Graf Öderland, gemäß Untertitel Eine Moritat in zwölf Bildern, ist ein Drama des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Angeregt durch einen Zeitungsbericht verfasste Frisch im Jahr 1946 eine erste Prosaskizze, die im Folgejahr als Teil des Tagebuchs mit Marion veröffentlicht wurde. Für das Theater bearbeitete Frisch den Stoff mehrfach. Die Uraufführung der ersten Dramenfassung fand am 10. Februar 1951 im Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Leonard Steckel statt und war Frischs erster Misserfolg auf der Bühne. Einen stärkeren politischen Akzent setzte Frischs zweite Bearbeitung, die am 4. Februar 1956 von Fritz Kortner im Kleinen Haus der Städtischen Bühnen Frankfurt inszeniert wurde. Mit der dritten und letzten Version kehrte Frisch wieder weitgehend zur ursprünglichen Tagebuchskizze zurück. Sie wurde am 25. September 1961 im Berliner Schillertheater unter der Regie von Hans Lietzau uraufgeführt und in Frischs 1975 erschienene Werkausgabe aufgenommen. Obwohl alle drei Bühnenbearbeitungen bei Kritik und Publikum gleichermaßen ohne Erfolg blieben, blieb Graf Öderland das Drama, dem Frisch sich am meisten verbunden fühlte. Er bezeichnete es als sein liebstes und geheimnisvollstes Stück.
Ausgangspunkt der Handlung ist der scheinbar grundlose Mord eines gewissenhaften Bankangestellten, der einen Hausmeister mit der Axt erschlägt. Einzig der Staatsanwalt bringt Verständnis für die Tat auf und lässt sich von ihr zum Ausbruch aus seinem geregelten Leben inspirieren. Fortan folgt er der Legende des Grafen Öderland, zieht mit einer Axt in der Hand durch die Lande und tötet alle, die sich seinem Anspruch auf Freiheit entgegenstellen. Hinter der Leitfigur des Grafen Öderland scharen sich Anhänger, die Einzeltat des Staatsanwalts wächst sich zum allgemeinen Aufruhr aus. Die Rebellion führt am Ende zu einem politischen Umsturz, ohne dass sich die ersehnte Freiheit für den Staatsanwalt verwirklicht. Kennzeichnend für Graf Öderland ist die Vermischung von privaten und politischen Motiven, die auf zwei Hauptthemen in Frischs Werk zurückgehen: die Sehnsucht nach Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen sowie eine wachsende Kritik an der bürgerlichen Ordnung.
mini|Titelseite der Erstausgabe von 1951
Inhalt Endfassung 1. Bild: Ein Staatsanwalt hat es satt: Staatsanwalt Martin steht mitten in der Nacht auf, weil ihm der Fall eines Axtmörders keine Ruhe lässt. Die Tat ohne Motiv begreift er als Ausbruch aus der Gleichförmigkeit des Alltags, als Anklage gegen ein Leben, das nur aus aufgeschobener Hoffnung besteht. Während sich seine Frau Elsa verständnislos von ihm abwendet, gesellt sich das junge Dienstmädchen Hilde zu ihm, verbrennt auf seine Anweisung hin seine Akten und erzählt ihm die Legende vom Grafen Öderland.
2. Bild: Der Mörder: In seiner Gefängniszelle bespricht sich der Mörder Wolfgang Schweiger mit seinem Anwalt Doktor Hahn, der sich verärgert über das Geständnis seines Mandanten zeigt. Doch Schweiger, der seine Tat selbst nicht begründen kann, fühlte sich im Verhör des Staatsanwalts das erste Mal verstanden. Noch einmal erzählt er die Geschehnisse des Tatabends: Nach einem pflichtbewussten Arbeitsleben in der Bank-Union führte ihn der Weg auch am arbeitsfreien Sonntag wie selbstverständlich zur Bank, als er den Drang zur Toilette verspürte. Der Hauswart Karl-Anton Hofmeier ließ ihn ein, sie unterhielten sich freundlich, Schweiger scherzte noch, man müsse Hofmeier erschlagen, ergriff dessen Axt und setzte seine Worte in die Tat um. Am Ende erreicht Doktor Hahn die Mitteilung, dass der für den folgenden Tag angesetzte Prozess verschoben sei, der Staatsanwalt werde vermisst.
mini|Santorin als Sehnsuchtsziel
3. Bild: Der Staatsanwalt kommt zu seiner Axt: In einer Hütte im verschneiten Wald lebt ein Köhler mit Frau und Tochter Inge. Diese träumt von der Legende des Grafen Öderland, der eines Tages mit seiner Axt kommen und sie aus dem Joch des Vaters befreien werde. Plötzlich steht der Staatsanwalt vor der Tür und wird eingelassen. Er redet mit Inge, die ihn an Hilde erinnert, über seine Sehnsucht, nach Santorin zu segeln. Inge bittet ihn, sie mitzunehmen. Als der Staatsanwalt die Axt des Köhlers ergreift, erkennen alle in ihm die Legendengestalt des Grafen. Inge deklamiert die Moritat vom Grafen Öderland mit der Axt in der Hand. Wer sich ihnen in den Weg stelle, werde fallen.
4. Bild: Die erste Nachricht trifft ein: Doktor Hahn und Elsa haben Herrn Mario, einen Hellseher aus dem Kabarett, beauftragt, eine Spur des verschollenen Staatsanwalts zu suchen. Als Elsas heimliches Liebesverhältnis mit Doktor Hahn offenbar wird, erscheint vor den Augen des Hellsehers ein Bild des Staatsanwalts mit einer Axt in der Hand. Daraufhin wird im Radio gemeldet, ein Unbekannter habe mit einer Axt drei Landjäger erschlagen.
5. Bild: Hoch lebe der Graf: Eine Gruppe Köhler im Wald betrinkt sich und feiert. Sie lassen den Staatsanwalt in der Gestalt des Grafen Öderland hochleben. Er habe ihnen den Weg zu einem besseren Leben gewiesen. Doch sie müssen erkennen, dass sie auf sein Geheiß bloß von ihren Vorräten gezehrt haben. Als diese aufgebraucht sind und der Staatsanwalt sich von den Köhlern in Frage gestellt sieht, verlässt er sie und reitet mit Inge davon, nachdem er die Häuser der Köhler in Flammen hat aufgehen lassen.
6. Bild: Lebenslänglich: In seiner Zelle berichtet der Mörder von seinem Leben, das bestimmt war von Arbeit und Pflichterfüllung. Der Freitagabend sei der Lichtblick jeder Woche gewesen, der Sonntagnachmittag bereits überschattet vom montäglichen Arbeitsbeginn. Als tröstlich empfindet er, dass der Hauswart, der zu Lebzeiten allen gleichgültig war, durch seinen Tod so große Bedeutung erlangt hat.
7. Bild: Die Axt macht Schule: In einem Grand Hotel will ein Gendarm den angeblich dort logierenden Grafen Öderland vernehmen. Er berichtet, dass viele dessen Beispiel folgen, losziehen und sich Äxte beschaffen. In Verkleidung treten Elsa und Doktor Hahn auf. Sie vermuten den Staatsanwalt unter der Maske des Grafen Öderland und geben sich als Verkäufer einer Yacht aus, mit der der Staatsanwalt nach Santorin in See stechen will. Von der Yacht selber zeigen sie nur Bilder, die den Staatsanwalt an sein Spielzeugmodell erinnern, vor dessen Anblick er oft seinen Tagträumen nachhing. Nach der Vertragsunterzeichnung stellt sich die Yacht tatsächlich als jenes Spielzeug heraus, die Beteiligten lassen ihre Maske fallen, der Staatsanwalt sieht seine Vermutung bestätigt, dass seine Frau mit Doktor Hahn ein Verhältnis hat. Er zieht aus seiner Aktentasche die Axt, und alle flüchten.
8. Bild: Der Mörder hat Glück: Der Mörder wird in seiner Zelle von Repräsentanten der Gesellschaft vernommen: Innenminister, Direktor, General und Kommissar. Sie suchen in seiner Tat den Ausgangspunkt für die gesellschaftlichen Unruhen, die das Land ergriffen haben. Die Axt sei zum Zeichen des Aufruhrs geworden. Um den Grafen Öderland habe sich eine Bande geschart. Der Mörder weiß auf ihre Fragen nach den Hintergründen keine Antwort. Im Zuge einer Amnestie wird er freigelassen, was Schweiger später in eine allgemeine Amnesie umdeutet.
mini|Wiener Kanalisation, das Vorbild der Kanalisationsszene
9. Bild: Der Graf soll sich ergeben: In der Kanalisation hält sich die Bande des Grafen verborgen. Ihnen ist das Ultimatum gestellt worden, ihren Anführer bis Mitternacht auszuliefern oder die Kanäle werden geflutet. Verschiedene Getreue stellen sich nun gegen den Staatsanwalt. Dieser rettet sich ohne Rücksicht auf seine Anhänger und lässt auch die kranke Inge in der Kanalisation zurück.
10. Bild: Die Herren der Lage: Die Staatsführung feiert in der Residenz eine Gala, auf der der Staatsanwalt mit seiner Aktentasche erscheint. Während die Staatsführung durch das Geschirr des Stehempfangs in ihren Händen gehandikapt ist, schlägt er ein Bündnis vor: Man solle ihm die Residenz übergeben und das Volk werde jubeln. Der Innenminister lehnt ab, er will kämpfen bis zum letzten Blutstropfen. Coco, die bereits an der Seite vieler Männer die Rolle der ersten Dame des Staats gespielt hat, tritt auf und beweist ihr Gespür für die künftige Macht, als sie sich an die Seite des Staatsanwalts gesellt. Sie führt den Staatsanwalt auf den Balkon, wo ihm das Volk huldigt.
11. Bild: Der Mörder hat Pech: Der Mörder schläft mit der Witwe seines Opfers, während die Unruhen in der Stadt zunehmen. Als ein Fenster zu Bruch geht, wird der Gendarm auf sie aufmerksam. Er dringt in die Mansarde der Witwe ein und lässt sich nicht von der Amnestie des Mörders überzeugen. Bei dessen Fluchtversuch erschießt der Gendarm den Mörder mit seiner Maschinenpistole.
12. Bild: Ruhe und Ordnung werden wiederhergestellt, Schluss: Der Staatsanwalt befindet sich wieder in seinem Arbeitszimmer. Er redet mit Hilde und glaubt, alles bloß geträumt zu haben. Doch durch die Fenster lodern Feuer, immer wieder sind Schüsse zu hören. Schließlich tritt der Präsident auf und übergibt dem Staatsanwalt die Macht. Dieser verweigert sich, da er keine Botschaft habe. Der Präsident beharrt: Wer um frei zu sein, die Macht stürze, erhalte am Ende das Gegenteil von Freiheit, nämlich die Macht. Der Staatsanwalt ist verzweifelt und bildet sich ein, man habe ihn bloß geträumt. Vergeblich beschwört er sein Erwachen.
Frühere Fassungen Die erste Fassung von 1951 richtet laut Frischs eigener Einschätzung ihren Fokus vor allem auf das Private, die Ausbruchssehnsucht des Staatsanwalts. Sie besteht aus lediglich zehn Bildern. Im Vergleich zur Endfassung war das fünfte Bild noch nicht enthalten, das sechste und achte Bild bilden noch eine Einheit. In der Kanalisation kommt es zur Auseinandersetzung zwischen dem Staatsanwalt und Inge, die in Inges Suizid endet. Mit Iris, der Tochter seines Kommandanten, tritt eine weitere Frau an die Seite des Staatsanwalts. Der Mörder hat keine Liebesbeziehung zur Witwe, sondern zum Dienstmädchen Hilde. Als der Staatsanwalt am Ende realisiert, dass sein Ausbruch zwar zu gesellschaftlichem Aufruhr geführt hat, sein Privatleben aber unverändert bleibt, er Coco nicht zu lieben vermag, Elsa und Doktor Hahn in seiner Villa auf ihn warten wie immer, springt er verzweifelt aus dem Fenster. Frisch kommentierte später: „Selbstmord aus Verlegenheit des Verfassers.“Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Dritter Band. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-06533-5, S. 93.
In der zweiten Fassung von 1956 rückte Frisch stärker einen aktuell-politischen Bezug in den Vordergrund. Sie besteht aus elf Bildern. Das Schwurgerichtsverfahren gegen den Mörder ist vorangestellt. Nachdem der Staatsanwalt an die Axt gelangt ist, werden seine Morde an drei Gendarmen dargestellt. Die Köhler grüßen ihn mit ihren Äxten, die weitere Szene bei den Köhlern fehlt. Die Konfrontation des Staatsanwalts mit Elsa und Doktor Hahn ist gestrichen. Der Staatsanwalt wird gegen seinen Willen zum Führer einer Partei ernannt, Inge von meuternden Revolutionären erschossen. Nachdem die Staatsführung einen Eid auf den Staatsanwalt geschworen hat, überträgt er Doktor Hahn das Amt des Ministerpräsidenten. Dann nimmt er sich die Freiheit zu gehen. Nach seiner Wahl, nicht länger weiterzumorden, klagt sich der Staatsanwalt seiner Verbrechen an und verurteilt sich zum Tode. Er geht mit den Worten ab: „Die Freiheit ist nur ein Schritt.“ Bevor es zu seiner Exekution kommt, fällt der Vorhang.Vgl. zu den beiden Fassungen: Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Dritter Band, S. 839–861.
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