Mit infantiler Sexualität oder frühkindlicher Sexualität wird die Geschlechtlichkeit des Menschen von der Geburt bis zum Erreichen der Pubertät bezeichnet.Michael R. Bieber: Infantile Sexuality. In: Fedwa Malti-Douglas (Hrsg.): Encyclopedia of Sex and Gender. Band 2 (= Macmillan social science library). Macmillan Reference USA, Detroit 2007, ISBN 0-02-865960-0, S. 765. Dieses Konzept spielt in der klassischen Psychoanalyse eine wesentliche Rolle, da es davon ausgeht, dass die psychische Entwicklung erheblich durch die Sexualität beeinflusst wird.

In der Psychoanalyse Die Sexualwissenschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts entdeckte die Sexualität des Kindes als Gegenstand der Forschung. Auslöser der späteren Diskussion war die Theorie von Sigmund Freud, die mit dem Begriff der infantilen Sexualität bis heute immer noch verbunden wird. Die Selbstzuschreibung Freuds, als Entdecker der kindlichen Sexualität zu gelten, ist historisch widerlegt und als Bestandteil der „Freud-Legende“ nachgewiesen.„Die Bedeutung der bekannten ‚Fakten‘ zur infantilen Sexualität unterlag zwischen 1880 und 1910 einem kontinuierlichen Wandel, je nach den verschiedenen Theorien, darunter auch der Freud’schen, in die sie integriert wurden (…) Im historischen Bündnis von Psychoanalyse und Sexologie bedeutet es eine Rückwirkung von Freuds späterer Größe, daß sein Name mit vielen wichtigen Ideen verknüpft worden ist, die er nicht selbst hervorgebracht hat.“ Vgl. Frank J. Sulloway: Kap. Freud und die Sexologen. In: Freud. Biologe der Seele. Jenseits der psychoanalytischen Legende; Köln-Lövenich 1982, S. 387 f. Der Wiener Arzt und Sexualforscher publizierte 1904 bis 1905 sein Werk Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.

Freuds Theorien Nach Freud ist die Asexualität des Kindes ein realitätsfernes Ideal und ein folgenschwerer Irrtum. Die menschliche Sexualität sei von Geburt an wirksam und habe eine komplexe Entwicklungsgeschichte. Bereits das neugeborene Kind bringe sexuelle Regungen mit auf die Welt, die sich zunächst eine Zeit lang weiterentwickeln und sich zum Beispiel in der sogenannten Zeigelust äußern, nach einer Blütephase um das dritte bis vierte Lebensjahr aber einer fortschreitenden Unterdrückung unterliegen würden. Erst mit der Pubertät setze sich die sexuelle Entwicklung wieder fort. Freud sprach hier von einem zweizeitigen Ansatz der sexuellen Entwicklung des Menschen, der von einer mehrere Jahre andauernden sexuellen Latenzperiode unterbrochen wird. Im Rahmen der Triebtheorie verankerte Freuds erweiterter sexualitätsgenetischer Ansatz die psychosexuelle in der physiologischen, phasenmäßig verlaufenden Entwicklung.

Phasen der sexuellen Entwicklung Jede Phase der sexuellen Entwicklung ist nach Freud durch das Vorherrschen bestimmter erogener Zonen gekennzeichnet, die Freud als Lustzentren bezeichnete.

Die orale Phase (von lat. os, Gen. oris: der Mund) ist die erste Äußerung der kindlichen Sexualität. Sie findet im Säuglings- und Kleinkindalter statt und dauert etwa bis zum 2. Lebensjahr. Sie stellt die primitivste Stufe der psychosexuellen Entwicklung dar, in welcher der Mund als primäre Quelle der Befriedigung dient, zum Beispiel durch Nuckeln und Saugen. Nach Ende der oralen Phase lösen andere erogene Zonen den Mund als vorherrschendes Lustzentrum ab; der Mensch behält aber die Fähigkeit zum oralen Lustgewinn, wie beispielsweise bei der Berührung seiner Lippen mit den Lippen des Partners als erotischer Reiz beim Kuss. Die unbewusste Wunscherfüllung ebenso wie deren Versagung stellt der primäre Narzissmus dar.Sven Olaf Hoffmann, Gerd Hochapfel: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin (= CompactLehrbuch). 6. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2003, ISBN 3-7945-1960-4,(a) S. 26 ff. zu Stw. „Orale Phase“;(b) S. 38 ff. zu Stw. „Anale Phase“;(c) S. 44 ff. zu Stw. „Ödipale Phase“. In der analen Phase (von lat. anus der After), die sich etwa vom 2. bis 3. Lebensjahr vollzieht, erlangt das Kind zuerst durch das Ausscheiden von Exkrementen (Defäkation) und anschließend durch deren Zurückhaltung Befriedigung. Abhängig von kulturellen Normen können äußere Anforderungen in Konflikt zu diesen Bedürfnissen stehen, wodurch die Freude, die das Kind an dieser Stimulationszone empfindet, reguliert und unterdrückt wird: „Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnützen, verraten sich dadurch, dass sie die Stuhlmassen zurückhalten, bis dieselben durch ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen anregen und beim Durchgang durch den After einen starken Reiz auf die Schleimhaut ausüben können.“ Die anale Phase trägt zur Sauberkeitserziehung, zum Erlernen des sozialen Miteinanders, zur Konfliktfähigkeit und zur späteren Über-Ich-Entwicklung bei. Nach Freud kann das Kind in der analen Phase in Konflikte geraten, je nachdem, wie von den Erziehern mit der Sauberkeitserziehung umgegangen wird. Ungelöste Probleme können unter Umständen zur Herausbildung eines so genannten „analen Charakters“ führen, der durch Geiz, Pedanterie und übertriebenen Ordnungssinn gekennzeichnet sei. Fixierung und dadurch bedingte Regression auf die späte anale Phase kann zur Entwicklung zwanghafter Verhaltensweisen führen.Wilhelm Karl Arnold et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8; Sp. 81 zu Lex.-Lemma: „Anale Phase“. In der phallischen oder ödipalen Phase (von. griech. φαλλός phallós: das männliche Glied), die etwa vom 3. bis 5. Lebensjahr dauert, richtet sich der Großteil der Aufmerksamkeit auf die Erforschung des eigenen Körpers sowie das Anfassen und Stimulieren des Penis oder der Klitoris. Die Triebwünsche in dieser Phase äußern sich in der Regel im Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteils. Aus diesem Begehren ergibt sich ein Konflikt, den Freud „Ödipuskonflikt“ genannt hat – nach der Figur des Ödipus aus der gleichnamigen Tragödie von Sophokles. Das Kind identifiziert sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, was zum Erwerb der jeweiligen Geschlechterrolle führt. Bei einem ungünstigen Verlauf der Entwicklung kann dieser Konflikt bestehen bleiben, was in der psychoanalytischen Literatur häufig Ödipus-Komplex genannt wird. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn sich ein Kind bzw. der erwachsene Mensch von dem geliebten Elternteil nicht loslösen kann. Eine mögliche Folge eines nicht überwundenen Ödipus-Konfliktes ist die Nichtbejahung der eigenen Geschlechterrolle. Vom 5. bis 11. Lebensjahr erfolgt in der Latenzperiode (von lat. latere: verborgen sein) die Befriedigung durch das Erlangen von Fähigkeiten und der Erkundung der Umwelt. Das Kind wird fähig, auf Lustbefriedigung zu verzichten, sie auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben oder in andere Energie, wie zum Beispiel in sachliches Interesse, umzusetzen (Sublimierung). Kulturelle Werte werden von Vorbildern übernommen (Lehrer, Nachbarn, Bekannte, Klubleiter, Trainer) und kognitive Fähigkeiten erworben. Die Schule und das Spielen mit Geschlechtsgenossen nimmt an Bedeutung zu, während die Sexualität verdrängt wird. Sexuelle Energie werde zwar produziert, jedoch in soziale Beziehungen und in den Aufbau einer Abwehr gegen die Sexualität kanalisiert. Die genitale Phase (von lat. gens, gentis: das Geschlecht) tritt etwa ab dem 12. Lebensjahr ein. Mit Beginn der Vorpubertät erwacht die Sexualität unter dem Einfluss der Sexualhormone zu neuer Macht. Sie tritt nun in eine weitere Funktion: Sie dient auch der Fortpflanzung, nicht mehr nur der Lustbefriedigung: „Die Herstellung dieses Primats [der Genitalien] im Dienste der Fortpflanzung ist also die letzte Phase, welche die Sexualorganisation durchläuft.“ War das Interesse des Kindes in den frühkindlichen Phasen noch mehr oder weniger selbstbezogen und das Sexualobjekt in der Familie zu suchen, so werden jetzt Sexualpartner außerhalb der Familie gewählt (Exogamie). Sexualität tritt in den Dienst der zwischenmenschlichen Partnerschaft. Damit ist sie nicht mehr nur eine Funktion, die man für etwas einsetzen kann – zur Lustbefriedigung oder Kinderzeugung –, sondern eine wichtige Form sozialer Interaktion und Kommunikation.

Mit diesen Phasen entlang der jeweils entwicklungsgemäß vorherrschenden erogenen Zone korreliert eine Entwicklung der Libidobesetzung vom Autoerotismus über den Narzissmus zur Objektwahl. Hier ist Freuds Theorie allerdings nicht einheitlich. Sein erstes Modell kannte nur den Autoerotismus der infantilen Sexualität im Gegensatz zur erwachsenen, objektorientierten Libido. In einem zweiten Schritt führte er den Narzissmus als Zwischenstufe ein, der eine Vereinheitlichung der Partialtriebe durch Besetzung des gesamten Körpers leisten soll (Bildung eines zentralen Körperschemas im Gegensatz zur Ungeordnetheit regionaler Libidozonen als erste Stufe der Bildung eines Ich). Diese Synthese nannte er später den „sekundären Narzissmus“; er postulierte zugleich einen „primären Narzissmus“, der schon das vorgeburtliche Leben charakterisieren soll.Vgl. hierzu: Jean Laplanche, J. B. Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-27607-7. (Art. Autoerotismus, S. 79 ff., sowie Art. Narzißmus, S. 317 ff., bzw. Narzißmus, primärer, sekundärer, S. 320 ff.)

Nach der Triebtheorie kommt es zu entwicklungsbedingtem Verhalten und Ansprüchen des Kindes, die auch unter normalen Bedingungen an bestimmten Punkten mit den Ansprüchen der Umwelt in Konflikt geraten. In der Regel hat das Kind dabei zu lernen, seine Triebwünsche zugunsten des Realitätsprinzips zurückzustellen. Die Lösung der in den jeweiligen Entwicklungsphasen auftretenden Konflikte bedeutet jeweils einen weiteren wichtigen Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung. Unter problematischen Bedingungen, etwa durch abweisende, aggressive oder auch (latent) inzestuöse Eltern, die das Kind nicht (behutsam) in die notwendigen Schranken weisen, können im Verlauf dieser Entwicklung Ausgangspunkte für spätere Persönlichkeitsstörungen des Kindes gelegt werden.

In diesem Sinne entwickelte Erik H. Erikson in Kindheit und Gesellschaft (orig. Childhood and society; erstmals 1950) das freudsche Konzept zu einem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung weiter. Auf der Grundlage der triebtheoretischen Phasenlehre entwarf er eine Psychologie kindlicher Entwicklung, die in typischen, phasenspezifischen Konflikten fortschreitet.

Das Phasenmodell wird darüber hinaus Grundlage einer psychoanalytischen Charakterkunde, die nach dem Vorbild der freudschen Beschreibung des analen Charakters weitere Charaktere (oraler, urethraler, phallisch-narzisstischer und genitaler Charakter) unterscheidet.Vgl. etwa: Sven O. Hoffmann, Charakter und Neurose. Ansätze zur psychoanalytischen Charakterologie. 2. Auflage. Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-28038-4.

Die polymorph perverse Anlage Laut Freud bringt das Kind so genannte „polymorph perverse“ Anlagen mit auf die Welt, die sich bei Durchbrüchen der sexuellen Latenzperiode in vielfältigen Paraphilien manifestieren können (der Begriff der Perversion wird dabei nicht pejorativ (abwertend) verwendet, sondern wertneutral). Das vorpubertäre Kind neigt im Vergleich zu den meisten Erwachsenen stärker zu Paraphilien, da seine seelischen Dämme – wie Scham, Ekel und Moral – je nach Alter erst im Entstehen begriffen sind. Zu den in der Kindheit ausgelösten Paraphilien zählen unter anderem die folgenden sexuellen Neigungen: Exhibitionismus Fetischismus Sadomasochismus Voyeurismus

Nach Freud weisen paraphile Erwachsene somit eine Form der Sexualität auf, die in ihrer Entwicklung gehemmt wurde und auf einer kindlichen Stufe stehengeblieben ist. Wo eine bestehende Neigung zur Paraphilie verdrängt wird, entstehe an deren Stelle eine Neurose. Die Neurose bezeichnet Freud als das Negativ der Perversion. Durch den Prozess der Sublimierung dagegen könne eine paraphile Neigung in intellektuelle oder künstlerische Schaffenskraft umgewandelt werden. Hierin sieht Freud einen Motor der Kulturentwicklung.