mini|August Kirch (vermutlich um 1950)August Kirch (* 25. November 1879 in Ottensen-Neumühlen; † 16. November 1959 in Hamburg-Altona) vom 16. Dezember 1969 war ein sozialdemokratischer Politiker, der während des Kaiserreichs vielfältige Funktionen innerhalb der Organisationen der Arbeiterbewegung ausübte, von 1918 bis 1933 Senator der selbständigen Stadt Altona/Elbe und von 1945 bis 1954 Orts- bzw. Bezirksamtsleiter seines 1889 nach Altona und 1938 nach Hamburg eingemeindeten Geburtsortes war. Als für Kultur und Bildung zuständiger Senator in den Magistraten unter Bernhard Schnackenburg und Max Brauer hat er insbesondere den Ausbau der Arbeiterbildung und ein breites Bühnenangebot in der 230.000 Einwohner (1928) zählenden Industriestadt vorangetrieben.
Biographie Kindheit und früher beruflicher Werdegang August Kirch entstammte einer kinderreichen Zigarrenarbeiterfamilie; als Schüler übernahm er im elterlichen Haus die Rolle des Vorlesers bei der Heimarbeit.Brauer, 2. Seite; auch Hans-Kai Möller: Altona-Ottensen: Blauer Dunst und rote Fahnen. in: Urs-Justus Diederichs (Hrsg.): Schleswig-Holsteins Weg ins Industriezeitalter. H. Christians, Hamburg 1986, ISBN 3-7672-0965-9, S. 34f. Dadurch kam er trotz der Restriktionen des Sozialistengesetzes schon früh mit den Schriften der Arbeiterbewegung in Berührung. Er erlernte den Beruf des Schriftsetzers, trat während der Lehre in die Gewerkschaft einBrauer, 3. Seite und wanderte als Geselle anschließend durch Mitteleuropa, ehe er nach Norddeutschland zurückkehrte. Der SPD trat er am 6. März 1898 bei; später fungierte er als Vorsitzender des Arbeiter-Bildungsvereins für Hamburg und Altona.Friedrich-Ebert-Stiftung, Dok. a) Im Jahr 1899 wurde Kirch eines der ersten Mitglieder der hamburgischen Produktionsgenossenschaft (Mitgliedsnummer 9). 1907 nahm er eine Stelle als Geschäftsleitungssekretär bei der sozialdemokratischen Auer Druck und Verlag GmbH an, die u. a. das Hamburger Echo herstellte.Hoffmann (1929), Band 1, S. 44 Diese Stellung hatte er bis 1919 inne.Fladhammer/Wildt, S. 84 Von 1909 bis 1914 leitete er die Volksschauspiele in Hamburg, ab 1922 die Freie Volksbühne in Altona;Wolfgang Vacano: Theatergeschichte in Altona. in: Vacano/Dohrmann, S. 135 in dieser Zeit entwickelte sich eine enge Freundschaft mit Leopold Jessner, dem Oberspielleiter des Thalia-Theaters. 1913 wurde August Kirch, der zu dieser Zeit in der Moortwiete (heute: Daimlerstraße) lebtenach Altonaer Stadtkalender 1916 und Vorsitzender der Altonaer SPD war, als einer von nur fünf SPDlern ins 35 Mitglieder umfassende Altonaer Stadtverordnetenkollegium gewählt. Zwar war Altona eine Arbeiterstadt, aber aufgrund des Ortsstatuts mit Dreiklassenwahlrecht dominierten Honoratioren und Bürgertum dieses Gremium.McElligott, S. 12 und 19; demnach waren bei dieser Wahl nur etwa ein Viertel der volljährigen Altonaer wahlberechtigt, insgesamt 35.652 Menschen, von denen 32.246 (90,4 %) der dritten Klasse angehörten.
Politische Tätigkeit in der Weimarer Republik Im Zuge der deutschen Revolution erfolgte im November 1918 die Berufung Kirchs zum kommissarischen Senator Altonas. Bei der Wahl am 28. Februar 1919 wurde er erneut Stadtverordneter; nach dem neuen Wahlrecht, das erstmals auch Frauen einschloss, erhielten Mehrheits- und Unabhängige Sozialdemokraten diesmal zusammen 63 % der Stimmen bzw. 42 der 66 Mandate.Hoffmann (1929), Band 1, S. 49f.; McElligott, S. 23ff. Bei den Magistratswahlen am 28. September 1919 wurde er als Nachfolger des nach Rostock abgewanderten Ernst Heydemann zum besoldeten, d. h. hauptberuflichen Senator – dem zweitjüngsten im Magistrat unter Oberbürgermeister Bernhard Schnackenburg – gewählt;McElligott, S. 21; Fladhammer/Wildt, S. 18 zuständig war er für Kultur und Erziehung, anfangs zudem für Soziales.Hoffmann (1929), Band 1, S. 626; Christoph Timm: Bauen für die Arbeiter? Neue Architektur 1919–1932. in: Ausstellungsgruppe Ottensen/Altonaer Museum (Hrsg.): Ottensen. Zur Geschichte eines Stadtteils. Selbstverlag, Hamburg 1982, S. 169 Dieses Amt hatte Kirch auch unter Schnackenburgs Nachfolger, seinem Parteifreund Max Brauer, weiter inne und füllte es laut den Lebenserinnerungen des Stadtarchivars Paul Theodor Hoffmann mit „Mutterwitz, Schlagfertigkeit und freundliche[m] Wesen [sowie] gründliche[r] Sachkenntnis“ aus, wobei er …Hoffmann (1949), S. 258
Bei der Realisierung dieser Ziele kam ihm ab 1927 die Verbesserung der fiskalischen Situation aufgrund der Stadtvergrößerung nach dem Groß-Altona-Gesetz zugute, die dem Magistrat eine erhebliche Ausweitung kommunaler Dienstleistungen und Angebote ermöglichte.
Die Ehepaare Kirch und Brauer waren auch privat eng befreundet;Brauer, 1. Seite so hieß August Kirch bei Brauers Kindern meist „Onkel August“.Fladhammer/Wildt, S. 235 Schon als Brauer das erste Mal bei der Ottensener SPD-Parteileitung vorsprach (1909), war Kirch verblüfft über „den jungen Dachs, … der gleich in den Vorstand [wollte]“.Die Welt vom 2. September 1952, zit. bei Fladhammer/Wildt, S. 16 August Kirch blieb nach seiner Wiederwahl Ende 1931Timm, S. 151f. bis zu seiner Amtsenthebung am Ende der Weimarer Republik Senator, war zeitweise auch für das Garten-, das Arbeits- und das Wohlfahrtsamt sowie von 1929 bis 1931 für die Polizei verantwortlich.Bezirksversammlung Altona, S. 13 Zudem kümmerte er sich bei kommunalen Bauprojekten seines Kollegen Gustav Oelsner wie dem 1927 eingeweihten Schwesternwohnheim des städtischen Krankenhauses an der Allee um soziale Aspekte des Vorhabens.Timm, S. 14 Um 1930 unterstützte er Brauers rigide PolitikZu dieser Politik des Brauer-Magistrats in der Krise vergleiche auch Schildt, S. 38f. gegen wilde Ansiedlungen („Fischkistendörfer“) von sogenannten „Zigeunern“, die „die Stadt überschwemmen“ (Zitat Kirch) – tatsächlich überwiegend Wohlfahrtsempfänger und infolge der Weltwirtschaftskrise verarmte Familien, die sich auf Brachland in Osdorf und Flottbek ärmlichste Behausungen errichtet hatten.McElligott, S. 76f. Diese Haltung des MagistratsEin Foto des Brauer-Magistrats um 1929 findet sich bei Timm, S. 23. wurde im Winter 1931/32 allerdings von einer städtischen Förderung des „Schlichtwohnungsbaues in Selbsthilfe“, beispielsweise in Osdorf und Lurup, abgelöst.Timm, S. 148ff.; ähnlich auch ders.: Eine Art Wildwest. Die Altonaer Erwerbslosensiedlungen in Lurup und Osdorf von 1932. in: Arnold Sywottek (Hrsg.): Das andere Altona. Beiträge zur Alltagsgeschichte. ergebnisse, Hamburg 1984, S. 159ff. Daneben betätigte Kirch sich in einer Reihe von sozialen und Ehrenämtern, so im Vorstand des Altonaer KinderkrankenhausesDietrich Schacht: Das Altonaer Kinderkrankenhaus und sein Wirken. in: Vacano/Dohrmann, S. 112; auch auf der und ab 1929 als Mitglied im Kulturbeirat der NORAG.nach (PDF) von der Seite des Deutschen Rundfunkarchivs Für eine 1928 erschienene Monographie über Altona verfasste er das Kapitel „Das Bühnenwesen“.Matthäus Becker (Hrsg.): Die Stadt Altona. Deutscher Kommunal-Verlag, Berlin 1928 (Reihe „Monographien deutscher Städte“), S. 76ff. 1930 übernahm er die Kassenführung des Altonaer Künstlervereins.
Karriereunterbrechung im „Dritten Reich“ Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“, die in Altona in der Nacht vom 10. auf den 11. März 1933 vollzogen wurde,Details dazu siehe in diesem Artikel. blieb auch Kirch nicht von Verfolgung verschont.Nach den Redeauszügen von Hamburgs Zweitem Bürgermeister Edgar Engelhard bei Kirchs offizieller Verabschiedung 1954, abgedruckt in Bezirksversammlung Altona, S. 13, folgten sogar mehrere KZ-Aufenthalte, zu denen aber nähere Angaben fehlen. Kirchs Gefährdung ab 1933 findet sich, allerdings nur in allgemeinen Formulierungen, auch bei McElligott, S. 204, und Hoffmann (1949), S. 309. Er war neben Max Brauer schon länger die Zielscheibe einer Kampagne, in der die NSDAP-Parteizeitung Hamburger Tageblatt ihm vorwarf, von dem Intendanten Max Ellen ab 1927 Geld – laut Ellen 8.000 RM, die Kirch 1931 aber zurückgegeben habe – und Geschenke angenommen und dafür das Altonaer Schillertheater mit hohen Zahlungen aus dem städtischen Haushalt subventioniert zu haben. Kirch war deswegen am 28. Februar 1933 bereits staatsanwaltlich vernommen worden und hatte zugegeben, er habe 4.000 RM davon an notleidende Künstler verteilt, konnte dies aber nicht vollständig nachweisen. Gegen ihn wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet, und der erst nach dem „Preußenschlag“ eingesetzte schleswig-holsteinische Regierungspräsident Wallroth (DNVP) enthob ihn am 1. März seines Amtes.Fladhammer/Wildt, S. 24–27; laut Kirchs eigener Erinnerung (in Friedrich-Ebert-Stiftung, Dok. b) fand diese Enthebung erst am 5. März statt; zur Kampagne des Hamburger Tageblattes auch Schildt, S. 44 Eine vom neuen Oberbürgermeister Emil Brix (NSDAP) eingerichtete Untersuchungskommission kam in einem Bericht vom 27. März zu dem Ergebnis, Kirch sei neben Brauer, Oelsner und Friedrich Schöning einer der Hauptverantwortlichen für das behauptete finanzielle Desaster der Altonaer Kommunalpolitik.Timm, S. 160
Später wurde er zu eineinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.nach einem Brief Brauers vom 16. Mai 1934 aus dem chinesischen Exil an einen in Los Angeles lebenden ehemaligen Altonaer Verwaltungsmitarbeiter – Fladhammer/Wildt, S. 196 Im August 1934 kam Kirch, vermutlich aufgrund der Amnestie nach Hindenburgs Tod, vorzeitig wieder frei.nach einem Brief von Max Brauers Sohn Werner an seinen Vater, datiert 23. August 1934 (Fladhammer/Wildt, S. 235), sowie einem Briefwechsel Max Brauers mit Rudolf Katz von Anfang September des gleichen Jahres (Fladhammer/Wildt, S. 238f.) Anschließend hat August Kirch, der schon in seiner Kindheit eine „zarte Konstitution“ aufwies, anscheinend zurückgezogen in Altona gelebt. Dafür spricht auch Brauers rückblickende Andeutung,Brauer, 4. Seite …
1935 arbeitete Kirch dort in der Kohlenhandlung Willy HilseFriedrich-Ebert-Stiftung, Dok. b) und unterstützte einen Sozialdemokraten mit Geld (25 US-$) und Tipps (darunter eine Brüsseler Adresse Brauers), der in die Schweiz reisen wollte, um Kontakte zu dortigen Sozialisten aufzunehmen. Die von diesem wiederholt nach Deutschland eingeschmuggelten Schriften kamen „über Kirch zur Verteilung“.Rudolf Stobbe: Einer gegen (fast) alle: Willi Opitz. in: SPD Altona, S. 29 Bei einem Hochverratsprozess gegen 16 Mitglieder der Altonaer SPD im November 1935, den der 3. Strafsenat des Berliner Kammergerichts im Gebäude des Altonaer Sondergerichts verhandelte, stand Kirch nicht unter Anklage.Faksimile der Anklageschrift in: SPD Altona, S. 24 Im August 1944 – vermutlich im Zusammenhang mit den massenhaften Festnahmen nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli – wurde er noch einmal für 14 Tage inhaftiert; über die Umstände ist nichts Näheres bekannt. Zwischen Brauer und Kirch hat es in diesen zwölf Jahren aber offenbar keinerlei brieflichen Kontakt gegeben.Die Autorin Christa Fladhammer (siehe Literatur) erinnert zumindest nicht, solche Schreiben in den Archiven gefunden zu haben, und hält die Klärung der Frage nach dem Warum dieses Sachverhalts für ein Desiderat (Gespräch mit dem Hauptautor dieses Artikels am 9. Februar 2010). Insgesamt ist die Quellenlage bezüglich Kirchs für die Zeit zwischen 1934 und 1945 nahezu ein „blinder Fleck“; auch Anfragen bei der Altonaer SPD und dem Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung brachten über die unter Quellen genannten Texte hinaus nur wenige Fakten zutage. Im regionalen Personenarchiv der FES fehlt Kirch gleichfalls. Louise Schroeder berichtete nach dem Krieg ihrer Nichte Karla Seyfarth, in den 1970er/80er Jahren SPD-Bezirksabgeordnete, von ihren „Kontakten zu Kirch“ in den späteren 1930er Jahren (schriftliche Mitteilung von Hans-Peter Strenge, 1984–1995 Altonaer Bezirksamtsleiter, vom 17. Februar 2010 an den Hauptautor dieses Artikels).
Rückkehr in die Kommunalpolitik ab 1945 mini|hochkant|Grabstätte auf dem Friedhof Altona