mini|Die siebenstufige Pyramide in Koh Ker mini|Inschrift in Khmerschrift
Koh Ker (Khmer: ) ist der moderne Name für eine ehemals bedeutende Stadt des Khmer-Reiches, die Lingapura (Stadt der Lingas) oder Chok Gargyar („Stadt des Glanzes“) genannt wurde.Csaba Kàdas: Koh Ker, Shortguide. Hunincor 2010, ISBN 978-963-08-0470-7, S. 8–9. Sie liegt im Norden Kambodschas in einem dünn besiedelten Dschungelgebiet, rund 120 Kilometer von Siem Reap und Angkor entfernt. Auf einem Areal von 81 km2 wurden bisher über 180 Monumente entdeckt.Csaba Kàdas: Koh Ker, Shortguide. Hunincor 2010, ISBN 978-963-08-0470-7, S. 13. Die meisten liegen versteckt im Wald, der teilweise noch stark vermint ist. Etwa zwei Dutzend Heiligtümer können gefahrlos besichtigt werden.
Unter den Khmer-Königen Jayavarman IV. und Harshavarman II. war Koh Ker kurzzeitig (von 928–944 n. Chr.) Hauptstadt des gesamten Imperiums. Jayavarman IV. (928–941) verfolgte in Koh Ker ein ehrgeiziges Bauprogramm, zu dem u. a. ein großes Wasserreservoir und zahlreiche Tempel zählten, darunter eine 36 m hohe, siebenstufige Pyramide.
In Koh Ker wurde der eigenständige „Koh-Ker-Stil“ entwickelt und die Bildhauerkunst erreichte einen fulminanten Höhepunkt. Wegen der abgeschiedenen Lage wurde der Ort immer wieder von Kunsträubern heimgesucht. Skulpturen aus Koh Ker sind in diversen Museen anzutreffen. Meisterwerke aus Koh Ker werden ab und zu auf Auktionen angeboten; aus heutiger Sicht handelt es sich größtenteils um Raubkunst.
Seit 2023 steht Koh Ker auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.Koh Ker: Archaeological Site of Ancient Lingapura or Chok Gargyar. UNESCO World Heritage Convention, 2023
Geographie Koh Ker liegt zwischen den südlichen Ausläufern des Dangrek-Gebirges, den Kulen-Bergen (Phnom Kulen) im Südwesten und dem Phnom Tbeng im Osten. Die Region ist hügelig und zum größten Teil dicht bewaldet, wobei laubwerfende Bäume in der Überzahl sind. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als französische Forscher und Abenteurer das Gebiet durchstreiften, gab es noch große Wildbestände. Die Stadt Koh Ker lag an der wichtigsten strategischen Straße des gesamten Khmerreiches, die von Angkor nach Beng Mealea zum Prasat Preah Vihear und weiter nach Phimai (im heutigen Thailand) und zum Wat Phu (im heutigen Laos) führte.Csaba Kàdas: Koh Ker, Shortguide. Hunincor 2010, ISBN 978-963-08-0470-7, S. 13–14. Die Gegend ist relativ trocken. Im 9. und 10. Jahrhundert wurden zahlreiche Reservoirs und Kanäle gebaut, um die Wasserversorgung sicherzustellen. Heute wird Wasser mittels Pumpen aus rund 30 bis 40 Metern Tiefe gefördert.Csaba Kàdas: Koh Ker, Shortguide. Hunincor 2010, ISBN 978-963-08-0470-7, S. 9.
Geschichte Koh Ker wurde erstmals 919 n. Chr. in einer Inschrift erwähnt und als Pura (Sanskrit für Stadt) bezeichnet. Bereits damals gab es in Koh Ker zahlreiche Heiligtümer.A short guide to the temples of Koh Ker. Heritage Watch
Jayavarman IV.
Jayavarman IV. regierte wahrscheinlich als lokaler König über ein Gebiet, dessen Hauptstadt Koh Ker war, bevor er 928 zum König von Kambuja ausgerufen wurde.Csaba Kàdas: Koh Ker, Shortguide. Hunincor 2010, ISBN 978-963-08-0470-7, S. 15. Das würde erklären, warum er das abgelegene Koh Ker als Metropole wählte und nicht wie seine Vorgänger in Roluos (Hariharalaya) oder Yasodharapura (Angkor) regierte. Jayavarman IV. demonstrierte seine Macht u. a. mit einem ehrgeizigen Bauprogramm, das er mittels repressiver Steuererhebungen verwirklichte. Rund vierzig Tempel, darunter die gewaltige Stufenpyramide, entstanden während seiner Regierungszeit (928–944) in Koh Ker. Die Bildhauerei erreichte während seiner Herrschaft einen künstlerischen Höhepunkt.
Die Frage, ob Jayavarman IV. ein Usurpator war, wird häufig diskutiert. Die Mehrzahl der Forscher betrachtet ihn jedoch als legitimen Herrscher. Jayavarman IV. kam dank der Heirat mit einer jüngeren Halbschwester von Yasovarman I. (889–900) an die Macht, da die Söhne dieses Königs ohne Nachkommen verstorben waren (Harshavarman I. regierte von 900–922, Isanavarman II. von 922–ca. 925).
Harshavarman II.
Nach dem Tod von Jayavarman IV. im Jahr 941 wurde nicht sein designierter Nachfolger König. Ein anderer seiner Söhne, Harshavarman II., riss die Herrschaft an sich. Während seiner kurzen Regierungszeit (941–944) wurden in Koh Ker keine weiteren Tempel errichtet. Ob Harshavarman II. eines natürlichen Todes starb, ist fraglich. Sein Cousin Rajendravarman II. trat die Nachfolge an und verlegte die Hauptstadt wieder nach Angkor.
Koh Ker nach 944
Obschon Koh Ker nicht mehr Hauptstadt des Khmerreiches war, entstanden nach 944 nachweislich weitere Bauten. Der letzte Tempel wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts errichtet und liegt östlich des Rahal-Baray. Er stammt von Jayavarman VII. (1181–1220) und war eine der über 100 Krankenhaus-Kapellen, die dieser Herrscher im ganzen Reich erbauen ließ.
Forschungsgeschichte
19. Jahrhundert
Die Franzosen Lunet de Lajonquière und Etienne Aymonier besuchten Koh Ker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie sahen den Haupttempel-Komplex, den Baray und eine Gruppe von Linga-Schreinen. Sie entdeckten u. a. eine acht bis neun Meter breite Chaussée (mehrere Teilabschnitte), von der sie vermuteten, dass sie einst von Koh Ker Richtung Wat Phu führte.Lunet de Lajonquière: "Inventaire déscriptif des monuments Cambodge". E. Leroux 1907, S. XXXIV, Ebook and Texts Archive > American Libraries. Um 1880 reisten Mitglieder einer französischen Expedition nach Koh Ker und raubten zahlreiche Reliefteile und Statuen. Diese befinden sich heute im Musée Guimet in Paris.
20. Jahrhundert
Anfang des 20. Jahrhunderts erkannten Kunsthistoriker, dass in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts in Koh Ker ein eigenständiger Stil entstanden war. Ungefähr zur gleichen Zeit schloss Georg Coedes aus Inschriften, dass Koh Ker während der Herrschaft von Jayavarman IV. (928–941) Hauptstadt des Khmer-Reiches war. In den 30er Jahren gelangte eine weitere französische Expedition nach Koh Ker. Die Gesamtzahl der entdeckten Monumente auf einem Areal von 35 km2 erhöhte sich auf rund fünfzig. Henry Parmentier fertigte eine Anzahl von meisterhaften Zeichnungen an. In den 70er Jahren, nach dem Ende der Schreckensherrschaft der Roten Khmer, wurden die Forschungsarbeiten in Koh Ker wieder aufgenommen (durch APSARA sowie französische, japanische und australische Wissenschaftler).
21. Jahrhundert
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde erkannt, dass nicht alle Monumente während der kurzen Periode, als Koh Ker Hauptstadt war, gebaut worden sein konnten. Die Ära der Erforschung aus der Luft (u. a. mit Hilfe von Satellitenbildern) begann auch in Koh Ker. 2004 wurde das schützenswerte Areal auf 81 km2 ausgedehnt. Japanische Forscher brauchten danach fünf Jahre, um 184 Monumente und deren präzise Lage zu beschreiben. Dem australischen Forscherteam um Damian Evans gelang es, die mehr als hundert Jahre alte Vermutung von Lajonquière zu bestätigen, dass einst eine Verbindungsstraße zwischen Koh Ker und Wat Phu bestand. Evans vertritt die Ansicht, dass dies die wichtigste strategische Route des gesamten Khmerreiches war.
Religion
Die Stadt Koh Ker samt ihrer Umgebung war vermutlich schon lange ein hinduistischer Kultplatz, bevor sie 928 unter Jayavarman IV. Hauptstadt des gesamten Reiches wurde und in der Folge eine Blütezeit erlebte. Jayavarman IV. selbst war ein glühender Verehrer von Shiva, was Inschriften und zahlreiche Heiligtümer belegen. Während spätere Khmer-Könige (die nicht in Koh Ker residierten) sich dem Buddhismus zuwandten und entsprechende Änderungen an den Tempeln vornehmen ließen, blieb Koh Ker dank der abgeschiedenen Lage weitgehend von diesen Eingriffen verschont.
Inschriften Inschriften, auf denen Koh Ker als Hauptstadt erwähnt wird, wurden in Takeo, Kampong Cham, Siem Reap und Battambang gefunden. Aus Inschriften, die in Koh Ker entdeckt wurden, kann man schließen, dass über zehntausend Menschen in der kurzzeitigen Hauptstadt lebten. Die Inschriften erwähnen auch, wie die Arbeit im Reich organisiert war: Arbeitskräfte aus vielen Provinzen des Landes wurden mobilisiert, zu deren Versorgung Steuern in Form von Reis erhoben wurden. Eine Inschrift am Prasat Damrei (s. unten) besagt, dass der Schrein auf dem Staatstempel (Prang, s. unten) einen 4,5 m hohen Lingam beherbergte und die Aufrichtung dieses Shiva-Symbols etwelche Schwierigkeiten bereitete. Im Prasat Thom (s. unten) gibt es eine Sanskrit-Inschrift, die bezeugt, dass hier im Jahr 921 ein Shiva-Linga geweiht wurde, der unter dem Namen Tribhuvaneshvara („Lord of the Threefold World“ gem. Jacques, 2007) verehrt wurde.
Stil von Koh Ker
Dem Koh Ker-Stil (921–944) zugerechnet werden nicht nur zahlreiche Monumente und Skulpturen, die in Koh Ker entstanden, sondern auch die Tempelanlagen Prasat Krahom und Baksei Chamkrong in Angkor.
Neu in der Architektur zur Zeit Jayavarmans IV. ist der Typus der Stufenpyramide, wie sie der Prang (s. unten) und der Baksei Chamkrong darstellen. Neu ist auch die Errichtung von mehreren ähnlichen Türmen auf einer gemeinsamen Plattform. In Koh Ker sind es jeweils drei Prasats, die in einer Reihe stehen (der Prasat Krahom in Angkor besitzt fünf Türme).
Die Bildhauer-Kunst erreichte in Koh Ker einen absoluten Höhepunkt. Erstmals in der Geschichte der Khmer-Kunst stehen die rundplastischen Skulpturen ohne Stützen frei im Raum. Sie sind auf allen Seiten detailreich und mit größter Sorgfalt gearbeitet. Die Figuren wirken oft äußerst dynamisch, wobei die Motive des Ringkampfs und des Tanzes besonders beliebt sind. Die Gesichtszüge sind sanft und edel und zeigen ein feines Lächeln. Die Türstürze der Tempel von Koh Ker weisen kunstvolle Reliefs mit üppigen Blattranken und manchmal zusätzlich ein Medaillon mit mythologischen Szenen auf. Die Lingas in den Prasats sind häufig rund zwei Meter hoch und sehr dick. Die dazugehörenden Yonis sind bis zu einem Meter hoch und reich mit ornamentalem und figürlichem Reliefschmuck verziert. Der größte Teil des figuralen Baudekors von Koh Ker befindet sich heute in Museen, z. B. im National Museum in Phnom Penh oder im Musée Guimet in Paris oder wurde geraubt.
Ausgewählte Skulpturen aus Koh Ker im Nationalmuseum von Phnom PenhHelen Ibbitson Jessup: Art & Architecture of Cambodia. Thames & Hudson world of art, 2004, ISBN 963-08-0470-0, S. 89–96.
Im Eingangsbereich des National-Museums in Phnom Penh steht ein 2,13 Meter hoher Garuda aus dem Prasat Thom (s. unten). Ein Meisterwerk sind die ca. 80 cm hohen Torsos von zwei eng ineinander verschlungenen Ringern, die ebenfalls aus dem Prasat Thom stammen. Ursprünglich im Prasat Chen (s. unten) standen die 1,94 Meter großen, ringenden Affenkönige Valin und Sugriva (Figuren aus dem Ramayana).
Historische Stadt Koh Ker Das eigentliche Stadtgebiet von Koh Ker, in welchem zur Zeit Jayavarmas IV. zumindest zehntausend Menschen lebten, erstreckte sich nordwestlich des großen Wasser-Reservoirs (Rahal Baray). Einige Autoren erwähnen eine quadratische Stadtbefestigung mit einer Seitenlänge von 1,2 km; die meisten Forscher tendieren heute dazu, die linearen Strukturen, die teils parallel, teils rechtwinklig verlaufen, als Dämme von Kanälen zu betrachten. Das Haupt-Heiligtum von Koh Ker, der Tempel-Komplex Prasat Thom/Prang, stand nicht im Zentrum der einstigen Stadt. Von den im Khmerreich üblichen Holzbauten ist nichts erhalten geblieben.