Ein Scheibenmeniskus () ist eine anatomische Variante der Menisken des Kniegelenks. Der Scheibenmeniskus wurde erstmals 1889 durch R. B. Young beschrieben.R. B. Young: The external semilunar cartilage as a complete disc. In: J. Cleland u. a. (Hrsg.): Memoirs and Memoranda in Anatomy. Williams and Norgate, London 1889, S. 179.F. Adam: Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Knie. D. Kohn (Hrsg.). Georg Thieme Verlag, 2005, ISBN 3-13-126231-1,
mini|Typischer lateraler Scheibenmeniskus mit Teppichfalte. Die Gelenkflächen von Femur und Tibia berühren sich nicht Der Scheibenmeniskus bzw. seine Anlage ist angeboren, teilweise beidseitig. Die Annahme, dass beim Scheibenmeniskus die Ausformung zur Sichel aus der embryologisch angelegten Scheibenform ausbleibt, wurde durch histologische Untersuchungen an Embryonen entkräftet. Es konnten während der ganzen Embryonalperiode keine Scheibenmeniskusformen nachgewiesen werden, so dass eher mechanische Fehlbelastungen oder Instabilität von Menisken mit größerer Variabilität für die Ausbildung von Scheibenmenisken verantwortlich gemacht werden.E. B. Kaplan: Discoid lateral meniscus of the knee joint; nature, mechanism, and operative treatment In: J Bone Joint Surg Am, 1957, 39-A, S. 77–87.M. J. Kaplan: Discoid lateral meniscus of the knee joint: nature, mechanism, and operative treatment. In: J Bone Joint Surg Am., 1957, 39, S. 77–87. Beschwerden (Symptome) entstehen durch einen Scheibenmeniskus erst, wenn sich unter Belastung des Kniegelenks der zentrale Bereich des Meniskus zwischen Oberschenkelrolle (Femurkondyle) und Schienbeinkopfplateau (Tibiakopf) einklemmt und mitbewegt wird, wodurch es zu einem klassischen Schnapp-Phänomen und zu Schmerzen kommt. Diese Symptomatik beginnt aufgrund der Körpergröße und des Körpergewichts von Kindern erst etwa ab dem 6. bis 8. Lebensjahr. In den wenigsten Fällen treten die Beschwerden deutlich früher auf, selten aber auch erst nach dem 12. Lebensjahr. Das verspätete Erkennen typischer Scheibenmeniskusbeschwerden ist oft Folge der Seltenheit und damit der Unkenntnis vieler Ärzte über die Erkrankung und ihrer Zeichen. Zur sicheren Feststellung eignet sich vor allem die kernspintomographische Untersuchung. Eine Behandlung ist nur bei Beschwerden angezeigt und besteht in einer Teilentfernung des Scheibenmeniskus, soweit er den direkten Kontakt von Femurkondyle und Tibiakopf-Gelenkfläche verhindert.
Der normale Meniskus mini|Normale Kniegelenksmenisken des Menschen, der Aussenmeniskus (rechts) bedeckt mehr von der lateralen Gelenkfläche als der mediale Die beiden normalen Menisken eines Kniegelenkes verlaufen als dreieckige Faserknorpelscheiben jeweils innen und außen im Hauptgelenk zwischen Oberschenkelrollen und Schienbeinkopfplateau als elastisches Druckpolster mit Basis an der Gelenkkapsel. Die Gelenkflächen von Oberschenkelrollen und Schienbeinkopf sind nicht kongruent, d. h. sie berühren sich nicht großflächig, sondern nur punktuell. Diese Inkongruenz der Gelenkflächen im Kniegelenk wird durch die Menisken ausgeglichen. Die Meniskusfläche nimmt bei der Gelenkbelastung eine wesentliche Teillast in den Randbereichen auf und gibt sie an die gegenüberliegende Gelenkfläche weiter. Dadurch sind die auf die Gelenkknorpelflächen wirkenden Kräfte auf wesentlich größere Areale verteilt und damit relativ vermindert. Diese knorpelschützende Wirkung der normalen Menisken wird deutlich, wenn aufgrund einer Erkrankung oder Verletzung ein Meniskus operativ entfernt wird. Nach kurzer Zeit kommt es zu Überlastungsschäden des Gelenkknorpels bis hin zum Bild der Arthrose.
Anatomie und Struktur des Scheibenmeniskus mini|Lateraler Scheibenmeniskus (rechts im Bild) Zum besseren Verständnis des Krankheitsbilds Scheibenmeniskus trägt eine allgemein anerkannte Klassifikation der Variationen des lateralen Meniskus bei, die Watanabe-Klassifikation.J. T. Andrish: Meniscal injuries in children und adolescents: diagnosis and management. In: Journal of the American Academy of Orthopaedic Surgeons, 1996, 4, S. 231–237. Scheibenmenisken des Typs 1 und 2 haben die gleiche Position innerhalb des Kniegelenkes wie normale Menisken, sind also an der Gelenkkapsel mit ihrer Basis verbunden. Nur ist ihre Form nicht dreieckig, sondern sie haben die Form einer kompletten oder inkompletten Scheibe, die aufgrund ihrer Position die beiden Gelenkoberflächen der beteiligten Knochen vollständig voneinander trennt – ähnlich einem Discus articularis, im englischen Sprachraum daher als discoid meniscus bezeichnet. Damit sind die Gelenkflächen prinzipiell sehr gut vor einem Knorpelverschleiß geschützt, solange der Scheibenmeniskus selbst keine Beschwerden auslöst. Typ-3-Scheibenmenisken (Wrisberg-Variante) sind im Wesentlichen nicht durch ihre Form oder Dicke, sondern durch ihre fehlende Fixierung an der hinteren Gelenkkapsel charakterisiert. Daher sind hier besonders häufig Schnapp-Phänomene zu erwarten.
Scheibenmenisken finden sich zur überwiegenden Zahl im seitlichen (lateralen) Hauptgelenk des Knies, also zwischen der lateralen Oberschenkelrolle und dem Schienbeinplateau. Sehr selten finden sich auch Scheibenmenisken im innenseitigen (medialen) Gelenkraum. Möglicherweise hängt das mit der natürlichen vermehrten Beweglichkeit des Außenmeniskus zusammen.
Scheibenmenisken können einen unterschiedlich großen Bereich des Gelenkareals zwischen der Meniskusbasis und dem Zentrum des Gelenkes an der Eminentia intercondylica ausfüllen. Man spricht von kompletten (Typ 1) oder inkompletten Scheibenmenisken (Typ 2), wobei der Übergang von einem breiten normalen Meniskus und einem schmalen Scheibenmeniskus sich klar daran erkennen lässt, dass im Falle eines Scheibenmeniskus die Oberschenkelrolle in der Hauptbelastungszone bei arthroskopischer Beurteilung nicht die gegenüberliegende Gelenkfläche des Schienbeinkopf-Plateaus direkt erreicht.
Scheibenmenisken haben in einem hohen Prozentsatz (30 bis 77 %) eine instabile Anheftung an der Gelenkkapsel. Eine grundsätzliche Instabilität ist das Merkmal des Typ-3-Scheibenmeniskus. Die Instabilität kann angeboren sein oder als Folge einer Meniskuseinklemmung als Riss entstehen. Besonders instabile Menisken zeigen daher ein verstärktes Schnapp-Phänomen.
Scheibenmenisken können sich aber nicht nur in ihrer Ausdehnung, sondern auch in ihrer Substanz, d. h. in ihrer Dicke unterscheiden. So gibt es schmale, wenige Millimeter dicke Meniskusscheiben aber auch durchgehend mehr als 5 Millimeter dicke Scheiben.
Pathologie des Scheibenmeniskus
Aufgrund seiner Gewebekomposition als Faserknorpel kann der Scheibenmeniskus wie der normale Meniskus hohe Druck- und Scherbeanspruchungen aushalten. Mit zunehmendem Körpergewicht der Patienten kommt es allerdings in dem hoch gleitfähigen System Gelenkknorpel–Gelenkflüssigkeit zum Anhaften des Meniskus an der Gelenkoberfläche. Die Ursache ist eine Kompressionswirkung der Körperlast, die stärker ist als die Gleitfähigkeit zwischen Meniskus und Gelenkoberfläche. Dieses Haften des Meniskus und das Lösen dieser kurzfristigen Verklebung führt zu dem typischen Schnappen bei der Gelenkbewegung. Durch das „Anbacken“ der Meniskusoberfläche an die Gelenkflächen werden die beiden Oberflächen des Meniskus bei Kniebeugung und -streckung in gegenläufige Richtungen bewegt, was zu einer innerlichen Zerreißung und damit zum Verschleiß des Fasergewebes führt.
mini|hochkant|Scheibenmeniskus in der MRT mini|Lateraler Scheibenmeniskus zerrissen und luxiert (A), reaktiver OD-Herd (B), Rest des Scheibenmeniskus an der Kapsel (C)
Bei Fortdauern der Scherbewegung kann es dann auch zu oberflächlichen Rissen im Meniskus führen. Oder der Scheibenmeniskus kann wie ein normaler Meniskus an seiner Basis an der Gelenkkapsel abreißen, besonders weil er definitionsgemäß keine Bandfixierung am Schienbeinkopf hat. Ein gerissener Scheibenmeniskus liegt aber in dem Gelenk nicht weiter glatt auf den knorpelüberzogenen Gelenkflächen, sondern walkt sich entlang der Risse auf und führt damit zu örtlicher Überlastung des Gelenkknorpels. Dies führt unabhängig von der Ursache (erhöhtes Körpergewicht, Gelenkstufen nach Fraktur, angeborene oder erworbene Beinachs-Fehler, sportliche Überlastung, Gelenkinkongruenz und Bandinstabilität) auf Dauer zu vorzeitigem Gelenkverschleiß (Arthrose). Kinder und Jugendliche, bei denen Scheibenmenisken fast ausschließlich vorkommen, entwickeln bei instabilen und gerissenen Menisken auch Osteochondrosis-dissecans-Herde infolge der regionalen Überlastung. Auch kann der gerissene Scheibenmeniskus wie normale Menisken in den Gelenkspalt eingeklemmt werden und dabei eine Gelenkblockade erzeugen sowie an seiner Kapselanheftung ziehen, was Schmerzen erzeugt.
Inzidenz Die Häufigkeit des Scheibenmeniskus ist wegen der hohen Anzahl asymptomatischer Patienten schwierig zu ermitteln. Die Werte reichen von 0,4 bis 17 Prozent für die laterale SeiteP. E. Greis u. a.: Meniscal injury: I. Basic science and evaluation. In: J Am Acad Orthop Surg., 10, 2002, S. 168–176. PMID 12041938.H. Ikeuchi: Arthroscopic treatment of the discoid lateral meniscus. Technique and long-term results. In: Clin Orthop Relat Res., 167, 1982, S. 19–28. PMID 6896480 und 0,06 bis 0,3 ProzentP. A. Nathan, S. C. Cole: Discoid meniscus. A clinical and pathologic study. In: Clin Orthop Relat Res. 64, 1967, S. 107–113. PMID 5793003C. L. Jeannopoulos: Observations on discoid menisci. In: J Bone Joint Surg Am. 32, 1950, S. 649–652. PMID 15428488J. M. Dickason u. a.: A series of ten discoid medial menisci. In: Clin Orthop Relat Res., 168, 1982, S. 75–79.PMID 6896680 für die mediale Seite.M. Yaniv, N. Blumberg: The discoid meniscus. In: Journal of children’s orthopaedics, Band 1, Nummer 2, Juli 2007, S. 89–96, doi:10.1007/s11832-007-0029-1, PMID 19308479, . Andere Autoren schätzen den Wert auf 1 bis 3 Prozent der Kinder und Jugendlichen, wobei bei 10 bis 20 Prozent der Patienten beide Knie betroffen sind.E. S. Hart u. a.: Discoid lateral meniscus in children. In: Orthop Nurs., 27, 2008, S. 174–179. PMID 18521032. In asiatischen Ländern liegt die Inzidenz offensichtlich höher als in der westlichen Welt.M. Jordan: Lateral meniscal variants: evaluation and treatment. In: J Am Acad Orthop Surg., 4, 1996, S. 191–200. PMID 10795054S. C. Dickhaut, J. C. DeLee: The discoid lateral meniscus syndrome. In: J Bone Joint Surg Am., 64, 1982, S- 1068–1073. PMID 7118974M. Jordan u. a.: Discoid lateral meniscus: a review. In: South Orthop J., 2, 1993, S. 239–253.M. S. und L. J. Micheli: The pediatric knee: evaluation and treatment. In: J. N. Insall, W. N. Scott (Hrsg.): Surgery of the kne. 3. Auflage. Churchill-Livingstone, 2001, ISBN 0-443-06545-4, S. 1356–1397.
Diagnostik
Oft berichten die Patienten oder deren Eltern über ein typisches Gelenkschnappen beim Treppensteigen oder Gehen. Meist hat sich dieses Zeichen im Laufe der Monate und Jahre vor der Vorstellung zunehmend entwickelt. Ausgeprägte Schmerzen bestehen nicht. Zeitweise oder dauernd kann es zu Gelenkblockierungen mit Streckdefizit kommen. Bei der Untersuchung der Patienten lässt sich bei der Funktionsuntersuchung häufig das Schnappen des Gelenkes reproduzieren. Viele Patienten leiden aber auch unter unspezifischen belastungsabhängigen Kniebeschwerden, ohne dass es zu Blockierungen kommt. Selten treten Gelenkergüsse auf. Die Beschwerden sind aufgrund der typisch lateral (seitlich) angeordneten Scheibenmenisken seitlich in Höhe des Gelenkspaltes lokalisiert.
Röntgenuntersuchungen bringen wie auch Blutlaboruntersuchungen keine auffälligen Befunde. Selten können die seitlichen Gelenkspalten in normalen Röntgenuntersuchungen verbreitert erscheinen. Eine zuverlässige Darstellung von Scheibenmenisken findet sich nur im Rahmen einer kernspintomographischen Untersuchung. Hier können die Knorpelscheibe in ihrer Ausdehnung und Dicke sowie Risse im Gewebe und bisweilen die normale Fixierung des Meniskus an seiner Basis dargestellt werden.
Therapie
Arthroskopische Teilresektion