mini|hochkant=1.4|Firmenschild Hugo Meyer

Meyer-Optik bzw. Meyer-Optik-Görlitz ist eine Markenbezeichnung eines ehemaligen optischen Unternehmens aus Görlitz in Deutschland. Meyer-Optik war vor dem Zweiten Weltkrieg wie auch später als VEB Feinoptisches Werk Görlitz und als Teil des Kombinat VEB Pentacon Dresden ein bedeutender Hersteller von Kameraobjektiven. 1991 musste das Unternehmen die Produktion einstellen.

2014 nahm die Firma net SE als neuer Inhaber der Marke den Vertrieb von Objektiven wieder auf. net SE musste 2018 Insolvenz anmelden und hat im selben Jahr sowohl die Markenrechte als auch die Konstruktionspläne an die Bad Kreuznacher Firma OPC Optical Precision Components Europe GmbH verkauft.

Geschichte mini|Jugendbild von Hugo Meyer mini|Lageplan des Görlitzer Hauptwerks (Baujahre der Gebäude) mini|Montagegebäude Fichtestraße aus den 1920er Jahren

Gründungsjahre (1896–1919)

Der Optiker Hugo Meyer (* 21. Mai 1863; † 1. März 1905) gründete am 1. April 1896 zusammen mit dem Kaufmann Heinrich Schätze die Optisch-Mechanische Industrie-Anstalt Hugo Meyer & Co. (Gesellschaftsregister des königlichen Amtsgerichtes zu Görlitz Nummer 477). Ihre Werkstatt richteten sie in der Löbauer Str. 7 ein – einem Gebäude, in dem mehrere Görlitzer Kamerahersteller ansässig waren.Anna Neusüß: Über die Anfänge der Fotografie. In: Die Gründerväter der Fotografie in Görlitz. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz (ohne Jahr), S. 31.

Ein früher Erfolg, der die junge Firma schnell in der Fachwelt bekannt machte, war der 1900 patentierte, von Friedrich Kollmorgen konstruierte Aristostigmat bzw. später die darauf aufbauenden Satz-Objektive und der Weitwinkel-Aristostigmat. Schon 1901 mussten größere Räume bezogen werden. 1904 wurde ein „Atelier-Schnellarbeiter“ auf den Markt gebracht. Hugo Meyer leitete das Unternehmen bis zu seinem Tod 1905. Seine Witwe Elise Meyer und seine Söhne führten die Firma weiter. Nachdem im Jahre 1908 der Patentschutz für das Goerz-Dagor abgelaufen war, fertigte Meyer auf diesem Typ basierende sechslinsige verkittete Doppel-Anastigmate der Öffnungen 1:6,8 und 1: 5,4. Für Aufsehen sorgte aber erst der im Jahre 1910 herausgebrachte Doppel-Anastigmat "Silesar" mit der für damalige Verhältnisse sehr großen Öffnung von 1:4,2Vgl. Photographische Chronik Nr. 97/1910, S. 597.. Dieses Objektiv ließ sich die Firma Meyer von dem Berliner Mathematiklehrer und Hochschuldozenten Hermann Servus konstruieren, der in den Dagor-Aufbau neuartiges Fluor-Kronglas eingeführt hatte. Im November 1905 erwarb Hugo Meyer jr. die Optische Anstalt Schulze und BillerbeckVgl. Reichsanzeiger vom 28. 11. 1911, S. 28., die die damals bekannten Euryplan-Objektive und Objektivsätze herstellte. Ab 1918 wurden auch Projektionsobjektive hergestellt.Anna Neusüß: Über die Anfänge der Fotografie. In: Die Gründerväter der Fotografie in Görlitz. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz (ohne Jahr), S. 32 f.

Weg zum Anbieter von System-Objektiven (1920–1945)

mini|Ab Anfang der 1950er Jahre war Meyer-Optik wieder in der Lage, ein umfangreiches Objektivprogramm anzubieten Eine wichtige geschäftliche Entscheidung fiel 1920, als sich das Unternehmen für eine Zusammenarbeit mit Paul Rudolph entschied.Anna Neusüß: Über die Anfänge der Fotografie. In: Die Gründerväter der Fotografie in Görlitz. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz (ohne Jahr), S. 33. Rudolph trug im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zur Entwicklung einiger der wichtigsten Objektive (Protar, Planar, Tessar) von Zeiss bei. Rudolph stellte Meyer sein Patent für die Plasmat-Objektive zur Verfügung, zu denen das damals lichtstärkste Objektiv der Welt gehörte. Auch wurde ein Plasmat-Satzobjektiv angeboten.

mini|Polnische Gastarbeiterinnen montieren Meyer-Objektive (1975)

Im wirtschaftlich schwierigen Jahr 1923 wurde ein neues Werk bezogen. Meyer etablierte sich zunehmend als Erstausrüster wichtiger Kameraunternehmen, unter anderem für die Ihagee Exakta. Meyer bot in den 1930er Jahren ein sehr umfassendes Sortiment an hochwertigen Wechselobjektiven an. Im Vergleich mit den entsprechenden Zeiss-Objektiven wurden diese Objektive in der Regel etwas günstiger angeboten. Das Sortiment reichte vom 40 mm-Weitwinkel-Objektiv (Doppel-Anastigmat), über die lichtstarken Primoplan-Objektive (58–75 mm) bis zum 250 mm-Telemegor.

1936 wurde der Name des Unternehmens in „Optische und Feinmechanische Werke Hugo Meyer & Co.“ geändert. Es wurden damals etwa 100.000 Kameraobjektive pro Jahr produziert.Anna Neusüß: Über die Anfänge der Fotografie. In: Die Gründerväter der Fotografie in Görlitz. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz (ohne Jahr), S. 34. 1942 stellte Meyer-Optik die zivile Produktion kriegsbedingt ein. Schwerpunkt der Rüstungsproduktion waren optische Komponenten für Zielfernrohre. Die Produktion war in den letzten Kriegsjahren nach Grünhainichen im Erzgebirge ausgelagert. Noch 1945 wurde die Produktion zurückverlegt. Zunächst wurden aber Produkte wie Lupen oder Türbeschläge zur Deckung des unmittelbaren Bedarfs hergestellt.Gottfried Kindler: Geschichte der Firma MEYER-OPTIK als Betrieb Feinoptisches Werk Görlitz nach dem 2. Weltkrieg. Mit Nachtrag: Chronik der Firma Lederwaren Görlitz. 2. Auflage. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz e. V. (ohne Jahr), S. 9.

VEB Optisch-Feinmechanische Werke Görlitz (1946–1968)

Durch den Volksentscheid in Sachsen am 30. Juni 1946 wurde das Unternehmen als Teil der sächsischen Rüstungsindustrie enteignet. Es unterstand ab dem 1. Juli 1946 der Industrieverwaltung landeseigene Betriebe in Sachsen und führte unter treuhänderischer Verwaltung den Namen VEB Optisch-Feinmechanische Werke Görlitz. Die Betriebsanlagen wurden komplett demontiert. Trotzdem konnte 1946 ein Umsatz von 225.000 Reichsmark erreicht werden.Gottfried Kindler: Geschichte der Firma MEYER-OPTIK als Betrieb Feinoptisches Werk Görlitz nach dem 2. Weltkrieg. Mit Nachtrag: Chronik der Firma Lederwaren Görlitz. 2. Auflage. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz e. V. (ohne Jahr), S. 9 f.

Als erster Schritt zur Einführung der zentralen Planwirtschaft wurde das Unternehmen der VVB Feinmechanik und Optik zugeordnet. 1948 bestätigte die oberste Sowjetische Militäradministration in Deutschland die Enteignung, die damit rechtskräftig wurde. Am 1. Oktober 1948 erfolgte die Umbenennung in VEB Feinoptisches Werk Görlitz.Gottfried Kindler: Geschichte der Firma MEYER-OPTIK als Betrieb Feinoptisches Werk Görlitz nach dem 2. Weltkrieg. Mit Nachtrag: Chronik der Firma Lederwaren Görlitz. 2. Auflage. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz e. V. (ohne Jahr), S. 11. 1951 wurde das Primar-Kamera-Werk (zuvor Fa. Curt Bentzin) und 1954 der unter kommunaler Verwaltung stehende VEB Schiethering eingegliedert.Gottfried Kindler: Geschichte der Firma MEYER-OPTIK als Betrieb Feinoptisches Werk Görlitz nach dem 2. Weltkrieg. Mit Nachtrag: Chronik der Firma Lederwaren Görlitz. 2. Auflage. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz e. V. (ohne Jahr), S. 13 f.

Der Vorkriegs-Doppel-Anastigmat wurde 1949 zum Helioplan 1:4,5/40 weiterentwickelt. Der Betrieb eröffnete 1952 einen Betriebskindergarten. Im gleichen Jahr wurde die Antireflexbeschichtung mit Magnesiumfluorid eingeführt. Hauptsächlich produziert wurden einfache Trioplan-Triplets, meist für Sucherkameras der Dresdner Kamerahersteller Welta, Balda, Beier und Altissa. Zunehmend entstand auch Bedarf für Exakta Varex-, Contax- und Praktica-Kameras mit M42-Objektivgewinde. Das Programm an Wechselobjektiven bestand für diese Kameras aus dem Trioplan 1:2,8/100, dem Primoplan 1:1,9/58 und 1:1,9/75 (Ernostar-Typ) und dem langbrennweitigen Telemegor in den Varianten 1:5,5/180 und 1:5,5/400.Gottfried Kindler: Geschichte der Firma MEYER-OPTIK als Betrieb Feinoptisches Werk Görlitz nach dem 2. Weltkrieg. Mit Nachtrag: Chronik der Firma Lederwaren Görlitz. 2. Auflage. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz e. V. (ohne Jahr), S. 13. Viele Objektive von Meyer-Optik wurden regelmäßig mit dem höchsten Qualitätsprädikaten für DDR-Produkte ausgezeichnet. In den Jahren 1960/61 kam es zu einem Umbruch in den bisherigen Modellreihen, der durch markenrechtliche Probleme sowie die Entwicklung mehrerer neuer Produkte ausgelöst wurde.Gottfried Kindler: Geschichte der Firma MEYER-OPTIK als Betrieb Feinoptisches Werk Görlitz nach dem 2. Weltkrieg. Mit Nachtrag: Chronik der Firma Lederwaren Görlitz. 2. Auflage. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz e. V. (ohne Jahr), S. 18 f.

In gewissem Umfang blieb Meyer-Optik technologisch innovativ. So wurde 1956 erfolgreich ein deutsches Patent für eine Blenden-Schnelleinstellung für fotografische Objektive (Nummer 1089258), 1961 für ein fünf-linsiges Teleobjektiv (Nummer 1251971) und 1964 für ein befriedigend korrigiertes Objektiv aus vier Kunststofflinsen (Nummer 1252434) eingereicht.

Teil der Kombinate VEB Pentacon und VEB Carl Zeiss

mini|Optikgebäude Arndtstr. 1968/70 mit Anbau aus den 1980er Jahren

Der VEB Feinoptisches Werk Görlitz wurde zusammen mit dem Pentacon-Stammbetrieb in Dresden und dem Ihagee Kamerawerk AG i. V. 1968 in das Kombinat VEB Pentacon Dresden eingegliedert. Die Objektive trugen bis 1971 den Aufdruck „Meyer-Optik“. Das Kombinat VEB Carl Zeiss Jena übernahm 1985 mit Pentacon auch die ehemaligen Meyer-Betriebsstätten. In dieser Konstruktion existierte ein industrieller Kern von Meyer bis 1990.

Im Rahmen der wirtschaftlichen Zentralisierung verlor Meyer nach und nach Teile der technologischen Kompetenz. Es wurden zwar weiter hochwertige, aber zunehmend nur noch wenig innovative Standardobjektive hergestellt. Insbesondere wurden Produkte eingestellt, die in direkter Konkurrenz zu Alternativen aus dem Haus Carl Zeiss standen. Die für die Herstellung von Zoomobjektiven erforderlichen Präzisions-Werkzeugmaschinen konnten bis 1989 weder aus RGW-Staaten bezogen noch im westlichen Ausland beschafft werden.

Neuanfang und Ende von Meyer-Optik (1990–1991)

Im April 1990 wurde die Herauslösung des Görlitzer Werkes aus dem Jenaer Zeiss-Kombinat und die Umwandlung in eine GmbH beschlossen. Die Umwandlung erfolgte am 1. Juli 1990. Die neu entstandene Feinoptisches Werk Görlitz GmbH lieferte wieder mit MEYER-OPTIK und Made in Germany beschriftete Objektive aus. Ein Beispiel ist das Meyer-Optik 1:2,8/135 mm Objektiv mit M42 oder Praktica B-Anschluss.

Es konnte jedoch insgesamt in der kurzen, dem Unternehmen gegebenen Zeit keine konkurrenzfähige Produktion aufgebaut werden. Am 3. Oktober 1990 und damit unmittelbar vor der Photokina gab die Treuhandanstalt das Ende der neu erstandenen Meyer-Optik zum 30. Juni 1991 bekannt.Gottfried Kindler: Geschichte der Firma MEYER-OPTIK als Betrieb Feinoptisches Werk Görlitz nach dem 2. Weltkrieg. Mit Nachtrag: Chronik der Firma Lederwaren Görlitz. 2. Auflage. Gesellschaft für das Museum der Fotografie in Görlitz e. V. (ohne Jahr), S. 56–59.

Versuche einer Wiederbelebung der Marke seit 2014 net SE (2014–2018)

Globell Deutschland, die zur deutschen net SE aus Koblenz gehörte, hatte seit 2014 wieder Objektive unter der Marke Meyer-Optik-Görlitz vertrieben. Später hatte die net SE den Vertrieb selbst übernommen, aber im Juli 2018 Insolvenz angemeldet.