Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ist eine Stiftung öffentlichen Rechts zur Auseinandersetzung mit den Formen und Folgen politischer Verfolgung und Unterdrückung in der kommunistischen Diktatur. Sie befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Berlin-Alt-Hohenschönhausen im Bezirk Lichtenberg. Dort wurden vor allem politische Gefangene, darunter fast alle bekannten DDR-Oppositionellen, inhaftiert und physisch und psychisch gefoltert.. Website der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Die Gedenkstätte ist Mitglied der Platform of European Memory and Conscience.
Aufgabe Die Aufgabe der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ist im Gesetz über die Errichtung der Stiftung „Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen“ festgelegt. auf der Website der Stiftung. Demnach soll die Gedenkstätte die Geschichte der Haftanstalt Hohenschönhausen in den Jahren 1945 bis 1989 erforschen und darüber durch Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen informieren, um zur Auseinandersetzung mit den Formen und Folgen politischer Verfolgung und Unterdrückung in der kommunistischen Diktatur anzuregen. Am Beispiel des Gefängnisses in Hohenschönhausen soll über die politische Justiz in der DDR informiert werden.§ 2 Abs. 1 des Gesetzes über die Errichtung der Stiftung „Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen“.
Geschichte mini|Berliner Gedenktafel, Genslerstraße 66, in Berlin-Alt-Hohenschönhausen mini|Gedenkstein für die Opfer des Speziallagers Nr. 3 Eine 1945 in einem Sperrgebiet des sowjetischen NKWD eingerichtete Haftstätte wurde 1946 zur zentralen Untersuchungshaftanstalt der sowjetischen Geheimpolizei in Deutschland. Die Besatzungsmacht übergab 1951 das Sperrgebiet an die DDR, dessen Ministerium für Staatssicherheit dort bis 1989 sein „zentrales Untersuchungsgefängnis“ betrieb.
Auf damaligen Stadtplänen war die Haftanstalt nicht verzeichnet. Während der friedlichen Revolution in der DDR übernahm im Januar 1990 das Ministerium des Innern das Untersuchungsgefängnis. Es wurde Ende November 1990 im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands geschlossen. Im Jahr 1992 kamen die Gefängnisgebäude unter Denkmalschutz. Die Gedenkstätte nahm 1994 auf dem Gefängnisgelände ihren Betrieb auf.
Industriegelände Das Gelände der späteren Haftanstalt Hohenschönhausen gehörte bis 1938 dem Maschinenfabrikanten Richard Heike. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt errichtete auf dem Grundstück einen zweistöckigen Backsteinbau, der eine Großküche beherbergte. In der Nähe der Großküche befand sich während des Zweiten Weltkriegs ein Barackenlager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.
Speziallager Nr. 3 Im Mai 1945 richtete das sowjetische NKWD auf dem Gelände der Großküche ein Speziallager ein, die Nr. 3 von zehn Lagern in der Sowjetischen Besatzungszone.
In diesem Lager waren bei einer Durchschnittsbelegung von 1800 Häftlingen (Höchstbelegung: 4000 bis 5000) insgesamt etwa 20.000 politische Häftlinge und andere für die Sowjetunion verdächtige Menschen inhaftiert und wurden von hier auf die anderen Speziallager verteilt. Inhaftiert waren sogenannte „feindliche Elemente“, unter ihnen ehemalige aktive Mitglieder der NSDAP oder Gestapo, als Spione oder Terroristen Verdächtigte, Betreiber von illegalen Funkstationen oder Druckereien, Zeitungs- und Zeitschriftenredakteure und Autoren, die anti-sowjetische Schriften veröffentlicht hatten, sowie Jugendliche unter „Werwolf“-Verdacht. Neben Deutschen gehörten ehemalige mittel- und osteuropäische Zwangsarbeiter (wie Russen, Polen, Ukrainer, Esten, Letten, Tschechen) zu den Gefangenen. Das Speziallager Nr. 3 wurde im Oktober 1946 aufgelöst. Die Häftlinge wurden in die Speziallager Sachsenhausen oder Buchenwald verlegt.
Von den 20.000 Inhaftierten des Speziallagers Nr. 3 und eines benachbarten sowjetischen Haftarbeitslagers starben schätzungsweise 1000 Menschen. Die Toten wurden in Bombentrichtern und Karbidschlammgruben verscharrt. In der Umgebung der Gedenkstätte wurden nach 1990 259 Tote exhumiert und auf dem Friedhof Hohenschönhausen an der Gärtnerstraße beigesetzt, woran dort der Denkort Hohenschönhausen erinnert. In der Genslerstraße befand sich die zentrale Verwaltung aller zehn sowjetischen Speziallager der SMAD in der sowjetischen Besatzungszone.
Zentrale Untersuchungshaftanstalt der sowjetischen Geheimpolizei (1946–1951), das „U-Boot“ mini|hochkant=0.7|Zelle mini|Korridor im „U-Boot“ Im unterirdischen Lager- und Kühlraum der ehemaligen Großküche mussten Gefangene im Winter 1946/47 ein Zellengefängnis errichten. Es wurden 68 fensterlose Zellen geschaffen. Die feuchten und zum Teil unbeheizbaren Zellen waren nur mit einer Holzpritsche und einem Kübel für Fäkalien ausgestattet. Anfangs war dieser Kübel ohne Abdeckung, was zu extremen Gestank in den schlecht belüfteten Zellen führte. Die Gefangenen nannten das Gefängnis „U-Boot“, weil niemand hinein- oder hinausschauen konnte, ihre Zellen wie ein U-Boot Tag und Nacht beleuchtet waren, in ihnen ein gleichmäßiges Dauergeräusch ertönte, und sie selbst wussten, dass sie nun für alle Welt unauffindbar waren.
Die größtenteils politischen Häftlinge berichteten von den Verhörmethoden seitens der sowjetischen Geheimpolizei: Die Verhöre fanden in der Regel nachts statt, und die Häftlinge wurden physisch und psychisch gefoltert. Zu den Foltermethoden gehörten neben Prügeln und Auspeitschen mit dem Ledergürtel auch subtilere Methoden wie dauerhafter Schlafentzug, stundenlanges Stehen, tagelanger Arrest in winzigen Isolierzellen oder der mehrtägige Aufenthalt in Kammern mit erhöhter Türschwelle, in denen Gefangene mit kaltem Wasser übergossen wurden, bis sie knöcheltief im Wasser standen.
Zu den Inhaftierten in dieser Zeit zählten neben Nationalsozialisten vor allem Mitglieder der Blockparteien (SPD, LDPD und CDU), aber auch sowjetische Militärangehörige und Kommunisten, denen mangelnde Linientreue zum Vorwurf gemacht wurde. Auch die damals 14-jährige Erika Riemann gehörte zu den Inhaftierten. Sie befand sich von 1945 bis 1954 in sowjetischen und DDR-Haftanstalten, weil sie ein Stalinporträt mit einem Lippenstift bemalt hatte.
Zentrales Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit, „U-Boot“ (1951–1960) mini|Gang mit Zellen im Neubau der ehemaligen Haftanstalt Fast 40 Jahre lang war das Untersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen zugleich das wichtigste der Staatssicherheit, in dem bis 1989 rund 10.000 Häftlinge ihre Untersuchungshaft verbringen mussten.
Das 1950 gegründete Ministerium für Staatssicherheit (MfS) übernahm im Sommer 1951 das weiterhin als „U-Boot“ bezeichnete Kellergefängnis für die folgenden zehn Jahre als zentrale Untersuchungshaftanstalt.
Zentrales Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit, „Neubau“ (1960–1989) In den späten 1950er Jahren wurde direkt daneben ein neues Gefängnis errichtet. Nach seiner Inbetriebnahme im Jahr 1961 diente das alte Kellergefängnis überwiegend Lagerzwecken.
Zusätzlich existierte in unmittelbarer Nähe der Untersuchungshaftanstalt bis 1974 ein geheimes Haftarbeitslager des MfS für verurteilte Gefangene, das Lager X. Häftlinge dieses Lagers hatten bis 1960 den Gefängnisneubau errichtet. Dieser enthielt über 100 Zellen und 120 Vernehmungszimmer. Die an den Außenseiten liegenden oberirdischen Zellen erhielten vergitterte Glasbausteinfenster. Im danebenliegenden „Zentralen Haftkrankenhaus“ wurden zwischen dem 21. Mai 1959 und dem 7. Dezember 1989 insgesamt 2694 Insassen aus allen Haftanstalten des MfS behandelt. Nach dem letzten Umbau 1972 enthielt es 28 Betten.
Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 diente es unter anderem als Haftanstalt für Menschen, die fliehen oder ausreisen wollten, und auch für Kritiker der SED wie Rudolf Bahro, den Schriftsteller Jürgen Fuchs oder die Malerin Bärbel Bohley. Auch nach der unmittelbaren Nachkriegszeit waren dort noch gelegentlich Nazi-Kriegsverbrecher wie Heinz Barth und Josef Blösche inhaftiert.
Als die DDR in den 1950er Jahren um internationale Anerkennung rang und die vielen Folteropfer negative Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung hatten, wurde statt direkter körperlicher Folterungen vermehrt psychologische Zermürbung der Häftlinge unter anderem durch Isolationshaft, Ungewissheit und Desorientierung (soziale und sensorische Deprivation) ausgeübt. Ziel war es, den Willen der Insassen ohne nachweisbare körperliche Schädigung zu brechen, daher wurden von der Stasi fortan nur noch weiße Folter angewandt.
An der juristischen Hochschule in Potsdam ausgebildetes Personal wurde geschult, die Persönlichkeit der Gefangenen zu destabilisieren und zu zersetzen. In allen Situationen wurden die Gefangenen schikaniert, zum Beispiel durch regelmäßiges Wecken in der Nacht (alle drei Minuten) oder durch Wechsel der Zimmertemperatur.
Jürgen Fuchs beschreibt in Protokollen vom Haftalltag in Hohenschönhausen die wechselnde Verhörstrategie und Erniedrigungsversuche. Sein Zellenpartner führte Verhör und Folter zu jeder Zeit fort. Fuchs wurde während seiner Haftzeit ein Besuch von seiner Frau gestattet. Nach dem Treffen sagte ihm ein Wärter: „Der erste Sprecher und ohne Tränen. Gratuliere. […] Vielleicht hätten wir doch anordnen sollen, dass Ihr Kind mitkommt.“Jürgen Fuchs: Vernehmungsprotokolle. Rowohlt, Berlin 1978.
mini|Zwecks Standortverschleierung erreichten Häftlinge den Zellentrakt nur mit fensterlosen Häftlingstransportern über die ebenfalls fensterlose Garage. mini|An den Flurwänden ein Alarmsystem aus Überputzleitungen, im Hintergrund Flurampeln zur Isolation der Gefangenen außerhalb ihrer Zelle Schon während der Verhöre und der erkennungsdienstlichen Behandlung wurden die Häftlinge psychisch unter Druck gesetzt. Sie mussten stundenlang auf den ihnen zugewiesenen Plätzen verharren, wurden in dieser Zeit nicht beachtet und wussten nicht, was weiterhin geschehen sollte, mussten sich aber fingierte Telefonate mit falschem Inhalt anhören, in denen zum Beispiel suggeriert wurde, dass einem Angehörigen ein schlimmes Schicksal zugestoßen sei.
In der Regel wussten die Gefangenen während ihrer Inhaftierung nicht, dass sie sich in Berlin befanden: die fensterlosen Häftlingstransporter mussten sie in der fensterlosen Garage des Zellentraktes verlassen. Alle Zellenfenster bestanden aus vergitterten Glasbausteinen, vor jeder Vernehmung wurden im Verhörraum die Gardinen geschlossen. Ampelähnliche Vorrichtungen in allen Fluren verhinderten, dass sich jemals zwei Gefangene außerhalb ihrer Einzelzelle zufällig begegneten. So war es möglich, mehrere der gemeinsamen Tat Verdächtige oder ganze Familien in demselben Gebäude unterzubringen und direkt nacheinander zu verhören, ohne dass ein Gefangener von der Anwesenheit der anderen wusste.
Das MfS hatte auf dem Gelände weitere Diensteinheiten wie die Hauptabteilung IX/11, den Operativ-Technischen Sektor (z. B. Fälscherwerkstätten) und das Archiv der vom MfS verwalteten Akten aus der NS-Zeit. Alle MfS-Gefängnisse der DDR wurden von diesem Ort aus zentral verwaltet.
Die gesamte Umgebung des Gefängnisses war zu DDR-Zeiten Sperrgebiet und in Stadtplänen verschleiert dargestellt. Das Gefängnis lag mitten in einem Wohngebiet; um die Geheimhaltung trotzdem zu gewährleisten, wohnten hier ausschließlich systemtreue Personen, in der Regel Stasi-Offiziere. Bei letzteren ist die Gedenkstätte besonders verhasst, da Besucher der Anlage von ehemaligen Häftlingen durch das Gelände geführt werden und die Taten als Betroffene besonders glaubwürdig schildern können.Hubertus Knabe: Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur. Berlin 2009, S. 291. Ehemalige DDR-Funktionäre und Stasi-Angehörige haben daher eigene Organisationen wie die GBM und die GRH gegründet, die gegen die Aufarbeitung der DDR-Geschichte seitens der Gedenkstätte agitieren.
Friedliche Revolution