mini|Maria-Theresien-Gasse, oder „Hintere Reih“, in Großpold, nach 1754 angelegt für die österreichischen Transmigranten Landlerisch ist ein südbairischer Dialekt, der vom 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in Siebenbürgen gesprochen wurde. Es war die Sprache der Volksgruppe der Landler bis zu deren Massenauswanderung nach der rumänischen Revolution 1989. Seitdem gilt das Landlerische als vom Aussterben bedroht und wird nur noch von etwa 200 meist älteren in Rumänien lebenden Personen gesprochen sowie von einigen Hundert Ausgewanderten in Deutschland. Landlerisch existierte über mehr als zwei Jahrhunderte in unmittelbarer Diglossie mit siebenbürgisch-sächsischen Mundarten, weitgehend ohne sich mit diesen zu vermischen.
Teilweise werden auch die bairischen Dialekte von Deutsch-Mokra und Königsfeld in der Ukraine und Oberwischau in der rumänischen Maramuresch als Landlerisch bezeichnet, die jedoch eine komplett andere Geschichte haben.
Entstehung Landlerisch entstand aus jenen Dialekten, die von österreichischen Protestanten mitgebracht wurden, die im Zuge der Gegenreformation in drei Wellen von 1734 bis 1776 aus verschiedenen Regionen Österreichs nach Siebenbürgen zwangsumgesiedelt wurden. Diese Transmigranten genannten Personen wurden in und um Hermannstadt angesiedelt und konzentrierten sich später auf drei Dörfer in dessen Umgebung, nämlich Neppendorf, Großau und Großpold. Dies waren ehemals rein siebenbürgisch-sächsische Dörfer, die durch die Pest, den Großen Türkenkrieg sowie die darauf folgenden Kuruzenaufstände unter Emmerich Thököly (1690) sowie Franz II. Rákóczi (1703–1711) stark zerstört und teilweise entvölkert worden waren. Daneben gab es einzelne Familien, die sich in der Umgebung in anderen siebenbürgisch-sächsischen Dörfern und Städten niederließen, etwa in Broos, Mühlbach, Großscheuern, Heltau und Michelsberg.landler.com: (von Alfred Obernberger: Die Mundart der siebenbürgischen Landler. 1964).
Diese österreichischen Transmigranten lebten nun zwar mit lutherischen Glaubensgenossen zusammen, doch sprachen diese einen für sie zunächst unverständlichen Dialekt, das Siebenbürgisch-Sächsische. Auch waren die Sachsen von den habsburgischen Behörden in Wien nicht gefragt worden, ob sie österreichische Protestanten aufnehmen wollen, und deshalb wurden diese erst nach einer strengen Glaubensprüfung in ihrer Mitte akzeptiert. Während sich die verstreut lebenden Landler innerhalb von ein bis zwei Generationen zu Siebenbürger Sachsen assimilierten, waren sie in den drei genannten Dörfern so zahlreich, dass sie dort ihre aus Österreich mitgebrachte Mundart behielten. Dies führte zu der einmaligen Situation, dass in ein und demselben Dorf zwei deutsche, linguistisch aber relativ weit voneinander entfernte, Dialekte über Generationen nebeneinander existierten, wobei sich natürlich Spannungen ergaben. Die Situation war jedoch in den drei Dörfern höchst unterschiedlich:
Neppendorf Neppendorf war durch die Türkenkriege so stark zerstört worden, dass die dort hauptsächlich aus dem Salzkammergut (1734) und dem oberösterreichischen Landl (1754–54) stammenden Protestanten von Anfang an drei Viertel der Bevölkerung ausmachten, während die Sachsen nur mehr ein Viertel stellten. Dadurch wurde das Landlerische zur dominierenden Sprache im Dorf und auch die meisten Sachsen beherrschten es. Da jedoch Neppendorf direkt bei Hermannstadt liegt und die Bauern dort ihre Produkte am Markt verkauften, lernten auch die meisten Landler Sächsisch. Die alt hergebrachte Verkündigungssprache im Gottesdienst war ebenfalls Sächsisch und auch die Pfarrer waren durchwegs Sachsen, weshalb es in Neppendorf bis ins 20. Jahrhundert immer wieder zu Konflikten zwischen beiden Gruppen kam. Da die Pfarrer allerdings kein oder nur schlecht Landlerisch sprachen, die Landler hier jedoch die Mehrheit ausmachten, einigte man sich schließlich auf Hochdeutsch als Gottesdienstsprache. Im familiären Bereich und auch in den Nachbarschaften sprachen beide Gruppen weiterhin ihre eigene Sprache und saßen in der Kirche getrennt voneinander. Das Neppendorfer Landlerisch ist auf Grund seiner Geschichte den alten Mundarten im südlichen Oberösterreich sehr ähnlich. Durch die geographische Isolation haben sich dort aber viele konservative Formen erhalten, die in Oberösterreich von hochdeutschen oder umgangssprachlichen Varianten verdrängt wurden.
Großau Die in Großau angesiedelten Landler stammten ebenfalls hauptsächlich aus der ersten (Salzkammergut, 1734) und zweiten Transmigrationswelle (Landl/Hausruckviertel, sowie Kärnten 1752–54), wurden später jedoch noch durch einzelne deportierte Protestanten aus der Steiermark (1776) verstärkt.Dieter Knall: Aus der Heimat gedrängt – Letzte Zwangsumsiedlungen steirischer Protestanten nach Siebenbürgen unter Maria Theresia (= Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark. Band 45). 2., unveränderte Auflage. Selbstverlag der Historischen Landeskommission für Steiermark, Graz 2002, ISBN 3-901251-25-1. Dennoch machten sie nie mehr als 45 % der Bevölkerung aus, während die Sachsen die Mehrheit bildeten. Außerdem war Großau eine wohlhabende Gemeinde, mit viel Grundbesitz (Hattert) und einer geschichtsträchtigen Kirchenburg, weshalb die Sachsen nicht bereit waren, auf ihre Vorrechte zu verzichten. Das sprachliche Kräfteverhältnis war hier deshalb genau umgekehrt als in Neppendorf. Die Landler mussten sich anpassen und Sächsisch lernen und konnten ihre Sprache nur in der Familie pflegen. Viele Großauer Sachsen weigerten sich zudem, Landlerisch zu lernen, weshalb in gemischten Gesprächssituationen bis heute immer Sächsisch gesprochen wird. Bei Mischehen musste sich die Braut der Sprache der Familie anpassen, in die sie einheiratete. Lediglich wenn der Bräutigam arm war und auf den Hof der Braut zog, musste dieser sich anpassen, was fast ausschließlich bei Landlern vorkam, die eine Sächsin heirateten. So gab es in Großau sächsische Familien mit eigentlich aus Österreich stammenden Familiennamen, wie Huber, Fuchshuber, Holzinger und Wiserner.landler.com: Verzeichnis der Landlerischen Familiennamen, nach Bernhard Capesius: Die Landler in Siebenbürgen. 1962. Hochdeutsch wurde hier erst Anfang des 20. Jahrhunderts als Verkündigungssprache in der Kirche eingeführt und selbst danach bestanden die Sachsen noch darauf, sächsische Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse auf Sächsisch abzuhalten. In den Nachbarschaftsversammlungen wurde ebenfalls nur Sächsisch gesprochen. Insgesamt waren die Konflikte zwischen den beiden Sprachgruppen in Großau am intensivsten und dauerten bis in die Zeit Ceaușescus an. Das Großauer Landlerisch behielt dadurch zahlreiche altertümliche Formen und gilt insgesamt als das konservativste. Lediglich einige lexikalische Elemente wurden aus dem Sächsischen, später auch aus dem Rumänischen übernommen.Ernst Martin Weingärtner: Ein Heimatbuch über die Gemeinde Grossau in Siebenbürgen, Rumänien. Eigenverlag, Memmingen 1988.
Großpold Großpold ist von den drei Landlerdörfern das kleinste und auch jenes, das von Hermannstadt am weitesten entfernt liegt. Die hier angesiedelten Landler stammen hauptsächlich aus der zweiten (1752–54) und dritten (1776) Transmigrationswelle und kamen daher vorwiegend aus Kärnten (Himmelberg, Paternion, Spittal an der Drau etc.) und der Steiermark (Murau, Stadl an der Mur). Dies lässt sich bis heute im Großpolder Landlerisch feststellen, das eindeutig stärkere Ähnlichkeit mit dem Kärntnerischen hat und sich dadurch vom Dialekt der anderen beiden Dörfern etwas unterscheidet. Die Diglossie zwischen Landlerisch und Sächsisch war hier in etwa ausgeglichen, wobei die Landler leicht in der Mehrheit waren. Beide Gruppen lernten jedoch mit der Zeit die Sprache, beziehungsweise den Dialekt der anderen. In Großpold gab es zwar in der Anfangszeit auch Konflikte zwischen beiden Gruppen, jedoch waren diese weniger sprachlicher, sondern religiöser Natur. Die Landler waren hier die weitaus frommere Gruppe, die den Sachsen Sittenverfall (Großpold ist ein Weinanbaugebiet) vorwarf und auf getrennte Jugendvereine (Bruder- und Schwesternschaft) bestand. Es kam aber bald zu zahlreichen Mischehen, bei denen jedoch tendenziell die Landler die Sachsen assimilierten, was sich auf Grund von zahlreichen eigentlich sächsischen Nachnamen in landlerischen Familien feststellen lässt, wie Pitter, Bottesch, Kirr, Nietsch, Theil und Glatz. Dennoch beherrschten auch alle Landler das Sächsische fließend, da das Dorf enge Kontakte zum benachbarten sächsischen Urwegen pflegte. Das Großpoldner Landlerisch ist auf Grund der Arbeiten von Johanna und Martin BotteschJohanna Bottesch, Martin Bottesch: Die bairisch-österreichische Mundart der Landler von Grosspold (Apoldu de Sus) in Siebenbürgen (Rumänien) (= Beiträge zur Sprachinselforschung. Band 10). 2 Bände. VWGÖ, Wien 1992, ISBN 3-85369-892-1.Martin Bottesch, Franz Grieshofer, Wilfried Schabus (Hrsg.): Die siebenbürgischen Landler. Eine Spurensicherung. 2 Teile. Böhlau, Wien u. a. 2002, ISBN 3-205-99415-9. Wilfried SchabusWilfried Schabus: Die Landler von Großpold. Kärntner Vertriebene in Rumänien. In: Carinthia. Zeitschrift für geschichtliche Landeskunde von Kärnten. Band 182, 1992, , S. 417–440.Wilfried Schabus: Beobachtungen zu Sprachkontakt, Varietätenausgleich, Sprachloyalität und Sprachwechsel in Pozuzo (Peru) und bei den „Landlern“ in Siebenbürgen. In: Nina Berend, Klaus J. Mattheirer (Hrsg.): Sprachinselforschung. Eine Gedenkschrift für Hugo Jedig. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1994, S. 221–262., sowie des österreichischen Soziologen Roland GirtlerRoland Girtler: Verbannt und vergessen. Eine untergehende deutschsprachige Kultur in Rumänien. Linz, 1992.Roland Girtler: Sommergetreide. Vom Untergang der bäuerlichen Kultur. Böhlau, Wien u. a. 1996, ISBN 3-205-98560-5.Roland Girtler: Das letzte Lied vor Hermannstadt. Das Verklingen einer deutschen Bauernkultur in Rumänien. Böhlau, Wien u. a. 2007, ISBN 978-3-205-77662-8., heute das am besten dokumentierte.
Sprecherzahlen Die Volksgruppe der Landler und damit auch die Sprecherzahl ihrer Sprache erreichte durch Bevölkerungswachstum ihren Höhepunkt in den 1930er Jahren. Durch die bekannte Einwohnerzahl der drei Dörfer und die über die Zeit relativ konstante Verteilung von Sachsen und Landlern kann man für diese Zeit von einer Sprecherzahl von etwa 6.000 ausgehen (Neppendorf 3.000, Großau 2.000, Großpold 1.000). Zwar hatte schon in der österreichisch-ungarischen Zeit eine Abwanderung in die Städte und eine damit meist verbundene Assimilierung zu Siebenbürger Sachsen begonnen, doch wurde dies durch hohe Geburtenraten in den drei Dörfern ausgeglichen. Auch als Siebenbürgen 1919/1920 zum Königreich Rumänien kam, blieb die Sprecherzahl konstant, lediglich die rumänische Sprache löste nun das davor verbreitete Ungarisch als Amtssprache ab. Erst im und nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Rückgang der Sprecherzahlen. Dies war zum einen bedingt durch die Zahl der Gefallenen, da viele männliche Landler als Soldaten in die rumänische Armee eingezogen wurden, die Mehrzahl aber nach dem Hitler-Antonescu-Abkommen vom 12. Mai 1943 zu den Deutschen wechselte und an der Ostfront eingesetzt wurde. Zum anderen zogen sich zahlreiche in der deutschen Armee dienende Landler mit ihren Truppenteilen 1945 bis nach Österreich und Bayern zurück und gingen dort in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Davon kehrten viele nach der Machtergreifung der Kommunisten im Dezember 1947 nicht mehr in ihre Heimat zurück, sondern siedelten sich wie viele andere Volksdeutsche vor allem in Bayern und Baden-Württemberg an. Die Landlerdörfer selbst wurden hingegen schon im August 1944 von der Roten Armee eingenommen und die arbeitsfähige Bevölkerung, vor allem Frauen und Mädchen, im Jänner 1945 zu fünf Jahren Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, meist in die Donbas-Region.Martin Bottesch: Landler-Büchlein. 2. Auflage. Honterus-Verlag, Sibiu-Hermannstadt 2007, ISBN 978-973-1725-15-4.