mini|hochkant|Ai Weiwei (2017)

Ai Weiwei (; * 28. August 1957Ai Weiwei soll gesagt haben: „Der 28. August steht nur in meinen Pass. Mein richtiger Geburtstag ist im Mai, am 18., denke ich.“, Interview „Wir sind nicht frei, wir waren es nie“, Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 46, 2023, 18–27, hier S. 20, abgerufen am 22. November 2023. in Peking) ist ein chinesischer Konzeptkünstler, Bildhauer und Kurator. Der Menschenrechtler und Dissident war nach regierungskritischen Äußerungen während der Proteste in China 2011 von April bis Juni 2011 inhaftiert und hatte bis 2015 Reiseverbot. Im Anschluss verließ er das Land, lebte bis 2019 in Berlin, danach in England und seit 2021 in Portugal.

Leben Jugend und Studium, Familie Ai Weiwei wurde 1957 als Sohn von Gao Ying und dem chinesischen Dichter, Maler und Regimekritiker Ai Qing (艾青, 1910–1996) geboren. Der Maler Ai Xuan (* 1947), sein Halbbruder, ist in China wesentlich bekannter als Ai Weiwei. Unter: kurier.at, abgerufen am 1. April 2012.Alexandra A. Seno: Sunflower Seeds, and the Other Ai. Unter: blogs.wsj.com, 13. Oktober 2010, abgerufen am 22. Januar 2020 (Blog des Wall Street Journals, englisch). Während der zwanzigjährigen Verbannung des Vaters wuchs er zunächst in der Mandschurei und in Xinjiang auf, wie er in seiner Autobiografie schreibt und dort sein Leben mit dem seines Vaters vergleicht. Jahrelang habe er mit seinem Vater, ehemals anerkannter Staatsschriftsteller, in einem Zwangsarbeit-Umerziehungslager in einem Erdloch ohne Elektrizität und fließendem Wasser hausen müssen – eine Parallele zu Xi Jinping.FAZ, Thomas Holl: TV-Kritik „Maischberger“: Viel Merz und ein wenig Ai Weiwei, 12. August 2026, als Memento gespeichert

1978 schrieb er sich an der Pekinger Filmakademie ein und studierte dort unter anderem mit den chinesischen Regisseuren Chen Kaige und Zhang Yimou. 1979 war er ein Gründungsmitglied der Künstlergruppe Stars Group, die eine chinesische Kunst nach staatlicher Leitlinie ablehnte. Von 1981 bis 1993 lebte er in den USA, vor allem in New York. In dieser Zeit beschäftigte er sich vor allem mit Performance, Konzeptkunst, Dadaismus und Pop Art. 1983 begann er in New York an der Parsons School of Design ein Studium mit Hilfe eines Stipendiums; dieses wurde jedoch nach einem Jahr aufgrund einer nicht bestandenen Prüfung in Kunstgeschichte nicht verlängert. In der Folgezeit hielt sich Ai Weiwei eigenen Angaben zufolge illegal in den Vereinigten Staaten auf.

1993 kehrte er wegen der Erkrankung seines Vaters wieder nach Peking zurück und lebte im Kunstbezirk Dashanzi. Ai Weiwei ist mit der Künstlerin Lu Qing verheiratet. Aus einer außerehelichen Beziehung, die ihm den strafrechtlichen Vorwurf der Bigamie eintrug, entstammt der Sohn Lao (* um 2008), der bei seiner Mutter Wang Fen in Berlin lebte.

Künstlerische und politische Tätigkeit in China 1994 gründete Ai Weiwei die Galerie China Art Archives and Warehouse für experimentelle Kunst in Peking. Er schuf Werke, die sich mit älteren chinesischen Kunstgegenständen und mit der Kulturrevolution auseinandersetzten. Dabei flossen seine Bezüge zur Pop-Art und zur Konzeptkunst ein.Kunstsammlung NRW: Ai Weiwei, abgerufen am 13. August 2019

Ab 2005 schrieb er einen Blog zu gesellschaftspolitischen Themen sowie zu Kunst und Architektur. Er äußerte darin Kritik an der chinesischen Regierung. Der Blog wurde 2009 gesperrt.

Wegen seines politischen und gesellschaftlichen Engagements war er regelmäßig Repressalien durch chinesische Behörden und die Polizei ausgesetzt.In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel (Ausgabe 34/2009) berichtet Ai Weiwei von Festnahmen und Körperverletzung durch die chinesische Polizei. Bei einem Polizeieinsatz aufgrund von Recherchen zum Erdbeben in Sichuan erlitt er vor einem Prozess gegen seinen Mithelfer Tan Zuoren Anfang August 2009 eine Hirnblutung, weshalb er später im Klinikum Großhadern operiert wurde.Ai Weiwei erhebt schwere Vorwürfe gegen Peking. Süddeutsche Zeitung. 16. September 2009.

Im Herbst 2010 verfügte die Stadtverwaltung von Shanghai die Räumung des Gebäudes, in dem sich sein Atelier befand. Als Ai Weiwei daraufhin eine „Abriss-Party“ ankündigte, um die Öffentlichkeit auf die geplante Zwangsräumung des Gebäudes hinzuweisen, wurde er am 5. November 2010 von den Behörden für zwei Tage unter Hausarrest gestellt. Zu der Feier hatten sich nach telefonischen Angaben Ai Weiweis ca. 1.000 Besucher mit Internetzugang angemeldet.Till Fähnders: Ai Weiwei unter Hausarrest auf: FAZ.net, 5. November 2010 und Süddeutsche Zeitung: Ai Weiwei unter Hausarrest, 5. November 2010. Die Party fand mit ca. 800 Personen ohne den Gastgeber statt. Presseberichten und der Deutschen Presseagentur zufolge sprach sich Ai Weiwei am 6. November gegen die Umweltzerstörung und die mangelnden Bildungschancen in China aus und kritisierte: „Die Regierung, das gesamte System […] opfert Bildung, Umweltressourcen und die Interessen der meisten Menschen, nur damit einige wenige Menschen mit Verbindung zur Regierung extrem reich werden können.“zit. nach: , auf: Liechtensteiner Vaterland online 7. November 2010 und ARD, Tagesschau 12.00, 7. November 2010, beruhend auf DPA-Bericht.

mini|Schriftzug „Release Ai Weiwei“ am Gebäude der Tate Modern in London, die 2010/2011 die Installation Sunflower Seeds ausstellt. Am 11. November 2010 informierte Ai Weiwei die internationalen Medien darüber, dass er ein behördliches Schreiben erhalten habe, in dem er aufgefordert wurde, das Gebäude, in dem sich sein Studio befindet, vor dem 21. November auf eigene Kosten abzureißen. Gleichzeitig machte der Künstler bekannt, dass Zhao Lianhai mit der Begründung, er habe soziale Unruhen angeheizt, zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden sei, weil er Elterngruppen zur Aufdeckung des Babynahrungsskandals aus dem Jahre 2008 gegründet hatte. Den Grund für den zunehmenden Druck seitens der Shanghaier Behörden sah er in seiner politischen Aktionskunst.Johnny Erling: China drangsaliert Künstler Ai Weiwei. In: Rheinische Post, 12. November 2010, Ders.: aktualisierte Online-Quelle. Inhaftierung 2011 Anfang Dezember 2010 wurde Ai Weiwei erstmals daran gehindert, aus der Volksrepublik China auszureisen. Dies wurde in Verbindung gebracht mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Regimekritiker Liu Xiaobo in Oslo, der an der Übergabezeremonie am 10. Dezember 2010 nicht teilnehmen konnte, weil er aus politischen Gründen inhaftiert war.Nobelpreisverleihung – China verweigert Regimekritikern die Ausreise, auf: faz.net, 3. Dezember 2010

Ai Weiweis Atelier wurde am 11. Januar 2011 abgerissen.Ai Weiweis Atelier abgerissen in: Spiegel Online vom 12. Januar 2011 Fotoaufnahmen des StudiosFotoaufnahmen des Studios auf Google.com und seiner ZerstörungFotoaufnahmen der Zerstörung des Studios auf google.com veröffentlichte er im Juli 2011 auf seiner Google+-Seite.

Im März 2011 wurde bekannt, dass Ai Weiwei ein Atelier in Berlin-Schöneweide zu erwerben beabsichtigte, um mit seinem Team einen zweiten Platz neben dem Pekinger Studio zu haben. in: Berliner Zeitung vom 28. März 2011

Am 3. April 2011 wurde Ai Weiwei auf dem Weg nach Hongkong am Pekinger Flughafen von der chinesischen Polizei festgenommen und für 81 Tage ohne Anklage inhaftiert.Was geschieht mit Ai Weiwei? in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. April 2011Chinas Kunststar verliert seinen Schutzschild, Der Spiegel, abgerufen am 4. April 2011. Er sollte sich wegen nicht näher benannter „Wirtschaftsverbrechen“ vor Gericht verantworten., sueddeutsche.de, abgerufen am 7. April 2011. In den Tagen unmittelbar zuvor war der deutsche Außenminister Guido Westerwelle zu einem Staatsbesuch in China gewesen und hatte am 1. April 2011 die Ausstellung Kunst der Aufklärung im Chinesischen Nationalmuseum in Peking eröffnet. Ai Weiwei stand zwar auf der Einladungsliste der deutschen Veranstalter, wurde aber seitens der chinesischen Autoritäten nicht zur Eröffnungszeremonie zugelassen.Nationalmuseum Peking. Spektakel und Debakel im weltgrößten Museum, auf: ZEIT online, 2. April 2011 Er hatte nämlich zuvor verlautbart, Deutschland zeige ausgerechnet am Platz des Himmlischen Friedens, wo 1989 die Protestbewegung gewaltsam beendet worden war, diese Ausstellung, und das zu einem Zeitpunkt, als die Unterdrückung erneut gesteigert wurde.Kunst und Kotau. Aufklärung in China gesucht. Auf: focus.de, 14. April 2011

Die Inhaftierung von Ai Weiwei durch die chinesische Polizei war der vorläufige Höhepunkt im politischen Kampf des Künstlers. Zur TED-Konferenz in den USA ließ Ai Weiwei eine Videobotschaft verbreiten, die zeigte, mit welchen Mitteln die chinesische Regierung ihn überwachte und einzuschüchtern versuchte.Martina Schulte: , Deutschlandradio Wissen vom 6. April 2011 Die Ehefrau des Künstlers hatte Redeverbot, mehrere seiner Mitarbeiter waren ebenfalls „verschwunden“, vorübergehend auch sein Anwalt Liu Xiaoyuan. Indessen hatte eine Medienkampagne mit Anschuldigungen gegen Ai Weiwei begonnen. Auf der anderen Seite gab es vermehrt internationale Protestaktionen gegen seine Inhaftierung.Bernhard Bartsch: Ai Weiwei. Peking startet Rufmord-Kampagne. Kölner Stadtanzeiger, ksta.de, 18. April 2011Andreas Landwehr, Katja Schmidt: Wo ist Ai Weiwei? tagblatt.de, 18. April 2011

Am 20. April 2011 wurde bekannt gegeben, dass Ai Weiwei eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin erhalten solle.Mathias Bölinger: Ai Weiwei wird Professor in Berlin. Deutsche Welle.de, 20. April 2011 In einem Interview mit einer Berliner Tageszeitung betonte seine Schwester die enge Verbundenheit Ai Weiweis mit Berlin.Johnny Erling: Festgenommener Künstler. Wie Ai Weiweis Schwester die schwere Zeit erlebt., auf: Berliner Morgenpost online, 22. April 2011 Am 23. April 2011 veröffentlichten ungefähr 100 Erstunterzeichner, darunter Sinologen und Vertreter aus Kultur und Wirtschaft, den Berliner Appell zur Freilassung Ai Weiweis.Lasst Ai Weiwei frei. Auf: taz.online, 23. April 2011 berlinerappell-freeaiweiwei.com, abgerufen am 13. Mai 2011 Auch der Schweizer Innenminister Didier Burkhalter äußerte seine Besorgnis,Didier Burkhalter äussert Besorgnis über Ai Weiwei, auf: NZZ.online, 26. April 2011 und der deutsche Staatsminister und Kulturbeauftragte Bernd Neumann forderte die Freilassung Ai Weiweis.Ai Weiwei. Von Freiheit und Feigheit in der Kultur, auf: zeit.online, 27. April 2011 Die Akademie der Künste in Berlin nahm Ai Weiwei am 7. Mai 2011 in ihre Reihen auf, und zwar, wie ihr Präsident Klaus Staeck verlautbarte, einmal wegen seiner künstlerischen Bedeutung, aber auch aus politischer Solidarität. In einigen Metropolen Europas und Nordamerikas, z. B. in London, wurden als Reaktion auf Ai Weiweis Verschwinden kurzfristig Ausstellungen seiner Werke organisiert. Daneben gab es politischen Druck auf Regierungschef- bzw. Außenministerebene und vielfältige andere Manifestationen.Carsten Volkery: Ai-Weiwei-Ausstellungen. Boom des Verbotenen, auf: spiegel.online, 12. Mai 2011 Der damalige deutsche Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, teilte nach einem fünftägigen Besuch in China, bei dem er neben Politikern auch Journalisten, Künstler u. a. Vertreter der Zivilgesellschaft getroffen hatte, auf einer Pressekonferenz am 19. Mai 2011 mit, er halte das deutsch-chinesische Verhältnis durch das Vorgehen gegen Ai Weiwei für „belastet“. Ai Weiwei werde entgegen rechtsstaatlichen Gepflogenheiten weiterhin an einem unbekannten Ort ohne anwaltliche Vertretung festgehalten. Die Repression, insbesondere gegen Blogger, nehme weiter zu. Die chinesischen Regierungsvertreter hätten seine Argumente „vom Tisch gefegt“., auf: focus.de, 19. Mai 2011 u. in diversen anderen Medien