Der esprit nouveau – oder auch esprit nouveau et les poètes – ist ein Werk von Guillaume Apollinaire, das er am 26. November 1917 im Pariser Theater Vieux-Colombier öffentlich macht und das sein künstlerisches Manifest darstellt. Es wird sehr kontrovers aufgenommen, sowohl von seinen Gegnern als auch von seinen Freunden und engen Vertrauten.Catherine Moore, Laurence Campa, Mark Moore: „Chronologie,“ Guillaume Apollinaire: Biographie, Abs. 40-61, 2. September 2009.
Das Manifest esprit Nouveau et les poètes Allgemeine Merkmale Grundlegend muss man festhalten, dass Apollinaire den beschriebenen esprit nouveau et les poètes nicht als eine neue Strömung sah, die er erfunden habe. Vielmehr sah er es als seine Aufgabe an, zahlreiche neue, in Frankreich vorherrschende Tendenzen und Ansichten unter „einem Dach“ zu versammeln und zu bündeln. Somit existiere der esprit nouveau et les poètes schon immer, aber erst jetzt werde er sich seiner selbst bewusst.Guillaume Apollinaire, „L’Esprit nouveau et les poètes,“ Mercure de France 491 (1918), S. 385f. Weiterhin folge er einer natürlichen Ordnung, was sich in seiner Einfachheit und Unkompliziertheit äußere. Der esprit nouveau et les poètes sei weniger opulent oder verschwenderisch, wie es beispielsweise der Wagnerismus gewesen sei.Guillaume Apollinaire, „L’Esprit nouveau et les poètes,“ Mercure de France 491 (1918), S. 387. Außerdem sah Apollinaire im esprit nouveau auch ein gewaltiges Potenzial, das in seinem Programm stecke; seiner Meinung nach hatte der esprit nouveau die Fähigkeit zu einem „esprit universel“ (Esprit Nouveau et les Poètes, 388), also zu einer mehr Bereiche umfassenden Bewegung, zu werden.Guillaume Apollinaire, „L’Esprit nouveau et les poètes,“ Mercure de France 491 (1918), S. 388. Ein weiteres wichtiges Merkmal des Manifests war die Verbindung, die Apollinaire zu den Wissenschaftlern zog. So möchte er neue Erkenntnisse über das Universum zu Tage fördern, die durchaus gleichwertig mit denen der Naturwissenschaften seien.
Die Rolle des Dichters Zentral in Apollinaires Grundsatzerklärung war die Rolle, die der Dichter im esprit nouveau et les poètes spielte. Als grundlegende Basis für die neue Bewegung sollte die Wahrheit dienen.Veronika Krenzel-Zingerle: Apollinaire-Lektüren: Sprachrausch in den Alcools. Narr, Tübingen 2003, S. 29. So sollte der Dichter stets auf der Suche danach und um ebendiese bemüht sein; der Dichter sollte als ein personifizierter Vertreter der Wahrheit anerkannt werden.Guillaume Apollinaire, „L’Esprit nouveau et les poètes,“ Mercure de France 491 (1918), S. 393. Schlussendlich bezeichnet er den Poeten sogar als „seul dispensateur du beau et du vrai“ (Esprit Nouveau et les Poètes, 393). Aber er mengte seinem Dichterbegriff noch andere Eigenschaften bei. So sind laut Apollinaire la poésie und la création eng miteinander verbunden und der Dichter sei jemand, der die Basis für die herausragenden Erfindungen der Menschheit liefere, die dann von den Erfindern lediglich noch in die Tat umgesetzt werden müssen. Diese These trieb er auf die Spitze, indem er sogar Isaac Newton als einen Dichter benannte. Außerdem sprach Apollinaire den Dichtern des esprit nouveau prophetischen Charakter zu;Guillaume Apollinaire, „L’Esprit nouveau et les poètes,“ Mercure de France 491 (1918), S. 392f. die Dinge, die beschrieben werden, müssen auch in die Tat umgesetzt werden.Veronika Krenzel-Zingerle: Apollinaire-Lektüren: Sprachrausch in den Alcools. Narr, Tübingen 2003, S. 30. Weiterhin müsse es auch stets ein erklärtes Ziel eines jeden Dichters sein, bisher noch nicht zusammengesetzte Aspekte zu kombinieren und das auf neue und natürliche Weise zu tun. Konkret hieß das, dass der allgegenwärtige, technische Fortschritt durchaus mit dem esprit nouveau et les poètes für Apollinaire vereinbar war und als Chance gesehen wurde.Guillaume Apollinaire, „L’Esprit nouveau et les poètes,“ Mercure de France 491 (1918), S. 391. Weiterhin beschrieb Apollinaire das Motiv der surprise, also der Überraschung, die oftmals Hand in Hand mit den Wahrheiten gehe. Denn es seien gerade die besagten Wahrheiten, die oftmals von der Gesellschaft als unzulässig betrachtet würden. Um die Überraschung hervorzurufen, genüge es, die Wahrheiten einfach offen darzulegen – zumal viele von ihnen noch nicht näher erforscht seienGuillaume Apollinaire: L’Esprit nouveau et les poètes. In: Mercure de France. Band 491, 1918, S. 392. – oder aber das Vordringen in die énormes espaces imaginatifs (Esprit Nouveau et les Poètes, 393).
Die Suche nach der Wahrheit Der nächste Punkt ist der bereits angesprochene Aspekt der Wahrheit in Apollinaires Programm. Der Dichter solle nicht nur stets auf der Suche nach ihr, er solle auch um eine wahrheitsgetreue Abbildung der Welt bemüht sein. Außerdem führt er das Konzept der vérité supposée ein, das heißt, dass es für ihn eine vérité littéraire, eine literarische Wahrheit, gab.
Es seien also die Mythen, die darauf warten, realisiert zu werden und es sei die Aufgabe des Dichters, eben jene zu erfinden. Diesen Gedanken illustriert Apollinaire mit der Geschichte von Ikarus; denn der Traum vom Fliegen sei heutzutage keine Fabel mehr. Somit schlussfolgert er, dass es die Pflicht des Poeten sei, neue Mythen zu konzipieren, die dann durch die Erfinder zur verité réelle werden können.Veronika Krenzel-Zingerle: Apollinaire-Lektüren: Sprachrausch in den Alcools. Narr, Tübingen 2003, S. 29 f. Dieser Gedankengang korrespondiert eng mit der bereits beschriebenen prophétie, die dem Dichter die Möglichkeit einräumt, mit seinen Werken direkten Einfluss auf die Realität zu nehmen.
Literatur Bezüglich der Literatur im Allgemeinen postuliert er deutlich die Progressivität. Die „festen Formen“ seien Teil der Vergangenheit und für die heutigen Bedürfnisse nicht mehr ausreichend. Heutzutage müsse der vers libre vorherrschen.Guillaume Apollinaire: L’Esprit nouveau et les poètes. In: Mercure de France. Band 491, 1918, S. 386. Des Weiteren erachtet er den lyrisme visuel (Esprit Nouveau et les Poètes, 386) als etwas Positives; obgleich er zwar auch nur eine Etappe sei, sei das Suchen nach neuen Formen durchaus gerechtfertigt.
Bezug zu anderen Strömungen und Epochen Bei all seiner Progressivität, wie steht Apollinaire zu bereits vergangenen Strömungen? Grundsätzlich nimmt er sich keine Epoche als direktes Vorbild, obgleich er der Antike relativ positiv gegenüber eingestellt ist – schließlich benötigt er auch das „Mythenkonzept“ aus dieser Zeit, um seine Theorie des mythen-verfassenden Dichters aufrechtzuerhalten. Zudem übernimmt er Tugenden, die aus diesen Zeiten stammen, wie einen gesunden Menschenverstand, einen kritischen Geist sowie einen Gesamtüberblickes über das Universum und die menschliche Seele. Dennoch sei der esprit nouveau et les poètes mehr als eine „simple constatation de l’Antiquité“ (Esprit Nouveau et les Poètes, 385), greife er doch die Denkweisen aus vielen verschiedenen Strömungen auf.Guillaume Apollinaire, „L’Esprit nouveau et les poètes,“ Mercure de France 491 (1918), S. 385. Dabei geht er allerdings nicht mit jeder Epoche so positiv ins Gericht wie mit dem klassischen Altertum. So lehne er, wie bereits eingangs erwähnt, die Merkmale des pompösen Wagnerismus strikt ab. Der esprit nouveau et les poètes sei auch mehr als der beau décor romantique (Esprit Nouveau et les Poètes, 385) – selbst das Schauerliche und das Lächerliche sollen als das, was sie seien, also wahrheitsgetreu, wiedergegeben werden.
Rezeptionisten mini|André Breton. André Breton André Breton hat sich vor allem als wichtigster Theoretiker des Surrealismus einen Namen gemacht. Sein Leben ist eng mit dieser Bewegung verwoben gewesen.
Nach der Veröffentlichung des Manifests von Apollinaire ist es vor allem Breton gewesen, der kein gutes Wort am esprit nouveau et les poètes gelassen hat. Obwohl er Apollinaire einst über alle Maßen gelobt hatte, ihn beispielsweise sogar den lyrisme en personneMichel Murat: „‘L’homme qui ment’: réflexions sur la notion de lyrisme chez Breton“ Le Sujet lyrique en question. Hrsg. Dominique Rabaté und Joëlle de Sermet und Yves Vadé. Modernités, Bordeaux 1996, S. 156. nennt und ihm den Charakter einer „Signalrakete“Claude Leroy: „Drei Begegnungen mit dem Esprit Nouveau.“ Der Blick vom Wolkenkratzer: Avantgarde – Avantgardekritik – Avantgardeforschung. Hrsg. Wolfgang Asholt. Rodopi, Amsterdam 2000, S. 588. zuspricht, kann er den Ideen des Manifestes keineswegs zustimmen. Die Bewunderung für Apollinaire, den Poeten, bliebe zwar weiterhin bestehen, aber Apollinaire, dem Theoretiker, könne er nichts Positives abgewinnen.Henri Béhar: Les Pensées d’André Breton: guide alphabétique établi par Henri Behar. L’Age d’Homme, Lausanne 1988, S. 58. Im Allgemeinen wird Bretons Wortwahl dem esprit nouveau et les poètes und auch Apollinaire gegenüber als verhältnismäßig hart angesehen. So schreibt er in La Révolution surréaliste, einer Artikelsammlung über den Surrealismus und die Malerei, dass es der Tod gewesen sei, der Apollinaire noch rechtzeitig daran gehindert habe, sich noch unbeliebter zu machen.John H. Matthews: André Breton: Sketch for an early portrait. Benjamins, Amsterdam 1986, S. 50. Auch hat er am 22. November 1922 bei einer Kunstausstellung von Francis Picabia in Barcelona kein gutes Wort für den esprit nouveau übrig – im Gegenteil. Breton kritisiert das néant de sa méditation scharf. Außerdem sähe er überhaupt keinen Sinn in dem ganzen Aufheben, das um den esprit nouveau et les poètes gemacht wird; er stellt die für ihn offensichtliche inutilité de tout ce bruit klar und deutlich heraus.André Breton: Les Pas Perdus. Gallimard, Paris 1933, S. 185. Selbst in einem späteren Artikel im Jahre 1954, der den Namen Ombre non pas serpent, mais d’arbre en fleurs trägt, ändert er seine Meinung nicht. Hier macht er ein weiteres Mal klar, dass er mit dem Theoretiker Apollinaire nichts anfangen könne; er bezeichnet ihn sogar als einen médiocre théoricien. Außerdem kritisiert er, dass Apollinaire jedes Mal, als er versucht hat, Gelassenheit zu prophezeien, gescheitert sei.Margareth Wijk: Guillaume Apollinaire et l’esprit nouveau. Gleerup, Lund 1982, S. 16 f. Zudem würde Apollinaire in seinem Manifest Ansichten vertreten, die mit den Prinzipien Bretons unvereinbar seien. So spricht sich Apollinaire klar für l’ordre und le bon sens aus. Dem kann Breton als zentrale Figur des Surrealismus, einer Bewegung, die sich gegen Begrenzungen und Einschränkungen aller Art ausspricht, nichts abgewinnen.Margareth Wijk: Guillaume Apollinaire et l’esprit nouveau. Gleerup, Lund 1982, S. 17. So beschreibt er in seinem ersten Manifeste du Surréalisme im Jahre 1924 den Surrealismus als einen
Es ist selbsterklärend, dass Breton somit kein System wie den esprit nouveau unterstützen kann, das das freie Spiel der Vorstellungskraft durch Regeln oder Pflichten einschränkt – oder gar zensiert. Es sei dagegen die imagination, die im Zentrum des Surrealismus stehen sollte.
Ebenso wenig kann er mit den nationalistischen Äußerungen Apollinaires im esprit nouveau et les poètes anfangen. Sicherlich muss man bedenken, dass der esprit nouveau et les poètes in der Zeit des Ersten Weltkrieges entstanden ist und dass man ihn somit nicht an dem heutigen Verständnis von Nationalismus messen darf; dennoch sahen zahlreiche Dichter, darunter eben Breton, diese stark patriotischen Ansichten als überzogen an. So sollten gemäß Apollinaire alle Ideen und literarischen Tendenzen von Frankreich ausgehen und die ganze Welt erreichen, zumal es nur die Franzosen wären, die zu so einer Leistung des Geistes überhaupt befähigt seien.Claude Leroy: „Drei Begegnungen mit dem Esprit Nouveau.“ Der Blick vom Wolkenkratzer: Avantgarde – Avantgardekritik – Avantgardeforschung. Hrsg. Wolfgang Asholt. Rodopi, Amsterdam 2000, S. 593f. Der Surrealismus hingegen sei eine internationale Bewegung, die nicht durch Ländergrenzen oder dergleichen beschränkt werden dürfe.
André Billy