Die (ARA, ) war eine Regierungsunternehmung der Vereinigten Staaten, die beauftragt war, nach dem Ersten Weltkrieg in der Periode des Waffenstillstands Europas betroffene Völker in ausreichenden Mengen und gerechter Verteilung mit Lebensmitteln zu versorgen und bei der Wiederherstellung der inneren Transportsysteme mitzuhelfen. Privatisiert wirkte sie anschließend bis zum Jahr 1924 weiter als Kinderhilfswerk A.R.A. European Children’s Fund und erlebte während der russischen Hungersnot von 1921 ihren dramatischsten Einsatz.

Das Dreivierteljahr als Regierungsunternehmung Bestandsaufnahme im Nachkriegs-Europa Der spätere US-Präsident Herbert C. Hoover hatte als Vorsitzender der Lebensmittelverwaltung der Vereinigten Staaten schon Sorge dafür getragen, dass deren Kriegsverbündeten Weizen in ausreichender Menge zur Verfügung stand. Die ersten nach dem 11. November 1918 erfolgten Schätzungen des Angebots an Grundnahrungsmitteln auf dem europäischen Kontinent sahen jenes bei 60 Prozent durchschnittlicher Vorkriegsverhältnisse, die weithin bereits einem kargen Leben gleichbedeutend waren. Der Viehbestand war von 93,3 auf 18,4 Millionen Stück geschrumpft. Andererseits hatten die USA wegen des Krieges ihre landwirtschaftliche Produktion hochgefahren, ein abrupter Wegfall von Abnehmern würde für Erschütterungen sorgen. Erste Ideen, Hoover mit einer Art Ernährungsmission in Übersee zu betrauen, waren schon im Juni 1918 gereift, als „Colonel“ Edward M. House Hilfsmaßnahmen im Westen des bolschewistischen Russland anregte – zu Ende gedacht ließ sich dies aber nicht mit der sibirischen Intervention in Einklang bringen. Die mit Hoover in enger Verbindung stehende Kommission für das Belgische Hilfswerk kam dem notwendigen Vorhaben schon nahe, war aber keine amerikanische Regierungsangelegenheit. Blieb nur die Ausweitung der Geschäfte der Amerikanischen Lebensmittelverwaltung und ihrer Getreidegesellschaft auf Europa. Hier landwirtschaftliche Überproduktion, dort darbende Völker – eigentlich hätte sich ein Warenfluss daraus von selbst ergeben müssen, doch traf man vor Ort auf unerwartete Hindernisse.

Häkeleien unter Freunden Die optimistischste Reaktion, auf die Hoover mit seinem Hilfsangebot in Europa stieß, war jene des tschechoslowakischen Außenministers Eduard Benesch, der mitteilte, sein Land brauche keine Unterstützung, nur um kurz darauf zur gegenteiligen Einsicht zu gelangen. Die Verhältnisse waren dort nicht anders als in den übrigen 25 Nationen, wo Lebensmittelknappheit für 300 bis 400 Millionen Menschen zum Problem werden konnte. Die Großmacht Großbritannien sah plötzlich die Chance, Lebensmittel auf dem Weltmarkt wieder billiger erwerben zu können und kümmerte sich wenig darum, dass die Getreidegesellschaft der Amerikanischen Lebensmittelverwaltung hinsichtlich garantierter Abnahmepreise im Wort stand. Letztlich waren aber selbst die Briten wieder auf die Getreidegesellschaft angewiesen, mit dem Effekt, nach dem Flirt mit dem Vertragsbruch mehr für die Mengeneinheit zahlen zu müssen als die Deutschen. Jene waren zunächst in doppelter Hinsicht von den Lieferungen ausgeschlossen. Präsident Woodrow Wilson hatte Hoover am 7. November 1918 aufgefordert, die Lebensmittelverwaltung der Vereinigten Staaten in eine neue Unternehmung zu verändern, deren Aufgabenbereich ein Hilfswerk und der Wiederaufbau sein sollte. Einen Monat später bezog Hoover mit seiner Organisation 50 Büroräume in der Avenue Montaigne 51 in Paris, für Unterstützung würden 2.500 von General John J. Pershing abkommandierte Offiziere und Mannschaften der amerikanischen Streitkräfte sorgen und die Kontrolle über deren Hilfsquellen nicht länger Sache der Alliierten sein. Im frühen Januar 1919 richtete außerdem die Getreidegesellschaft der Vereinigten Staaten in London ein Büro ein, mit Edward M. Flesh als Leiter. Ihr kam die Rolle der Geschäftsbevollmächtigten und Zahlstelle der American Relief Administration zu, deren Arbeit mit einem Gesetz (Nr. 274, 65er Kongress), das am 25. Februar 1919 in Kraft trat, eine solide Grundlage erhielt. So kam es zu 23,5 Millionen Tonnen Hilfslieferungen an die Alliierten während des Krieges und der Waffenstillstandsperiode, gefolgt von 13,2 Mio. Tonnen nach dem Friedensschluss. Ausgeschlossen waren von den Wohltaten ausdrücklich Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien und die Türkei, was auf einen Zusatzantrag des Senators Henry Cabot Lodge zurückzuführen war.

Durch Lebensmittelblockade erzwungene Willfährigkeit Ob gänzlich unbegründet, wie von Hoover gemutmaßt, oder nach den gigantischen Zerstörungen in Belgien und Frankreich auf berechtigten Befürchtungen fußend – die deutsche Regierung musste sich im Juni 1919 vom Ersten Generalquartiermeister Wilhelm Gröner überzeugen lassen, eine Wiederaufnahme der Kämpfe sei aussichtslosKlaus Wiegrefe: Der Unfriede von Versailles, in: Der Spiegel 13/2004, S. 152 – war die Lebensmittelblockade nach Eintritt des Waffenstillstands monatelang fortgesetzt worden, verschärft durch ein Verbot des Fischfangs in Nord- und Ostsee. Der französische Marschall Ferdinand Foch machte kein Geheimnis daraus, dass dies als Druckmittel für den Friedensvertrag gedacht war.Herbert Hoover: Memoiren (Bd. 1). Mainz 1951, S. 315 Schließlich kam die Blockade ein halbes Jahr nach dem Waffenstillstand zu einem Ende und es flossen 1,3 Millionen Tonnen Lebensmittel ins Deutsche Reich, von denen 110.000 Tonnen mit Gold für 320 Millionen Dollar sofort bar bezahlt wurden – so wie generell 46,5 Prozent der A.R.A.-Lebensmittel gegen Barzahlung vermittelt wurden. 9,2 Millionen Dollar Spenden aus den USA sicherten außerdem die Quäkerspeisung, die vom American Friends Service Committee mit Unterstützung der A.R.A. organisiert wurde. Die noch frisch im öffentlichen Bewusstsein präsente amerikanische Devise, „Lebensmittel werden den Krieg gewinnen“, ließ das Auftreten einer Regierungsorganisation noch nicht als angeraten erscheinen.

Die besonders unglückliche Situation der neuen Republik Österreich ist daran abzulesen, dass in kein europäisches Land – mit Ausnahme von Belgien – pro Kopf mehr Lebensmittel hineingepumpt werden mussten und an dem Spitzenwert für Zweigstellen des A.R.A.-Warehouse in Wien, wo Lebensmittelwechsel gegen A.R.A.-Lebensmittelpakete eingetauscht werden konnten. Mitarbeiter mit der Erfahrung des Belgischen Hilfswerks sorgten für eine Kinderspeisung, wobei aus der Not geborene Hilfsmittel wie die Pelidisi-Formel zur Auswahl der allerbedürftigsten verwendet wurden. Kommunistische Agitatoren fanden im hungernden Volk eine interessierte Zuhörerschaft und nur die Furcht vor einem gänzlichen Verlust der Lebensmittelhilfe nahm den Österreichern die Lust auf eine Revolution. Auf eine Bitte des A.R.A.-Direktors Hoover hin, hob der tschechoslowakische Präsident Masaryk ein Ausfuhrverbot für Kohle auf. Gehemmt durch die amerikanische Gesetzgebung, wurde für die Finanzierung der Lebensmittellieferungen ein Weg gewählt, bei dem beispielsweise Großbritannien zweckgebunden einen Kredit von 5 Mio. Dollar aus dem National Security and Defense Fund bekam, mit dem es bei der A.R.A. Waren für Österreich bestellte, für die A.R.A. ein Barverkauf, real aber doch ein Kredit. Insgesamt kamen Lieferungen für 145 Mio. Dollar zustande, von denen der amerikanische Anteil letztlich zu einem Geschenk wurde.

Verschiedene Probleme in unterschiedlichen Ländern Präsident Wilson hatte im Februar 1919 eine Summe von 100 Millionen Dollar bewilligt, die von der A.R.A. als reiner Zuschuss verwendet werden konnte, doch brachte man die Leistungen in den Nehmerländern, wenn sie nicht bar bezahlt wurden, auf Kreditbasis an, was die Erwartungen dämpfte und die Länder nicht wie Almosenempfänger dastehen ließ. Kaum einzutreibend erwiesen sich diese Forderungen letztlich größtenteils als eine Wohlfahrtsunterstützung durch die USA – spätestens 1933, als alle Länder mit Ausnahme Finnlands die Nichtanerkennung ihrer Schulden gegenüber den Vereinigten Staaten erklärten.

Der gewünschte Effekt war, in einem Land wie Polen, das innerhalb von vier Jahren vier feindliche Einmärsche erlebt hatte, den Kommunismus unattraktiv zu machen. Mancherorts hatten die Polen sieben Invasionen zu überstehen gehabt, auch die Mitarbeiter der A.R.A. machten in Lemberg noch die Erfahrung des Beschusses von Land und der Bombenabwürfe aus der Luft.William R. Grove: War’s Aftermath. Polish Relief in 1919, House of Field Publishers, New York 1940, S. 143 Nach der russischen Herrschaft war es zu einem Bürgerkrieg in Finnland gekommen, bald war der Hunger das bestimmende Problem. Drohte für die A.R.A. die Frage des Schiffsraums überhaupt zu einer Katastrophe zu werden, gehörte zu Finnland das Phänomen, über Schiffe zu verfügen, die nicht in See stechen durften, da sie staatenlos geworden waren. Lange hoffte Frankreich auf einen Zusammenbruch des kommunistischen Russland – die Wiedereingliederung Finnlands wäre die Folge gewesen –, bis sich die „Großen Vier“ am 3. Mai 1919 zur Anerkennung Finnlands durchrangen. Im selben Monat blieb Herbert Hoover nichts anderes übrig, als den in Lettland als Oberbefehlshaber einer Besatzungsarmee fungierenden Rüdiger von der Goltz um eine Besetzung von Riga zu bitten, da anders eine Ernährung der Einwohner nicht möglich war. Was sich dann abspielte, war eine Ablösung von Rotem durch Weißen Terror. Auch in Estland hatte sich nach dem Einmarsch der russischen Roten Armee vom Dezember 1918 die Ernährungslage so verschlechtert, dass sich die Kindersterblichkeit auf 35 Prozent erhöhte.

In Südeuropa kannte Jugoslawien auf serbischem Gebiet einen Lebensmittelüberschuss, während man in den Provinzen an der Adria hungerte. Als Ungarn nach dem kommunistischen Zwischenspiel von Béla Kun durch die rumänische Armee geplündert worden war – man hatte es in den Jahren zuvor umgekehrt nicht anders gehalten –, bot sich für die A.R.A. ein weites Feld für den zweiten Punkt ihres Auftrags, der Verbesserung von Verkehrsverbindungen. Politisch am schwierigsten war das Vorgehen der A.R.A. gegenüber den Sowjets, zumal Winston Churchill am 14. Februar 1919 den Einmarsch der Alliierten forderte. Die Russen brauchten aber Nahrungsmittelhilfe und die A.R.A. hielt Ausschau nach einer neutralen Führungsperson. Der mit Hoover befreundete Fridtjof Nansen schien geeignet, musste aber vom norwegischen Premierminister gedrängt werden. Am 14. Mai 1919 stimmten die Sowjets prinzipiell einem Hilfswerk zu.

Praktische Durchführung der Hilfeleistungen Die Leitung des Amerikanischen Hilfswerks erhielt in Paris die Bedarfsmeldungen ihres an den kritischen Punkten befindlichen Personals und legte danach die Hilfsmaßnahmen fest, die vom „Supreme Council of Supply and Relief“ und später von der „Food Section of the Supreme Economic Council“ genehmigt und in Einklang mit Aktionen der Alliierten und anderer Hilfsorganisationen gebracht wurden. Sodann ging die Bestellung an die Getreidegesellschaft in London, die selbige an ihr New Yorker Büro telegraphierte. Jenes organisierte die Lebensmittelfrachter mit Anlaufpunkt Falmouth für die „Northern Relief“ (Nordhilfe, d. h. über Nord- oder Ostsee führend) und Gibraltar für die „Southern Relief“ (Südhilfe, d. h. über die Adria oder das Schwarze Meer führend). Paris erhielt eine Mitteilung über die Fracht und die voraussichtliche Ankunft und teilte nun London den Bedarfspunkt mit. Dorthin wurden die Schiffe vom Londoner Büro der Getreidegesellschaft aus dirigiert, sobald sie in den Bereich einer drahtlosen Verständigung kamen. Am Zielhafen wurde das Frachtgut meist den Behörden des Empfängerlandes übergeben oder eingelagert. Die Getreidegesellschaft kümmerte sich um die Zahlungsabwicklung, während A.R.A.-Abgesandte beobachteten, ob die Lieferungen wirklich die notleidenden Menschen erreichten. Besonders genau wurden für Zwecke der Kinderspeisung vorgesehene Lebensmittel im Auge behalten.

Eindämmung einer Fleckfieber-Epidemie