Als byzantinische Geschichtsschreibung werden die historischen Schriften von oströmischen bzw. byzantinischen Autoren bezeichnet. Die betreffenden Geschichtsschreiber haben sich selbst allerdings nie als „Byzantiner“ bezeichnet, was ein Konstrukt der modernen Forschung ist, sondern stets als „Römer“. Ihre Wurzeln hatte die byzantinische Geschichtsschreibung in der Spätantike, sie endete mit dem Fall Konstantinopels 1453.
Dabei ist ein deutlicher Bruch, verbunden mit einer zeitlichen Lücke, in der kaum historische Werke entstanden sind, zu konstatieren. Dieser Bruch umfasst die Zeit vom frühen 7. Jahrhundert bis zum späten 8. Jahrhundert, aus der kein historiographisches Werk überliefert ist. Hingegen entstanden zwischen 900 und 1400 etwa 31 Geschichtswerke.Paul Magdalino: Byzantine Historical Writing, 900–1400. In: Sarah Foot, Chase F. Robinson (Hrsg.): The Oxford History of Historical Writing. Bd. 2: 400-1400. Oxford University Press, Oxford 2012, S. 218–237, hier: S. 218.
Charakteristika Die spätantiken oströmischen Autoren waren sich der auf Herodot und Thukydides zurückgehenden griechischen historiographischen Tradition bewusst, in der sie standen.Allgemein zur klassischen griechischen Geschichtsschreibung und ihren Anfängen siehe Klaus Meister: Die griechische Geschichtsschreibung. Stuttgart 1990; für einen sehr knappen, allgemeinen Überblick bis in die spätbyzantinische Zeit vgl. Heinz-Günther Nesselrath (Hrsg.): Einleitung in die griechische Philologie. Stuttgart/Leipzig 1997. Mit sehr wenigen Ausnahmen – namentlich Ammianus Marcellinus und Jordanes, die Latein schrieben – bedienten sie sich der altgriechischen Sprache, obwohl diese bereits in einigen Punkten von der zu ihrer Zeit verbreiteten Sprachform abwich. Die meisten dieser Autoren waren stilistisch stark klassizistisch orientiert: Viele bemühten sich, die als klassisch empfundenen Autoren nachzuahmen und im Anschluss an die von Xenophon begonnene Tradition (der direkt an das Werk des Thukydides anschloss), nahtlos an die Werke ihrer Vorgänger anzuknüpfen und sich auch an Stil und Sprache der Klassiker zu orientieren. Diese von Dexippos (3. Jahrhundert) bis Theophylaktos Simokates (7. Jahrhundert) reichende Reihe von griechischen Geschichtsschreibern brach erst mit dem Ende der Antike im Osten infolge der arabischen Expansion ab. Aus dem spätantiken Oströmischen Reich wurde danach das nun vollständig gräzisierte Byzanz.Dazu vor allem John Haldon: Byzantium in the seventh century. 2. Auflage. Cambridge 1997, speziell S. 41ff.
Flossen die Quellen in der Spätantike bis ins frühe 7. Jahrhundert noch recht reichlich, versiegen sie anschließend bis ins späte 8./frühe 9. Jahrhundert fast völlig. In diesen 150 Jahren rissen viele antike Traditionen ab. In Byzanz traten ab 800 nun zunächst Chroniken an die Stelle umfassender, in klassizistischer Sprache verfasster und die Ereignisse reflektierender (zumeist zeitgeschichtlicher) Darstellungen. Auch die Chroniken hatten allerdings spätantike Wurzeln: Die christlich akzentuierten Chroniken, die bereits seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. entstanden und ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. in größerer Zahl verfasst wurden, erhoben aber keinen besonderen literarischen Anspruch.Allgemein siehe Hunger, Bd. 1 (1978), S. 243ff.
Als im späten 9. und vor allem im 10. Jahrhundert in Byzanz wieder stärker die antike Kultur gepflegt wurde (sogenannte makedonische Renaissance), nachdem das Reich zuvor seit dem 7. Jahrhundert alle Energien auf die Abwehr der äußeren Feinde hatte verwenden müssen bzw. es durch den Bilderstreit teilweise innenpolitische Auseinandersetzungen gegeben hatte, erblühte auch wieder die byzantinischen Historiographie. Man begnügte sich nun nicht mehr ausschließlich mit reinen Chroniken (die aber auch in der Folgezeit weiter verfasst wurden). Stattdessen orientierten sich mehrere Geschichtsschreiber ganz bewusst wieder an den klassischen griechischen Autoren wie Thukydides, Polybios, aber auch an in dieser Tradition stehenden spätantiken Historikern wie vor allem Prokop, und nahmen sie sich zum Vorbild. Seit dem 10. Jahrhundert wurden so in Byzanz wieder detaillierte und stärker analysierende Geschichtswerke verfasst. Mehrere Verfasser knüpften zudem an die Werke ihrer Vorgänger an (etwa im 11. Jahrhundert Michael Psellos an Leon Diakonos). Dabei kam diesen mittel- und spätbyzantinischen Geschichtsschreibern zugute, dass in Byzanz auch in den Wirren des 7. Jahrhunderts mehr vom alten antiken Erbe bewahrt worden war als im lateinischen Westen und auch die Schriftlichkeit in Byzanz nicht auf die Geistlichkeit beschränkt war. Geschichtsschreibung war in Byzanz dennoch eine Angelegenheit einer kleinen gebildeten Schicht, die über entsprechende Kenntnisse verfügte.
Ein Charakteristikum vieler byzantinischer Geschichtsschreiber ist wie gesagt das Bemühen, sich weitgehend an den antiken Vorbildern (wie Herodot oder Thukydides etc.) zu orientieren und diese sprachlich auch nachzuahmen (Mimesis), was teils zu Anachronismen und gespreizten Ausdrücken führte. Stilistisch bewegte sich die diesbezügliche byzantinische Historiographie insgesamt auf einem hohen Niveau. Weil sich diese Autoren im Sinne der Mimesis einer „klassizistischen“ Kunstprosa bedienten, wurde in den diversen Texten oft anachronistisch und in Nachahmung der klassischen Ethnographie beispielsweise von „Skythen“ geredet, wenn in Wahrheit diverse Steppenvölker am Nordrand des Schwarzen Meeres bzw. auf dem Balkan gemeint waren, oder von „Medern“, wenn es sich um Perser oder später um andere orientalische Gegner von Byzanz handelte. Ebenso wurden Passagen antiker Autoren (zu nennen ist unter anderem Thukydides) in das eigene Werk übernommen bzw. waren stark daran angelehnt.
Die klassizistische Lexik bedingte auch, dass bestimmte Termini, die im hochsprachlichen Attisch nicht vorkamen, gewunden umschrieben werden mussten. So übergingen einige Geschichtsschreiber, obwohl selbst Christen, das Thema Christentum oder beschrieben christliche religiöse Praktiken und Ämter recht umständlich, weil diese ihren klassischen Vorbildern noch unbekannt waren. Diese Werke waren somit aber nur einem relativ kleinen, gebildeten Leserkreis vorbehalten, der derartige Anspielungen auch erkennen konnte und über die entsprechenden Kenntnisse der Hochsprache verfügte. Während die spätantiken Geschichtsschreiber zwar auch einen recht gekünstelten Stil pflegten, hatte sich die Prosa, der sich die mittel- und spätbyzantinischen Historiker in Anlehnung an die klassizistischen Autoren bedienten, auch von der gehobenen zeitgenössischen Umgangssprache weit entfernt. Ansonsten weisen die mittel- und spätbyzantinischen hochsprachlichen Profangeschichten die typischen Merkmale der antiken Klassiker auf (wie Exkurse und Reden) und waren typischerweise zeitgeschichtliche Werke.
Daneben verfassten weiterhin auch Geistliche geschichtliche Werke, wobei es sich um Chroniken handelte, die bei der Darstellung der Profangeschichte stärker Elemente der christlichen Historiographie trugen und in einer leichter zu verstehenden Sprache abgefasst waren. In der älteren Forschung wurden die Chroniken oft eher gering geschätzt, da man davon ausging, dass ihre Verfasser weniger gebildet waren. Allerdings wurden Chroniken nicht ausschließlich von Geistlichen verfasst und ihre Verfasser waren teils durchaus gebildet, wie das Beispiel des Georgios Synkellos beweist.
Generell lässt sich die byzantinische Historiographie damit in zwei Teile einteilen: Die in leicht verständlicher Sprache abgefassten Chroniken (bzw. Weltchroniken) sowie die anspruchsvolleren hochsprachlichen Geschichtswerke, wenngleich es durchaus Mischformen gab. In der Byzantinistik werden in der Regel die griechischen Geschichtsschreiber ab Eunapios von Sardes zu den „(früh-)byzantinischen“ Historikern gezählt, wenngleich sich mit den spätantiken Autoren bis zu Theophylaktos auch die althistorische Forschung beschäftigt, so dass es zu Überschneidungen kommt: Genau wie die oströmische Geschichte des 4. bis 7. Jahrhunderts wird auch die damals entstandene Literatur sowohl von Byzantinisten als auch von Althistorikern erforscht.Allgemein dazu und zu den unten genannten Autoren siehe grundsätzlich Hunger, Bd. 1 (1978), bes. S. 279ff. In vielen Fragen veraltet, als Überblick aber bisweilen immer noch nützlich: Karl Krumbacher: Geschichte der byzantinischen Literatur. 2. Auflage. München 1897.
Teils werden in den geschichtlichen Darstellungen bestimmte Personen glorifiziert bzw. dämonisiert, teils ist die Chronologie oder die Darstellung der Ereignisse (vielleicht auch nur unabsichtlich) fehlerhaft. Eine möglichst wahrheitsgetreue Schilderung wurde aber von mehreren spätantiken und späteren byzantinischen Geschichtsschreibern wenigstens formal angestrebt und teils auch verwirklicht, besonders wenn sie die Tradition des Thukydides für sich beanspruchten und sorgsam ihre Quellen verarbeiteten. Allerdings war oft der literarische Anspruch für die jeweiligen Autoren bedeutender. Zudem flossen aufgrund der nicht wenigen politischen und theologischen Auseinandersetzungen in Byzanz auch durchaus eigene Standpunkte in die Darstellung mit ein. Das ändert aber nichts daran, dass selbst Autoren, die bisweilen parteiisch oder vor allem auf die prosaische Qualität ihres Werkes bedacht waren, wertvolles Material vermitteln konnten.
Überblick Die Spätantike Die spätantiken (bzw. „frühbyzantinischen“) Autoren unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den mittel- und spätbyzantinischen Geschichtsschreibern. Sie konnten noch bruchlos an die historiographische Tradition der früheren Epochen anknüpfen; auch die Kreise derer, die diese Werke lasen und schrieben, waren noch größer: Bis ins 6./7. Jahrhundert gab es noch Hunderte poleis, in denen Angehörige der lokalen Oberschichten eine rhetorisch-literarische Ausbildung erhalten konnten. Männer wie Dioskoros von Aphrodito, der unter Justinian in der ägyptischen Provinz Gedichte verfasste, waren Träger dieser Elitenkultur. Klassische Bildung (paideia) war ein Zeichen der Standeszugehörigkeit und wurde gepflegt. Neben Christen schrieben in dieser Zeit zudem auch noch heidnische Autoren, zumal es keinen Bruch in der antiken Historiographie gab, der mit dem im 7./8. Jahrhundert erfolgten vergleichbar wäre. Bis etwa 600 rissen kaum antike literarische Traditionen ab, allerdings wurden zugleich neue begründet.
So entstanden in der Spätantike eine ganze Anzahl von Kirchengeschichten (siehe dort weitere Hinweise), deren „Vater“ Eusebios von Kaisareia war.Vgl. dazu den (allerdings nicht unproblematischen) Überblick bei Treadgold (2007), Kap. 2 und Kap. 5. Siehe auch Timothy D. Barnes: Constantine and Eusebius. Cambridge/Mass. 1981; Hartmut Leppin: Von Constantin dem Großen zu Theodosius II. Das christliche Kaisertum bei den Kirchenhistorikern Socrates, Sozomenus und Theodoret. Göttingen 1996. Eusebios verfasste daneben eine bedeutende Chronik und eine Kaiser Konstantin gewidmete Biographie. Die Kirchengeschichte des Eusebios wurde später fortgesetzt von Sokrates Scholastikos, Sozomenos und Theodoret. Die Kirchengeschichtsschreibung im griechischen Osten florierte noch bis ins späte 6. Jahrhundert. So verfassten etwa Philostorgios, (Pseudo-)Gelasios von Kyzikos sowie Euagrios Scholastikos entsprechende Werke.