miniatur|Großbritannien um 800, mit den Königreichen von Northumbria und East Anglia Damals, das Meer ist das vierteIhr Debütroman war How I Live Now (2004), (dt. So lebe ich jetzt). Danach folgte das Kinderbuch Meet Wild Boars (2005) und der Roman Just in Case (2006), (dt. Was wäre wenn). Werk der Jugendbuchautorin Meg Rosoff, die 1956 in Boston, Massachusetts (USA), geboren wurde, in Harvard studierte und danach kurz bei einer Werbeagentur in New York arbeitete, bevor sie 1989 nach London übersiedelte. Hier studierte sie Bildhauerei, heiratete, bekam eine Tochter und begann erst im Jahre 2003, unmittelbar nach dem Krebstod ihrer jüngsten Schwester, mit dem Schreiben. Da alle ihre bisherigen Geschichten in England spielen und dort auch publiziert wurden, wird Meg Rosoff oft irrtümlich für eine britische Schriftstellerin gehalten.
What I Was, das Original von Damals, das Meer, erschien 2007, die deutsche Fassung in der Übersetzung von Brigitte Jakobeit folgte 2009. Das Buch wurde sowohl für den „Costa Children’s Book Award“ als auch für die „Carnegie Medal“The CILIP Carnegie Medal & Kate Greenaway Children’s Book Awards nominiert und in Deutschland mit dem „Luchs des Jahres 2009“ prämiert.
Die Geschichte spielt im Jahre 1962 an der ostenglischen Küste und erzählt von der heimlichen Freundschaft zwischen zwei Teenagern: der eine ein unglücklicher Internatsschüler, der andere ein unabhängiger Einsiedler, der auf einer Sandbank in der Nähe der Schule ein isoliertes, aber freies Leben führt.
Inhalt Prolog Den Rahmen des Romans bilden die Erinnerungen eines alten Mannes, der sich mit Wehmut seiner ersten Liebe erinnert und darüber als Ich-Erzähler ebendiesen Roman schreibt: „Ich bin hundert Jahre alt, ein unmögliches Alter, und meine Gedanken sind nicht in der Gegenwart verankert. So driften sie dahin und landen fast immer am gleichen Ufer. Heute, wie an den meisten anderen Tagen, ist das Jahr 1962. Das Jahr, in dem ich die Liebe entdeckte. Ich bin wieder sechzehn.“Meg Rosoff: Damals, das Meer, S. 5.
Handlung Der 16-jährige Hilary ist bereits von zwei Schulen relegiert worden, als er 1962 in das Internat St. Oswald eingewiesen wird, einen kalten und düsteren viktorianischen Backsteinbau an der nebelverhangenen Küste Ostenglands (East Anglia). Die Schule erscheint ihm wie ein Gefängnis, das Leben dort unerträglich. Er hasst den Unterricht, den Sport, seine Mitschüler und die Lehrer. Vor allem aber hasst er sich selbst, seinen zu kleinen Körper, seine strohigen Haare, seine skeptischen Augen, sein hässliches Gesicht, das auf Fotos seiner Ansicht nach „immer verschlagen und ziemlich idiotisch“ aussieht.Meg Rosoff: Damals, das Meer, S. 12.
Als er sich eines Tages während eines Geländelaufs von den anderen absetzt, stößt er zufällig auf Finn, einen auffallend gut aussehenden, wortkargen Altersgenossen. Der lebt nach dem Tod seiner Großmutter, die ihn bis dahin sehr liberal aufgezogen und ihm das Lesen und Schreiben beigebracht hat, völlig allein und zurückgezogen in einer kleinen Hütte am Strand. Ohne je eine Schule besucht oder eine sonst übliche Erziehung erfahren zu haben, hat er sich anhand von Büchern selbst ausgebildet, ist sehr belesen, ernährt sich vom Fischfang und arbeitet regelmäßig auf dem lokalen Wochenmarkt. Hilary hält das für ein ideales Leben. Er bewundert Finn, beneidet ihn um seine paradiesische Freiheit, besucht ihn von nun an immer öfter und fühlt sich von dem stillen Jungen fasziniert und auf rätselhafte, fast erotische Weise angezogen.
Kurz vor Ostern gelingt es ihm, mit Hilfe gefälschter Briefe an seine Eltern und die Schulleitung, dafür zu sorgen, dass er die gesamten Osterferien heimlich bei Finn verbringen kann. Ein teils hartes, teils romantisches Leben an der unwirtlichen Küste, dessen Meer zur Kulisse und zum Spiegel seiner sehnsüchtigen Irritationen und emotionalen Wechselbäder wird. Er lernt paddeln und segeln, angeln und Reusen heben. Man klettert und taucht, arbeitet sich die Finger wund, friert und wärmt sich wieder auf am prasselnden Ofenfeuer der kargen Fischerhütte. Hilary, bisher ohne richtige Freunde und überall nur von Zynikern umgeben, denen er mit ruppigem Sarkasmus Paroli zu bieten versucht, ist zum ersten Mal in seinem Leben richtig glücklich.
Gegen Ende des Schuljahres wird Finn plötzlich sehr krank, und Hilary fürchtet, seinen Freund mit dem ansteckenden Drüsenfieber infiziert zu haben, das sich einige Wochen zuvor im Internat ausgebreitet hatte. Da Hilarys Verhalten inzwischen aber von allen mit Argwohn verfolgt wird, muss er seine Besuche auf der Sandbank einschränken und kann sich daher nur unzureichend um seinen Patienten kümmern. Als er dann eines Tages jedoch entdeckt, dass Finns Lager mit großen Blut- und Kotflecken beschmiert ist, ist er so erschrocken, dass er nun doch einen Krankenwagen bestellt. Finn, völlig geschwächt, will fliehen, wird aber aufgegriffen und noch rechtzeitig ins Krankenhaus eingeliefert.
Die Freundschaft der beiden lässt sich jetzt nicht länger vor der Öffentlichkeit geheim halten. Mitschüler und Lehrer missverstehen jedoch die Unschuld dieser Beziehung, vor allem, als sich, auch zu Hilarys großer Überraschung, herausstellt, dass Finn sich im Krankenhaus als Hilary ausgegeben hat, in Wahrheit ein Mädchen und erst vierzehn Jahre alt ist, also noch zwei Jahre jünger als er. Ein Skandal! Zumal Hilary neben der angeblichen Verführung Minderjähriger auch noch die Schuld am Tod eines seiner Mitschüler vorgeworfen wird. Finns Mutter wird ausfindig gemacht und das Mädchen zurück in deren Obhut gegeben. Hilary muss die Schule verlassen und ebenfalls zurück zu seinen Eltern. Die polizeilichen Ermittlungen gegen ihn dauern fast zwei Jahre, bis sich endlich herausstellt, dass der Tote einem bloßen Unfall zum Opfer gefallen und Hilary unschuldig ist. Hilary sagt sich von seinem Elternhaus los und zieht kurzerhand um in die verlassene, inzwischen von einem apokalyptischen Sturm arg ramponierte Hütte. Er repariert sie, richtet sich wohnlich darin ein, verdient sein Geld auf dem Wochenmarkt und tut überhaupt alles, was Finn vorher zu tun pflegte. So verwirklicht er allmählich seinen Traum, diesem immer ähnlicher, immer mehr selbst zu Finn zu werden – und nennt sich schließlich auch so. Der steigende Meeresspiegel jedoch, der die Sandbank seit je bedroht hat, setzt die Strandhütte immer häufiger unter Wasser, bis sie eines Tages schließlich ganz in den Fluten versinkt: Hilarys um Finns Verehrung und Solidarität willen vollzogener Identitätswechsel kann letztlich nicht verhindern, dass er den Schauplatz ihrer Idylle, das Symbol seiner ersten großen Liebe, den Gezeiten preisgeben muss.
Viele Jahre später wagt es Hilary noch einige Male, Finn zu besuchen, ohne ihr freilich die Wahrheit, seine Neigung zu ihr, zu gestehen. Er fühlt sich schuldig und überweist ihr fast achtzig Jahre lang regelmäßige Geldbeträge auf ihr Bankkonto, weil er, um ihr Leben zu retten, sie einst verraten und ihr glückliches Inselleben zerstören musste. Er, der sich später nie mehr in eine andere Frau verlieben kann, wird sehr alt, überlebt Finn und streut in einer letzten Szene ihre Asche ins Meer, genau dort, wo einst ihre gemeinsame Hütte stand.
Nebenfiguren (Die Seitenzahlenangaben der folgenden Abschnitte beziehen sich auf die unten angegebene, im Carlsen-Verlag erschienene Romanausgabe.)
Die Lehrer:Das Lehrerkollegium besteht aus „einem bunt gemischten Haufen von Krüppeln und psychisch angeschlagenen Existenzen“, alle schon etwas ältere Männer und Kriegsveteranen, deren Mehrzahl „kaum Erwähnung verdient“ (22): der kleine, dicke Schulleiter und Religionslehrer Mr Beeson, ein Napoleon-Fan, dessen „Latein- und Griechischkenntnisse kaum besser“ waren als die der Schüler; Mr Parkhouse, ein fanatischer Sportlehrer, dessen Training einer militärischen Grundausbildung ähnelt; der Englischlehrer Thomas Thomas, ein weinerlicher Idealist und Stotterer (wie sein Name unterstreicht), der seine „langen weißen Hände“ vor allem zur Benutzung des Rohrstocks verwendet; der Französischlehrer Markel, ein baskischer Widerstandskämpfer, der sich im Unterricht gern vom Thema ablenken lässt, um leidenschaftlich über „Folter und Selbstaufopferung unter der Vichy-Regierung“ zu erzählen; der langweilige Mr Brandt, der verweichlichte Mr Lindsay, der eitle, ein Toupet tragende Mr Harper.
Am einflussreichsten ist allerdings Mr Barnes, ein manisch-depressiver Geschichtslehrer, „der ein Kriegstrauma, eine Gesäßprothese und nur ein Auge hatte“ und mit seinen Geschichten von „Anarchie und Gewalt“ des Mittelalters eine Saite in den Schülern zum Klingen bringt, die alles sonstige pädagogische Gerede von Humanität, Idealismus und Geist übertönt.(99) Eine weitere Sonderrolle spielt Hilarys „Hausvorstand“ Gordon Clifton-Mogg, ein mit weitreichenden disziplinarischen Rechten ausgestatteter Internatshausmeister, der sich zwar väterlich fürsorglich gibt (47) und von seinen Schülern Vertrauen verlangt, in Wahrheit aber jeden ihrer Schritte wie ein misstrauischer Schießhund kontrolliert und nur darauf abzielt, ihren Willen zu brechen.(147) Obwohl „eine ordentliche Schulausbildung ein Privileg“ ist (103), erscheint es also unter solchen Voraussetzungen keineswegs verwunderlich, dass Hilary, wie Finn vorwurfsvoll feststellt, „erstaunlich ungebildet“ bleibt, zumal er die sonstigen „Zutaten“ des Internats als noch schlimmer empfindet: „das miese Essen, die Kälte, die Langeweile, die Isolation. Die ewig dauernden Winter [ohne Heizung]. Die Aussicht auf all die vor dir liegenden Jahre, in denen du hinter Backsteinmauern eingekerkert bist, ohne Hoffnung auf Rettung.“ (86) Hilarys vernichtendes Resümee: „Meiner Meinung nach waren diese Schule und ihre Zeitgenossen nichts als billige Händler für gesellschaftlichen Status, die an gutbürgerliche Jungen ohne besondere Verdienste ein aufgeblasenes Selbstwertgefühl verkauften.“ (13)
Die Mitschüler:Hilarys pubertäre Mitschüler, von ihren Eltern meist als lästige Störenfriede ins Internat abgeschoben, sind wahre sadistische Monster: „Wie die meisten Jungen waren wir weit mehr an Blut interessiert als an Kunst und Kultur. Wir lechzten nach Enthauptungen, brutalen Vierteilungen, nach Nasen und Ohren und Oberlippen, die wegen kleiner Vergehen abgeschnitten wurden, nach Brandmalen, beigebracht mit heißen Eisen. Wir konnten nicht genug hören von zu Tode gekochten Missetätern, auf dem Scheiterhaufen verbrannten Mördern, ausgestochenen Augen und mit Nägeln durchstoßenen oder an der Wurzel abgeschnittenen Zungen. Es konnte gar nicht genug Vergewaltigungen, Brandschatzung, Folter, Schmerz, Hautkrankheiten, Häutungen und stinkende eitrigen Plagen geben, um unsere Blutrünstigkeit zu befriedigen“ (186). Seine beiden Zimmergenossen Barrett und Gibbon wirken zunächst nur stumpf und teilnahmslos (10), dahinter allerdings verbergen sich alle Facetten „sozialer Tücke“ (175): scheinheilige Häme, missgünstige Schadenfreude, erpresserische Geldgier und, als Ventil für den täglichen Frust, vor allem immer wieder zügellose Gewalt und eine destruktive Kommunikation, mit der man sich in sarkastischen Beleidigungen und obszönen Anspielungen zu überbieten und über Wasser zu halten versucht. Reese, der dritte Zimmergenosse, ist der Underdog der Gruppe, ein Schwächling, der seiner Opferrolle zu entkommen versucht, indem er sich wie eine Klette an Hilary hängt und vergeblich um dessen Freundschaft buhlt. Er weiß von Finn, verrät aber nichts und hält auch so lange dicht, bis man die Wahrheit buchstäblich aus ihm herausprügelt (208). Fast tragische Züge erhält er, als er sich, um Hilary vor der Rache der Schüler zu warnen, in Todesgefahr begibt und – seine letzte Opferrolle – darin umkommt. Aufgewertet wird seine im Grunde genommen jämmerliche Existenz auch dadurch, dass seine penetrante Anhänglichkeit eine deutliche Parallele zu Hilarys Verhalten bildet, der sich ja ähnlich hartnäckig an Finn klammert, dem solche Treue ebenfalls lange Zeit lästig ist.