mini|hochkant|Stadtwappen von Burghausen Die Geschichte der Stadt Burghausen umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Burghausen von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart. Sie reicht bis in die Bronzezeit zurück. Zahlreiche Funde auf dem langen Bergrücken über der heutigen Altstadt, auf dem über Jahrhunderte die Burg zu Burghausen zur längsten Burganlage Europas ausgebaut wurde, weisen auf eine durchgehende Besiedlung seit jener Zeit bis in die Gegenwart hin. Burghausens Altstadt im hier sehr engen Salzachtal ist bis heute von seiner Blütezeit als zweite Residenzstadt Niederbayerns im Spätmittelalter geprägt. Seit dem frühen 20. Jahrhundert hat sich die Stadt durch eine für bayerische Verhältnisse sehr früh einsetzende Industrialisierung auf der Ebene über dem Tal ausgebreitet und ist heute mit knapp 19.000 Einwohnern die größte Stadt des Landkreises Altötting.
Vor- und Frühgeschichte, Antike mini|Rekonstruktion eines Keltendorfs Bei umfangreichen Grabungen unter der Dürnitz der Burg in den Jahren 2002 bis 2004 wurden unter anderem eine Reihe von Scherben gefunden, die auf das 16. Jahrhundert v. Chr. datiert werden. Damit wurde eine lang gehegte Vermutung bestätigt, dass der Burgberg in Burghausen bereits seit der Bronzezeit besiedelt ist. Als „kleine Sensation“ gilt der Fund von Resten einer Trockenmauer aus derselben Epoche, ebenfalls unter der Dürnitz.
Auch zahlreiche Relikte aus der Eisenzeit kamen bei diesen Grabungen zu Tage: im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. existierte wahrscheinlich eine keltische Siedlung auf dem Areal der heutigen Hauptburg. Funde keltischer Fibelteile sind schon seit längerem starke Indizien für diese Annahme. Auch auf der anderen Seite der Salzach im heutigen Österreich finden sich nicht wenige Spuren keltischer Siedlungstätigkeit.
mini|links|Lage der römischen Provinz Noricum Ähnliches gilt auch für die Epoche, in der das heutige Burghausen Teil der römischen Provinz Noricum war; aus dieser Zeit wurden bei Grabungen Münzen von Kaiser Marc Aurel bis Kaiser Konstantin entdeckt. Spätestens seitdem war das Schicksal der Ansiedlung untrennbar verbunden mit dem Handel von Salz über die Salzach: am Ufer des Flusses sind steinerne Inschriften römischer Schiffergilden gefunden worden. Außerdem wurde eine römische Straße entlang der Salzach nachgewiesen, die sich mit weiteren römischen Verbindungsstraßen zwischen Castra Regina (Regensburg), Augusta Vindelicorum (Augsburg), Castra Batava (Passau) und Juvavum (Salzburg) kreuzte und verzweigte. Der römische Name für Burghausen war wahrscheinlich Bedaium oder Bedacum. Es gilt als gesichert, dass die strategisch hervorragende Lage des heutigen Burgberges schon in der Frühgeschichte und Antike erkannt und genutzt wurde. Man geht heute von einer mehr oder weniger durchgehenden Nutzung und Besiedlung des Areals von der Bronzezeit bis in unsere Tage aus.
Mittelalter Frühmittelalter mini|Lage Burghausens innerhalb des bayerischen Stammesherzogtums 788 In der Übergangszeit von der Spätantike zum frühen Mittelalter breitete sich das Christentum langsam auch nördlich der Alpen aus. Wahrscheinlich wurde die ansässige romanokeltische Mischbevölkerung mit seit der Völkerwanderung auch verschiedenen germanischen Bestandteilen ab dem 7. Jahrhundert von Salzburg aus christianisiert. Im Jahr 788 wurden zahlreiche Ortschaften aus der nahen Umgebung in der Notitia Arnonis erwähnt, wie etwa Haiminga (Haiming) und Reithinhaselach (Raitenhaslach); Burghausen fand hier keine Erwähnung.
Aus dieser Zeit gibt es nur spärliche archäologische Hinweise auf eine Bebauung des Areals. Vor 788 existierte im Bereich der heutigen Hauptburg wahrscheinlich ein befestigter Amtshof der agilolfingischen Herzöge zur Überwachung der Salzschifffahrt – Fundamentreste deuten darauf hin. Dass es bereits auch eine kleine Talsiedlung am Ufer der Salzach gab, wahrscheinlich als Zollstätte, gilt als gesichert. Das Inn-Salzach-Mündungsgebiet war sowohl geografisches Zentrum des agilolfingischen Machtbereichs wie auch in relativer Nähe zu deren Residenz in Regensburg.
Nach der Verbannung des letzten agilolfingischen Herzogs Tassilo III. geriet die Siedlung zunächst unter karolingische Herrschaft. Als Salzburg von Papst Leo III. auf Bitte Karls des Großen im Jahr 798 zum Erzbistum erhoben wurde, war das gesamte ehemalige agilolfingische Stammesgebiet Teil der Kirchenprovinz Salzburg. Die weiteren Entwicklungen hatten zur Folge, dass sich Burghausen vom späten 8. Jahrhundert an als freies Reichslehen zwischen dem Hochstift Passau, dem Erzstift Salzburg und dem Herzogtum Österreich befand. Die zentrale Lage zwischen den verschiedenen Machtgebieten sollte für die kommenden Jahrhunderte entscheidend sein.
Hochmittelalter mini|hochkant|Wappen der Grafen von Burghausen Die Umstände und der Zeitpunkt der Loslösung von Salzburg und der Geburt Burghausens als freies Reichslehen und Grafschaft liegen im Dunkeln. Im Jahr 1025 wird Burghausen in einer Urkunde Kunigundes von Luxemburg erwähnt, der Witwe des kurz zuvor verstorbenen Kaisers Heinrich II. Dies ist die älteste bis heute überlieferte schriftliche Erwähnung der Stadt. Kunigunde wollte Purchusun (Burghausen) an das Hochstift Salzburg verschenken, was aber von Kaiser Konrad II. verhindert wurde: Er sah Burghausen als unveräußerliches Reichsgut an.
mini|links|Lage Burghausens in der Grafschaft Burghausen-Schala Die Grafen von Burghausen, eine Nebenlinie der Sieghardinger oder der Aribonen – die Genealogie ist hier unklar – sind im 11. und 12. Jahrhundert als Grafen von Burghausen (Comes de Burchhusen) nachzuweisen. Der Halbbruder der ersten bekannten Gräfin von Burghausen namens Ita war Lothar III., König und späterer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Ihr Gemahl, Sieghart I. (nach anderer Schreibweise Sieghard I.), war Graf von Burghausen-Schala, ab 1072 Schirmvogt des Klosters Michaelbeuren und ab 1090 zudem des Klosters Ranshofen. Unter seiner Herrschaft fand um 1090 ein umfangreicher Um- bzw. Ausbau der Burg zu Burghausen statt, von dem noch heute Reste in der Hauptburg erhalten sind. Sieghart I. wurde 1104 während des Hoftags (curia imperatoris) in Regensburg durch Ministeriale unter Beteiligung von Einwohnern der Stadt ermordet, ohne dass der in Regensburg weilende Kaiser Heinrich IV. eingegriffen oder die Tat verfolgt hätte.Karl-Ludwig Ay: Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern. Abt. I: Altbayern vom Frühmittelalter bis 1800. Band 1: Altbayern bis 1180. Beck, München 1974, S. 269–270; Thomas Zotz: Die Formierung der Ministerialität. In: Stefan Weinfurter (Hrsg.): Die Salier und das Reich. Band 3: Gesellschaftlicher und ideengeschichtlicher Wandel im Reich der Salier. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1991, S. 3–50, hier S. 35; Lothar Kolmer: Regensburg in der Salierzeit. In: Stefan Weinfurter (Hrsg.): Die Salier und das Reich. Band 3: Gesellschaftlicher und ideengeschichtlicher Wandel im Reich der Salier. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1991, S. 191–213, hier S. 199–200. 202 (PDF); siehe auch Gerold Meyer von Knonau: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V. Band 5: 1097–1106. Duncker & Humblot, Leipzig 1904, S. 195–198, bes. 196 Anm. 3 zur Quellenlage (Digitalisat).
Nachfolger als Graf von Burghausen-Schala wurde dessen Sohn Sieghard II., der 1108 mit der Tochter Leopolds II., der Babenbergerin Sophia von Österreich, vermählt wurde und Burghausen 38 Jahre lang regierte. Zu seiner Regierungszeit wurde Burghausen im Jahr 1130 das Marktrecht verliehen; im selben Jahr, in dem er dem Erzbischof von Salzburg Zollfreiheit gewährte. Burghausen wurde zu diesem Zeitpunkt in Quellen bereits als „Urbs“ bezeichnet, was auf eine für hochmittelalterliche Verhältnisse stattliche Ansiedlung bzw. Einwohnerzahl hinweist. 1140 erfolgte die Weihe des Vorgängerbaus der heutigen Jakobskirche. Sieghard II. starb 1142 und ihm folgte sein Bruder Gebhard I. als Graf von Burghausen nach.
Gebhard I. regierte die Grafschaft Burghausen für 22 Jahre und taucht in vielerlei Urkunden dieser Zeit auf, meist im Umfeld der Klöster in Passau und Salzburg und am Reichstag in Regensburg. Auch am herzoglichen Hof in Wien unter Heinrich II. ist er mehrmals als Zeuge erwähnt. Gebhard I. starb im Jahr 1164.Johann Georg Bonifaz Huber: Geschichte der Stadt Burghausen in Oberbayern. Aus urkundlichen und anderen Quellen bearbeitet. Mit der Ansicht, dem Plane und Wappen der Stadt, dem Wappen der Grafen von Burghausen und dem ältesten Stadt-Siegel von 1290. Verlag J. Lutzenberger, Burghausen 1862, S. 15. Nach anderen Angaben soll er 1163 vor Pavia geblieben sein.Karl Heinrich von Lang: Die Vereinigung des Baierischen Staats aus seinen einzelnen Bestandtheilen historisch entwickelt, Teil II. In: Denkschriften der königlichen Akademie der Wissenschaften zu München für das Jahr 1813, Classe der Geschichte, München 1814, S. 60. Nach seinem Tod entglitt der Familie Burghausen-Schala die Grafschaft Burghausen und kam an die Herzöge.
Als Todesjahr seines Sohns Gebhard II. ist sowohl 1168 als auch 1178 genannt worden.Johann Nepomuk Buchinger: Ueber die Herkunft und Genealogie der Grafen von Burghausen, Schala, Peilstein und Mören – Nach Urkunden und neuen Forschungen. In: Abhandlungen der historischen Klasse der bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band VI, München 1851, S. 446. Im Jahr 1164 kam Heinrich der Welfe von Sachsen nach Bayern, um den Landesfrieden wiederherzustellen, da das Faustrecht angewandt worden war.Johann Georg von Lori: Chronologischer Auszug der Geschichte von Baiern. Fünfter Auszug: Nach Christi Geburt von 911 bis 1180. Erscheinungsjahr: 1782. S. 601–603. Vermutlich in Zusammenhang mit seinen Bemühungen um die Kontrolle des Salzhandels in seinem bayerischen Herzogtum hatte der Herzog bereits im Jahr 1164 oder 1165 die Grafschaft Burghausen zum herzoglichen Fiskus eingezogen,Johann Nepomuk Buchinger: Otto der Grosse, Herzog in Bayern, und seine Brüder, Pfalzgrafen von Wittelsbach. Ihr Leben und Wirken unter den Welfen und Hohenstaufen. II. Teil, in: Abhandlungen der historischen Klasse der königlich bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band V, III. Abteilung, München 1849, S. 106–107. obwohl männliche Nachfahren der Grafen Burghausen-Schala noch lebten, darunter auch zwei Neffen.Otto Titan von Hefner: Stammbuch des blühenden und abgestorbenen Adels in Deutschland. Band I: A – F, Georg Joseph Manz, Regensburg 1860, S. 204. Die genauen Umstände hierzu sind nicht bekannt, jedenfalls finden sich schon in Überlieferungen aus dem Jahr 1166 mehrere Burghauser Ritter im Gefolge Heinrichs, bei denen es sich aber nur um Burgmänner gehandelt haben kann, und Anfang 1176 hielt er für über eine Woche Hof- und Gerichtstage in Burghausen ab. In Bayern war die Familie Burghausen-Schala noch wenige Jahrzehnte in anderen Teilen ihres Herrschaftsbereichs vertreten, zuletzt 1190.
mini|Idealisierte Darstellung Ottos I. im Hofgarten in München Im Jahr 1180 wurde der Wittelsbacher Herzog Otto I. mit der Grafschaft belehnt. Bis zur Novemberrevolution im Jahr 1918 sollte Burghausen von diesem Zeitpunkt an unter der Herrschaft der Wittelsbacher bleiben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Burghausen zu dieser Zeit zusammen mit einer Reihe von anderen bayerischen Orten das Stadtrecht verliehen bekam; ein schriftliches Zeugnis über die Verleihung des Stadtrechts ist allerdings nicht überliefert. Im Rahmen von privaten Grabungen in dem Keller eines Altstadthauses, der Gaststätte „Knoxoleum“, wurden 2008 Reste einer bis dahin unbekannten Stadtmauer freigelegt, die wahrscheinlich aus dem 11. oder 12. Jahrhundert stammt; auch das könnte ein Indiz für die Verleihung der Stadtrechte in diesem Zeitrahmen sein. 1224 befand sich in Burghausen jedenfalls bereits ein herzogliches Gericht mit zwei Schergenämtern.