mini|Dilma Rousseff, 2011

Dilma Vana Rousseff (* 14. Dezember 1947 in Belo Horizonte) ist eine brasilianische Wirtschaftswissenschaftlerin und Politikerin. Sie gehört der gemäßigt linken Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores an. Vom 1. Januar 2011 bis zum 31. August 2016 war sie Präsidentin von Brasilien. Sie war die erste Frau in diesem Amt.

In ihrer zweiten Amtszeit, die am 1. Januar 2015 begann und regulär am 31. Dezember 2018 geendet hätte, warfen Rousseffs politische Gegner ihr Verstöße bei der Führung der Staatsfinanzen vor. Der Bundessenat suspendierte sie am 12. Mai 2016 für sechs Monate von ihrem Amt und beschloss am 31. August 2016 ihre Amtsenthebung. Rousseff selbst wies die Vorwürfe zurück und sprach von einem „Putsch“.Brasilien: Senat stimmt für Dilma Rousseffs Amtsenthebung spiegel.de, 31. August 2016

Im März 2023 übernahm sie die brasilianische Präsidentschaft der New Development Bank, die sie bis Mitte 2025 zu Ende führte. Am 19. März 2025 wurde sie einstimmig wiedergewählt. Sie bekleidet das Amt voraussichtlich bis zum 6. Juli 2030.

Leben Dilma Rousseff wurde 1947 in Belo Horizonte als Tochter von Pedro Rousseff und dessen zweiter Ehefrau Dilma Jane Silva geboren. Ihr Vater stammt aus Gabrowo in Bulgarien, wo er ab den 1920er Jahren aktives Mitglied der Kommunistischen Partei war. 1929 floh er zunächst nach Frankreich. Später ging er nach Südamerika und ließ sich schließlich in Brasilien nieder; nach seiner Auswanderung änderte er seinen Geburtsnamen Pétar Russéw () in Pedro Rousseff. Er war ein enger Freund der bulgarischen Dichterin Elisaweta Bagrjana. Durch ihren Vater hatte Dilma einen Halbbruder namens Ljuben († 2007).

mini|Die Familie von Dilma Rousseff, von links nach rechts: ihr Bruder Igor, ihre Mutter Dilma Jane Coimbra Silva, Dilma Rousseff (oben), ihr Vater Pedro Rousseff (Petar Russev) mit der kleinen Zana Lúcia

Da ihr Vater als Anwalt und Unternehmensvertreter in Brasilien erfolgreich war, wuchs Dilma Rousseff in solidem Wohlstand in Belo Horizonte auf. Nach dem Schulbesuch studierte sie zunächst an der Universidade Federal de Minas Gerais Volkswirtschaft, brach dieses Studium aber ab, als sie sich im bewaffneten Widerstand gegen die seit 1964 regierende Militärregierung engagierte (siehe Abschnitt Politik); 1973 wurde sie offiziell durch die Universität exmatrikuliert.

Nach Verbüßen einer Haftstrafe wegen ihrer Untergrundtätigkeit zog Dilma Rousseff nach Porto Alegre. Sie nahm ihr Studium an der Universidade Federal do Rio Grande do Sul wieder auf und schloss es 1977 ab. Anschließend arbeitete sie bei der Fundação de Economia e Estatística (FEE), einer Organisation des Bundesstaates Rio Grande do Sul. Ab 1978 studierte sie einen Masterstudiengang in Volkswirtschaft an der Universidade Estadual de Campinas, den sie jedoch genauso wie ihre Promotionsvorhaben nicht abschloss.

Ab Mitte der 1980er Jahre war Dilma Rousseff in unterschiedlichen politischen Funktionen und bei der FEE tätig (siehe Abschnitt Politik).

Dilma Rousseff war zweimal verheiratet, zunächst mit dem Journalisten Cláudio Galeno de Magalhães Linhares, später mit Carlos Franklin Paixão de Araújo. Aus dieser Ehe ging ihre einzige Tochter Paula hervor. Seit 2000 ist Dilma Rousseff von ihrem zweiten Ehemann geschieden. Bis 1999 trug Dilma Rousseff den Nachnamen ihres ersten Ehemanns Linhares; dann nahm sie ihren Geburtsnamen wieder an.

2009 erkrankte sie an einem malignen Lymphom.Angeschlagene Lady. In: Der Spiegel 19/2009 vom 4. Mai 2009, abgerufen am 7. Mai 2016.

Wie in Brasilien üblich, wird Dilma Rousseff in den Medien und selbst in offiziellen Verlautbarungen oft nur mit ihrem Vornamen „Dilma“ genannt.

Politik Aktivitäten im Widerstand gegen die Militärdiktatur Dilma Rousseff begann sich gegen Ende ihrer Schulzeit für die politische Situation ihres Landes zu interessieren, das seit 1964 eine Militärdiktatur war. Über eigene Beschäftigung mit sozialistischen und marxistischen Theorien sowie den Journalisten Cláudio Galeno Linhares, den sie später heiratete, kam sie Ende der 1960er Jahre zur Partido Socialista Brasileiro und schloss sich dort dem Comando de Libertação Nacional an, das für den bewaffneten Kampf gegen die Militärdiktatur eintrat.

Dilma Rousseff war innerhalb der Guerillaorganisation vor allem mit Agitation befasst, aber zumindest passiv auch an gewalttätigen Aktionen beteiligt. Ab 1969 lebte sie im Untergrund und ging nach Rio de Janeiro. Über Carlos Franklin Paixão de Araújo kam sie zur marxistisch-leninistisch geprägten Guerillaorganisation VAR Palmares. Nach einigen Aussagen soll sie eine der Anführerinnen der Organisation gewesen sein, sie selbst bestreitet dies allerdings.Die Passage bezieht sich auf die entsprechende in der englischsprachigen Wikipedia, die unter anderem folgende Quellen zitiert: „Ex-guerrilheira é elogiada por militares e vista como ‚cérebro‘ do grupo.“ Folha de S. Paulo (29.222): Caderno A – Brasil; „Aos 19, 20 anos, achava que eu estava salvando o mundo.“ Folha de S. Paulo (29.222): Caderno A – Brasil.

Im Januar 1970 wurde Dilma Rousseff in São Paulo, wo sie mittlerweile im Auftrag ihrer Organisation lebte, verhaftet.Sebastian Schoepp: Das Ende der Einsamkeit. Was die Welt von Lateinamerika lernen kann. Westend, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-938060-58-2, S. 73. Sie wurde drei Jahre im Gefängnis festgehalten und dort nach eigenen Angaben 22 Tage lang gefoltert. Ihr seien damals viele Zähne ausgeschlagen worden, was auch im Jahr 2014 noch Kiefer- und Kauprobleme verursache. Sie sei außerdem Elektroschocks, Schlägen und der Papageienschaukel ausgesetzt gewesen.

1972 wurde Dilma Rousseff aus dem Gefängnis entlassen.Sebastian Schoepp: Das Ende der Einsamkeit. Was die Welt von Lateinamerika lernen kann. Westend, Frankfurt am Main 2011, S. 74. Sie zog nach Porto Alegre, wo Carlos Araújo seine Haftstrafe verbüßte. Während sie dort studierte und arbeitete, engagierte sie sich für die einzige legale Oppositionspartei Movimento Democrático Brasileiro (MDB), war allerdings nicht Mitglied der Partei. Mit ehemaligen Mitstreitern aus der VAR Palmares traf sie sich regelmäßig zu Diskussionsrunden.

Kurz nach ihrem Amtsantritt als Präsidentin 2011 setzte Rousseff die brasilianische Wahrheitskommission zur Aufklärung der Verbrechen während der Militärdiktatur ein.Rousseffs Folterer an Krebs gestorben. ntv.de. Vom 7. Mai 2016

Politische Karriere nach der Militärdiktatur Nach der Zulassung weiterer politischer Parteien in Brasilien gründete Dilma mit anderen die Partido Democrático Trabalhista (PDT). Sie arbeitete als Beraterin der PDT-Abgeordneten im Parlament von Rio Grande do Sul. Ab 1985 war sie in der Stadtregierung von Porto Alegre für die Finanzen zuständig. Das Amt gab sie 1988 auf, als ihr Ehemann Carlos Araújo als Bürgermeister kandidierte. 1989 war sie kurzzeitig Generaldirektorin des Stadtrates, wurde aber entlassen.

Ab 1990 war sie Präsidentin des Amtes für Wirtschaft und Statistik (Fundação de Economia e Estatística, FEE) von Rio Grande do Sul. 1993 bis 1994 war sie Ministerin des Bundesstaates für Energie und Kommunikation. Anschließend kehrte sie zur FEE zurück.

Ab 1998 war Dilma Rousseff erneut Energieministerin in Rio Grande do Sul. Nach Streitigkeiten in ihrer Partei um die Regierungsbeteiligung trat sie 2000 mit anderen Mitgliedern der PDT zur Partido dos Trabalhadores über, die zu dieser Zeit den Gouverneur des Bundesstaates stellte.

Nach dem Wahlsieg Lula da Silvas bei der Präsidentschaftswahl 2002 wurde sie zur Energieministerin der Bundesregierung ernannt. Im Juni 2005 wechselte sie in das Amt der Kabinettschefin. In beiden Ämtern verfolgte Dilma Rousseff eine auf Wachstum und Stärkung der Industrie ausgerichtete Politik und war damit mitverantwortlich für den Rücktritt von Marina Silva als Umweltministerin der Bundesregierung, die ihre Gegenkandidatin im Präsidentschaftswahlkampf 2010 wurde. Im März 2010 trat sie im Zuge ihrer Präsidentschaftskandidatur vom Amt der Kabinettschefin zurück.

Verflechtungen mit dem staatlichen Ölkonzern Petrobras Während ihrer Zeit als Energieministerin und später Stabschefin war Rousseff Vorsitzende des Aufsichtsrats von Petrobras (2003 bis 2010).Matthias Rüb: Wirtschaftsskandal bedroht Rousseff: Milliardengrab in Texas. In: FAZ vom 29. März 2014. Abgerufen am 27. Februar 2015. Der Konzern stürzte 2014 in die Krise, als sich Vorwürfe jahrelanger Korruption, Veruntreuung und Parteienbestechung erhärteten.Brasiliens Polizei schlägt in Petrobras-Affäre zu. In: Deutsche Welle vom 15. November 2014. Abgerufen am 27. Februar 2015.Der große Stresstest – Wie die Ermittlungen eines Richters zur Staatskrise führten. In: Der Spiegel, Nr. 14/2016 (2. April 2016) (Printausgabe), S. 102–104.

mini|hochkant|Dilma Rousseff (2010)

Präsidentschaftswahl 2010 Bei der Präsidentschaftswahl 2010 durfte der bisherige Amtsinhaber Lula da Silva nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren. Er schlug seiner Partei Dilma Rousseff als Kandidatin vor. Im Februar 2010 wurde sie von der PT offiziell nominiert. Es war ihre erste Kandidatur überhaupt für ein politisches Wahlamt.

Dilma Rousseff galt im Wahlkampf als spröde und dogmatisch. Zu Beginn des Wahlkampfes lag sie deutlich hinter ihrem Gegenkandidaten José Serra zurück. Durch die Unterstützung des in weiten Teilen des Volkes populären amtierenden Präsidenten Lula konnte sie jedoch in den Umfragen stark zulegen. Ab Juli 2010 führte sie deutlich vor Serra, zeitweise lag sie klar über 50 Prozent. Bei der Wahl am 3. Oktober 2010 verfehlte sie jedoch mit knapp 47 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit und damit die direkte Wahl im ersten Wahlgang. Die Stichwahl am 31. Oktober gewann sie mit 55,4 Prozent der Stimmen.Brasilien: Lula-Erbin Rousseff siegt bei Präsidentenwahl spiegel.de, 1. November 2010

Erste Präsidentschaft mini|Angela Merkel und Dilma Rousseff bei der Eröffnung der CeBIT 2012 mini|hochkant|Dilma Rousseff nach der gewonnenen Wahl 2014

Die Amtsübergabe fand am 1. Januar 2011 statt. 2011 besuchte Rousseff als erstes brasilianisches Staatsoberhaupt Bulgarien. Für sie war es zugleich die erste Reise ins Heimatland ihres Vaters. Im Rahmen des Besuchs erhielt sie die höchste bulgarische Auszeichnung, den Orden „Stara Planina“. Sie besuchte neben der Hauptstadt Sofia auch Weliko Tarnowo und Gabrowo, den Heimatort ihres Vaters, in dem sie Verwandte traf.Dilma Rousseff besucht ihre Ahnen. In: Neue Zürcher Zeitung, 5. Oktober 2011, abgerufen am 5. Januar 2012.

Seit Juli 2011 verfolgte sie einen erklärten Anti-Korruptionskurs. Bis Anfang Dezember 2011 traten insgesamt sechs Kabinettsmitglieder nach Korruptionsvorwürfen zurück, darunter Tourismusminister Pedro Novais am 15. September, Sportminister Orlando Silva de Jesus Júnior am 26. Oktober und Arbeitsminister Carlos Lupi am 4. Dezember.

Rousseff kritisierte die von der NSA praktizierte Überwachung von Personen und sagte deshalb einen Termin mit Barack Obama ab. In einer Rede vor der UN-Vollversammlung beschuldigte sie die USA, internationales Recht gebrochen zu haben, und verlangte von Obama eine Entschuldigung.