mini|Der Anfang der wahrscheinlich von Philippos verfassten Epinomis in der ältesten erhaltenen Handschrift: Paris, Bibliothèque Nationale, Gr. 1807 (9. Jahrhundert) Philippos von Opus () war ein antiker griechischer Philosoph des 4. Jahrhunderts v. Chr. Er verfasste neben philosophischen Schriften auch Abhandlungen über astronomische, meteorologische und mathematische Themen, die bis auf Fragmente verloren sind. Als Schüler und Vertrauter Platons war er ein prominentes Mitglied der Platonischen Akademie in Athen. Sehr wahrscheinlich ist er der Autor des zu Unrecht Platon zugeschriebenen Dialogs Epinomis.
Leben
Aus Philippos’ Leben ist sehr wenig bekannt. Die Quellen bezeichnen ihn teils als Opuntier (Bürger von Opus, dem Hauptort der östlichen Lokris in Mittelgriechenland), teils als Bürger von Medma, einer griechischen Kolonie in Kalabrien im Gebiet der heutigen Gemeinde Rosarno. Offenbar war eine der beiden Städte (wahrscheinlich Medma) seine Heimat und die andere sein späterer Wohnsitz.Margherita Isnardi Parente: Filippo di Medma (?) e la cerchia di Platone. In: Archivio storico per la Calabria e la Lucania, Bd. 69, 2002, S. 9–15; Hans Krämer: Philippos aus Opús und die ‘Epinomis’. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 3, 2. Auflage, Basel 2004, S. 81–93, hier: 81; François Lasserre: De Léodamas de Thasos à Philippe d’Oponte. Témoignages et fragments, Napoli 1987, S. 593 f.; John Dillon: The Heirs of Plato, Oxford 2003, S. 179 f. Er war jünger als der nach 400 geborene Eudoxos von Knidos. In Platons letzten Lebensjahren war Philippos sein Sekretär. Bei Platons Tod war er anwesend; später erzählte er die Einzelheiten dem Geschichtsschreiber Neanthes von Kyzikos, dessen Bericht fragmentarisch erhalten ist.Walter Burkert: Platon in Nahaufnahme, Stuttgart 1993, S. 34–36; Walter Burkert: Philodems Arbeitstext zur Geschichte der Akademie. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, Bd. 97, 1993, S. 87–94, hier: 91 f. (PDF; 61 kB).
Nach Platons Tod hat Philippos den Dialog Nomoi, ein Alterswerk des verstorbenen Philosophen, das „auf Wachs(tafeln)“ aufgezeichnet war, also nur als Manuskript vorlag, „umgeschrieben“. Dies kann bedeuten, dass er den Text von Wachs auf Papyrus übertrug, oder dass er das Manuskript redigierte und korrigierte. Jedenfalls bereitete er die Nomoi zur Veröffentlichung vor.Diogenes Laertios 3,37; zur Deutung dieser Stelle siehe Leonardo Tarán (Hrsg.): Academica: Plato, Philip of Opus, and the Pseudo-Platonic Epinomis, Philadelphia 1975, S. 128–133 und Klaus Schöpsdau: Platon, Nomoi (Gesetze). Buch I–III. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 1994, S. 138–142. Unglaubwürdig ist die Nachricht, die Einteilung der Nomoi in zwölf Bücher gehe auf ihn zurück.Leonardo Tarán (Hrsg.): Academica: Plato, Philip of Opus, and the Pseudo-Platonic Epinomis, Philadelphia 1975, S. 129 f.; Klaus Schöpsdau: Platon, Nomoi (Gesetze). Buch I–III. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 1994, S. 140.
Werke Epinomis
In der Altertumswissenschaft setzt sich die Annahme durch, dass Philippos sehr wahrscheinlich der Verfasser des Dialogs Epinomis ist. Schon der Doxograph Diogenes Laertios erwähnt diese Zuschreibung mit Berufung auf nicht namentlich genannte Quellen. Gegen die von einigen Gelehrten verteidigte Ansicht, es handle sich um ein Werk Platons, sprechen neben stilistischen vor allem inhaltliche Gründe. Ein Teil der in der Epinomis dargelegten Lehren widerspricht fundamentalen Überzeugungen Platons.Zur Diskussion über die Autorschaft siehe Leonardo Tarán (Hrsg.): Academica: Plato, Philip of Opus, and the Pseudo-Platonic Epinomis, Philadelphia 1975, S. 3–47, 133–139; Hans Krämer: Philippos aus Opús und die ‘Epinomis’. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 3, 2. Auflage, Basel 2004, S. 81–93, hier: 84; Hans Lier: Untersuchungen zur Epinomis, Diss. Marburg 1966 (Forschungsbericht S. 6–8, anschließend eigene Analyse von Lier mit dem Ergebnis der Unechtheit); Josef Pavlu: Nachträge zur pseudoplatonischen Epinomis. In: Wiener Studien, Bd. 56, 1938, S. 27–44, hier: 41 f. (zur sprachlichen Argumentation).
Die Epinomis ist ein protreptisches Werk, das für eine philosophische, auf höchste Erkenntnis abzielende Haltung wirbt und den Weg zur Weisheit aufzeigen soll. Sie gibt sich als Fortsetzung von Platons Dialog Nomoi. Daher sind die auftretenden Personen die drei schon dort Beteiligten: der Kreter Kleinias, der Spartaner Megillos und ein Athener, dessen Name nicht genannt wird. Wie schon in den Nomoi ist der Athener die Hauptperson; er hat den weitaus größten Anteil am Gespräch, das dadurch streckenweise einen monologartigen Charakter erhält. Megillos wird als anwesend erwähnt, greift aber nicht in die Debatte ein.
Inhalt Ausgangspunkt des Dialogs ist die Frage nach demjenigen Wissen, das dem Menschen Weisheit und damit einen optimalen Gemütszustand, die Eudaimonie, verschafft. Damit greift der Autor ein Thema der Nomoi auf: die Bestimmung der Bildungsinhalte, die den Mitgliedern der „Nächtlichen Versammlung“, des höchsten Gremiums des geplanten bestmöglichen Staates, vermittelt werden sollen. Zu Beginn stellt der Athener einschränkend fest, wahre Glückseligkeit könne man in der Regel erst nach dem Tode erlangen. Es sei allgemein bekannt, dass dieses Ziel zu Lebzeiten kaum erreichbar sei. Kein vernünftiger Mensch könne nach einem langen, notwendigerweise mühseligen Leben wünschen, dieses noch einmal von vorne zu beginnen. Keinesfalls könne die Menschheit jemals gesamthaft glücklich werden.
Eine Reihe von praxisbezogenen Wissenschaften oder Künsten werden hinsichtlich ihrer Tauglichkeit zur Erlangung von Weisheit geprüft und als ungeeignet ausgeschieden. Künste, die der Verbesserung der Lebensbedingungen oder der Unterhaltung dienen, wie Landwirtschaft, Kochkunst, Nautik und Jagd, die verschiedenen Handwerke, die Kriegskunst, Medizin und Rhetorik sowie die bildenden Künste erweisen sich als ungeeignet, den Menschen weise zu machen. Auch gute Naturanlagen wie Scharfsinn und Geistesgegenwart verhelfen ihm nicht zur Weisheit. Hilfreich ist hingegen die Mathematik, die als Grundlagenwissenschaft die Basis für philosophische Erkenntnis darstellt. Sie liegt nicht nur dem in den einzelnen anwendungsbezogenen Wissenschaften erreichbaren Wissen zugrunde, sondern bildet auch das Fundament für logisches Denken schlechthin und für die Erfassung der nach Zahlenverhältnissen strukturierten Ordnung des Kosmos. Damit bietet sie auch den Schlüssel für die Erlangung von Tugend und Eudaimonie. Den Anstoß zur Beschäftigung mit Mathematik haben der Menschheit die wechselnden Himmelserscheinungen geboten, die zur Einteilung der Zeit nach Tagen, Monaten und Jahren geführt haben.
Darauf wendet sich das Gespräch der Kosmologie und der abgestuften Ordnung der Lebewesen zu. Das oberste Prinzip des Kosmos ist die Weltseele als Ursache von allem.Zur Rolle der Weltseele siehe François Lasserre: De Léodamas de Thasos à Philippe d’Oponte. Témoignages et fragments, Napoli 1987, S. 593 f.; John Dillon: The Heirs of Plato, Oxford 2003, S. 185–191. Alles Körperliche besteht aus den fünf Elementen Feuer, Äther, Luft, Wasser und Erde. Der Äther, den Platon als obere Luftschicht aufgefasst hatte, war im Lauf der Fortbildung des Platonismus zu einem eigenständigen Element zwischen Feuer und Luft geworden. Den fünf Elementarbereichen des Kosmos, in denen jeweils eines der Elemente dominiert, entsprechen fünf Gattungen von Lebewesen. Die irdischen Lebewesen von der Pflanze bis zum Menschen haben Körper, die überwiegend aus Erde gebildet sind. Sie stellen das unterste Glied der Hierarchie dar. Den Gegenpol zu ihnen bilden die Gestirngötter, welche die Gestirne beseelen; ihre Körper bestehen vorwiegend aus Feuer. Den Beweis für die Existenz dieser Götter liefert die am Himmel wahrnehmbare Ordnung; die Regelmäßigkeit der Gestirnbewegungen kann nur als Ergebnis vernünftiger Überlegung und Planung gedeutet werden, und nur göttlichen Seelen ist die Fähigkeit zuzutrauen, so riesige Massen in geordneter Bewegung zu halten. Zudem ermöglichen die Gestirne das Leben auf der Erde, woraus eine göttliche Fürsorge für die irdischen Lebewesen zu erschließen ist.
Die Lebewesen der drei mittleren Elementarbereiche (Äther, Luft und Wasser) stehen unterhalb der Gestirngötter, sind aber ebenfalls übermenschlich. Die Äther- und die Luftwesen sind unsichtbar, können sich aber dem Menschen bemerkbar machen. Die als Halbgötter eingestuften Wasserwesen sind gelegentlich sogar sichtbar. Äther- und Luftwesen vermitteln zwischen den Gestirngöttern und den irdischen Wesen. Sie informieren die Gestirngötter über die Menschenwelt, denn die feurigen Götter nehmen nur physische, nicht seelische Verhältnisse wahr. Die vermittelnden Lebewesen haben einen Zugang zum Innenleben der menschlichen Seelen und sind im Unterschied zu den Feuerwesen Gemütsbewegungen und damit auch dem Leid unterworfen. Ihrem Wesen nach sind sie alle gut; sie überwachen das Leben der Menschen und helfen ihnen bei der Erlangung der Tugend und Eudaimonie. In den volkstümlichen Kulten werden die mittleren Lebewesen verehrt, deren Dasein beispielsweise aus Traumerlebnissen erschlossen wird. Allerdings beruht das, was die Menschen über diese Wesen annehmen, nur auf Meinungen; da eine direkte Beobachtung ihres Wirkens unmöglich ist, handelt es sich nicht um gesichertes Wissen. Daher soll ein Gesetzgeber die religiösen Traditionen, die den Kult solcher Wesen betreffen, zwar respektieren, aber keine Bestimmungen darüber erlassen oder Neuerungen einführen. Vielmehr hat sein Augenmerk dem unmittelbar wahrnehmbaren Bereich der Gestirne zu gelten, denn die Himmelswelt ist die Heimat der – abgesehen von der Weltseele – höchstrangigen Lebewesen, der Götter, deren Walten der Menschheit direkt vor Augen steht und denen in erster Linie Verehrung gebührt. Ihr Kult soll von Staats wegen betrieben und geregelt werden.
Damit wendet sich das Gespräch der Sternkunde und der von astronomischen Gegebenheiten ausgehenden Theologie zu. Die Ordnung der Bewegungen am Himmel ist Ausdruck eines göttlichen Gesamtkonzepts, dessen geistige Erfassung den Betrachter zu einer Weisheit und Eudaimonie führt, die sich auch beim Tode bewährt. In den astronomischen Einzelheiten folgt die Epinomis weitgehend dem Weltbild von Platons Dialogen Timaios und Nomoi. Die Planeten sind die sichtbaren Körper der olympischen Götter, nach denen sie benannt sind. Die später gängige Zuordnung der einzelnen Planeten zu bestimmten Göttern ist in der Epinomis erstmals systematisch dargestellt. Beispielsweise gehört der Planet Venus der Göttin Aphrodite (lateinisch Venus), der Planet Merkur dem Gott Hermes (lateinisch Merkur).
In der Epinomis wird eingeräumt, dass die Astronomie von orientalischen und ägyptischen „Barbaren“ entdeckt und von den Griechen übernommen wurde. Der Grund dafür sei, dass das nahöstliche und ägyptische Klima die Himmelsbeobachtung begünstige, während das gemäßigte Klima Griechenlands dafür weniger geeignet, aber für den Erwerb der Tugend das beste sei. Die Griechen hätten aber – wie immer, wenn sie etwas von den Barbaren übernahmen – das empfangene Wissen verbessert.