Die Neutestamentliche Bibelwissenschaft ist der zweite Teil der christlichen Bibelwissenschaft und unterteilt sich ihrerseits wiederum in mehrere Teildisziplinen: Textkritik und Textgeschichte des Neuen Testaments, Einleitung in das Neue Testament, Geschichte des Urchristentums und Theologie des Neuen Testaments. Sie entwickelten sich in dieser Reihenfolge im Verlauf des 18. Jahrhunderts.
Theologische Einordnung Die Neutestamentliche Bibelwissenschaft steht nach Hans Weder im Spannungsfeld zwischen der Auslegung eines als heilig betrachteten Textes und dem „Ereignis“ des „Kommens Jesu Christi.“ Darum erschöpfe sie sich nicht in der Anwendung feststehender Auslegungsregeln, wie sie auch die rabbinische Hermeneutik kennt. Sie beurteile im Licht des Christusereignisses auch Wahrheit und Geltung der so entstehenden Auslegung. Dieses Spannungsfeld wird bereits im Neuen Testament selbst durch die Formulierung „Geist und Buchstabe“ angedeutet. Während der gesetzlich verstandene Buchstabe töte, entdecke eine am Geist orientierte Auslegung im Evangelium eine Kraft, die am Menschen wirke. Hier Sp. 1529.
Geschichte Die Anfänge neutestamentlicher Wissenschaft werden in der Regel mit der Herausbildung ihrer Einzeldisziplinen in das 18. Jahrhundert verortet. Ihr Hintergrund sind die Fragestellungen der Aufklärung. „Gerade in der protestantischen Theologie kam nun sukzessive eine historisch-kritische ‚Bibelwissenschaft‘ zur Anwendung, um die traditionelle theologische Textauslegung (Hermeneutik) aufzubrechen.“Annette Meyer: Die Epoche der Aufklärung. 2. aktualisierte Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2018, S. 146. Gerhard Ebeling betont, dass das Erwachen des Geschichtsbewusstseins innerhalb der evangelischen Theologie besonders auf dem Feld der Bibelauslegung Auswirkungen hatte. Die Exegeten nutzten, so Ebeling, die historisch-kritische Methodik und brachen damit „unerhört neuen und unaufgebbaren Erkenntnissen Bahn.“Gerhard Ebeling: Die Bedeutung der historisch-kritischen Methode für die protestantische Theologie und Kirche, 1950, S. 33.
Für die früheren Epochen der Kirchengeschichte kann somit nicht von Bibelwissenschaft im eigentlichen Sinn die Rede sein, doch die Rezeptionsgeschichte neutestamentlicher Texte in diesen Jahrhunderten ist auch für die neutestamentliche Bibelwissenschaft interessant. Hier S. 375: „Von Bibelwissenschaft im Sinne eigenständiger neutestamentlicher Forschung kann erst im Zusammenhang der Herausbildung der einzelnen Disziplinen und der ihr inhärenten Abtrennung des Neuen Testaments vom Alten Testament im 18. Jh. gesprochen werden … Neutestamentliche Wissenschaft ist … auch Aufbereiterin einer … Wirkungsgeschichte von Einsichten vergangener Jahrhunderte, so gewiß weder in der alten Kirche, im Mittelalter noch in der beginnenden Neuzeit von Bibelwissenschaft im exakten Sinne gesprochen werden kann.“
Bis zur Aufklärung Eine andere Einschätzung findet sich bei Hans Weder. Unter einem wissenschaftlichen Umgang mit der Bibel könnte man jenen nach dem methodisches Prinzip des Zweifels und der Suspendierung der Autorität der Tradition verstehen. In diesem Fall dürfte man von Bibelwissenschaft erst nach der Aufklärung sprechen. Wenn man allerdings bereits den methodisch reflektierten Umgang mit den Texten als „wissenschaftlich“ anerkenne, beginne Bibelwissenschaft im Alten Testament und setze sich im Urchristentum fort, etwa wenn Paulus von Tarsus aus Florilegien Zitate für einen Schriftbeweis auswählte und wenn er alttestamentliche Texte typologisch oder allegorisch auslegte.
Die Auslegung des Neuen Testaments in der Spätantike kennzeichnet Weder durch die Stichworte 1. historisch-philologische Textwahrnehmung, 2. allegorische Methode und 3. Normierung durch die regula fidei. Im Mittelalter wurden diese spätantiken Kommentare kompiliert, in Katenen erschlossen und gerade im Neuen Testament kaum bereichert. Die Aneignung erfolgte über die Allegorie (Lehre vom vierfachen Schriftsinn). Dies wurde von den Reformatoren verworfen, die eine Konzentration der Auslegung auf den Literalsinn forderten. Als Sachkriterium wurde das, „was Christum treibet“, angewandt (ähnlich wie die regula fidei in der Alten Kirche). Der humanistische Ruf Ad fontes hatte auch ein erhöhtes Interesse am griechischen Text des Neuen Testaments zur Folge. Hier Sp. 1530–1533. Dieses humanistische Interesse am „Urtext“ wurde von römisch-katholischen Theologen vielfach geteilt, doch setzte das Konzil von Trient dem reformatorischen Schriftprinzip (Sola scriptura) die Bedeutung der Tradition entgegen. Dem kirchlichen Lehramt oblag demnach, den „wahren Sinn u. die Erklärung der heiligen Schriften“ festzustellen.
Während die ältere Forschung einen Bruch der Reformatoren mit der mittelalterlichen Hermeneutik sah, betont die neuere Forschung die Kontinuitäten, in denen sie standen. Als Epochenscheide wird daher nicht die Reformation (16. Jahrhundert), sondern die Aufklärung (18. Jahrhundert) und die von ihr bewirkten geistig-philosophischen Veränderungen angesehen.Meinrad Böhl, Wolfgang Reinhard, Peter Walter: Hermeneutik. Die Geschichte der abendländischen Textauslegung von der Antike bis zur Gegenwart. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2013, S. 179.
Aufklärung Während im protestantischen Raum sowohl die altlutherische als auch die altreformierte Orthodoxie der Exegese enge Grenzen setzten,Meinrad Böhl, Wolfgang Reinhard, Peter Walter: Hermeneutik. Die Geschichte der abendländischen Textauslegung von der Antike bis zur Gegenwart. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2013, S. 193–195. begann für die römisch-katholischen Exegeten in dem von Trient gesetzten Rahmen ein „goldenes Zeitalter“, in dem Juan Maldonado, Sixtus von Siena und Guilielmus Estius wirkten. Hier S. 381.Meinrad Böhl, Wolfgang Reinhard, Peter Walter: Hermeneutik. Die Geschichte der abendländischen Textauslegung von der Antike bis zur Gegenwart. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2013, S. 198. Richard Simons 1689 veröffentlichtes Werk Histoire critique du texte du Nouveau Testament gilt als grundlegend für die historisch-kritische Methode. Freilich verfielen Simons Schriften der kirchlichen Zensur und kamen so weitgehend um ihre Wirkung.
In der Aufklärung entstand die neutestamentliche Bibelwissenschaft im evangelischen Raum in einer doppelten Abgrenzung gegen
die zum Beispiel von Matthias Flacius vertretene Lehre von der Verbalinspiration und daraus folgend einer Sonderstellung neutestamentlicher Texte verglichen mit zeitgenössischen antiken Texten, die Historisierung, welche die Bibel als zeitbedingt zugunsten zeitlos-gültiger Wahrheiten einer natürlichen Religion relativierte. Hier Sp. 1533 f.
hochkant|mini|Richard Bentley Johann Salomo Semler forderte, den biblischen Text mit den gleichen Methoden wie zeitgenössische antike Texte zu erschließen. Die Textkritik des Neuen Testaments arbeitete daran, den Textus receptus der Reformationszeit durch bessere Urtextausgaben zu ersetzen. Wesentliche Beiträge leisteten John Mill, Richard Bentley, Johann Albrecht Bengel, Johann Jakob Wettstein und Johann Jakob Griesbach. Hier S. 381 f.
Hermann Samuel Reimarus zeigte auf, dass die Widersprüche zwischen den Ostererzählungen der Evangelien nicht harmonisierbar sind. Damit wurde die Frage nach dem historischen Jesus aufgeworfen. Die wissenschaftliche Untersuchung des Alten und des Neuen Testaments gingen seit dem 18. Jahrhundert getrennte Wege (was eine Biblische Theologie im 20. Jahrhundert wieder zu überwinden suchte).
Mit Marius Reiser lassen sich infolge des Paradigmenwechsels in der Aufklärungszeit folgende bibelhermeneutische Grundsätze feststellen:Meinrad Böhl, Wolfgang Reinhard, Peter Walter: Hermeneutik. Die Geschichte der abendländischen Textauslegung von der Antike bis zur Gegenwart. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2013, S. 210. Alle Einzelschriften müssen für sich betrachtet werden. Entsprechend gibt es nun nicht mehr die biblische oder neutestamentliche Christologie, sondern zum Beispiel die Christologie des Markusevangeliums. Bibelstellen können nicht mehr generell zur gegenseitigen Erklärung herangezogen werden, sondern nur, wenn sie in einer historischen oder sachlichen Beziehung zueinander stehen. Der Exeget gebraucht seine Vernunft und die wissenschaftlichen Methoden; die Regula fidei der eigenen Kirche ist unwichtig.
Zentren der Historisch-kritischen Bibelwissenschaft waren zunächst die Universitäten Halle und Göttingen, zu denen die Universität Tübingen erst später stieß.Meinrad Böhl, Wolfgang Reinhard, Peter Walter: Hermeneutik. Die Geschichte der abendländischen Textauslegung von der Antike bis zur Gegenwart. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2013, S. 211.
Historismus hochkant|mini|Theodor Zahn Im 19. Jahrhundert wurden verschiedene Wege entwickelt, um den „garstigen Graben“ zwischen der Welt des Neuen Testaments und den modernen Lesern zu überwinden. In Aufnahme von Impulsen Friedrich Schleiermachers und Wilhelm Diltheys wurde beispielsweise das „einfühlende Verstehen“ empfohlen. Eine radikale Kerygmatische Theologie (Franz Overbeck, Martin Kähler) erklärte die historischen Zeitumstände des Neuen Testaments für bedeutungslos zum Verstehen des Neuen Testaments. Positive Theologen wie Theodor Zahn kritisierten die historisch-kritische Methode als nicht zielführend. Für Zahn, der historisch-philologisch, aber nicht historisch-kritisch arbeitete, war der persönliche Glaube des Exegeten Voraussetzung für die Beschäftigung mit dem Bibeltext.Meinrad Böhl, Wolfgang Reinhard, Peter Walter: Hermeneutik. Die Geschichte der abendländischen Textauslegung von der Antike bis zur Gegenwart. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2013, S. 233. Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit der Leben-Jesu-Forschung. Die von David Friedrich Strauß aufgeworfenen Zweifel an der historischen Zuverlässigkeit der Evangelien regten die Quellenkritik an, welche schließlich die Zweiquellentheorie entwickelte. Sie erfährt breite Anerkennung, da sie „die meisten Textphänomene auf einfache und elegante Art zu erklären vermag.“ Hier Sp. 1534.
Um 1900 erlebte die Religionsgeschichtliche Schule eine Blütezeit. Sie betonte, dass das Urchristentum und das zeitgenössische Judentum vor dem Hintergrund des Hellenismus verstanden werden sollten. Die Kommentarreihe Handbuch zum Neuen Testament (HNT) und die Monographienreihe Forschungen zu Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments (FRLANT) waren in ihren Anfängen der Religionsgeschichtlichen Schule eng verbunden. Hier Sp. 1535.
Die römisch-katholische Exegese war durch die Vorgaben des Lehramts in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Johann Adam Möhler trat in den 1840er Jahren in eine fundamentaltheologische Auseinandersetzung mit dem liberalen Protestantismus ein (Offenbarung, Schrift und Tradition, Ekklesiologie), war aber auch exegetisch tätig, unter anderem mit einer Auslegung des Römerbriefs. Das Erste Vatikanische Konzil schränkte den Radius katholischer Exegeten nochmals ein. Die 1902 gegründete Päpstliche Bibelkommission entschied Fragen der neutestamentlichen Bibelwissenschaft autoritativ (vgl. Liste von Dokumenten der Päpstlichen Bibelkommission). Da ihre Responsa nie formell für ungültig erklärt wurden, wirkte ihre hemmende Wirkung lange nach.Meinrad Böhl, Wolfgang Reinhard, Peter Walter: Hermeneutik. Die Geschichte der abendländischen Textauslegung von der Antike bis zur Gegenwart. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2013, S. 252.
20. und 21. Jahrhundert