miniatur|hochkant=1.2|Orcival, von der gegenüberliegenden Talseite mini|Notre-Dame d’Orcival, von der gegenüberliegenden Talseite Die Kirche Notre-Dame liegt in der französischen Gemeinde Orcival im Département Puy-de-Dôme in der Auvergne etwa 40 Kilometer südwestlich von Clermont-Ferrand in der Tiefe eines Tals zwischen den Dore- und den Dôme-Bergen. Sie gilt als eines der bedeutendsten Werke der auvergnatischen Romanik. Das monumentale Bauwerk mit einer Ostpartie in Form einer „Auvergnatische Pyramide“ überragt die beschaulichen Häuser des kleinen Ortes mit seinen steil geneigten Schieferdächern. Notre-Dame d’Orcival wurde als Pilgerkirche erbaut und ist es bis heute geblieben. Sie steht auf dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes, dessen Querschiffarme mit seinen beiden Kapellen das Langhaus weit überragen, besitzt einen Umgangschor mit einem Kapellenkranz aus vier Radialkapellen. Das Langhaus weist einen pseudobasilikalen Aufriss auf, ohne direkte Obergadendurchfensterung, mit echten Tribünen über den Seitenschiffen und einer zentralen Empore über dem Narthex. Der Wallfahrtskirche wurde 1894 von Papst Leo XIII. der Rang einer Basilica minor verliehen.

Historisches Über die Ursprünge von Orcival gibt es, wie auch für die anderen der romanischen Kirchen der basse (niederen) Auvergne, so gut wie keine Quellentexte. Das Archiv des Kapitels hat man im 14. Jahrhundert geplündert und das, was verblieben ist, wurde in der Revolution zerstört.

Über die ungewöhnliche Lage dieser Kirche des 12. Jahrhunderts gibt es eine Legende, wie sie auch bei anderen Wallfahrtsorten nicht selten überliefert werden:

An einer Quelle, die heute einige hundert Meter abseits der Kirche liegt, soll die Jungfrau Maria erschienen sein, um sich zu erfrischen. Fortan wurden dem Wasser wunderbare Heilkräfte zugeschrieben, was viele Pilger anzog. In der Nähe soll dann eines Tages die Marienstatue gefunden worden sein, die man noch heute in Notre-Dame d’Orcival verehrt. Das Standbild wurde in eine nahe gelegene Kirche gebracht, kehrte jedoch immer wieder an die Fundstelle zurück, eine untrügliche Botschaft, hier eine Kirche zu errichten. Man begann mit dem Bau, doch immer wieder stürzten die Mauern ein. Wutentbrannt nahm schließlich der Baumeister seinen Hammer, schleuderte ihn fort, und begann dort, wo dieser niederfiel, mit einem letzten Versuch. Dieses Mal hielten die Mauern und haben bis heute die Jahrhunderte überdauert.

Man hätte sicherlich damals im schmalen Tal von Orcival einen günstiger gelegenen Bauplatz gefunden, ohne die extremen Geländegefälle. Der Narthex im Westen ist in den Steilhang hinein gebaut worden, wohingegen im Osten die Krypta weit aus dem anschließenden Gelände herausragt. Der Schluss liegt nahe, dass der Bauplatz nach der vorstehend zitierten Legende gewählt worden ist.

Ende des 19. Jahrhunderts hat man unterhalb des Narthex eine andere Quellfassung entdeckt, die nicht mit der oben genannten Heilquelle in Beziehung stehen soll.

In Orcival gab es – vermutlich am Ort einer früheren keltischen Kultstätte – bereits im 6. Jahrhundert eine Wallfahrt zur Jungfrau Maria. Dort bauten im 7. Jahrhundert Mönche aus La Chaise-Dieu ein erstes Gotteshaus, dass gegen Ende des 9. Jahrhunderts von den Normannen zerstört worden ist.

Orcival war ursprünglich ein einfaches Priorat, ein Ableger der Benediktinerabtei von La Chaise-Dieu. 1146 existierte es noch nicht. Es wird erstmals in einer Bulle Papst Alexanders III., im Jahr 1178 (Chaix, Monumenta pontificia... S. 378) erwähnt. Seine Gründung steht wahrscheinlich mit der Schenkung Wilhelms VII., Graf der Auvergne, und seines Sohnes, als Wiedergutmachung für den Abt Durandus von La Chaise-Dieu, nach den von ihnen veranlassten Plünderungen der Abtei in Verbindung. Sie stifteten ein Fünftel der Kirche von Orcival, ein Viertel der Sakristei und der Kapellen und einen Backofen, der „juxta dominum jocularis“, neben dem Haus des Spielmanns stand. miniatur| Da so gut wie kein Dokument erhalten ist, das über die Entstehungsdaten der Kirche Notre Dame d’Orcival Auskunft geben könnte, müssen sich die Historiker diesbezüglich auf Vermutungen beschränken. Die Einheitlichkeit des Baustils der Gebäudeteile lässt darauf schließen, dass die Kirche in einem Zuge, ohne größere Unterbrechungen, errichtet wurde, was bei einem Bauprojekt von nach den Maßstäben der Entstehungszeit erheblichen Dimensionen beachtlich ist.

Die Mönche von La Chaise-Dieu scheinen nicht für die Finanzierung der Bauten und als Förderer der Wallfahrten verantwortlich zu sein. Sie hätten dann sicher nicht nur zwei Mönche dort hinterlassen, als sie sich 1333 ohne weitere Ansprüche aus dem Kapitel zurückzogen. Allerdings deutet einiges darauf hin, dass die Grafen der Auvergne für die Hauptfinanzierung des Kirchenbauwerks im ersten Drittel des 12. Jahrhunderts verantwortlich zeichneten. Sie zählten Orcival zu ihren vermögensrechtlichen Besitzungen und verfügten über das Einkommen der Kirche, da sie davon ein Fünftel La Chaise-Dieu zukommen ließen.

Das Bauwerk wurde, wie fast immer bei Kirchen jener Zeit, im Osten mit der Krypta und dem Chorhaupt begonnen, dann nach Westen weitergeführt und nach etwa einem halben Jahrhundert mit dem Narthex abgeschlossen. Da die Pilgerfahrten in dieser Zeit stetig zunahmen, hat man die Kirche wahrscheinlich entsprechend ihrem Baufortschritt den Pilgern in immer größer werdenden Abschnitten zugänglich gemacht.

In einer der Quellen wird die Fertigstellung der Kirche auf das Jahr 1166 datiert.

Zusammen mit dem Kirchengebäude werden die Konventsgebäude des Kapitels erbaut worden sein, über deren Anordnung, Umfang und Aussehen keinerlei Quellenangaben bekannt sind. Einige Konturen auf dem Mauerwerk der Südwand und im Innern auf der Giebelwand des südlichen Querhausarms lassen vermuten, dass die Konventsgebäude auf der südlichen Gebäudeseite angebaut waren.

Gegen Ende des 11. Jahrhunderts setzten die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela in Nordspanien ein. Ihre große Blütezeit fand in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts statt, in der die Pilger jährlich zu Hunderttausenden nach Süden zogen. So formierte sich der Jakobsweg in Frankreich, aus vier Hauptrouten, begleitet von einem Netz zahlreicher Nebenrouten. An diesen Wegen entstanden zahlreiche neue Kirchen, Klöster, Hospize, Herbergen und Friedhöfe, und vorhandene Einrichtungen wurden den neuen Anforderungen entsprechend erweitert. Man brauchte für eine Pilgerkirche vor allem große Bewegungsflächen für die zahlreichen Pilger, wie Chorumgänge und Seitenschiffe, Emporen, sowie möglichst viele Kapellen, zur Präsentation von Reliquien und deren Verehrung.

miniatur|hochkant=0.5|links|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 Zusammen mit den anderen Hauptkirchen der Auvergne befand sich auch Orcival an einer wichtigen Nebenroute, zwischen den Hauptrouten Via Lemovicensis und der Via Podiensis, welche von Nevers ausgehend, die ganze Auvergne erschloss und weiter nach Süden führte.

Im 13. Jahrhundert wurde das von Bischof Hugo von Tours 1242 gegründete Kapitel vom Papst zum Kollegiatstift erhoben, dass von 26 Kanonikern, auch Chorherren genannt, gebildet wurde. Diese Anzahl verringerte sich später, aber das Stift hatte Bestand bis zur Revolution. miniatur|hochkant|Jakobsgrab, Santiago-de-Compostela miniatur|hochkant|Zeitgenössische Miniatur der Schlacht von Auray (1364) im Hundertjährigen Krieg Als nach Mitte des 12. Jahrhunderts die Streitereien zwischen Frankreich und England um Aquitanien begannen, gingen die Pilgerbewegungen zurück. Die späteren Kriege des 13./15. Jahrhunderts, wie etwa der Hundertjährige Krieg (1339–1453), brachten einen dramatischen Einbruch und führten zu nahezu völligem Erliegen der Pilgerströme nach Spanien. Dementsprechend konnte das Kapitel von Notre-Dame d' Orcival nach Fertigstellung seiner großen Pilgerkirche nicht mehr lange an den Spendeneinnahmen von Jakobspilgern teilhaben. Es verblieben ihm lediglich die regionalen Wallfahrten.

Das Priorat bestand noch nicht lange, als es schon im Jahr 1333 von Pierre d'Aigrefeuille, dem ehemaligen Abt von La Chaise-Dieu und Bischof von Clermont, mit all seinen Gütern dem Priorat Saint-Robert de Montferrand angeschlossen wurde.

Im Jahr 1478 beschädigte ein heftiges Erdbeben die Kirche, wie auch die von Notre-Dame du Port, Mozac und Riom. Der Glockenturm wurde danach abgeändert. Ludwig XI., von 1461 bis 1483 König von Frankreich, erlaubte den Kanonikern, im ganzen Königreich Spenden zu erbitten, um damit die Wiederherstellung zu bezahlen.

Als zwischen 1629 und 1631 die Auvergne von Epidemien heimgesucht wurde, wuchs die Zahl der Pilger an. Mehrere Städte legten in Notre-Dame d’Orcival Gelübde ab, wie zum Beispiel Thiers 1629, Clermont-Ferrand und Montluçon 1631.

miniatur|hochkant|Sturm auf die Bastille in Paris, am 14. Juli 1789 miniatur|hochkant=1.6|links|Längsschnitt, Handskizze Während und nach der Revolution (1789) wurde das Kapitel aufgelöst, und die Ausstattung der Kirche eingeäschert. Die Konventsgebäude, soweit noch welche aus den Wirren der Religionskriege übrig geblieben waren, sind damals als Gemeingut zum Abbruch veräußert worden. Die kostbare Marienstatue wurde rechtzeitig in einer Wand der Empore des Narthex eingemauert und damit vor der Plünderung verschont, wie auch alle Glocken. Nur die Spitze des Vierungsturms mit dem Wetterhahn, als Ausdruck kirchlicher Autorität, hat man damals zerstört, der aber später wieder rekonstruiert werden konnte.

Im 19. Jahrhundert nahmen die Marienwallfahrten deutlich größere Ausmaße an, so dass erforderliche Reparaturen und Renovierungsarbeiten finanziell ermöglicht wurden. Dabei wurde den Restauratoren wenig Gelegenheit geboten, in größerem Ausmaß Eingriffe zu tätigen, da die Substanz die Frevel über die Jahrhunderte erstaunlicherweise recht gut überstanden hatte. Die Kirche erhielt im Jahr 1894 von Papst Leo XIII. den Ehrentitel Basilica minor.

Von 1951 bis 1965 wurde Kirche und Krypta vom jahrhundertealten Kerzenruß gereinigt und der Chor neu gestaltet. In den letzten Jahren wurden die Außenseiten des Gebäudes nach modernen denkmalpflegerischen Gesichtspunkten gereinigt und restauriert.

Bauwerk miniatur|hochkant|Aufriss Langhaus, Handskizze miniatur|hochkant=1.6|links|Grundriss, Handskizze Abmessungen zirka (aus Grundriss entnommen und hochgerechnet)

Gesamtlänge außen (inkl. Kapellen): 46,60 m Langhausbreite außen (ohne Wandvorlagen): 16,30 m Langhausbreite außen (mit Wandvorlagen): 17,30 m Länge Querschiff außen (ohne Pfeilervorlagen): 27,20 m Länge Langhaus außen, Querhaus bis Fassade: 23,70 m Querhausbreite außen (ohne Wandvorlagen): 8,45 m Querhausüberstand zum Langhaus: 5,80 m Langhauslänge innen: 21,00 m Langhausbreite innen: 14,20 m Mittelschiffbreite zwischen Scheidewänden: 6,40 m Querhauslänge innen: 27,40 m Tiefe Umgangschor (Vierung bis Umgangsaußenwand): 12,10 m Mittelschiffhöhe innen: 17,40 m Höhe Vierungskuppel innen (im Scheitel): 21,40 m

miniatur|hochkant|Steinmetzsignatur, Farnwedelstruktur miniatur|hochkant|Kleine Sonnenuhr

Notre-Dame d’Orcival ist wie nahezu alle romanischen Kirchen mit seinem Chorhaupt nach Osten ausgerichtet, zur aufgehenden Sonne hin, einem Symbol Christi. Dazu scheuten die Baumeister sich nicht, aufwändige Geländemodellierungen zu betreiben, wie etwa verschiedene Aushebungen des felsigen Baugrundes, andererseits erforderliche Aufschüttungen und Planierungen. Die massive Fassadenwand im Westen verschwindet etwa zu einem Drittel ihrer Höhe im Berghang. Der im Osten verlaufende Bach wurde weitläufig umgeleitet.