Persönlichkeitsfragebogen sind weit verbreitete psychologische Methoden, um Persönlichkeitseigenschaften zu erfassen. Sie sind im Unterschied zu vielen anderen Fragebogen in ihrer Form standardisiert, in der Regel nach den Prinzipien der Testmethodik konstruiert und aufgrund bevölkerungsrepräsentativer Untersuchungen normiert. Persönlichkeitsfragebogen gehören neben den in der Klinischen Psychologie eingesetzten Fragebogen (Klinische Skalen) zu den am häufigsten verwendeten psychologischen Tests.

Geschichte

Als sich die Psychologie und die Soziologie zu empirischen Wissenschaften entwickelten, wurden verschiedentlich schriftliche Fragenlisten und Umfragen eingeführt. Der Psychologe Wilhelm Wundt, Gründer des ersten Universitätsinstituts für dieses Fach, lehnte die gerade auftauchende Fragebogenmethodik ab, da den sorgfältigsten und den unzuverlässigen Aussagen gleiches Gewicht beigelegt werde.Wilhelm Wundt: Grundzüge der Physiologischen Psychologie. Band 1–3 (5. Aufl.). Engelmann, Leipzig 1902–1903, S. 275. Vielleicht dachte Wundt an solche Neuerungen wie die von Gustav Theodor Fechner 1871 unternommene Publikums-Befragung im Dresdner MuseumUeber die Aechtheitsfrage der Holbein’schen Madonna: Discussion und Acten. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1871. oder sogar an den von Karl Marx 1880 publizierten Fragebogen für Arbeiter mit 100 Fragen zu Arbeitsbedingungen, Lohn, Gewerkschaft u. a.In: La Revue socialiste, April 20, 1880, siehe Karl Marx, Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. 4. Auflage 1973, Band 19. unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR, S. 230–237. Fragebogen für Arbeiter

Dagegen meinte Oswald Külpe (1920), dass ein Fragebogen recht brauchbare Ergebnisse liefern könne, wenn bestimmte Fehler vermieden würden.Oswald Külpe: Vorlesungen über Psychologie (hrsg. von Karl Bühler). Leipzig: Hirzel, Leipzig 1920, S. 56–57 Ein frühes Beispiel ist ein Fragebogen zum Thema der Vererbung psychischer Dispositionen von Gerardus Heymans und E.D. Wiersma (1906), in dem Antworthäufigkeiten prozentual ausgewertet wurden.Gerardus Heymans, E.D. Wiersma: Beiträge zu einer speziellen Psychologie auf Grund einer Massenuntersuchung. In: Zeitschrift für Psychologie und Physiologie des Sinnesorgane, 1906, Band 42, 81–127. Von einem testmethodisch konstruierten Persönlichkeitsfragebogen im engeren Sinn ist nur dann zu sprechen, wenn die Auswahl, die Gewichtung und der innere Zusammenhang der einzelnen Fragen statistisch analysiert werden, wie es erst mit der statistischen Methode der Korrelation und Itemanalyse möglich wurde. Als erster Persönlichkeitsfragebogen gilt deswegen W. Lankes (1915) Publikation des Interrogatory on Perseveration Tendency (Befragung über die Tendenz zur Perseveration)W. Lankes: Perseveration. In: British Journal of Psychology, 1915, Volume 7, 387–419., noch vor dem bekannteren Personal Data Survey von Robert S. Woodworth (1918), d. h. einem Fragebogen, der ein psychiatrisch orientiertes Interview bei der Auswahl von Rekruten ersetzen sollte.Robert S. Woodworth: Personal Data Sheet. Chicago: Stoelting, Chicago 1918. Lankes bildete Gruppen von Items (englisch Stücke, Elemente) und verwendete die Korrelationen zwischen diesen und einer Zusammenstellung anderer Perseverationstests zur empirischen Itemselektion.

Meilensteine der Methodenentwicklung waren: Minnesota Multiphasic Personality Inventory (Starke R. Hathaway und J. Charnley McKinley, 1943), dessen Fragen empirisch aufgrund eines statistischen Vergleichs der Antworten zahlreicher Patienten mit verschiedenen psychiatrischen Diagnosen ausgewählt wurden; Sixteen Personality Inventory 16 PF (Raymond B. Cattell), dessen Skalen mit der statistischen Methodik der Faktorenanalyse konstruiert wurden; Maudsley Personality Inventory (Hans Jürgen Eysenck) für die zwei Grundeigenschaften Introversion und Extraversion sowie Emotionale Stabilität-Labilität (Neurotizismus) (siehe Amelang u. a., 2006).

Definition

Im Unterschied zu einfachen Fragenlisten handelt es sich bei den Persönlichkeitsfragebogen um methodisch entwickelte und empirisch überprüfte Verfahren, die eine Untergruppe der psychologischen Untersuchungsverfahren (psychologischen Tests) bilden. Persönlichkeitsfragebogen sollen die individuelle Ausprägung von grundlegenden und relativ überdauernden Eigenschaften der Persönlichkeit erfassen. Die Formulare enthalten Fragen oder Feststellungen, die als Items bezeichnet werden (siehe Fragebogen, Fragetechnik). Sie sind zu beantworten, indem eine der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten ausgewählt wird. Die Items werden nach dem Antwortschlüssel zu einem Testwert addiert und mit den in Tabellen abzulesenden Testwerten (Normwerten) für die gesamte Bevölkerung oder für bestimmte Gruppen verglichen. Items, die sich auf dasselbe Eigenschaftskonzept beziehen, bilden eine Skala. Ein Fragebogen, der mehrere Eigenschaften erfasst, wird auch als (Persönlichkeits-)Inventar bezeichnet.

Konstruktion

Eigenschaftsbegriff Die Fragbogenkonstruktion geht von dem Konzept einer bestimmten Persönlichkeitseigenschaft aus, z. B. Aggressivität. Die Tendenz zu aggressivem Verhalten kann sich in verschiedenen Situationen und auf verschiedene Weise gegenüber Personen, anderen Lebewesen oder Objekten äußern, in offenen Verhaltensweisen, in verbalen Angriffen, indirekten Aktionen oder nur in Phantasievorstellungen. Diese verschiedenen Aspekte sind psychologisch zutreffend in alltagssprachliche, zumutbare und relativ einfach beantwortbare Fragen oder Aussagen umzusetzen. Die Fachliteratur über Aggression gibt Anregungen, um geeignete Items abzuleiten, außerdem können auch die überzeugenden Items aus bereits verfügbaren Fragebogen berücksichtigt und durch weitere Facetten aggressiver Tendenzen ergänzt werden. Die erhaltene Vorform des Fragebogens, der Itempool (englisch gesammelte Elemente), kann mit Fachleuten diskutiert und auf allgemeine Verständlichkeit geprüft werden. Eine größere Erhebung in einem hinsichtlich Alter, Geschlecht und Schulbildung möglichst verschiedenen Personenkreis liefert die Grundlage der eigentlichen testmethodischen Konstruktion, die sich an den Gütekriterien psychodiagnostischer Verfahren orientiert.

Itemanalyse

Im Verlauf der Itemanalyse werden statistische Kennwerte berechnet, um die Eignung jedes Items in Hinblick auf die angestrebte Skala zu prüfen. Die Itemschwierigkeit bezeichnet den Anteil der Personen, die das Item im Sinne des Eigenschaftskonzepts zutreffend beantworten (bejahen bzw. verneinen). Der Trennschärfeindex drückt aus, wie hoch die Itemantwort mit dem gesamten Testwert (also der Eigenschaftsausprägung) korreliert, d. h. zwischen den Personen mit hohen und niedrigen Testwerten unterscheiden kann. Der Index der Homogenität (die innere Konsistenz) beschreibt, wie eng das Item mit anderen Items zusammenhängt, also ähnliche psychologische Aspekte erfasst. Bei einem breiten Konzept wie Aggressivität werden sich psychologische Dimensionen (Komponenten) unterscheiden lassen, die dementsprechend mehrere, inhaltlich teilweise unabhängige Skalen erfordern. Statistische Verfahren, solche Dimensionen oder Komponenten herauszuarbeiten, sind die Faktorenanalyse oder die Clusteranalyse. Die Itemanalyse wird u. U. an einer revidierten Fassung wiederholt, bevor die Normierung an einer noch größeren Personenzahl, möglichst durch eine bevölkerungsrepräsentative Erhebung (siehe Repräsentativität) durchgeführt wird. Über die Entwicklungsschritte und Ergebnisse der Fragebogenkonstruktion wird ausführlich in der Testanleitung (Manual) berichtet, damit die Psychologen, die diesen Test anwenden möchten, dessen wissenschaftliche Qualität beurteilen können. Auch nach der Publikation des Tests sind weitere Schritte zur Überprüfung und zur kontinuierlichen Qualitätskontrolle des Persönlichkeitsfragebogens zu erwarten.

Skalenkonstruktion

Die Konstruktion folgt den allgemeinen Gütekriterien psychodiagnostischer Verfahren: die inhaltliche Gültigkeit (Validität) eines Testwertes, die formale Zuverlässigkeit (Reliabilität), die zeitliche Konstanz (Stabilität), die innere Konsistenz, die Verallgemeinerungsfähigkeit (Generalisierbarkeit) und die Objektivität. In zweiter Linie kommt es unter anderem auf Nützlichkeit (Utilität), Testökonomie, Testfairness, Transparenz, Unverfälschbarkeit, Zumutbarkeit, Umfang der Normierung an (siehe Qualitätssicherung in der Psychologischen Diagnostik). Im Laufe der Zeit wurden verschiedene statistisch begründetes Konzepte bzw. Messmodelle als die Standardmethode der Testkonstruktion vorgeschlagen: die Itemselektion nach Trennschärfe oder nach empirischer Kriterienvorhersage, die Faktorenanalyse, die probabilistische Testtheorie bzw. Item-Response Theorie. Offensichtlich hat jedes Konzept Vorzüge und Nachteile, die in den jeweiligen Voraussetzungen und spezifischen Anwendungsschwierigkeiten liegen.

Richtlinien zur Testmethodik wurden von deutschen und internationalen Kommissionen der Fachgesellschaften der Psychologie entwickelt: über Gütekriterien und Qualitätssicherung, professionelle Anwendung, Adaptation von Tests in andere Sprachen, computer- und internetgestütztes Testen (siehe Verzeichnis).

Unterschiede zu Intelligenz- und Leistungstests

Die Selbstberichte und Selbstbeurteilungen bilden eine grundsätzlich andere Datenebene als das objektiv aufgezeichnete Verhalten in einem Intelligenztest oder anderem Leistungstest, doch werden beide in sehr ähnlicher Weise konstruiert. Wichtige Unterschiede bestehen im Hinblick auf die Homogenität der Items. Wenn es in einem Intelligenztest z. B. darum geht, Symbole zuzuordnen oder schwieriger werdende Rechenaufgaben zu lösen, kann jeweils für die vielen gleichartigen Operationen eine hohe Homogenität behauptet werden. Demgegenüber werden Persönlichkeitseigenschaften allgemein als sehr facettenreiche Eigenschaften (Dispositionen, Verhaltenstendenzen) verstanden, die sich zeit- und situationsabhängig unterschiedlich im individuellen Erleben und Verhalten manifestieren. Deshalb beziehen sich viele Fragen auf Situationen und Zeiträume und verlangen in der Antwort eine zusammenfassende Selbstbeurteilung. Eine schematische Itemanalyse, die nur die Homogenität (innere Konsistenz) von Persönlichkeitsfragebogen, d. h. die Ähnlichkeit der Items einer Skala, zu steigern versucht, ist unangebracht, denn hierbei könnten wichtige psychologische Aspekte verloren gehen.

Anwendungsbereiche und Beispiele

In der psychologischen Methodik dominieren heute – abgesehen vom Bereich der Intelligenz- und Leistungstests – ganz allgemein Fragebogen in Form standardisierter Skalen und Inventare. Dies gilt für die Klinische und die Gesundheitspsychologie, die Arbeits- und Organisationspsychologie und die Erziehungspsychologie ebenso wie für die Differentielle Psychologie oder die Sozialpsychologie. Grundsätzlich sind Testwerte aus Persönlichkeitsfragebogen – wie in den allermeisten anderen psychologischen Verfahren auch – von der Testsituation, der Testmotivation, der Schulbildung und anderen Bedingungen beeinflusst und legen deshalb eine gründliche Gewichtung und Interpretation im diagnostischen Einzelfall nahe – es sei denn, dass nur eine einfache Umfrage oder ein erstes Screening einer größeren Personenzahl beabsichtigt sind. Die Testanweisungen (Manuale) der Persönlichkeitsfragebogen enthalten einen genauen Bericht, wie der Fragebogen psychologisch entwickelt, konstruiert, bevölkerungsrepräsentativ normiert und auf seine empirische Gültigkeit überprüft wurde.

Die Verlage begrenzen den Verkauf von Persönlichkeitstests in der Regel auf qualifizierte Fachleute und Institutionen, damit eine psychologisch kompetente Auswertung und Interpretation gesichert sind. Eine Übersicht über bewährte Fragebogen geben spezielle Handbücher und Verzeichnisse auf Webseiten.

Beispiele verbreiteter deutscher Persönlichkeitsfragebogen sind:

Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP)