mini|hochkant=1.5|Masern-Ausschlag bei einem nigerianischen Mädchen. Der Großteil der weltweit auftretenden Krankheitsfälle betrifft den afrikanischen Kontinent. mini|hochkant=1.5|Maserntypische Hauteffloreszenz
Masern oder Morbilli sind eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, die vor allem Kinder betrifft. Neben den typischen roten Hautflecken (Masern-Exanthem) ruft die Erkrankung Fieber und einen erheblich geschwächten Allgemeinzustand hervor. Diese sogenannte Kinderkrankheit wird durch das Masernvirus hervorgerufen und kann in manchen Fällen lebensbedrohlich sein durch schwere Verläufe (Komplikationen) mit Lungen- und Hirnentzündungen. In den meisten Ländern ist die Erkrankung meldepflichtig.
Die Diagnose erfolgt durch das klinische Bild und einen Antikörpernachweis im Blut. Eine spezifische Therapie existiert nicht, der Erkrankung und somit auch den Komplikationen kann jedoch durch Impfung ab dem zwölften Lebensmonat vorgebeugt werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) strebt die weltweite Ausrottung der Masern an. Durch Impfungen konnte die Zahl der Erkrankungen in der Vergangenheit stark reduziert werden, von 1980 bis 2013 um über 95 %. Bedingt durch die sich in den Industrieländern ausbreitende Impfscheu und die globale Migrationsbewegung sind die Masernfälle weltweit in den letzten Jahren wieder um 30 % angestiegen. Die WHO hat deshalb im Januar 2019 die Masern zur Bedrohung der globalen Gesundheit erklärt. Die Überprüfung und Ergänzung des Impfschutzes für Masern für Erwachsene und Kinder bei Reisevorbereitungen wird daher dringend empfohlen. In Regionen mit hoher Impfquote wie beispielsweise Nord- und Südamerika sind Masern bis auf wenige importierte Fälle de facto bereits ausgerottet, dort wurden im Jahr 2014 weniger als 2000 Fälle bestätigt.PAHO/WHO Scientific and Technical Material. „Measles Rubella Weekly Bulletin“, (52), 27. Dezember 2014 Seit Ende 2023 ist europaweit ein starker Anstieg der Fallzahlen zu beobachten.Kristin Kahl: Umgang mit Masern. Berliner Impfbeirat veröffentlicht Empfehlungen. In: Deutsches Ärzteblatt. Jahrgang 121, Heft 7, 5. April 2024, S. B 417 (Online-Quelle).
Die lateinische Bezeichnung ist eine Verkleinerungsform (Diminutiv) von „Krankheit“.
Epidemische Lage Erregerreservoir Menschen und Primaten können sich mit dem Masernvirus anstecken. Vom Menschen ausgehende Infektionen der Primatenpopulation sind dokumentiert. Bei den Menschenaffen ist aber die Anzahl der Individuen innerhalb der sozialen Gruppe zu klein, so dass das Virus dort ausbrennt und nicht dauerhaft zirkuliert.William J. Moss, Peter M. Strebel: Measles Vaccines. in Walter A. Orenstein, Paul A. Offit, Kathryn M. Edwards, Stanley A. Plotkin: Plotkin's Vaccines. 8. Auflage, Philadelphia, 2024, S. 637 Da somit der Mensch die einzige Wirtspopulation ist, welche eine dauerhafte Erregerzirkulation ermöglicht und ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung steht, ist die Ausrottung des Erregers möglich.RKI-Ratgeber:Masern, Stand 23. Juli 2021; abgerufen am 11. August, 2024
Welt Gemeldete Krankheitsfälle, Statistik der WHO WHO-Region 1980 1990 2000 2010 20202024 Afrika 1.240.993 481.204 520.102 199.174 115.368195.039 Amerika 257.790 218.579 1.754 247 9.996165 Östliches Mittelmeer 341.624 59.058 38.592 10.072 6.76978.765 Europa 492.660 185.818 37.421 30.625 11.113151.040 Südostasien 170.600 132.820 75.214 35.359 8.86527.424 Westlicher Pazifik 1.348.575 247.595 180.396 68.329 7.12923.979 Weltweit 3.852.242 1.325.074 853.479 343.806 159.240476.412 Das Masernvirus kommt weltweit vor, wobei die Krankheitshäufigkeit stark variiert. Insbesondere in Entwicklungsländern kommt es immer wieder zu lokalen Masernepidemien mit hohen Krankheits- und Sterblichkeitszahlen.Eine Übersicht bietet Website des CDC, Center for Disease Control and Prevention (englisch).William J Moss: Measles Still Has a Devastating Impact in Unvaccinated Populations. In: PLoS Medicine, 4, 2007, S. e24, doi:10.1371/journal.pmed.0040024. PMID 17199409 Die Masern gehören dort zu den häufigsten Infektionskrankheiten. Laut Schätzung der WHO haben sie im Jahr 2000 fast die Hälfte der 1,7 Millionen durch Impfung vermeidbaren Todesfälle bei Kindern verursacht, bei geschätzten 30 bis 40 Millionen Krankheitsfällen in jenem Jahr.WHO-UNICEF joint statement on strategies to reduce measles mortality worldwide. In: Weekly epidemiological record, 27, 77, 2002, S. 221–228; PMID 12125242, who.int (PDF; 158 kB) Die Zahl der gemeldeten Erkrankungen liegt aufgrund der hohen Dunkelziffer weit unter diesen geschätzten Werten (siehe Tabelle).
mini|Inzidenz (pro Mio.) bezogen auf die Impfquote (Erstimpfung) für MasernImpfquote gemäß WUENIC (WHO/UNICEF) 2022: WHO, Abruf: 2022-04-30; Infektionen gemäß WHO 2015 Auf der anderen Seite konnte das Virus durch groß angelegte Impfkampagnen in verschiedenen anderen Regionen, so dem gesamten amerikanischen Doppelkontinent, bereits weitgehend eliminiert werden (siehe Grafik). Das wurde dadurch möglich, dass der Mensch der einzige Wirt des Masernvirus ist. 2001 legten die WHO und UNICEF einen Plan vor mit dem Ziel, die Sterblichkeitsrate bei Kindern durch weltweite Impfprogramme bis zum Jahr 2005 zu halbieren. Während genaue Daten noch ausstehen, zeigen verschiedene Berichte, dass dieses Ziel zu einem großen Teil erreicht wurde. Von 1999 bis 2003 gelang eine weltweite Reduktion der Masern-Sterblichkeit um 39 %, wobei weiterhin hohe Sterblichkeitsraten in Afrika und Südostasien bestehen. 2005 adaptierte die World Health Assembly der WHO diese Pläne und formulierte für das Jahr 2010 das Ziel einer 90-prozentigen Reduktion der weltweiten Sterblichkeit.Jorge Barinaga, Paul Skolnik: Epidemiology and transmission of measles. Review, UpToDate v15.1, 2007. Dieses Ziel wurde laut WHO nicht erreicht. Von weltweit 535.300 (geschätzt) Maserntoten im Jahr 2000 sank die Zahl bis 2010 auf 139.300, dies entspricht einer Senkung um 74 %.Artikel. In: ÄrzteZeitung, 24. April 2012. WHO: Masern-Sterblichkeit weiter zu hoch. In: Ärzteblatt, 24. April 2012. 2019 sind weltweit nach Schätzungen der WHO und CDC mehr als 200.000 Menschen an Masern gestorben, insbesondere in Afrika.
Anfang 2020 äußerte die WHO, eine im Kongo herrschende, ein Jahr zuvor ausgebrochene Masernepidemie sei der „derzeit schlimmste Masernausbruch weltweit“. Sie habe zu mehr als 6.000 Todesfällen geführt.
Europa Die Gesamtzahl der erfassten Erkrankungen in Europa ging von 1990 bis 2004 bei gleichzeitig verbesserter Überwachungs- und Meldesysteme deutlich zurück. Die Häufigkeit der Fälle ist, bedingt durch variierende Impfquoten, sehr unterschiedlich. Während sie in einigen Regionen, wie den skandinavischen Ländern, sehr niedrig ist – in Finnland traten seit 1996 lediglich vier importierte Fälle auf05/2003. (PDF, 98 kB) Epidemiologisches Bulletin, Robert-Koch-Institut –, ist das in Mittel- und Osteuropa oft noch nicht der Fall. Dort kommt es aufgrund von Impflücken immer wieder zu lokalen Krankheitsausbrüchen. Trotz Meldepflicht in den meisten Ländern existiert wahrscheinlich eine hohe Dunkelziffer, und die Zahl der tatsächlichen Krankheitsfälle liegt wesentlich höher als die der gemeldeten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) appellierte 2011 an die EU-Mitgliedstaaten, Maßnahmen zur Bekämpfung der Masern zu verstärken.Masernvirus breitet sich weiter in der Europäischen Region aus: WHO fordert Mitgliedstaaten zur Intensivierung ihrer Gegenmaßnahmen auf, WHO-Pressemitteilung vom 25. Oktober 2011.
Im Jahr 2018 wurden bei weitem mehr Masernfälle gemeldet als in anderen Kalenderjahren des Jahrzehnts. Nachdem im Jahr 2022 insgesamt nur 941 Fälle in der Region Europa gemeldet worden waren, informierte die WHO im Dezember 2023 über das Auftreten von rund 30.000 Masernfälle in den Monaten Januar bis Oktober 2023, was einen mehr als 30-fachen Anstieg bedeutet. Um den Trend umzukehren, wurden dringende Maßnahmen gefordert.
Amerika Bis 1994 führten nahezu alle Staaten der UN-Region Amerika Impfprogramme für Kinder ein. Dadurch verringerte sich die durchschnittliche Zahl der Neuerkrankungen von 250.000 auf etwa 100 Fälle pro Jahr, die Masern gelten damit als faktisch ausgerottet. Regional treten noch vereinzelte Krankheitsausbrüche auf, die nahezu alle importiert sind oder auf importierte Masern zurückgeführt werden können. Amerika wird somit ein Beispiel dafür zitiert, dass die Masern durch Impfprogramme weltweit beherrscht werden können.C. A. de Quadros: Can measles be eradicated globally? In: Bull World Health Organ, 2004 Feb;82 (2), S. 134–138. PMID 15042236.
Inzwischen treten genuine, also nicht importierte, Masernerkrankungen in den Staaten Nord- und Südamerikas mit Einschluss der Karibik kaum noch auf.W. L. Atkinson, W. A. Orenstein, S. Krugman: The resurgence of measles in the United States, 1989–1990. In: Annu Rev Med., 1992;43, S. 451–163, PMID 1580601 Die Centers for Disease Control and Prevention sehen die Masern in den USA nicht mehr als endemische Krankheit an. 2016 wurde die Elimination der Masern in der WHO-Region Americas welche Nord- und Südamerika umfasst zertifiziert. Zwischenzeitlich kam es in Venezuela und Brasilien wieder zu einer endemischen Verbreitung der Erkrankung. Die beiden Länder konnten die Elimination bis 2023 und 2024 wiederherstellen.Minta AA, Ferrari M, Antoni S, Portnoy A, Sbarra A, Lambert B, Hatcher C, Hsu CH, Ho LL, Steulet C, Gacic-Dobo M, Rota PA, Mulders MN, Bose AS, Caro WP, O'Connor P, Crowcroft NS. Progress Toward Measles Elimination - Worldwide, 2000-2022. MMWR Morb Mortal Wkly Rep. 2023 Nov 17;72(46):1262-1268. doi:10.15585/mmwr.mm7246a3. PMID 37971951 Auch in den USA kam es nach 2016 wieder zu einer Zunahme von Masernerkrankungen. Ausgangspunkt waren Menschen, die aus Staaten mit noch endemischem Vorkommen von Masern in die USA eingereist waren und dann das Virus in Subpopulationen verschleppt hatten, die in den USA ohne Herdenimmunität sind. Ab Anfang Januar wurden, mit Stand zum 3. Juli 2019, über 1109 Fälle von Masern in 28 Staaten der USA gemeldet. Dies ist die größte Fallzahl seit 1992.
Situation nach Staaten
Europa Deutschland + Fallzahlen in Deutschland2001–2019: 2012–2023: Epidemiologische Situation der Masern und Röteln in Deutschland in 2023 (Stand: 1. März 2024), Robert Koch Institut, abgerufen am 12. Oktober 2024. Jahr Fälle 2001 6039 2002 4656 2003 777 2004 123 2005 781 2006 2308 2007 570 2008 914 2009 569 2010 780 2011 1608 2012 165 2013 1770 2014 464 2015 2442 2016 326 2017 924 2018 545 2019 515 2020 76 2021 10 2022 15 2023 79 2024 645 2025 234
2005 kam es in Deutschland zu zwei größeren Masernausbrüchen: im Februar in Hessen (223 Masernfälle, eine 14-Jährige starb) und von März bis Juli in Oberbayern (279 Masernfälle). 13 % von ihnen wurden in Kliniken behandelt. 2006 wurden Masernhäufungen in Baden-Württemberg sowie in Nordrhein-Westfalen (dort weit über 1500 Fälle) gemeldet.Masern: Situationsbericht 2005, Ausbrüche in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen im 1. Halbjahr 2006. In: Epidemiologisches Bulletin 27/2006 des RKI, 7. Juli 2006, rki.de: S. 206 (PDF; 140 kB)
2013 kam es in München zu einer Epidemie. Das dortige Gesundheitsreferat registrierte von April bis Anfang Juni 220 Fälle (nach 7 Fällen im Vorjahr). Über die Hälfte der Erkrankten musste in Kliniken behandelt werden, besonders häufig erkrankten Jugendliche und junge Erwachsene. Eine Schülerin brachte das Virus dann an eine Waldorfschule im Rhein-Erft-Kreis, wo es bei einer Impfquote von nur 25 % bei 400 Schülern zu einem weiteren Masernausbruch im Juli 2013 kam. 54 Menschen (davon 29 Jugendliche und Erwachsene) erkrankten. Drei Patienten mussten stationär im Krankenhaus behandelt werden. Da auch die Impfquote der Lehrer sehr niedrig war, musste die Schule für sechs Tage geschlossen werden.Epidemiologisches Bulletin 33/2014 (PDF; 150 KB) des Robert-Koch-Instituts