Es gibt in der Völkerkunde verschiedene ethnologische Theorien zur Gewalt, weil der Gewaltbegriff umstritten ist und es keine allgemeingültige und eindeutige Definition gibt. Die Ethnologie der Gewalt ist ein junger Forschungsbereich, eine ausführliche Theoriebildung fand erst seit den 1940er Jahren statt. Laut Nancy Scheper-Hughes und Philippe Bourgois vermieden viele Ethnologen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vor allem deshalb die Untersuchung ethnischer oder indigener Gewaltformen, um durch ihre Analyse nicht das Vorurteil von der Primitivität und Brutalität indigener Völker zu stärken.Nancy Scheper-Hughes, N. Bourgois, Philippe Bourgois (Hrsg.): Violence in War and Peace (An Anthology). In: Blackwell Readers in Anthropology. Band 5, Blackwell, Malden 2005, S. 6.
Ethnologische Ansätze können auf einer etischen oder emischen Herangehensweise basieren. Bei einem etischen Vorgehen, welches sich durch eine Analyse vor dem Hintergrund westlich geprägter Wissenschaftskonzepte auszeichnet, kann eine kulturvergleichende Studie durchgeführt werden. Ein emisches Vorgehen hingegen versucht das Phänomen Gewalt mit den jeweiligen kultureigenen Begriffen und Konzepten darzustellen.G. Elwert: Sozianthropologisch erklärte Gewalt. Internationales Handbuch der Gewaltforschung. W. Heitmeyer and G. Albrecht. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2002, S. 336–337.
Die soziale Rolle von Gewalthandlungen in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen, ihre kulturspezifischen Ursachen und Bedingungen sowie die je nach Kultur unterschiedlichen Konzeptionen von Gewalt sind zentrale Fragestellungen der Forschung.
Wichtige Themen in der ethnologischen Untersuchung von Gewalt sind Nationalität, Ethnizität, Rache, rumor and gossip (Gerüchte und Klatsch), Alkoholkonsum, Religion, Aggressivität, Kriegsführung, Suizid, Hexerei, strukturelle Auswirkungen von Gewalt sowie Gewaltlosigkeit.
Es werden unter anderem strukturelle Gewalt,Anmerkung: Wurde ausführlich diskutiert von Paul Farmer, Philippe Bourgois und Nancy Scheper-Hughes, obwohl der Begriff ursprünglich durch den Politikwissenschaftler Johan Galtung geprägt wurde; vergleiche Nancy Scheper-Hughes, N. Bourgois, Philippe Bourgois (Hrsg.): Violence in War and Peace (An Anthology). In: Blackwell Readers in Anthropology. Band 5, Blackwell, Malden 2005. symbolische GewaltSchmidt 2001, S. 6: „Symbolic dimension of violence may also backfire against its perpetrators and make it contestable on a discursive level not as a physical but as a performative act“; Bourdieu: Symbolic Violence. 1977: „[…] inherent but unrecognized violence that is maintained and naturalized within systems of inequality and domination.“ Zitiert in: Antonius C. G. M. Robben, Marcelo M. Suárez-Orozco: Cultures Under Siege. Collective Violence and Trauma in Interdisciplinary Perspectives. Cambridge University Press, New York 2000, S. 249. und physische Gewalt unterschieden. Letztere beinhaltet eine relativ eng umgrenzte Gewaltdefinition, die eine intendierte körperliche Schädigung als Grundlage hat. Trotzdem können sich auch vor dem Hintergrund einer engen Definition verschiedene Perspektiven und Bewertungen von ein und demselben Kraftakt auftun. Diese Perspektivdifferenz zum Thema Gewalt greift David Riches, einer der bedeutendsten Vertreter der Ethnologie der Gewalt, in seiner Theorie des Dreiecks der Gewalt bestehend aus Täter, Opfer und Zeuge aus dem Jahr 1986 auf. Danach hängt die Definition von Gewalt letztlich von der Beurteilung der Beteiligten ab.David Riches (Hrsg.): The Anthropology of Violence. Blackwell, Oxford u. a. 1986, ISBN 0-631-14788-8, S. ??.
Die Erklärung von Riches konzentriert sich auf phänomenologische und handlungsmotivierende Aspekte von Gewalt. Daneben gibt es heute eine Vielzahl von Theorien, die gewalttätige Handlungen in ihrem historischen Kontext betrachten.Pamela J. Stewart, Andrew Strathern: Violence – Theory and Ethnography. Continuum, London u. a. 2002, S. 10. Untersucht werden sowohl Vorbedingungen für als auch Konsequenzen von Gewaltakten.
Narrative Ansätze neigen dazu, Beweggründe für Gewalt zu erklären, sie zu legitimieren und Menschen damit letztendlich zur Ausübung von Gewalt zu motivieren.Pamela J. Stewart, Andrew Strathern: Violence – Theory and Ethnography. Continuum, London u. a. 2002, S. 152.
Weiterhin wird zwischen individueller und kollektiver Gewalt unterschieden. Wird Gewalt auf das Individuum bezogen untersucht, liegt der Fokus auf der subjektiven Erfahrung. Bei kollektiver Gewalt sind die Folgen einer als gewalttätig aufgefassten sozialen Handlung entscheidend.Bettina E. Schmidt, Ingo W. Schroeder: Anthropology of Violence and Conflict. Routledge, London 2001, S. 18 (European Association of Social Anthropologists).
Theorien zur Gewalt David Riches Als einer der ersten ausführlicheren Ansätze zur Theoriebildung über Gewalt innerhalb der Ethnologie gilt David Riches Konzept des „Dreiecks der Gewalt“ aus dem Jahr 1986.Andrew Strathern, Pamela J. Stewart: Gewalt. Begriffliche Überlegungen und die Bewertung von Handlungen. In: polylog. Forum für interkulturelle Philosophie e. V. Tübingen, Oktober 2003, abgerufen am 12. Juli 2014. Sein Ansatz ist phänomenologisch und die ihm zugrunde liegende Gewaltdefinition eng. Riches versteht Gewalt als „an act of physical hurt deemed legitimate by the performer and illegitimate by (some) witnesses“ (ein Akt des Zufügens von physischen Schmerzen, der vom Verursacher als legitim und von (einigen) Zeugen als illegitim angesehen wird).David Riches (Hrsg.): The Anthropology of Violence. Blackwell, Oxford u. a. 1986, ISBN 0-631-14788-8, S. 8. Das Dreieck der Gewalt begreift Gewalt als eine Handlung, die aus drei Akteuren besteht: einem Täter, einem Opfer sowie einem Zeugen. Die unterschiedliche Wahrnehmung und Bewertung dieser Akteure von ein und derselben Krafthandlung führt dazu, dass letztendlich die Bewertung der Betroffenen die Handlung als gewalttätig oder nicht definiert. Physische Gewalt hat somit den Charakter einer interpretativen Mehrdeutigkeit. Ein weiterer Punkt in Riches Ansatz sind vier von ihm herausgearbeitete Eigenschaften von Gewalt, die sie zu einer „soziale[n] und kulturelle[n] Ressource“ werden lassen: Gewaltausübungen würden immer Gefahr laufen, in ihrer Legitimität hinterfragt zu werden, Gewalt als solche werde selten missverstanden, die Anwendung von Gewalt sei für die Sinne höchst sichtbar und es bedarf wenig, außer der Kraft des menschlichen Körpers, um jemandem wirksamen Schaden zuzufügen.David Riches (Hrsg.): The Anthropology of Violence. Blackwell, Oxford u. a. 1986, ISBN 0-631-14788-8, S. 11. In Anbetracht dieser Annahmen könne Gewalt zu einem höchst effizienten Instrument zur Interessendurchsetzung und Zielerreichung werden. Riches geht davon aus, dass Menschen, trotz immer vorhandener Alternativen, zu einer gewalttätigen Lösung tendieren und bezeichnet Gewalt als eine „strategy which is basic to the experience of social interaction“ (Strategie, die für die Erfahrung sozialer Interaktion fundamental ist).David Riches (Hrsg.): The Anthropology of Violence. Blackwell, Oxford u. a. 1986, ISBN 0-631-14788-8, S. 26.
Abbink und Ajmer Die theoretischen Bezüge, die von Jon Abbink und Göran Ajmer in ihrem im Jahr 2000 erschienenen Buch Meanings of Violence gemacht werden, berücksichtigen eine Vielzahl von Einflüssen, fokussieren jedoch in erster Linie auf Kommunikation und der mit ihr einhergehenden symbolischen Bedeutung, wie sie auch in der Religion und im Ritual vorkommen.Pamela J. Stewart, Andrew Strathern: Violence – Theory and Ethnography. Continuum, London u. a. 2002, S. 159. So unterstreicht Abbink, dass es sich bei Gewalt um kommunikative Akte handelt, die durch ihre Symbolkraft an Bedeutung gewinnen.Jon Abbink, Göran Ajmer: Meanings of Violence. A Cross-Cultural Perspective. Berg, Oxford 2000, S. xii. Aijmer gliedert zwischen vorgestellter, diskursiver und ethologischer Ordnung.Jon Abbink, Göran Ajmer: Meanings of Violence. A Cross-Cultural Perspective. Berg, Oxford 2000, S. 3–4. Diese Einteilung sieht er als entscheidend für die Erklärung von Gewalt in unterschiedlichen Gesellschaften.
Schroeder und Schmidt Im Spannungsfeld von imaginisierter Gewalt und gewalttätiger Praxis unterscheiden Ingo W. Schroeder und Bettina E. Schmidt in ihrem 2001 herausgegebenen Buch Anthropology of Violence and Conflict zwischen operationalen, kognitiven und experimentellen Zugängen zur Untersuchung von Gewalt. Die operationale Herangehensweise fokussiert auf gegenständliche und politische Gründe, die kognitive auf kulturelle Konstruktionen und die experimentelle auf subjektive Empfindungen im Zusammenhang mit Gewalt.Bettina E. Schmidt, Ingo W. Schroeder: Anthropology of Violence and Conflict. Routledge, London 2001, S. 1. Infolge dieser Klassifizierung öffnet sich ein allgegenwärtiger theoretischer Handlungsspielraum. Schroeder und Schmidt ergänzen, dass es eine Vorstellung von dem geben muss, was Gewalt ausmacht, damit gewisse Handlungen überhaupt als solche durchgeführt und interpretiert werden können.Bettina E. Schmidt, Ingo W. Schroeder: Anthropology of Violence and Conflict. Routledge, London 2001, S. 9.
Stewart und Strathern Pamela J. Stewart und Andrew Strathern unterscheiden zwischen funktionaler und symbolischer Gewalt. Funktionale Gewalt bezieht sich auf Recht und Ordnung im Zusammenhang mit reziproker Gewalt.Pamela J. Stewart, Andrew Strathern: Violence – Theory and Ethnography. Continuum, London u. a. 2002, S. 5. Symbolische Gewalt sucht im analytischen Stil postmoderner Theorien nach den subjektiven Erfahrungen und kulturellen Bedeutungen, die mit Gewalt assoziiert werden.Anmerkung: Den alltäglichen und subjektiven Erfahrungen von Gewalt wenden sich auch folgende Autoren zu: Veena Das, Arthur Kleinman, Margaret Lock, Mamphela Ramphele und Pamela Reynolds. Assoziationen zwischen der Idee von Rache und Rechtssystemen rücken in ihrer Analyse ethnographischer Daten vermehrt in den Vordergrund.
Erwin Orywal Erwin Orywal (1949–2019) als Vertreter der kognitiven Ethnologie untersucht kulturelle Dispositionen bei der proximaten Ursache individueller oder kollektiver Gewaltanwendung.Erwin Orywal: Krieg oder Frieden: Eine vergleichende Untersuchung kulturspezifischer Ideale – der Bürgerkrieg in Belutschistan/Pakistan. In: Koelner ethnologische Mitteilungen. Band 13, Reimer, Berlin 2002, S. 41. Er geht von einem, in seinem Ausmaß durch die jeweilige Kultur geprägtem individuellen Aggressionspotential des Menschen aus und vertritt die These, dass „gewaltsame Konfliktlösungsstrategien in den kulturellen Überzeugungssystemen konzeptualisiert sind“.Erwin Orywal: Krieg oder Frieden: Eine vergleichende Untersuchung kulturspezifischer Ideale – der Bürgerkrieg in Belutschistan/Pakistan. In: Koelner ethnologische Mitteilungen. Band 13, Reimer, Berlin 2002, S. 39. Mitglieder einer Kultur handeln aufgrund von Bewertungen, welche sich empirisch als Werte und Normen bzw. Überzeugungen oder Ideale in einer Kultur manifestieren. Daraus folgt nach Orywal: „Je positiver eine kognitiv-emotive Rechtfertigung von individuell oder kollektiv gewaltsamen Handeln und je wahrscheinlicher dieses Handeln zur Realisierung der erwünschten Konsequenzen bewertet wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem entsprechenden Handeln kommt.“