mini|Chunees Erschießung Chunee (* um 1808 in Indien; † 23. Februar 1826 in London) war ein männlicher indischer Elefant, der zunächst auf der Bühne auftrat und später zu einer Zooattraktion wurde. Er wurde in seinem Käfig erschossen, als er nicht mehr zu kontrollieren war.
Herkunft Chunee wuchs vermutlich in Indien in Gefangenschaft auf und wurde 1810 von Captain Hay gekauft und von Bombay nach England verschifft. Damals war das Tier etwa zwei oder drei Jahre alt. Hay verkaufte den Elefanten unmittelbar nach der Ankunft an Astley’s Circus. Dieser Zirkus lieh den Elefanten für 900 Guineen an das Covent Garden Theatre aus, wo er in dem Stück Harlequin and Columbine auftreten sollte.
Chunee im Theater Henry Harris, der Manager des Theaters, folgte mit dem Engagement eines Elefanten einem Trend der Zeit, dressierte Tiere auf der Bühne erscheinen zu lassen. Auf Chunees Rücken sollte der Sultan von Kaschmir auf die Bühne reiten und dann, nachdem der Elefant niedergekniet war, absteigen. Doch bei seinem ersten Auftritt im Jahr 1811 wurde Chunee durch die Geräusche aus dem Publikum in Panik versetzt, sprang wieder auf, ehe der Schauspieler und der indische Elefantentreiber, der auf seinem Genick saß, absteigen konnten, und stürmte von der Bühne. Bei dem Zwischenfall wurde zwar niemand ernsthaft verletzt, aber die Presse reagierte mit Hohn und Spott auf Henry Harris’ Experiment. Dieser ließ sich aber nicht entmutigen, und schließlich gewöhnte sich Chunee daran, den Applaus und die Pfiffe der Zuschauer auszuhalten. Allerdings blieb er auf der Bühne stets nervös, was sich in lautstarken Flatulenzen bemerkbar machte. Das Publikum war darüber nicht unbedingt erfreut, amüsierte sich jedoch andererseits, wenn der Elefant seinen Treiber, der ihn mit einem eisernen Haken plagte, mit dem Rüssel schlug oder von seinem Genick fegte. Nach vierzig Auftritten war Chunees Bühnenkarriere beendet. Astley's Circus besaß genügend andere Elefanten und verzichtete darauf, Chunee bei sich auftreten zu lassen. 1812 ging der Elefant in den Besitz von Edward Cross und Stephen Polito über, die im Exeter Change House einen Indoor-Zoo betrieben.
Die Exeter-Change-Menagerie mini|The Strand um 1824 1793 hatte Gilbert Pidcock, der zunächst eine Wandermenagerie betrieben hatte, in einem vierstöckigen Bauwerk an der Londoner Straße The Strand einen Zoo eingerichtet. Das Gebäude, Exeter Change, war nach seinem Vorgänger an dieser Stelle, dem Exeter House, benannt, das teilweise die Baumaterialien geliefert hatte. Vermutlich hatte Pidcock das Gebäude zunächst nur als Winterquartier für seine Tiere und Schausteller erworben und dann festgestellt, dass die Nutzung als Zoo lukrativer war. Im Erdgeschoss waren Läden untergebracht, in den drei oberen Stockwerken befanden sich die Tierkäfige. Pidcock begann seinen Zoobetrieb mit einem Nashorn, einem Zebra, einem Känguru, einem Luchs und diversen Vögeln und vergrößerte nach und nach seine Bestände.
Wie das Nashorn und 1812 auch der Elefant Chunee in den ersten Stock gelangten, ist unbekannt. Die tragende Konstruktion unter Chunees Käfig wurde stabilisiert, um das Gewicht des Tieres aushalten zu können, der Rest des Gebäudes jedoch nicht.
Pidcock starb 1810. 1814 übernahm Edward Cross Stephen Politos Anteil an dem Zoo und wurde alleiniger Inhaber. Obwohl die Vorstellung, in einem vierstöckigen Innenstadthaus einen kompletten Zoo unterzubringen, befremdlich klingt, stand die Exeter-Change-Menagerie bei Wissenschaftlern in einem gewissen Ansehen. Es gelangen mehrere Tiger- und Löwennachzuchten, viele Tiere überlebten die Haltung in dem Gebäude über Jahrzehnte. Cross stand mit Naturwissenschaftlern wie Sir Everard Home, der alle interessanten verstorbenen Tiere zur Untersuchung und Weiterverarbeitung erhielt, Sir Astley Paston Cooper und Joshua Brookes in Korrespondenz und Künstler wie Sir Edwin Landseer und Jacques-Laurent Agasse nutzten die Tiere der Menagerie als Modelle. Beim Publikum erfreuten sich besonders der zahme Löwe Nero und Chunee großer Beliebtheit.
Chunee in der Exeter-Change-Menagerie Die Menagerie stand dem Publikum von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends offen; um 20 Uhr fand die allgemeine Fütterung statt. Chunee, der seinen Käfig im ersten Stock hatte, läutete diese Publikumsattraktion mit einer großen Glocke ein. Sein Pfleger Alfred Copps hatte ihm noch weitere Tricks beigebracht, die etwa Lord Byron, der die Menagerie am 14. November 1813 besuchte, zu sehen bekam. Er notierte in seinem Tagebuch, dass das Tier ihm eine in den Käfig geworfene Münze zurückreichte und seinen Hut abnahm und ihn ihm wieder aufsetzte, und scherzte, dass er diesen Elefanten gern als Butler einstellen würde. Auch andere Prominente besuchten den Elefanten gern in der Menagerie, darunter Schauspieler wie Charles Mayne Young, der ihn schon von der Bühne kannte, und Edward Kean. Auch der Dichter Thomas Hood ging in Exeter Change ein und aus.
Everard Home interessierte sich natürlich auch für den Elefanten. 1823 untersuchte er im Exeter Change die Wirkung von Musik auf die Tiere. Während Chunee den Klängen von Klavier und Horn interessiert lauschte, musste bei dem Löwen Nero der Versuch abgebrochen werden, weil das Tier zu toben begann.
Chunee gedieh in der Menagerie gut. 1820 musste ein neuer Käfig für ihn gebaut werden, weil sich seine Größe seit seinem Einzug mehr als verdoppelt hatte – Cross pries ihn in seinem neuen Katalog der Menagerie von 1820 als den größten Elefanten Europas an. Das Tier wog zu diesem Zeitpunkt über fünf Tonnen. Im selben Katalog wurde auch behauptet, Chunee sei ausgesprochen sanft und gelehrig. Dies entsprach jedoch nicht ganz der Wahrheit. Im Laufe der Jahre kam es immer wieder zu ernsthaften Zwischenfällen.
Schon 1815 hatte Chunee seinen Wärter Copps, der ihn bis zu diesem Zeitpunkt völlig unter Kontrolle zu haben schien, plötzlich angegriffen und in eine Ecke seines Käfigs gedrängt. Der Mann wurde zum Glück nicht von den Stoßzähnen des Elefanten durchbohrt, sank aber bewusstlos zu Boden und wurde von Chunee mit dem Rüssel bearbeitet, bis Edward Cross den Elefanten ablenken konnte. Copps' regloser Körper konnte zwischen den Gitterstäben herausgezogen werden. Copps verließ nach diesem Zwischenfall die Menagerie. Er arbeitete später in der Tower-Menagerie.
Seine Stelle als Elefantenpfleger in Exeter Change nahm George Dyer ein, der offenbar keinerlei Erfahrung mit Elefanten mitbrachte. Schnell wurde Chunees Verhalten unkalkulierbar. Cross gab Dyer einen älteren, erfahrenen Tierpfleger zur Unterstützung an die Seite: John Taylor, ein ehemaliger Zirkusartist, dessen rechter Arm von einem Löwen abgerissen und gefressen worden war, konnte Dyers Fehler einigermaßen korrigieren und den Elefanten wieder zu einem ruhigeren Verhalten anleiten. Als nach der Schlacht von Waterloo Freikarten an Soldaten und Polizisten verteilt wurden und einer dieser Gäste den Elefanten reizte, wäre er fast von Chunee in den Käfig gezerrt worden. Taylor konnte dies im letzten Moment verhindern.
Eines Nachts kehrte George Dyer, als Teufel kostümiert, von einem Maskenball zurück und wollte den Käfig des Elefanten durchqueren, um sein eigenes Quartier, das unmittelbar dahinter lag, zu erreichen. Chunee, der seinen Pfleger wohl nicht erkannte, zertrümmerte ihm durch einen Schlag mit dem Rüssel die Nase, wurde dafür brutal bestraft und griff in der Folgezeit Dyer immer wieder an. Dieser beklagte sich bei Edward Cross. Cross allerdings hörte sich auch die Darlegungen John Taylors an, kündigte Dyer und beförderte Taylor zum leitenden Elefantenpfleger. Sein Assistent wurde ein junger Deutscher namens Johann Tietjen. Taylors Glück hielt jedoch nicht lang an. Er zerstritt sich mit den anderen Angestellten, erhielt schließlich die Kündigung und wurde durch einen Mann namens Richard Carter, Cardwell oder CartmellGeorges Cuvier u. a., The Animal Kingdom. Arranged in Conformity with it's Organisation. Vol. III: The Class Mammalia, London 1828, S. 358 weist diese Schreibung auf. Hier auch eine ausführliche Schilderung der Tötung des Elefanten. ersetzt, der zuvor kurze Zeit in der Tower-Menagerie gearbeitet hatte. Carter behandelte das Tier ausgesprochen brutal, ohne sich deswegen die Missgunst Edward Cross’ zuzuziehen.
Besondere Probleme mit Chunee gab es während der jährlichen Musth. Carter und Cross versuchten diese schwierige Phase zu überbrücken, indem sie Chunee mit gewaltigen Mengen an Abführmitteln traktierten, was wenig sachgemäß und erfolgreich war. Die Pfleger hatten längst die Anweisung, nur noch zu zweit und mit einem langen Spieß bewaffnet den Elefantenkäfig zu betreten.
mini|Exeter Change kurz vor dem Abriss Am 1. November 1825 kam es zu einem weiteren schwerwiegenden Zwischenfall. Carter und Tietjen betraten den Käfig. Tietjen wollte offenbar beweisen, dass Chunee nach wie vor leicht zu bändigen war, und wies Carter an, den Spieß niederzulegen, was dieser auch tat. Chunee ergriff den Spieß mit dem Rüssel und spielte damit, legte ihn jedoch auf Tietjens Weisung hin wieder weg. In diesem Augenblick kam Cross am Käfig vorbei und rief Tietjen einen Scherz zu, gleichzeitig wies der Pfleger, der den Elefanten gerade reinigte, das Tier an, sich umzudrehen. Chunee folgte diesem Befehl offenbar überstürzt; einer seiner Stoßzähne bohrte sich durch Tietjens Brustkorb. Während Carter entsetzt aus dem Käfig floh, eilte Cross herbei und zog den Pfleger heraus. Chunee hinderte ihn nicht daran: Er hatte auch nicht versucht, Tietjens Körper zu zertrampeln, sondern stand offenbar erschrocken über den Vorfall in einer Ecke seines Käfigs.
Für Tietjen kam jede Hilfe zu spät, und so wurde Chunee, den Sitten der Zeit folgend, gerichtlich angeklagt, weil sein Pfleger zu Tode gekommen war. Das Vorkommnis wurde jedoch als Unfall eingestuft und endete mit einer symbolischen Geldstrafe für Chunee.
Nach wie vor war Chunee ein Publikumsliebling. Königin Victoria sah ihn als Kind ebenso wie Charles Dickens oder Robert Browning. Thomas Hood ließ ihn in einem lustigen Gedicht vorschlagen, doch zusammen mit dem Schauspieler Charles Mathews aufzutreten, der mit seinen Auftritten im English Opera House ganz in der Nähe der Menagerie eine gewisse Konkurrenz darstellte. Doch Edward Cross hatte seit Tietjens Tod keine Freude mehr an seinem Elefanten: Er befürchtete weitere Unglücksfälle und wollte Chunee loswerden, ehe noch ein Unglück geschah. Dennoch kam es zu keinem Vertragsabschluss, als ein Amerikaner ihm 500 Pfund für das Tier bot. Vermutlich scheiterten die Verhandlungen an der Schwierigkeit, den Elefanten aus dem ersten Stock auf die Straße zu befördern und einen Kapitän zu finden, der bereit war, das schwere, unberechenbare Tier über den Atlantik zu transportieren. Eine Katastrophe, wie sie wenige Jahre vorher mit Garniers Elefanten stattgefunden hatte, wollte Cross vermeiden.
Chunees Ende Am 20. Februar 1826, einem Sonntag, begann Chunee gegen die Wände seines Käfigs zu rennen und diesen langsam aber sicher zu demolieren. Um den Elefanten zu beruhigen oder jedenfalls zu ermüden, griff man wieder zu Abführmitteln, was diesmal aber keinerlei Wirkung mehr zeigte. Dann versuchte man es mit Ale, was den Elefanten tatsächlich kurzfristig beruhigte. Doch am Mittwoch darauf fing er wieder an zu toben, und der stabile Käfig begann nachzugeben. Aus Angst, dass nicht nur Chunee, sondern auch etliche Löwen, Tiger, Schlangen und Krokodile freikommen würden, falls Chunee seinen Käfig verließe und durch den Boden bräche, beschlossen Cross und Carter – gegen den Widerstand von Cross’ Ehefrau –, den Elefanten zu vergiften.