Die Kaltenleutgebner Bahn oder auch Kaltenleutgebener Bahn, ursprünglich Localbahn Liesing–Kaltenleutgeben, ist eine Nebenstrecke der Südbahn vom Bahnhof Wien Liesing nach Kaltenleutgeben in Niederösterreich. Sie war ab 1883 in Betrieb. Der reguläre Personenverkehr wurde 1951 stillgelegt, der Güterverkehr 2014.
Ein Großteil der ursprünglich 6,7 KilometerGeschichte der Eisenbahnen der österreichisch-ungarischen Monarchie. Band: 1,2. Karl Prochaska, Wien 1898, Seiten 294 und 510 vermerkt als Streckenlänge 6,7 km. langen Strecke führt über Perchtoldsdorfer Gemeindegebiet.
In den 1950er Jahren wurde der Personenverkehr eingestellt und der Streckenabschnitt zwischen Waldmühle und Kaltenleutgeben abgetragen. Nach der gänzlichen Einstellung des Zementwerks in Waldmühle wurde die Bahnstrecke per Bescheid des Verkehrsministeriums mit 29. Jänner 2014 als öffentliche Eisenbahn stillgelegt.
Anfang 2015 wurde die Strecke von der Immobiliengesellschaft der Gemeinde Perchtoldsdorf gepachtet und 2017 gekauft.Öffentliches Grundbuch: Bezirksgericht Mödling, Katastralgemeinde 16121 Perchtoldsdorf, Einlagezahl 7663 bzw. KG 16115 Kaltenleutgeben EZ 1718 (Bahnhof Waldmühle); Bezirksgericht Liesing, KG 01807 Rodaun, EZ 1068 (für das kurze Stück der Trasse, das in Wien liegt). Sie soll, vorerst für den Nostalgiezugverkehr, erhalten bleiben. Am 3. September 2017 wurde die Strecke mit einem Sonderzug wiedereröffnet. Seit dem Jahr 2017 ist die Strecke eisenbahnrechtlich eine Anschlussbahn.
Geschichte
Konzession mini|Bahnhof Kaltenleutgeben, ca. 1900 Im Jahre 1880 wurde für Österreich das Localbahn-Gesetz; erlassen. Dieses eröffnete bislang nicht oder kaum zum Zuge gekommenen Unternehmen den Einstieg in den als lukrativ erachteten Eisenbahnsektor.
Zunächst war der Münchner Lokomotivfabrik Krauss & Comp. eine Bewilligung zur Vornahme technischer Vorarbeiten bewilligt worden. Jedoch remonstrierte die k.k. privilegierte Südbahngesellschaft (vermutlich aus Sorge um Konkurrenz) erfolgreich, sodass sie im Sommer 1882 nicht nur die Konzession für die Kaltenleutgebener Strecke sowie sowie In Geschichte der Eisenbahnen der österreichisch-ungarischen Monarchie. Band: 1,2. Karl Prochaska, Wien 1898, S. 294 wird die Konzession irrtümlich auf den 21. Juni 1882 datiert., sondern auch die Konzession für eine Eisenbahn von Mödling nach Vorderbrühl (Lokalbahn Mödling–Hinterbrühl) einbrachte.Geschichte der Eisenbahnen der österreichisch-ungarischen Monarchie. Band: 1,2. Karl Prochaska, Wien 1898, S. 548.
Jedoch erhielt Krauss & Comp. 1882 die Konzession für die Dampfstraßenbahn von Hietzing nach Perchtoldsdorf und 1886 für die Strecke von Perchtoldsdorf nach Mödling. Diese später elektrifizierte Bahn war die Straßenbahnlinie 360, die bis 30. November 1967 geführt wurde und die zwischen 1940 und 1942 zeitweise den stärksten Verkehr aufgewiesen haben dürfte, der in Europa je auf einer eingleisigen Straßenbahnlinie abgewickelt wurde.Lehnhart: Die 102 eingestellten Straßenbahnlinien Wiens, S. 168. Züge dieser Straßenbahnlinie, die nur zwischen Mauer und Perchtoldsdorf liefen, trugen die Linienbezeichnung 260.
Inbetriebnahme, Betrieb mini|Um 1900: Die Kaltenleutgebner Bahn zwischen Liesing und Kaltenleutgeben.
Mit Erlass vom 4. Oktober 1882 hat das k. k. Handelsministerium das von der Südbahngesellschaft (gemäß § 5 der Konzessionsurkunde) vorgelegte Detailprojekt grundsätzlich genehmigt; die politische Begehung der Strecke wurde von der k. k. Statthalterei für 13. November 1882 festgelegt.
Im Juni 1883 erwartete man die Verkehrsübergabe der Bahn „für die zweite Woche des August“, später wurde die Eröffnung der Strecke für 18. August 1883Der 18. August 1883 wird in einschlägigen Publikationen als der Tag der Linieneröffnung geführt. angekündigt. Am Nachmittag des 17. August 1883 fand die festliche Probefahrt statt. Die Fahrtdauer betrug dabei, je nach Berichterstattung, 23 bzw. 28 Minuten. — Gemäß Winterfahrordnung der Südbahn verkehrten ab 5. November 1883 täglich „in jeder Richtung sechs Züge“, ein Jahr später bereits sieben. Für wahrscheinlich selbiges Datum wurden für die „Standorte“ Perchtoldsdorf, Rodaun, Waldmühle, sowie Kaltenleutgeben die Namen der „Stationsleiter“ bekannt gegeben. Die Station Neumühle war ursprünglich nur als (Frachten-)Ladestation vorgesehen und wurde erst am 1. August 1884 für den Personenverkehr geöffnet.
Laut Chronik der Marktgemeinde Kaltenleutgeben fand die Bahn so großen Anklang, dass in den Sommermonaten bis zu 23 Zugpaare verkehrten. Man trug sich dabei mit dem Gedanken, die Bahn über Sulz im Wienerwald zur Westbahn zu verlängern. Dazu kam es allerdings nie.Peter Nics: Kaltenleutgeben von damals bis heute. (…) Die Eisenbahn. In: kaltenleutgeben.gv.at, abgerufen am 18. November 2012.
Da Kaltenleutgeben schon um die Jahrhundertwende ein bei den Wienern beliebtes Schigebiet war, war die Kaltenleutgebner Bahn die erste Linie in Österreich, die auch Schier transportierte. Statt einer dafür eigenen Fahrkarte musste man eine Hundekarte lösen. Neben der bis in die 1950er Jahre anhaltenden Bedeutung von Kaltenleutgeben als Stätte des großstadtnahen Wintersports besaß die Bahn zur Erschließung des Gebiets der Dürren Liesing für saisonungebundene Wanderer gleichen, wenn nicht sogar größeren Stellenwert.Mit der Lokalbahnbahnstrecke Liesing–Kaltenleutgeben. In: Josef Rabl: 600 Wiener Ausflüge von 3 Stunden bis zu 2 Tagen. Eine Auswahl der lohnendsten Ausflüge, welche von Wien mit Benützung der verschiedenen Verkehrsmittel ausgeführt werden können. Mit einer Karte. 4., verbesserte und vermehrte Auflage. Hartleben, Wien/Leipzig 1904, S. 18 f. – Text online.
Die in Österreich gelegenen Südbahnstrecken, darunter auch Liesing–Kaltenleutgeben, kamen auf Grund des Abkommens von Rom vom 29. März 1923, ab 1. Jänner 1924 in den Pachtbetrieb des Staates Österreich. Gemäß Art. 11 Abs. 2 des Abkommens von Brioni vom 10. August 1942Bekanntmachung über die deutsch-italienisch-kroatisch-ungarischen Vereinbarungen über die Neuordnung der Verhältnisse der Donau-Save-Adria Eisenbahn-Gesellschaft. Vom 27. Mai 1943. Deutsches Reichsgesetzblatt Teil II, 23/1943, S. 205–241, hier: S. 216 () gelangten sie mit Wirksamkeit vom 6. Juli 1943 in das Eigentum des Deutschen Reiches (Reichseisenbahnvermögen). Letzterer Vertrag wurde im Friedensvertrag mit Italien am 10. Februar 1947 für nichtig erklärt.
Netzanschluss mini|Regelung des Zugverkehrs in der Station RodaunAus: K. K. priv. Südbahn-Gesellschaft: Specielle Vorschrift zur Regelung des Zugverkehres an der Niveaukreuzung der Südbahnlinie Liesing–Kaltenleutgeben mit der Dampftramway-Linie Wien–Mödling in km 2·526 d. S. B. zunächst der Station Rodaun. Selbstverlag der Gesellschaft, Wien 1894. – In: Alfred Laula, Hans Sternhart: Dampftramway Krauss & Comp. in Wien. 97 Fotos, 180 Zeichnungen. Internationales Archiv für Lokomotivgeschichte, Band 20. Slezak, Wien 1974, ISBN 3-900134-15-4, S. 182–188. Die Kreuzung der Kaltenleutgebner Bahn mit der Straßenbahnlinie 360 (vgl. oben) befand sich im Norden Perchtoldsdorfs kurz westlich der Kreuzung Bahngasse / Donauwörther Straße im Bereich des ehemaligen Bahnhofes Rodaun der Kaltenleutgebner Bahn. Knapp nördlich dieser Kreuzung zweigte ab 1946Alfred Moser: Schleppbahn Liesing eingestellt. In: Schienenverkehr aktuell SVA. Verlag Pospischil, Wien. . Heft 3, Jahrgang 2004. S. 7. ein Gleis von der Straßenbahntrasse in den Bahnhof Rodaun ab. Über dieses Gleis wurden auch nach der Einstellung der Straßenbahnlinie bis 1977 Straßenbahnwagen in das Gleisnetz der Wiener Linien überstellt bzw. von dort übernommen. Diese Wagen wurden im Werk des Unternehmens Gräf & Stift in Atzgersdorf erbaut oder repariert und wurden von dort zunächst über die Schleppbahn Liesing in den Bahnhof Liesing und danach von Liesing auf der Kaltenleutgebner Bahn nach Rodaun transportiert.Peter Wegenstein, Othmar Bamer (Fotos): Die Linien 360 und 317 der Wiener Verkehrsbetriebe. 1. Auflage. Bahn im Bild, Band 16, . Verlag Pospischil, Wien 1980, OBV, S. 3 f.
Nach Einstellung der Straßenbahn wurde 1967 auf deren Trasse die Donauwörther Straße gebaut. Die Trasse der Kaltenleutgebner Bahn wurde an der Grenze von Perchtoldsdorf und Rodaun um einige Meter nach Süden verschoben und verläuft bei der Bahngasse dort, wo sich früher die Geleise der Straßenbahnlinie und deren Haltestelle (Ausweiche) Rodaun befanden. Wo sich der Bahnhof Rodaun der Kaltenleutgebner Bahn befand, liegt heute die Einmündung der Straße in die Hochstraße an der Wiener Landesgrenze.
Niedergang Bis Ende der 1940er Jahre waren Bahn und Straßenbahn die wichtigsten Verkehrsmittel für den Personenverkehr in diesem Naherholungsgebiet. So wurde erwogen, die Bahn über Sulz im Wienerwald hinaus bis nach Pressbaum auszubauen, wo sie auf die Westbahn treffen sollte. Diese Pläne wurden nicht umgesetzt.
Seit Ende der 1920er Jahre planten die Österreichischen Bundesbahnen – als Sparmaßnahme – die Einstellung der Linien Liesing–Kaltenleutgeben, Mödling–Hinterbrühl sowie Mödling–Laxenburg. Um das drohende Aus zu verhindern, sprachen die Bürgermeister der hauptbetroffenen Gemeinden am 30. November 1931 in der Generaldirektion der Bundesbahnen vor. Die bei dieser Zusammenkunft von Seiten des Verkehrsunternehmens zugesicherte Überprüfung der geplanten Maßnahmen dürfte die vorläufige Schonung der Kaltenleutgebner Bahn erbracht haben, da die beiden anderen Lokalbahnstrecken am 31. März 1932 außer Betrieb gestellt wurden.
Die stärksten Verkehrsdichten an Personenzügen dürfte der Winterfahrplan 1938/39 – bei einer Fahrzeit von 18 bis 25 Minuten verkehrten werktags 8 Züge und sonntags 18 Züge – und der Sommerfahrplan 1939 – bei einer Fahrzeit von jeweils 19 Minuten verkehrten werktags 10 Züge und sonntags 16 Züge – aufweisen. Im Fahrplan 1944 scheinen nur mehr sieben Züge bei einer Fahrzeit von jeweils 21 Minuten auf. Nach der kriegsbedingten Unterbrechung wurde Anfang Oktober 1945 der Güterverkehr, 1946 der Personenverkehr wieder aufgenommen, wobei werktags drei und sonntags ein Zug verkehrten. Im Winterfahrplan 1947/48 finden sich von Montag bis Freitag zwei Züge. In der Zeit von 1949 bis 1951 verkehrten wieder werktags sechs und sonntags sieben Züge.Wintersport-Sonderzüge nach Kaltenleutgeben. In: Schienenverkehr aktuell. Heft 2/1976, , S. 24.
An Betriebseinstellung folgte: 29. Jänner 1951 Personen-, Gepäck- und Expreßgut in Strecke Liesing–Kaltenleutgeben, für Güterverkehr in Teilstrecke Waldmühle–Kaltenleutgeben. Dauernde Einstellung des Gesamtverkehrs in Teilstrecke Waldmühle–Kaltenleutgeben ab 1. Juli 1957.Fröhlich: Vergessene Schienen, Seite 54.„Einstellungsverfügung: Bundesministerium für Verkehr und Elektrizitätswirtschaft vom 21. Mai 1951, Zl. R/799/3-1951, betreffend die Einstellung des Personen-, Gepäck- und Expreßgutverkehrs in der Strecke Liesing–Kaltenleutgeben, die Auflassung des Bahnhofes Kaltenleutgeben, die Auflassung des Stückgutverkehrs und die Beschränkung des Wagenladungsverkehrs auf Bestandnehmer im Bahnhof Perchtoldsdorf ab 3. Juni 1951. Der Personenverkehr durch Bedarfszüge wird hiedurch nicht berührt. (Die tatsächliche Einstellung des Personenverkehrs war jedoch schon am 29. Jänner 1951 infolge einschneidender Verkehrsbeschränkungen wegen Kohlenmangels erfolgt.)Mit Zl. R/830/13-1957 vom 4. Juli 1957 wurde die Einstellung des Personenzugs-Bedarfsverkehrs Liesing–Kaltenleutgeben und des Gesamtverkehrs Waldmühle–Kaltenleutgeben ab 1. Juli 1957 verlautbart.“ — In: Fröhlich: Vergessene Schienen, Seite 54 f.