mini|hochkant|Castell vom Norden aus
Castell ist eine Gemeinde im unterfränkischen Landkreis Kitzingen und ein Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Wiesentheid. Der gleichnamige Hauptort ist Sitz der Gemeindeverwaltung; er ist eng mit der Fürstenfamilie Castell verbunden, die hier ihren Stammsitz hat.
Die besondere Bedeutung Castells ist darin begründet, dass es bis 1806 Hauptort der reichsunmittelbaren Grafschaft Castell war. Aufgrund der früheren Eigenständigkeit ist der Ort auch Sitz des Dekanats Castell der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Geografie Geografische Lage Die Gemeinde liegt am westlichen Rand des Steigerwalds im Landkreis Kitzingen. Der Casteller Herrenberg (397 m) hat eine kulturhistorische Bedeutung, weil sich dort die Keimzelle der Grafschaft Castell befindet. Am Herrenberg und am Greuther Berg (457 m) wird Weinbau betrieben. Der Sandberg bei Wüstenfelden ist mit 481 m die höchste Erhebung des Landkreises Kitzingen.
Gemeindegliederung
Es gibt sieben Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben): Castell (Pfarrdorf) Forsthaus (Einöde) Geiersmühle (Einöde) Greuth (Kirchdorf) Gründleinsmühle (Einöde) Trautberg (Weiler) Wüstenfelden (Dorf)
Es gibt auf dem Gemeindegebiet die Gemarkungen Castell, Greuth und Wüstenfelden. Die Gemarkung Castell hat eine Fläche von 15,346 km². Sie ist in 1124 Flurstücke aufgeteilt, die eine durchschnittliche Flurstücksfläche von 13652,87 m² haben. In ihr liegen neben dem namensgebenden Ort die Gemeindeteile Forsthaus, Geiersmühle und Trautberg.
Nachbargemeinden Nachbargemeinden sind (von Norden beginnend im Uhrzeigersinn): Abtswind, Geiselwind, Oberscheinfeld, Iphofen, Wiesenbronn und Rüdenhausen.
Schutzgebiete mini| Grafen- oder Burglinde in Castell Um Castell sind mehrere Gebiete unter Schutz gestellt. Teile des Landschaftsschutzgebietes innerhalb des Naturparks Steigerwald ziehen sich bis unmittelbar südlich des Dorfes hin. Im Südwesten befindet sich ein Fauna-Flora-Habitat mit dem Namen „Vorderer Steigerwald mit Schwanberg“. Es ist zugleich Vogelschutzgebiet. Dort wurden in der Vergangenheit Steine gebrochen. Ein Geotop beim sogenannten Kugelspiel-Steinbruch hat sich erhalten.
Daneben wurden vier Objekte zu Naturdenkmälern erklärt. Dazu gehören der Schlosspark im Norden des Ortes und der sogenannte Tränksee zwischen Castell und Wüstenfelden. Östlich des Ortes steht als Solitärbaum ein etwa 100 Jahre alter Speierling, der als dickster Speierling Unterfrankens gilt. Die Grafen- oder Burglinde steht in der Nähe des Turmhügels Altcastell. Ihre Krone hat einen Durchmesser von 20 m.
Geschichte mini|hochkant|Der Treppenturm des alten Casteller Schlosses auf dem Casteller Schlossberg mini|Die Wappen des Bauherren-Ehepaars am Treppenturm, Oberes Schloss: links Graf Castell / rechts Gräfin Hohenlohe Bis zur Gemeindegründung Castell (von lateinisch Castellum, „Burg“) wurde 816 erstmals in der Gründungsurkunde des Klosters Megingaudshausen erwähnt. Die Benediktiner übernahmen 877 die Abtei Münsterschwarzach nach dem Tod der letzten Äbtissin des karolingischen Eigenklosters. Der Name Castell legt nahe, dass bereits in dieser Zeit eine Burganlage existierte, die der Stammsitz der gleichnamigen Adelsfamilie Castell war. Sie hatte auch die Herrschaft über einen großen Teil des Gemeindegebiets. Im Jahr 1091 nannte sich Rupreth, der Ahnherr der Grafen zu Castell, nach dem Ort (Rupreth oder Ruppert de Castello). Ab 1202 trugen diese Edelfreien von Castell den Grafentitel. Seit 1228 brachten sie den Zusatz dei gratia an. Um das Jahr 1266 wurden in einem Teilungsvertrag der Grafen Hermann I. und Heinrich II. von Castell erstmals zwei Burganlagen erwähnt, das „castrum dictum“ und die „purch ze Kastell“. Die vordere Burg auf dem Casteller Herrenberg fiel durch Verpfändung 1328 an die späteren Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, so dass der Ort bis 1684 geteilt war. Die obere Burg auf dem benachbarten Schlossberg blieb im Besitz der Grafen zu Castell. Nachdem beide Burgen des Ortes im Bauernkrieg 1525 zerstört worden waren, blieb die Burg auf dem Herrenberg eine Ruine, von der heute nichts mehr zu sehen ist. Der brandenburgische Verwaltungssitz kam nach Kleinlangheim. Nur die obere Burg auf dem Schlossberg wurde wieder aufgebaut. Eine erhebliche Verstärkung der Befestigung fand 1553 im zweiten Markgräflerkrieg statt. Nach dem Bau des neuen Barockschlosses im Ortskern von Castell verlor das Bergschloss seine Nutzung als Wohnsitz der Casteller Grafen und verfiel allmählich, nur der markante Treppenturm am Steigerwaldhang blieb erhalten. Über seinem Eingang befinden sich die Jahreszahl 1615 und die Anfangsbuchstaben der Namen derer, die das Schloss von 1607 bis 1615 renovierten und erweiterten.
Mitte des 16. Jahrhunderts schloss sich Castell der Reformation an. Im Jahr 1684 gelang es Graf Wolfgang Dietrich zu Castell, die brandenburgischen Teile der früheren Grafschaft zurückzukaufen; im neu erworbenen Ortsteil errichtete er in den Folgejahren das Residenzschloss. Etwa hundert Jahre später erfolgte in den Jahren 1784–1788 der Neubau der Kirche St. Johannis.
Nachdem Castell zuvor Hauptort der reichsständischen Grafschaft Castell (mit etwa 10.000 Einwohnern) gewesen war, verlor es im Jahr 1806 durch die Pariser Verträge (Rheinbundakte) seine Selbstständigkeit. Die Grafschaft wurde dem Königreich Bayern unterstellt, der Übergang unter die bayerische Herrschaft erfolgte am 26. September 1806. Mit dem Gemeindeedikt von 1818 entstand die Ruralgemeinde Castell.
20. Jahrhundert Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Archiv der Fürsten durch August Sperl geordnet; der Historiker verfasste ein Standardwerk zur Geschichte des Hauses Castell.
In Castell kam es durch Christel Felizitas Schmid 1950 zur Gründung der Communität Casteller Ring, die sich nach dem Ort benannte. Der evangelische Orden zog 1957 auf den Schwanberg, auf dem sich noch heute sein Mutterhaus befindet.
Wüstungen Die Wüstung Dürnitz lag als kleines Dorf im Gebiet um Castell. Sie wurde im 14. Jahrhundert aufgegeben. Als Weiler existierte westlich des Dorfes Bernbuch, das ebenfalls im 14. Jahrhundert verlassen wurde.
Verwaltungsgemeinschaft Die Gemeinde gehört zur Verwaltungsgemeinschaft Wiesentheid.
Eingemeindungen Im Zuge der Gebietsreform in Bayern wurden am 1. Juli 1977 die Gemeinden Greuth und Wüstenfelden eingegliedert.
Einwohnerentwicklung Im Zeitraum 1988 bis 2018 stieg die Einwohnerzahl von 801 auf 819 um 18 Einwohner bzw. um 2,3 %. 1992 hatte die Gemeinde 877 Einwohner.BayLfStat
Heutiger Ort mini|Fürstliches Schloss in Castell mini|hochkant|Blühende Tulpen in den Weinbergen von Castell Castell ist der Stammsitz der Fürsten zu Castell-Castell. Zum Fürstenhaus gehören die Fürstlich Castell’sche Bank, Credit-Casse AG (Castell-Bank), deren Geschichte bis in das Jahr 1774 zurückgeht und die damit die älteste Bank Bayerns ist, Forstbetriebe und das Fürstlich Castell’sche Domänenamt (Weinbau).
Die besondere Ortsgeschichte zeigt sich im Ortsbild und in der Architektur. Von touristischem Interesse sind vor allem die Kirche, das barocke Schloss mit Schlossgarten, das Wildbad aus der Renaissance und verschiedene herrschaftliche Häuser.
Die Gemeinde ist für den Weinbau bekannt, der dort eine lange Tradition hat. Neben kleinen Betrieben produziert insbesondere das Fürstlich-Castell’sche Domänenamt Spitzenweine. Über Franken hinaus werden die Lagen Casteller Kirchberg, Casteller Bausch und Greuther Bastel von Kennern geschätzt. Bevorzugte Rebsorte ist die Silvanertraube, welche hier 1659 zum ersten Mal auf deutschem Boden gepflanzt wurde.
Jährlich Ende April, Anfang Mai sind die Weinberge von Castell ein Anziehungspunkt für zahlreiche Besucher. Die Wildtulpen (Tulipa sylvestris) zeigen in den Weinbergen des Steigerwaldortes ihre verschwenderische Blütenpracht. Einen besonderen Kontrast bilden dazu noch in einigen Anlagen die blauen Traubenhyazinthen. Den geschützten Blumen zu Ehren findet das Weinbergstulpenblütenfest, ein Frühschoppen in den Weinbergen, statt.
Der Überlieferung nach soll die geschützte Weinbergstulpe bereits während der Kreuzzüge aus dem östlichen Mittelmeerraum in Castell eingeführt worden sein.
Politik Bürgermeister Seit 1. Mai 2020 ist Christian Hähnlein (Wählergruppe Wüstenfelden) Erster Bürgermeister. Dieser wurde in der Stichwahl vom 29. März 2020 mit 54,5 % der Stimmen gewählt. Dessen Vorgänger war vom 1. Mai 2002 bis 30. April 2020 Jochen Kramer (Freie Wählergemeinschaft).
Marktgemeinderat Die 2008, 2014 und 2020 führten zu den folgenden Sitzverteilungen im Gemeinderat: 2008 2014 2020 Freie Wählergemeinschaft Castell 5 5 5 Freie Wählergemeinschaft Ortsteil Greuth 2 2 2Wählergruppe Wüstenfelden 1 1 1 Gesamt 8 8 8
Wappen
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|hochkant|Casteller Grafschaftskirche vom Schlosspark gesehen
Bauwerke
Trotz der geringen Größe besitzt der Ort einige bauliche Sehenswürdigkeiten. Dies geht auch auf die Herrschaft der Grafen von Castell zurück, die den Ort zu allen Zeiten aus- und umbauen ließen.
St. Johannes Die Kirche St. Johannes befindet sich auf einer Terrasse am Hang des Herrenbergs im Oberdorf. Sie wurde im 18. Jahrhundert vom Landbauinspektor Joseph Albert geschaffen und zeichnet sich insbesondere durch die Kombination aus barocken Bauelementen mit klassizistischer Stuckierung aus. Sie ist die Hauptkirche des evangelisch-lutherischen Dekanats Castell.
Schloss und Schlosspark Das Schloss Castell ist auch heute noch der Sitz der Familie der Fürsten zu Castell-Castell. Es entstand an dieser Stelle im 17. Jahrhundert auf dem Grund eines dörflichen Freihofs. Als Baumeister konnte der Künzelsauer Peter Sommer gewonnen werden. Die frühbarocke Dreiflügelanlage war die erste ihrer Art in Franken und wurde im 19. Jahrhundert von einem englischen Landschaftspark umgeben, der heute weite Teile des Dorfes einnimmt.
Burgruinen Neben dem Schloss im Dorf existieren auf dem Herrenberg oberhalb Castells die Reste des sogenannten Oberschlosses. Es war seit dem 13. Jahrhundert Stammsitz der Grafen von Castell und wurde nach Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg dem Verfall preisgegeben. Bis heute hat sich lediglich ein Treppenturm erhalten, Geländespuren weisen allerdings auf die Größe der ehemaligen Anlage hin.
Dem ehemaligen Sitz der Familie vorgeschoben befand sich im Mittelalter eine weitere Burg, die auch ursprünglich den Grafen zu eigen war. 1328 ging die Anlage allerdings in den Besitz der Burggrafen von Nürnberg über, die von hier aus ihr Amt Castell verwalten ließen. Die Zerstörungen im Bauernkrieg 1525 beendeten die Existenz der Burg. Von ihr hat sich heute lediglich der Turmhügel erhalten.
Wildbad
1399 wurde Castell als Kurort mit seinem Wildbad zum ersten Mal erwähnt. Sein heilendes Bitterwasser war so beliebt, dass der Wiesenbronner Baumeister Martin Haag 1601 ein großes Badehaus mit Renaissancegiebeln errichten konnte. Am Ende des 17. Jahrhunderts musste nach den langen Kriegsjahren der Betrieb eingestellt werden.Albert Schübel: Das Wildbad zu Castell. Mit namentlichen Verzeichnissen der Badegäste und Wildbader 1619–1649 (= Familiengeschichtliche Schriften. 2). Nürnberg 1935. Bis heute sind im Keller die Baderäume unter dem von zehn Säulen getragenen Kreuzgewölbe erhalten. Den zweigeschossigen Renaissancebau führten die Besitzer einer neuen Nutzung zu. Er diente als Justiz- und Regierungskanzlei. Hier wurde 1774 die älteste Bank Bayerns, die Fürstlich Castell’sche Bank, Credit-Casse AG, gegründet. Schließlich richtete August Sperl von 1902 bis 1907 das Fürstlich Castell’sche Archiv hier ein.
Ehemalige Verwaltungsgebäude der Herrschaft