mini|Abb. 1. James Caldwall (1739–1822) nach Enoch Seeman: Francesca Cuzzoni aus Parma. Kupferstich in John Hawkins’ A General History of the Science and Practice of Music (1776) mini|Abb. 2. Philippe Mercier: Francesca Cuzzoni (?), um 1734Zuordnung nicht ganz sicher
Francesca Cuzzoni, verheiratete Sandoni (eigtl. Paula Francisca Geltruda Antonia Cuzzoni; getauft am 2. April 1696Name laut Taufurkunde. Gelegentlich tauchen auch andere Geburtsdaten auf, wie 1698 oder gar 1700. Im MGG oder bei Isabelle Putnam Emerson (Five Centuries of Women Singers, Greenwood Publishing, Westport 2005, S. 59) steht der 2. April 1696 als Geburtstag. Aber laut Franco und Kettleton wurde Cuzzonis Taufurkunde am 2. April 1696 ausgestellt, als das Kind bereits zwei Monate alt war; demnach wäre sie Ende Januar oder Anfang Februar 1696 geboren. Lisabeth Miller Kettledon: A Lyric Soprano in Handel’s London: A Vocal Portrait of Francesca Cuzzoni, Dissertation, University of Connecticut, 2017, S. 2 und 3 (Fußnote 5) (Kettledon bezieht sich auf: Paola Lunetta Franco: Francesca Cuzzoni (1696–1778): Lo Stile Antico Nella Musica Moderna, Dissertation, Universitat Pavia, 2002.) in Parma; † 19. Juni 1778 in Bologna) war eine berühmte italienische Opernsängerin (Sopran). Nach ihrem Geburtsort wurde sie auch la Parmeggiana genannt.
Sie ist besonders bekannt für ihre Mitwirkung in Opern von Georg Friedrich Händel, der für sie elf Partien komponierte,Händels Rollen für „Francesca Cuzzoni“ auf der Website der ossia editions (abgerufen am 22. November 2019) darunter Cleopatra in Giulio Cesare, die Titelpartie in Rodelinda und Asteria in Tamerlano.
Leben In der Literatur sind verschiedene Geburtsdaten in Umlauf, mittlerweile wurde jedoch ihr Taufeintrag vom 2. April 1696 entdeckt, in dem es heißt, dass sie bei ihrer Taufe zwei Monate alt war – folglich muss sie Ende Januar oder Anfang Februar 1696 geboren sein.Lisabeth Miller Kettledon: A Lyric Soprano in Handel’s London: A Vocal Portrait of Francesca Cuzzoni. Dissertation, University of Connecticut, 2017, S. 2 und 3 (Fußnote 5) (Kettledon bezieht sich auf: Paola Lunetta Franco: Francesca Cuzzoni (1696–1778): Lo Stile Antico Nella Musica Moderna, Dissertation, Universitat Pavia, 2002.) Francesca Cuzzoni war eine Tochter von Angelo Cuzzoni, der als Violinist an der Chiesa della Madonna in Parma arbeitete, und seiner Frau Marina, geb. Castelli. In ihrer Heimatstadt Parma erhielt Francesca ihre Gesangsausbildung bei dem Organisten der Kathedrale, Francesco Lanzi.
Mit 18 Jahren gab sie 1714 im Kleinen Hoftheater in Parma ihr Debüt in der Oper La virtù coronata o il Re Ferdinando von Bernardo Sabadini. Dort trat sie gemeinsam mit Santa Stella und mit Margherita Durastanti auf. Mit letzterer, für die Georg Friedrich Händel bereits in Rom und Venedig verschiedene Werke geschrieben hatte, sollte Cuzzoni 1723 in London zeitweise wieder auf der Bühne stehen. Ihren nächsten bekannten Auftritt hatte sie 1716 wiederum in Parma in Emanuele d’Astorgas Dafni.
In den folgenden Jahren sang sie an nahezu allen bekannten Opernhäusern Norditaliens (Bologna, Genua, Florenz, Reggio, Mailand, Mantua, Turin) und stieg schon früh zur gefeierten Primadonna auf. Im Jahre 1717 wurde sie Kammersängerin der Granprincipessa Violante Beatrix von Bayern, einer Tochter des bayrischen Kurfürsten und Witwe des Erbgroßherzogs der Toskana Ferdinando de’Medici. Im selben Jahr sang die Cuzzoni im Teatro Formagliari in Bologna in der Uraufführung von Orlandinis La Merope (24. Oktober 1717) neben der Altistin Vittoria Tesi..
Schon jetzt muss sie einen glänzenden Ruf gehabt haben, denn zu Beginn des Jahres 1718 sang sie in Wien in Konzerten vor dem Kaiserhof und wurde dafür fürstlich belohnt.Lisabeth Miller Kettledon: A Lyric Soprano in Handel’s London: A Vocal Portrait of Francesca Cuzzoni. Dissertation, University of Connecticut, 2017, S. 5. Im Frühling 1718 war sie zurück in Italien und trat in Florenz am Teatro della Pergola in der Premiere von Vivaldis Oper Scanderbeg auf.Laut Corago im Juni. .Laut Kettledon war der Auftritt in Vivaldis Oper schon im April in Reggio. Lisabeth Miller Kettledon: A Lyric Soprano in Handel’s London: A Vocal Portrait of Francesca Cuzzoni. Dissertation, University of Connecticut, 2017, S. 5.
mini|links|hochkant=0.7|Abb. 3. Francesca Cuzzoni,Karikatur von Marco Ricci, ca. 1720 Im November desselben Jahres debütierte sie in Venedig am prestigeträchtigen Teatro San Giovanni Grisostomo in der Rolle der Dalinda in der Oper Ariodante von Carlo Francesco Pollarolo.. Dabei sang sie zum ersten Mal an der Seite von Faustina Bordoni, die noch häufiger ihre Bühnenpartnerin sein sollte, auch später in London.
Im September 1719 war sie in Dresden und gehörte zusammen mit dem Altkastraten Senesino und Margherita Durastanti zu den Sängern, die in Antonio Lottis Opern Giove in Argo und Teofane auftraten.Lisabeth Miller Kettledon: A Lyric Soprano in Handel’s London: A Vocal Portrait of Francesca Cuzzoni. Dissertation, University of Connecticut, 2017, S. 6–7 und 12 (Kettledon bezieht sich auf: Donald Burrows, Helen Coffey, John Greenacombe, Anthony Hicks (Hrsg.): George Frideric Handel: Collected Documents, vol. 1, 1709–1725, Cambridge University Press, Cambridge (UK), 2013, S. 7 und 444) Wahrscheinlich hörte sie bei dieser Gelegenheit Georg Friedrich Händel, der gerade auf der Suche nach Sängern im Elbflorenz weilte.
Ende 1719 und 1720 war sie wieder am San Giovanni Grisostomo in Venedig, wo sie mehrmals mit Faustina Bordoni auf der Bühne stand, und zwar in Orlandinis Ifigenia in Tauride (UA: 21. Januar 1719),. in Antonio Pollarolos Lucio Papirio dittatore (UA: 26. Dezember 1720). und als Poppea in Orlandinis Nerone (UA: 11. Februar 1721)..Lisabeth Miller Kettledon: A Lyric Soprano in Handel’s London: A Vocal Portrait of Francesca Cuzzoni. Dissertation, University of Connecticut, 2017, S. 7. Am selben Theater sang Francesca Cuzzoni in den folgenden Jahren auch mehrfach neben Vittoria Tesi und dem berühmten Kastraten Antonio Bernacchi (der auch einer von Händels Sängern war), u. a. in der Titelrolle der Plautilla von Antonio Pollarolo (UA: 22. November 1721)....
Cuzzoni in London mini|Abb. 4. John Vanderbank, um 1723: Cuzzoni in der Mitte zwischen den beiden Kastraten Senesino (links) und Gaetano Berenstadt (rechts) während einer Aufführung von Händels Flavio mini|Abb. 5. Die Darstellung der Cuzzoni zwischen Senesino und Berenstadt aus Händels Flavio griff William Hogarth später in seiner Karikatur Lame theater wieder auf (in dem Banner, das über dem Eingang des linken Gebäudes hängt). Die Karikatur nimmt die Vorliebe der Londoner für die gar nicht englische italienische Oper sowie die übersteigerten Ansprüche und Gagen, die den italienischen Sängern und vor allem den Kastraten gezahlt wurden, aufs Korn. Abweichend von der Originaldarstellung Vanderbanks knien in dem Banner vorn rechts, vor den drei Künstlern, Adlige und „betteln“, wie das Schriftbanner über ihnen offenlegt, darum, dass die Sänger (oder nur die Cuzzoni?) „bitte 8000 Pfund entgegennehmen“ wollen (englisches Original „Pray Accept £8000“).
Georg Friedrich Händel und dem Impresario Johann Jacob Heidegger gelang es nach längeren Verhandlungen im Sommer 1722 die Cuzzoni zu engagieren, mit einem Vorschuss von £250 und einer versprochenen Jahresgage von £2000 für die Spielzeit 1722/1723 für die Royal Academy of Music in London. Sie schickten dann den Cembalisten des Londoner Orchesters Pietro Giuseppe Sandoni nach Italien, um die Sängerin nach England zu begleiten. Wahrscheinlich heirateten sie und Sandoni schon zu dieser Zeit, jedenfalls ist im The London Journal vom 22. Dezember 1722 eine entsprechende Meldung zu lesen.Originalwortlaut: „Mrs. Cotsona whom we mentioned some time since to be coming over to England … is married on her journey.“ Zitiert nach Hans-Joachim Marx: Francesca Sandoni, geb. Cuzzoni (1696–1778). In: Derselbe: Händel und seine Zeitgenossen. Eine biographische Enzyklopädie. Laaber-Verlag, Laaber 2008, S. 866–870, hier S. 866. Marx klassifiziert diese Mitteilung als „bewusst gestreute Falschmeldung, um den Eindruck zu erwecken, die Sängerin wäre an London gebunden“.
Auf der Londoner Bühne debütierte sie am 12. Januar 1723 als Teofane in Händels Ottone, neben dem gefeierten Senesino als primo uomo. Das Daily Journal berichtete, dass Cuzzoni „mit ihrem Gesang das zahlreich erschienene Publikum überraschte und von diesem bewundert wurde“.Englisches Original: „first perfom’d to the surprize and admiration of the Audience, which was very numerous“. Zitiert nach Philip H. Highfill, Kalman A. Burnim, Edward A. Langhans: A Biographical Dictionary of actors, actresses, musicians, dancers, managers & other stage personnel in London, 1660–1800. Southern Illinois University Press, Carbondale 1975. Band 4, S. 112. Bereits drei Tage später, zur zweiten Vorstellung des Händelschen Ottone war die Popularität der Cuzzoni so massiv gewachsen, dass die Eintrittskarten statt für eine halbe Guinea nunmehr für vier Guineas verkauft wurden. Am 26. März 1723 sollen „einzelne Adlige (sogar) 50 Guineas für eine Eintrittskarte“ bezahlt haben, wodurch sie allein an diesem einen Abend Einnahmen in Höhe von 70 Pfund erzielte.Zitat aus The London Journal. Zitiert nach Philip H. Highfill, Kalman A. Burnim, Edward A. Langhans: A Biographical Dictionary of actors, actresses, musicians, dancers, managers & other stage personnel in London, 1660–1800. Southern Illinois University Press, Carbondale 1975. Band 4, S. 112. Originalwortlaut: „some of the Nobility gave her 50 Guineas a Ticket“. 50 Guinea entsprachen nach Marx (s. Literatur), S. 867 dem Jahresverdienst eines Musikers.
Die wohl bekannteste Anekdote über die Cuzzoni und Händel berichtet dessen erster Biograph John Mainwaring: Demnach gerieten die beiden gleich bei ihrer ersten Zusammenarbeit bei den Proben zu Ottone aneinander, weil sie die ursprünglich für die Durastanti komponierte,Lisabeth Miller Kettledon: A Lyric Soprano in Handel’s London: A Vocal Portrait of Francesca Cuzzoni. Dissertation, University of Connecticut, 2017, S. 14. schlichte und nur vom Continuo begleitete Arie Falsa immagine nicht singen wollte. Daraufhin wurde Händel wütend und soll zu ihr gesagt haben, dass er wisse, dass sie „wohl eine leibhaftige Teufelin“ sei, er ihr aber sagen müsse, dass er „Beelzebub, das Oberhaupt aller Teufel“ sei, und sie dann an der Hüfte ergriffen und gedroht haben, sie aus dem Fenster zu werfen.Zitiert nach John Mainwaring: Memoirs of the Life of the Late George Frederic Handel: To which is Added a Catalogue of his Works and Observations upon them. Dodsley, London 1760, S. 110–111.; Originalwortlaut Händels: „Oh! Madame, je sçais bien que Vous êtes une veritable Diablesse: mais je Vous ferai sçavoir, moi, que je suis Beelzebub, le Chêf des Diables.“ sowie in der Geschichte Mainwarings: „With this he took her up by the waist and, if she made any more words, swore he would fling her out of the window“. Erst dadurch habe sich Cuzzoni eines Besseren besonnen und die Arie schließlich gesungen. Am Ende war es ausgerechnet die Arie Falsa immagine, mit der sie sich in die Herzen der Engländer sang.