Die Geschichte Nordafrikas umfasst die Entwicklung der Region Nordafrika von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Das nördliche oder saharische Afrika, das geographisch als der Bereich zwischen dem 19. und 38. Breitengrad und dem 13. Grad westlicher und 25. Grad östlicher Länge definiert ist (nach Encyclopedia Britannica), unterscheidet sich in seinen geschichtlichen Abläufen grundlegend vom südlichen oder subsaharischen Afrika. Ursache ist nicht zuletzt die unterschiedliche klimatische Entwicklung beider Kontinentteile, von denen der nördliche wegen der Eiszeiten in den nördlichen Breiten immer wieder Schwankungen unterworfen war, die sein Ökosystem zwischen Baumsavanne und hocharider Wüste hin und her pendeln ließen (siehe Pluvial). Noch während der Römerzeit und der islamischen Expansion wurden fruchtbare Gebiete in Wüsten verwandelt und umgekehrt.

Vor allem während der noch andauernden Wüstenphase beschränkten sich daher Kontakte zwischen Nord- und Subsahara-Afrika wegen der Schwierigkeiten, die weltweit größte Sandwüste zu durchqueren, fast ausschließlich auf den Handel entlang der Ost- und Westküste des Kontinents sowie auf bestimmte Routen, auf denen es ausreichende Wasserstellen gab. Das bedeutete gleichzeitig eine ethnische Trennung, und obwohl die nordafrikanische Kultur sowohl afrikanische als auch mittelöstliche, mit den Berbern möglicherweise sogar europäische Wurzeln hat,Baumann: Die Völker Afrikas. Band 1, S. 97–103, Vgl. dazu aber Schweizer: Die Berber. S. 28f. sind die meisten Nordafrikaner heute entweder arabisch oder berberisch sprechende Moslems mit hellerer Hautfarbe. Am Südrand der Sahara und der Sahelzone finden sich dunkelhäutige Ethnien, die im Mittelalter eigene Reiche bildeten, die unscharf umrissene Handelsreiche waren und über Karawanenstraßen mit dem Norden in einem engen ökonomischen, kulturellen und später auch religiösen Austausch standen (Islamisierung), daher kultursoziologisch ebenfalls zum erweiterten Bereich Nordafrikas zu rechnen sind. Schwierigkeiten bereitet gelegentlich der Begriff Maghreb. Man unterscheidet einen Kleinen Maghreb mit Marokko, Algerien und Tunesien und einen Großen Maghreb, der im Osten Libyen und im Westen Mauretanien mit einschließt. Ägypten war hingegen nie Teil des Maghreb, und die südlichen Staaten Sudan, Tschad, Niger, Mali (und mitunter auch Mauretanien) werden klassischerweise zur Sudanzone gerechnet. mini|Karte Nordwestafrikas von Firolamao Ruscelli aus dem Jahre 1561. mini|Nordostafrika, gleicher Autor, 1561. mini|Zentrales Nordafrika, gleicher Autor, 1561.

Vor- und Frühgeschichte Paläolithikum mini|links|Verschiedene alt- und mittelpaläolithische Faustkeilformen, wie sie in Afrika, Eurasien und Europa typisch waren, ohne dass man aus ihrer Form auf ihre Herkunft schließen kann. mini|Typische gestielte Atérien-Spitze. mini|Ausbreitungsgebiet des Ibéromaurusien (grün), Kerngebiet des Capsien (blau). Die Phasen des alten und mittleren Paläolithikums (nach internationalem Brauch besser als Lower und Middle Palaeolithic zu bezeichnen, da sich die afrikanischen und europäischen bzw. asiatischen Phasen zeitlich nicht decken) ähneln sich in Europa, Asien und Afrika stark mit ihren Acheuléen-Werkzeugkomplexen (vor allem Faustkeile, die man auch überall in Nordafrika, insbesondere in der Sahara findet). In Ost- und Südafrika hatten sie sich aus den frühen Geröllwerkzeugen des Oldowan entwickelt und waren dann von ihren Trägern, den entwickelten Formen des Homo erectus, später dem Homo sapiens, nach Europa und Asien, dann viel später nach Australien (ca. 38.000 v. Chr., das Alter der ersten Menschenfunde) und zuletzt in ihren bereits jungpaläolithischen Ausformungen nach Amerika gebracht worden (Zeitpunkt und Weg stark umstritten, vermutlich frühestens um 13.000 v. Chr.). Auch die mittelpaläolithische Levallois-Abschlagtechnik des Moustérien weicht nur in lokalen Formen und Technokomplexen von der europäischen ab.

Jungpaläolithikum (Upper und Late Palaeolithic): Diese Parallelität der Entwicklung änderte sich allerdings langsam ab dem letzten Drittel des mittleren Paläolithikums, denn ab 108.000 v. Chr. begann eine kalte trockene Phase, die Würm-Kaltzeit in Europa, die sich nach zunächst mehreren wärmeren und feuchteren Zwischenphasen, ab 66.000 B. P. im Grunde bis 11.500 v. Chr. verstärkte, allerdings mit zwei feuchteren und wärmeren Unterbrechungen zwischen 45.000 bis 35.000 v. Chr. und 26.000 bis 21.000 v. Chr., die zwischen 21.000 bis 11.500 v. Chr. wiederum von zwei durch ein kurzes, wärmeres Interstadial unterbrochene extreme Abkühlungsperioden abgelöst wurden. Dadurch wichen die umweltbedingten Lebensmöglichkeiten auf beiden Kontinenten immer stärker voneinander ab, von denen der eine zeitweise bis fast an die Alpen mit einem Eispanzer bedeckt war, Nordafrika hingegen eine längere Periode der Aridisierung durchmachte.

Kennzeichnend für diese jungpaläolithischen Phasen ist die Klingenabschlagtechnik, die neben Messerklingen zahlreiche neue, kleinere und effektivere Werkzeuge wie Stichel, Zinken, Bohrer, Nadeln, Spitzen usw. hervorbrachte. Von besonderem Interesse in Nordafrika ist dabei aber das technologisch anderen Regionen weit überlegene Atérien, dessen Verbreitung von Libyen im Osten bis zur Atlantikküste im Westen reichte, südlich bis zum damals noch viel größeren Tschad-See, sporadisch auch in Ägypten sowie im Sudan westlich des Nils auftritt, und für das gestielte Werkzeuge typisch sind. Das Atérien gilt zudem als erste speziell nordafrikanische Kulturform, die man so anderswo nicht findet, und die nun die europäische Gliederung in mittleres und Jungpaläolithikum durch eine spezifisch afrikanische Phase ersetzt, zumal das Atérien im Gebiet des Tschad-Sees noch bis weit ins Neolithikum andauerte. Träger waren vermutlich Menschen vom Typ Cro-Magnon oder möglicherweise sogar Neandertaler. Es sind dies wohl die ersten, kulturell einheitlichen Spuren, die der Mensch in der Sahara hinterlassen hat, und zwar nur dort.

Die beiden bereits ins Epipaläolithikum überleitenden Nachfolgekulturen – das aus Kleinasien stammende, von 17.000 bis 8.000 v. Chr. währende, vor allem in der nordwestlichen Sahara überlieferte Ibéromaurusien und das es ablösende Capsien (etwa 9000–3000 v. Chr.) – sind dann ebenfalls typisch nordafrikanisch. Ihre Inventare sind vorwiegend durch Kleingeräte gekennzeichnet (sogenannte Mikrolithen, insbesondere für Kombinationsgeräte wie Harpunen und Sägen) und finden sich heute oft noch an alten, ausgetrockneten Seen (sogenannte Mudpans mit ihren typischen trockenen Schlammkegeln). In die Zeit des Capsien fällt auch die Felsbildperiode der Sahara.

Epipaläolitische Fundstellen in situ sind in Nordafrika allerdings selten, viele wurden wahrscheinlich durch den im Holozän um über 100 m steigenden Meeresspiegel überflutet, wie korrespondierende Funde an der Küste Südfrankreichs (Cosquer-Höhle) zeigen.Clotte, Courtin: Grotte Cosquer bei Marseille. S. 7, 33–37, 47. In der Höhle von Haua FteahHöhle von Haua Fteah (PDF; 4 kB) (Libyen, Kyrenaika), einer der bedeutendsten vorgeschichtlichen Fundstätten Nordafrikas überhaupt, fanden sich in den Straten dieser Zeit die Reste von wilden Schafen, Auerochsen und Gazellen. Schafknochen stammen auch aus der Höhle von Hagfet ed-Dabba. Streufunde sind hingegen auch aus dieser Epoche recht häufig, und zwar auch mitten in der Wüste und dienen als Nachweis einer zu ihrer Entstehungszeit in der ersten Hälfte des Holozäns erheblich anderen, das heißt feuchteren und menschenfreundlicheren klimatischen Situation Nordafrikas. Solche Funde gibt es über die gesamte Breite der Sahara; aus Fundorten im Maghreb stammen etwa Mahlsteine und Klingen mit sog. Sichelglanz, der durch Pflanzenschnitt an der Schneidekante von Feuersteinklingen entsteht und als Gebrauchsnachweis dient.

Paläoanthropologie In Nordafrika wurden vor allem im Küstenbereich und im Umfeld des Niltales und der Oasen folgende Fossilien gefunden: Frühe Menschenaffen: Oase Fayum: Aegyptopithecus und Propliopithecus (Primatenfossilien aus dem Oligozän, ca. 30 bis 35 Mio. Jahre alt). Dies ist für diese Periode die einzige Fundstelle in ganz Afrika. Sahelanthropus tchadensis aus der Fundstelle TM 266 im Norden des Tschad (7–6 Mio. Jahre alt); Australopithecus bahrelghazali aus der Fundstelle KT 12 im Norden des Tschad (3,5–3,0 Mio. Jahre alt); klassischer afrikanischer Homo erectus (zunächst benannt als „Tchadanthropus uxoris“): Yayo (Tschad) (800.000 bis 700.000 Jahre alt), Ternifine (Unterkiefer von Ternifine) in der Nähe von Muaskar, Algerien (700.000 Jahre alt), Sidi Abderrahman, Rabat. Der Fund Tighenif 1 wurde zunächst Atlanthropus mauritanicus benannt, gilt heute aber als lokale Variante von Homo erectus Übergangsformen bzw. Mosaike von Homo erectus und archaischem Homo sapiens: Jebel Irhoud und Rabat (He/aHs, 250.000 und ca. 75.000 Jahre alt); Thomas Quarries, Salé (400.000 Jahre alt). Alle NW-Afrika. Sudan: Singa (70.000/90.000 Jahre alt). Früher bzw. anatomisch moderner Homo sapiens: Témara, Taforalt, Mugharet el Alija, Dar-es-Soltane, alle um 40.000 v. Chr. (NW-Afrika); Haua Fteah (Libyen), Nazlet Khater, Jebel Sababa, Wadi Halfa (Ägypten): alle um 30.000 v. Chr. oder jünger, teils sogar zum Iberomaurusien (17.000–8.000 v. Chr.).

Neolithikum mini|Europa und Nordafrika um 8500 v. Chr. zur Zeit des Übergangs vom Epipaläolithikum zum frühen Neolithikum. (Blau: Vereiste Zonen). 1: Endpaläolithische Kulturen. 2: Mesolithikum. 3: Swidérien in Polen und Ungarn (Form des Magdalénien). 4: Tardenoisien des Schwarzmeerbereichs. 5. Iberisches Capsien. 6: Oranien, eine lokale Variante des Ibéromaurusien. 7: Spätes Capsien. 8: Fruchtbarer Halbmond. mini|links|Felsgravur aus dem Wadi Mathendous. SW-Libyen, Wildtier- bzw. Jägerperiode.

Bis zum Ende der Eiszeit gab es noch mehrere immer kürzere Kalt- und Warmluftvorstöße bis hin zur extremen, von 10.900–9.500 v. Chr. dauernden Jüngeren Dryas, und diese hatten allesamt Auswirkungen auf das Klima und die Feuchtigkeit der Sahara. Entscheidend für die Besiedelung Nordafrikas waren die holozänen Klimaphasen sowie die Klimaperioden direkt davor, die mit ihrer starken Aridisierung zunächst wieder dazu geführt hatten, dass die Menschen sich in feuchtere Gebiete, also die Küsten, die Oasen und in das Niltal zurückzogen. Als das Meer dann nach Ende dieser Trockenheit während des nun einsetzenden holozänen Wärmeintervalls zudem wieder anstieg, kam es unter den Jäger-und-Sammler-Bevölkerungen zu einer Ernährungskrise, die man in Europa kurz mit dem Begriff Mesolithikum zusammenfasst und die im Verein mit regionaler Überjagung vor allem in Vorderasien und im östlichen Nordafrika schließlich einen Wandel der Ernährung erzwang, der dann die Jungsteinzeit einleitete. Bezeichnend ist dabei, dass es außerhalb Europas ein Mesolithikum (in Nordafrika und Vorderasien als Epipaläolithikum bezeichnet) mit seinen typischen großen Muschelhaufen als Zeichen der Mangelernährung nur in Nordafrika, und hier vor allem des östlichen Teils gegeben hat, nicht jedoch in den übrigen Teilen des Kontinents. Und nur hier entwickelte sich dann auch ein Neolithikum.