Als Stadtbefestigung Hanau (später auch Festung Hanau) werden die ehemaligen Befestigungswerke der beiden Städte Alt- und Neu-Hanau bezeichnet. Sie entstand vom 13. bis zum 17. Jahrhundert in drei aufeinander folgenden Hauptbauphasen. Die mittelalterliche Stadtbefestigung, angelegt um 1300 und erweitert um 1429, wurde ab 1528 durch eine von Reinhard zu Solms geplante Befestigungsanlage ergänzt, die das Aufstellen von Kanonen ermöglichte. Sie umfasste die Altstadt Hanau und die im 15. Jahrhundert zur Kinzig hin entstandene Hanauer Vorstadt.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde durch die Gründung der Hanauer Neustadt unter Graf Philipp Ludwig II. eine Erweiterung und wesentliche Vergrößerung der Befestigung nach Süden notwendig. Ihre größte Bedeutung erlangte die Festung im Dreißigjährigen Krieg, als sie mehrmals erfolglos blockiert, jedoch zweimal im Handstreich eingenommen wurde. In dieser Zeit hat sie durch Grimmelshausens Simplicissimus Eingang in die Literatur gefunden. Danach verlor sie schnell an Bedeutung, da sie nicht modernisiert wurde; 1806 wurde sie großteils niedergelegt. Heute sind nur noch geringe Reste erhalten, darunter fast vollständig der mittelalterliche Wasserturm und das Frankfurter Tor.

mini|hochkant=2.4|Ansicht Hanaus von Osten im 17. Jahrhundert. Vorne Kinzig und Wehr an der Herrnmühle; von links nach rechts Neustadt, Altstadt, Stadtschloss. (Auszug aus der Topographia Hassiae von 1655)

Topografie Hanau liegt nordöstlich der Kinzigmündung in den Main. Von Osten kommend, strebt die Kinzig nicht direkt zum Main, sondern fließt zunächst nach Nordwesten in einem Bogen, heute Krumme Kinzig genannt, um die Altstadt herum und dann nach Südwesten in den Main. Die Kernstadt ist damit an drei Seiten von Wasser umgeben. Diese strategisch günstige Lage wurde von der frühesten Wasserburg bis zu den großen Festungsanlagen der Neuzeit genutzt, indem die Gräben der Stadtmauer durch die Kinzig gefüllt wurden. Von diesen Gräben ist heute nur noch derjenige erhalten, der an der Herrnmühle von der Kinzig abzweigt und durch den Schlossgarten Hanau fließt. Von dem um 1600 angelegten Mainkanal, der ca. 100 Meter flussaufwärts der Kinzigmündung aus dem Main abzweigte und in nordöstlicher Richtung bis zum Hafen (am heutigen Kanaltorplatz) führte, ist nur noch ein kurzer Ansatz vorhanden.

Entlang des Innenstadtrings sind vereinzelt noch Reste von Brücken sichtbar. Auf Plänen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind dort noch die zugehörigen Gräben zu erkennen, die zum Mainkanal führten. Wasserströme, die nach wie vor durch den Sandboden der Hanauer Innenstadt von der Kinzig zum Main streben, verursachen gelegentlich noch Schwierigkeiten bei Tiefbaumaßnahmen, so beim Bau der Karl-Rehbein-Schule oder der Unterführung am Westbahnhof.

Hanau lag an den Handelsstraßen Frankfurt am Main – Leipzig und Frankfurt am Main – Nürnberg, die die Kinzig westlich der Altstadt zunächst über eine Holzbrücke, ab 1559 über eine steinerne Bogenbrücke überquerten, und war ein wichtiger Marktplatz.

Bestandteile Die Befestigungsanlage bestand aus dem im Kern mittelalterlichen Stadtschloss von Hanau, den mittelalterlichen Befestigungsanlagen der Altstadt Hanau, der Renaissance-Befestigungsanlage um Stadtschloss, Alt- und Hospitalvorstadt und dem barocken Festungsring, der Stadtschloss, Alt-, Vor- und Neustadt Hanau umfasste. Alle diese Stadtmauern und Wallanlagen hatten Tore, durch die zum Teil bedeutende Verkehrsverbindungen verliefen, so die Handelsstraßen Frankfurt am Main – Leipzig und Frankfurt am Main – Nürnberg.

Geschichte Mittelalter Schloss und Altstadt mini|hochkant|Plan der mittelalterlichen Stadt mit der Burg im Norden

Mit der Anlage einer Burg wurde die günstige Lage im Bogen der Kinzig nachweisbar seit dem Mittelalter genutzt. Vorgeschichtliche und römische Funde liegen aus der Hanauer Kernstadt nur sehr vereinzelt vor.

Nach Lage der Urkunden ist die Errichtung einer Burg, des späteren Stadtschlosses, im 12. Jahrhundert anzunehmen. 1143 nennt sich erstmals ein Dammo de Hagenouwa nach der Burg.Günter Rauch: „Tammo de Hagenouwa“. Zur ersten urkundlichen Erwähnung des Namens Hanau vor 850 Jahren. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte. 1993, 4 ff.; Peter Acht: Mainzer Urkundenbuch. Band 2: Die Urkunden seit dem Tode Erzbischof Adalberts I. (1137) bis zum Tode Konrads (1200). Darmstadt, Verlag des Historischen Vereins für Hessen 1971 Nr. 37. Der Name deutet auf einen Haag in der Au. Die Burg selbst wird erstmals 1234 urkundlich erwähnt.Heinrich Reimer: Hessisches Urkundenbuch. Abt. 2, Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau und der ehemaligen Provinz Hanau. Band 1. 767-1300. Publikationen aus den königlich-preußischen Staatsarchiven, Hirzel, Leipzig 1891 Nr. 184. Wie sehr viele Burgen von Ministerialen der RegionSiehe Bert Worbs: Buchen–Dorfelden–Windecken. Frühe Burgen in der Grafschaft Hanau. In: Hanauer Geschichtsblätter. 30, 1988, S. 347–404. handelte es sich zunächst um eine recht einfache Wasserburg mit zugbrückengeschütztem Tor, Palas, Bergfried und Wirtschaftsgebäuden. Über die Siedlung, die sich im Schutz der Burganlage bildete, liegen aus dieser Zeit noch keine Quellen vor.

mini|links|Südliche Altstadtmauer an der Rückseite des ehemaligen Central-Kinos

Die Siedlung wird erstmals 1303 genannt, als König Albrecht I. ihr das Stadtrecht verlieh. Sehr wahrscheinlich dürfte die erste Stadtmauer in diese Zeit datieren. Im Jahr 1338 wird die Kirche im Kinzdorf als „extra muris oppidi Hanawe“ (außerhalb der Stadtmauer Hanaus) liegend genannt.Heinrich Bott, Altstadt, S. 25; ders.: Stadt und Festung (2), S. 120 f. Zu diesem Zeitpunkt muss die Stadtmauer also gestanden haben. Im gleichen Jahr wird erstmals der Wasserturm genannt, Bindeglied zwischen Stadtbefestigung und Burg. Seinen Namen erhielt er von der Lage im Stadt- und Burggraben. Er ist der einzige noch vollständig erhaltene Turm der mittelalterlichen Stadtbefestigung.

Die mittelalterliche Stadt entstand somit im Schutz der Burg, die in Form einer Stadtburg in die Verteidigungsanlagen integriert wurde. Trotzdem war der Übergang zwischen Stadt und Vorburg im Mittelalter keine klar erkennbare Grenze. Neben den Wirtschaftsgebäuden der Burg befanden sich südlich daran anschließend zahlreiche Höfe der Burgmannen, die nicht der städtischen Gerichtsbarkeit unterstanden, sondern Lehen des Burgherrn waren. Diese so genannte Burgfreiheit nahm einen wesentlichen Teil der Hanauer Altstadt ein, wahrscheinlich bis zur Johanneskirchgasse und zum Johanneskirchplatz.

Der Wachdienst auf der Stadtmauer (und in den Straßen) war vornehmlich eine Angelegenheit der Bürgerschaft.Heinrich Bott, Altstadt, S. 35.

Befestigung der Hospitalvorstadt Vor dem Metzgertor, also an der Straße in Richtung Frankfurt am Main, entwickelte sich im 15. Jahrhundert eine Siedlung, die „Hospitalvorstadt“. Der Name entstand später nach dem Alt-Hanauer Hospital, das hier Ende des 16. Jahrhunderts einen Neubau erhielt. Die Befestigung dieser Hospitalvorstadt war eine eigene Mauer, erwähnt erstmals 1429.Bott: Stadt und Festung (2), S. 121. Deren Auslass in Richtung Frankfurt war das (später so genannte) Hospitaltor. Sie wurde erst mit der Renaissance-Befestigung des 16. Jahrhunderts in den die Stadt umgebenden Mauerring einbezogen. Vor dem Tor entstand im gleichen Jahrhundert erneut eine Siedlung entlang der Straße nach Frankfurt, die (nun zweite) „Vorstadt“, die heute noch diesen Namen trägt.

Frühe Neuzeit mini|Burg und erweiterte Stadt Hanau um 1550

Mit Planungen mindestens seit 1522 und einem Baubeginn 1528 begann unter der Regierung des Grafen Philipp II. von Hanau-Münzenberg eine Neubefestigung der Stadt Hanau, die unter seinem Sohn, Graf Philipp III. von Hanau-Münzenberg und während dessen Minderjährigkeit durch den Regenten, Graf Balthasar von Hanau-Münzenberg fortgesetzt wurde.Heinrich Bott, Altstadt, S. 30 f. Verteidigungstechnisch war dies durch die entstandene Artillerie erforderlich geworden. Bis dahin gab es kaum wirksame Fernwaffen, die in der Lage waren, eine entsprechende Mauer zu zerstören. Deshalb galt es vor allem, den Gegner davon abzuhalten, der Mauer nahezukommen, was ihm überhaupt erst ermöglichte, sie physisch anzugreifen. Ein mittelalterlicher Mauerring umschloss kürzest möglich das zu schützende Areal. So war die günstigste Relation zwischen Baukosten und Verteidigungszweck zu erzielen. Er hatte Annäherungshindernisse, wie vorgelagerte Gräben.

Die neue Befestigung wurde unter der Leitung des Grafen Reinhard zu Solms nach den neuesten Erkenntnissen der Zeit gestaltet,Friedrich Uhlhorn: Reinhard Graf zu Solms, Herr zu Münzenberg, 1491–1562. Marburg 1952, S. 44 ff. wobei die Südseite der Befestigung mit drei Rondellen und zwei Eckbastionen mit Sicherheit nach seinem Entwurf ausgeführt wurden.Bott: Stadt und Festung (2), S. 69. Diese Renaissancefestung trug der Artillerie – sowohl in der Verteidigung als auch im Angriff – Rechnung. Verstärkt wurde auf Wälle und Bastionen gesetzt, die breit genug waren, um Platz für Geschütze zu bieten. Außerdem ermöglichten vorgelagerte Bastionen, den Feind zu beschießen, bevor er selbst nahe genug an die Festung gelangte, um deren Anlagen mit seinen Geschützen zu bedrohen. Die Arbeiten an der neuen Festungsanlage galten vornehmlich der Südflanke, also dem Bereich der heute vom Freiheitsplatz eingenommen wird. Sie dauerten bis etwa 1540. Die Bereiche im Norden, um das Stadtschloss wurden erst 1614 angegangen.Bott, Stadt und Festung (1), S. 193.

Auch jetzt war der Wachdienst auf der Mauer (und in den Straßen) von Hanau noch vornehmlich eine Angelegenheit, die die Bürgerschaft der Stadt zu stellen hatte, auch wenn in besonderen Situationen der Graf zusätzliche Bewaffnete zur Verfügung stellte.

Befestigung der Neustadt mini|Grenzverlauf zwischen dem Erzbistum Mainz und der Grafschaft Hanau, gezeichnet wegen rechtlicher Auseinandersetzungen anlässlich der Gründung der Neustadt Hanau 1597. Links von der Bildmitte die im Bau befindliche Neustadt. mini|Hanau – Auszug aus der Topographia Hassiae von Matthäus Merian 1655, rechts die Neustadt

Ursprüngliche Befestigung Am 1. Juni 1597 schloss Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg einen Vertrag mit calvinistischen Flüchtlingen aus Frankreich und den Spanischen Niederlanden, die Kapitulation der Neustadt Hanau, sich in Hanau niederzulassen. Die Kapitulation wurde 1604 durch ein Transfix der Neustadt Hanau ergänzt. Sie ist der Gründungsakt für die Neustadt Hanau. Der Graf stellte das Baugelände vor der Hanauer Altstadt zur Verfügung – gegen den Widerstand des Erzbischofs von Mainz, der die Fläche als mit einem ihm zustehenden Wildbann belegt sah – und bezahlte die Infrastruktur, insbesondere die Befestigungsanlage, was ein Zugeständnis des Landesherrn an die Neubürger war.Bott: Stadt und Festung (2), S. 85 ff. Der Entwurf der Festungsanlage um die neue Stadt stammte von Nicolas Gillet, maßgeblicher Baumeister der Anlage war – bis zu seinem Tod 1607 – René Mahieu. Diese moderne barocke Befestigung, lehnte sich im Norden an die südliche Befestigung der Altstadt an. Die planmäßige Anlage der Stadt legte ein regelmäßiges, schachbrettartiges Straßennetz fest, das die Hanauer Neustadt bis heute prägt und heute unter Denkmalschutz steht, der ehemalige Festungsring zeichnet sich heute noch in einem im Westen, Süden und Osten um die Neustadt verlaufenden Straßenring ab. Da die gräflichen Ressourcen aber – wie sich herausstellte – für einen schnellen Fortgang der Befestigungsarbeiten nicht ausreichten, übernahmen die Neubürger ab 1601 für drei Jahre den Weiterbau. Dafür ließen sie sich alle gräflichen Einnahmen aus der Neustadt übertragen und erhielten einen jährlichen Zuschuss von 1.500 fl. aus der landesherrlichen Kasse.Bott: Stadt und Festung (2), S. 95. Anschließend übernahm der Graf erneut den Weiterbau.Bott: Stadt und Festung (2), S. 97.