissenen Lücken wurden zum Teil mit Plattenbauten geschlossen. Nach der Wende kamen ab Mitte der 1990er Jahre eine Reihe neuer Villen, Wohn- und Bürogebäude hinzu. Trotzdem konnten einige Lücken in der ursprünglichen Bausubstanz bis heute nicht geschlossen werden. Das Musikviertel wird vom Pleißemühlgraben durchzogen, der nach seiner Abdeckung in den 1950er Jahren seit 1990 zum Teil wiederhergestellt wurde; eine vollständige Öffnung des Grabens ist geplant.
Geschichte
Bis 1880 mini|hochkant=1.5|Die Gegend des Musikviertels auf einer Karte um 1800 mini|Die Insel „Buen Retiro“ Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war Leipzigs südwestlicher Vorstadtteil eine kaum erschlossene Auen- und Gartenlandschaft. Morastige Wiesen, Teiche und Tümpel, Auenwald und Gärten prägten das Terrain.
Im Mittelalter hatten sich die Zisterzienser-Nonnen des Georgenklosters bis 1543 im Südwesten vor der Stadtmauer bei der Pleißenburg (Nr. 2 auf dem Plan) niedergelassen und unter anderem eine Mühle am Pleißemühlgraben, die bis 1890 existierende Nonnenmühle (Nr. 3), errichtet. Sie betrieben auch eine Ziegelei, zu der sie den Lehm der Aue benutzten. Die Restlöcher der Lehmgruben blieben als Teiche zurück. Westlich des Pleißemühlgrabens lagen zu Beginn des 19. Jahrhunderts Gärten und Teiche, zunächst Schwägrichens Garten (Nr. 4) gefolgt vom Trierschen Garten (Nr. 5) mit zwei großen Teichen, der der Universität ab 1806 als Botanischer Garten diente.
Ihm schloss sich das Schimmelsche Gut (Nr. 6) an, das an den Floßplatz grenzte, auf dem das aus dem Vogtland und dem Altenburger Land nach Leipzig geflößte Holz gestapelt wurde. Zum Schimmelschen Gut gehörten drei Teiche, in deren größtem sich eine Insel befand. Der Landwirt Johann Friedrich Schimmel hatte das Gut 1823 erworben und richtete auf der Insel ein bei den Leipzigern sehr beliebtes Restaurant ein, das man über einen Holzsteg oder per Kahn erreichen konnte. Die Insel (Nr. 7) nannte er „Buen Retiro“ (Gute Zuflucht).
Im Jahr 1861 wurde der Johannapark auf ehemaligem Wiesengelände durch Peter Joseph Lenné im Auftrag Wilhelm Theodor Seyfferths fertiggestellt. Die Leistungsfähigkeit der Eisenbahn ermöglichte 1864 die Einstellung des Floßbetriebes, so dass der Floßplatz zu einem Schmuckplatz umgestaltet werden konnte. Ein Jahr darauf wurde mit der Regulierung von Pleiße und Elster begonnen und durch Trockenlegung des Gebietes sowie Verfüllung der Alten Pleiße neues Bauland gewonnen. 1876 wurde der Botanische Garten an die heutige Linnéstraße verlagert.
1880–1945 mini|Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte zweite Gewandhaus (Neues Concerthaus) – rechts die Universitätsbibliothek Bibliotheca Albertina mini|hochkant|Das Roßbach-Eckhaus, seit 2004 Roßbach-Palais genannt, von Arwed Roßbach, Beethovenstraße 8 – erbaut 1892/93 (2010) mini|Villa Rentsch-Röder, Karl-Tauchnitz-Straße 10 von Peter Dybwad – erbaut 1898 (2009) mini|hochkant|links|Grundriss der Villa Gruner mit Gartenanlage, Karl-Tauchnitz-Straße 19 (vor 1893) 1880 erwarb die Stadt unter anderem das Areal des Schimmelschen Gutes, und es begann eine umfangreiche Bodenerschließung und Umgestaltung einschließlich Parzellierung. Die Restlöcher der trockengelegten Teiche wurden zugeschüttet und das gesamte Baugelände des Viertels in aufwendiger Weise planiert, wobei die Erdaufschüttungen immense Ausmaße hatten. Zum Hochwasserschutz wurde dabei das Geländeniveau des bebauten Terrains gegenüber den Wiesen des späteren König-Albert-Parks um etwa zwei Meter erhöht.Wohn- & Bürgerhäuser im Leipziger Musikviertel. Musikviertel e. V. (Hrsg.), Sax Verlag, Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-010-4, S. 13. 1882 wurde der Grundstein zum Bau des Neuen Concerthauses gelegt und damit die Bebauung des Musikviertels begonnen. 1884 wurde dieses – alsbald Neues Gewandhaus (zweites Gewandhaus) genannte Bauwerk – eingeweiht. 1887 folgte die Einweihung des Königlichen Conservatoriums der Musik. 1888 bis 1895 wurde das Reichsgerichtsgebäude errichtet. 1890 wurde die Königliche Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe vollendet und 1891 die Universitätsbibliothek Bibliotheca Albertina. 1891 wurde auch der Neubau der Städtischen Gewerbeschule (heute Teil der HTWK) seiner Bestimmung übergeben, dessen Westflügel allerdings erst 1903 vollendet wurde. Mit der Fertigstellung des Reichsgerichts war 1895 die Entstehungszeit der öffentlichen Großbauten im Musikviertel fast abgeschlossen. Ab 1896 verkehrte die elektrische Straßenbahn durch das Musikviertel. 1897 fand am Rande des neuen Stadtviertels die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung statt.
Ab Mitte der 1880er Jahre begann auch der Wohnungsbau im Musikviertel. Es entstanden Villen und mehrgeschossige Mietshäuser in geschlossener und offener Bebauung. Die zuerst errichteten und meisten Bauten sind architekturhistorisch einem der sogenannten Neo-Stile des Historismus (Neorenaissance oder Neobarock) zuzuordnen. Das stilistische Vorbild für die privaten Bauherren waren die öffentlichen Großbauten im Viertel. Beispielhaft steht dafür das markante Roßbach-Eckhaus (Beethovenstraße 8) im Stil der Neorenaissance, das vom Architekten der Bibliotheca Albertina entworfen und 1893 vollendet wurde. Nach 1900 finden sich an manchen Gebäuden Anklänge des Jugendstils, was insbesondere am Ornament und Dekor der Fassadengestaltung einiger Häuser abzulesen ist.
Für die Bebauung des Areals bestanden detaillierte Vorschriften wie Gebäudehöhe, Gebäudeabstände, Anzahl der Geschosse und Überbauungsgrad der Grundstücke. Auch die Genehmigung der Fassadenansicht blieb dem Rat der Stadt vorbehalten. So erhielt Leipzig mit dem Musikviertel einen städtebaulich besonders wertvollen, durch geschlossene Quartierstrukturen klar gegliederten Bereich, der als Ensemble heute unter Denkmalschutz steht.
Die dem Park zugewandten oder nahen Seiten wurden mit einem Kranz von Villen bestückt. Die Villengrundstücke waren recht großzügig bemessen und reichten von 1.200 bis 2.500 m², so dass sich ausreichend Platz für Nebengebäude (Remisen), meterhoch eingezäunte Vorgärten und aufwendig gestaltete Gartenanlagen bot. Das traf insbesondere auf die Villen der Karl-Tauchnitz-Straße zu, von denen noch ein gutes Drittel (13 von 32) erhalten ist.Wohn- & Bürgerhäuser im Leipziger Musikviertel. Musikviertel e. V. (Hrsg.), Sax Verlag, Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-010-4, S. 79–83 (Angaben zu den Wohngebäuden). Von den insgesamt 71 Villen im Stadtteil gingen allein 21 auf Entwürfe von Max Pommer zurück. Ihm folgen der Anzahl nach Peter Dybwad (10) und Arwed Roßbach (5).Wohn- & Bürgerhäuser im Leipziger Musikviertel. Musikviertel e. V. (Hrsg.), Sax Verlag, Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-010-4, S. 75.Wohn- & Bürgerhäuser im Leipziger Musikviertel. Musikviertel e. V. (Hrsg.), Sax Verlag, Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-010-4, S. 77.
mini|Teilzerstörte Universitätsbibliothek Albertina, Foto von Roger Rössing (1953) Um 1900 konnte die Bebauung des Musikviertels im Prinzip als abgeschlossen angesehen werden. Das neue Stadtviertel wurde jahrzehntelang zur bevorzugten Adresse des Leipziger Bildungsbürgertums. Am 20. Februar 1944 erfolgte ein Luftangriff auf Leipzig und seine Südvorstadt. Im Musikviertel wurden mehr als 50 Prozent der Bauten, darunter das Gewandhaus, der Saal des Konservatoriums, das Reichsgericht, die Universitätsbibliothek, viele Villen und Wohnbauten total zerstört oder schwer beschädigt. Weitere Angriffe trafen das Musikviertel am 27. Februar und am 6. April 1945. Bei Letzterem wurden der Mitteltrakt und der östliche Gebäudeteil der Bibliotheca Albertina zerstört.
1945–1990 Die bereits 1945/46 begonnene Enttrümmerung wurde ab 1947 durch den Betrieb der Trümmerbahn über das Musikviertel intensiviert, die den Schutt entlang der Karl-Tauchnitz-, Ferdinand-Rhode- und Wundtstraße zu den Bauernwiesen transportierte, wo der Fockeberg entstand.
Am 1. Oktober 1946 wurde das ehemalige Konservatorium als Staatliche Hochschule für Musik – Mendelssohn-Akademie wiedereröffnet (seit 1992 Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, kurz: HMT Leipzig) und am 26. April 1947 die Staatliche Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe. Im ehemaligen Reichsgericht wurde am 18. Juni 1952 das Georgi-Dimitroff-Museum eröffnet, und auch das Museum der bildenden Künste fand im ehemaligen Reichsgericht ein neues Domizil. 1953 wurde die Theaterhochschule Leipzig (seit 1967 „Hans Otto“) nach der Übersiedlung des 1947 in Weimar entstandenen Deutschen Theaterinstituts ins Leipziger Musikviertel gegründet.
mini|Franz Josef Strauß und Erich Honecker zur Frühjahrsmesse 1987 im Gästehaus in der Schwägrichenstraße 1955 wurde die 1951 begonnene Überwölbung des Pleißemühlgrabens abgeschlossen. 1968 wurde die wiederaufbaufähige Ruine des zweiten Gewandhauses abgerissen, ebenso einige teils guterhaltene Wohnbauten in der Ferdinand-Rhode-Straße. In der Schwägrichenstraße entstand bis 1969 ein Gästehaus des Ministerrates der DDR, das insbesondere zu Messezeiten genutzt wurde und wo 1983 zwischen Franz Josef Strauß und Erich Honecker der Milliardenkredit für die DDR ausgehandelt wurde.Hella Gormsen, 2022, S. 43 f.