mini|Baldwin 1851 Robert Baldwin (* 12. Mai 1804 in York (Toronto); † 9. Dezember 1858 bei Toronto) war ein kanadischer Anwalt und Politiker.

Er gilt als einer der Wegbereiter der kanadischen Unabhängigkeit und der Überwindung des innerkanadischen Gegensatzes zwischen den katholischen Frankokanadiern und den Englisch sprechenden Anglikanern des Landes. Er führte die Regierungen der Provinzen Oberkanada bzw. Kanada von 1842 bis 1843 und von 1848 bis 1851 zusammen mit Louis-Hippolyte La Fontaine (Great Ministry).

1830 war Baldwin Mitglied des Parlaments der britischen Kolonie Oberkanada, das jedoch noch im selben Jahr aufgelöst wurde. 1836 wurde er in den Executive Council berufen, zog sich aber bereits nach einem Monat wieder zurück. Er drängte auf Berücksichtigung der Interessen der Kolonie in Form einer eigenen parlamentarischen Vertretung (responsible government). 1840 wurde er als Solicitor General erneut Mitglied des Executive Council und auch im Parlament der 1841 vereinigten Provinzen Ober- und Unterkanada war er ab Februar vertreten, zog sich jedoch auch hier mangels Rückhalt zurück. Noch 1842 wurde er Deputy Premier, arbeitete dabei eng mit Sir Louis-Hippolyte La Fontaine doch auch hier zog er sich am 26. November 1843 zurück. Bei den folgenden Wahlen unterlag die von ihm geführte Reformpartei, doch 1848 gewann sie. Während dieser zweiten Amtszeit (1848–1851) konnte Baldwin durchsetzen, dass die Universität von Toronto von religiösen Einflüssen weitgehend befreit wurde, hinzu kamen Reformen der Verwaltung auf regionaler Ebene (municipalities).

1851 trat Baldwin infolge eines Streits um die Rolle der von ihm eingerichteten Gerichtshöfe zurück. Tiefere Ursache war die parteiinterne Auseinandersetzung mit den als Radikale bezeichneten innerparteilichen Gegnern, den Clear Grits. Seine Wiederwahl scheiterte an der Frage der Clergy reserve, von Landgebieten also, deren Erträge dem Unterhalt des katholischen und anglikanischen Klerus dienten. Die ab 1853 entstehende Liberal-konservative Partei versuchte ihn 1854 als Kandidaten zu gewinnen, doch lehnte er ab. Er starb am 8. Dezember 1858 in Spadina House, das heute ein Museum ist.

Historischer Kontext Seit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten bemühte sich Großbritannien, die verbliebenen Kolonien, aus denen Kanada hervorgehen sollte, neu zu organisieren. Im Quebec Act von 1774 hatte London der französischen Mehrheit den Schutz ihrer Muttersprache und ihrer Konfession zugesichert. Diese Mehrheit wurde jedoch dadurch gebrochen, dass mehr als 10.000 Flüchtlinge nach dem Ende des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges in den verbleibenden Teilen des Kolonialreichs angesiedelt wurden. Dies geschah vor allem im Umkreis des späteren Toronto, das zu dieser Zeit noch York hieß. Der englische Bevölkerungsanteil wuchs damit so stark, dass man im Verfassungsgesetz von 1791 die Provinz teilte. So entstand das mehrheitlich englischsprachige Oberkanada und Niederkanada, wo eine Mehrheit Französisch sprach.

Im Britisch-Amerikanischen Krieg (1812–1814 bzw. 1815) fielen US-Truppen in Oberkanada ein, doch wurden sie von 350 britischen Soldaten, Milizen und Kriegern der First Nations, besonders der Ojibwa, zurückgeschlagen. Dennoch besetzten und plünderten die Amerikaner die Hauptstadt York und brannten das Parlamentsgebäude nieder. Im Gegenzug brannten britische Truppen in Washington 1814 das Weiße Haus nieder.

Eine Gruppe aristokratischer Familien, der so genannte Family Compact, beherrschte auch nach dem Krieg Wirtschaft und Politik. Gegen sie wehrten sich republikanische Gruppen. 1837 brachen zwei Aufstände aus, die beide die Einführung der Selbstverwaltung zum Ziel hatten, die von Louis-Joseph Papineau angeführte Niederkanada-Rebellion und die von William Lyon Mackenzie angeführte Oberkanada-Rebellion. Lord Durham sollte die Ursachen der Unruhen ermitteln. Er schlug eine weit gehende Selbstverwaltung vor, dazu die Vereinigung von Ober- und Niederkanada, um die französisch-katholische Minderheit schrittweise zu assimilieren. So wurden die beiden Kolonien zur Provinz Kanada vereinigt. Selbstverwaltungsrechte erhielt die Kolonie 1848. Zu dieser Zeit hatte Canada West bereits über 450.000 Einwohner. 1846 bestimmte Kolonialsekretär Lord Albert Grey, dass der Vizegouverneur nicht gegen die Mehrheit der Bevölkerung regieren sollte. 1848 beauftragte er Baldwin und La Fontaine zur Bildung einer Regierung.

1854 einigte sich London mit den USA auf die Abschaffung zahlreicher Schutzzölle. Der Handel, der durch den Bau mehrerer Kanäle und durch die Grand Trunk Railway nach Montreal und weiter nach Halifax am Atlantik stark gefördert wurde, brachte neue Interessengruppen hervor und wurde zu einem der wichtigsten Integrationsfaktoren für das im Entstehen begriffene Kanada. Er förderte die Umwandlung des agrarisch-feudalen Landes in ein kapitalistisches, eine Entwicklung, der der Osten hinterherhinkte. Folgerichtig entschied sich 1858 der Westen für die Liberalen, der Osten für die Konservativen.

Herkunft und Jugend Robert Baldwin war der älteste Sohn von William Warren Baldwin und Margaret Phoebe Willcocks, die 1798 von Irland nach Kanada gingen. Stark familienorientiert aufgewachsen nannte er später seine Mutter „the master mind of our family“. Sie sorgte für seine früheste Bildung. 1818 erwarb die Familie ein Haus in Toronto, das Spadina House. Sein Name geht auf die indianische Bezeichnung espadinong zurück, was Hügel bedeutet. 1820 starb sein junger Bruder Henry, und auch Robert war kränklich und neigte zur Melancholie.

Er freundete sich mit James Hunter Samson an, der von York, dem späteren Toronto, Anfang 1819 nach Kingston gezogen war. Die beiden korrespondierten über Liebe und Freundschaft, Baldwin hielt die Liebe von Mann und Frau für edler als die Freundschaft zwischen Männern. Baldwin schrieb Gedichte, die er mit seinem Freund austauschte, aber auch kritisierte. Im Juni 1819 gab er den Plan, ein Epos zu schreiben auf, und schrieb stattdessen eine „Ode to Tecumse“, die Samson sehr gefiel. Darin klang ein zweites zentrales Thema an, die Ehre oder allgemeiner Tugend. Seine Familie ahnte nichts von den Selbstzweifeln, die ihn bewegten.

Große Liebe, Anwalt 1825 verliebte er sich in seine 15-jährige Cousine Augusta Elizabeth Sullivan. Für ihn war die Zulassung als Anwalt, die im April 1825 erfolgte, im Vergleich dazu belanglos. Als die Familie dahinterkam, schickte sie Eliza, die er als „the sweetest source of my future happiness and the kindest soother of my future disappointments“ (die süßeste Quelle meines zukünftigen Glücks und die freundlichste Besänftigerin meiner Enttäuschungen) beschrieb, nach New York.

Am 20. Juni trat Baldwin seine Stelle an, drei Tage später stellte ihn sein Vater, der selbst Schatzmeister der Law Society of Upper Canada war, bei Gericht vor. Die Abhängigkeit seines Glücks mit Eliza vom Erfolg in seiner Stellung ängstigte ihn, wie er Eliza schrieb. Er bereiste die westlichen und zentralen Distrikte der Provinz und war erfolgreicher, als er erwartet hatte.

Im Spätsommer 1825 begann eine Zusammenarbeit mit dem Juristen und Mediziner John Rolph. Bald standen Baldwin und Rolph in einem Verfahren gegen James Buchanan Macaulay. Rolph ließ Baldwin überraschend reden, und er war zu seinem eigenen Erstaunen überaus erfolgreich. Dennoch fürchtete er weiterhin das Mittelmaß, denn er glaubte Eliza dann nicht glücklich machen zu können, wie er ihr eingestand. Zugleich spürte er, dass das bloße Recht bekommen ihn reizte.

Am 31. Mai 1827 heirateten Robert und Eliza, die sehr unter der ersten Schwangerschaft litt. Sie lasen gemeinsam in der Bibel und Robert hoffte, auch nach dem Tod nicht von seiner Frau getrennt zu sein. Sie sollten zwei Söhne und zwei Töchter haben. Mit seinem Vater und seinem Schwager Robert Baldwin Sullivan führte er Prozesse, ab 1831 häufig zusammen mit John Rolph.

Eintritt in die Politik 1828 kam es erstmals in der kanadischen Geschichte zu einer Kampagne gegen das sogenannte Responsible Government, womit eine Regierungsweise gemeint war, die sich nicht nur an den Interessen der Kolonialmacht Großbritannien orientierte, sondern sich vor allem gegenüber der Kolonie in der Verantwortung sah. Die Verwaltung von Sir Peregrine Maitland wurde dabei kritisiert, unter anderen von William Warren Baldwin und John Rolph, aber auch von Marshall Spring Bidwell. Am 17. Juni 1828 legte John Walpole Willis seine Meinung dar, dass der Court of King’s Bench rechtswidrig zustande gekommen sei. Der Gouverneur entließ ihn daraufhin und löste den Executive Council am 26. Juni auf.

Robert Baldwin hielt den Vorgang für eine wichtige und alarmierende Krise und er stellte sich im County York zur Wahl. Die Wahl gewannen jedoch Jesse Ketchum und William Lyon Mackenzie, Baldwin war der letzte von 40 Kandidaten. Trotz der Wahlen wurde am 15. August eine Petition eingereicht, die ein responsible government forderte, wobei Robert Baldwin eine zentrale Rolle spielte. Maitland sah sich gezwungen, seine Verwaltung gegenüber London zu verteidigen, wobei er behauptete, die Baldwins seien die einzigen Gentlemen, die sich mit der Opposition gemein machten.

Am 13. November 1828 wurde Baldwin vom Komitee dazu veranlasst, sich an den Generalgouverneur Sir John Colborne zu wenden. In Versammlungen protestierte er gegen Willis’ Abberufung. In einer Nachwahl im Dezember 1829, nachdem John Beverley Robinson seinen Sitz für York aufgab, um oberster Richter zu werden, besiegte Baldwin seinen Gegner James Edward Small. Wegen eines Verfahrensfehlers wurde die Wahl jedoch wiederholt, aber Baldwin gewann auch gegen den neuen Herausforderer. Am 30. Januar 1830 nahm er seinen Sitz in der Versammlung ein.

Als Anteilseigner der Bank of Upper Canada griff Baldwin in ihre Verwaltung ein. So verband er sich mit anderen Eignern, um einen unabhängigen Direktor im Vorstand durchzusetzen. Baldwin wurde selbst aufgestellt, unterlag aber gegen Samuel Peters Jarvis.

Mit dem Tod König Georgs IV. im Juni 1830 wurde das Parlament aufgelöst. Bei der folgenden Wahl unterlag Baldwin gegen W. B. Jarvis. Damit verschwand er von der politischen Bühne, die er nie liebte.

Elizas Tod, Berater des Generalgouverneurs, Europareise In dieser Zeit fürchtete Baldwin vor allem um die Gesundheit seiner Frau. Am 17. April 1834 kam Robert Baldwin Junior per Kaiserschnitt zur Welt. Die Gesundheit der Mutter war danach jedoch schwer angeschlagen, und sie reiste 1835 zur Erholung mit ihrem Schwiegervater nach New York. Dort starb sie am 11. Januar 1836. Zudem brannte 1835 Spadina, das gemeinsame Wohnhaus nieder, und die Familie erbaute im nächsten Jahr ein neues Haus an der heutigen Front Street in Toronto.

Der neue Generalgouverneur Sir Francis Bond Head erreichte Toronto am 23. Januar 1836. Head entschied sich für Robert Baldwin, dessen Rückhalt er hoch einschätzte und den er für gemäßigt hielt. Baldwin hingegen lag im Streit mit den drei Ratgebern Heads. Nach Beratungen mit seinem Vater und John Rolph lehnte Robert Baldwin den Sitz ab. Auch ein weitgehendes Entgegenkommen änderte seine Haltung nicht. Nur versuchsweise ließ sich Baldwin schließlich darauf ein. Rolph und Dunn erhielten ebenfalls Sitze und sie wurden am 20. Februar vereidigt.

Die neuen Berater forderten in einem Memorandum ein responsible government, das in ihren Augen mit der britischen Verfassung übereinstimme. Head verneinte dies am 5. März, am 12. März traten sie dementsprechend zurück. Die Versammlung unter Leitung von Peter Perry verurteilte Heads Entgegenkommen, verneinte die Verfassungskonformität, und der Streit eskalierte.