Bin oder Die Reise nach Peking ist eine Erzählung des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Sie entstand im Jahr 1944 und erschien erstmals im Zürcher Atlantis Verlag im Jahr 1945. Für die Neuausgabe im Suhrkamp Verlag 1952 wurde der Text leicht überarbeitet. Die Erzählung thematisiert den Drang ihres Protagonisten, aus einem festgelegten, bürgerlichen Leben auszubrechen. Dabei wird die Stadt Peking zum unerreichbaren Ziel aller Sehnsüchte. Die Erzählung wurde sowohl auf ihren Bezug zur Biografie des Autors als auch auf die Bedeutung für das spätere Werk untersucht. Frisch bezeichnete sie als „Träumerei in Prosa“, später sprach er kritischer von „Fluchtliteratur“.
miniatur|Chinesische Mauer, Fotografie von Herbert Ponting, 1907
Inhalt
Der Protagonist der Erzählung ist ein Ich-Erzähler, damit kein Name erwähnt werden muss, wie es heißt; erst am Ende wird er Kilian genannt. Er lebt ein bürgerliches Leben, geht jeden Tag zur Arbeit und besitzt ein Haus mit Garten. Seine Frau mit dem Namen Rapunzel hat ihm eben einen Sohn geboren. Sein Leben sei so glücklich, dass er kaum ein Anrecht zu einer Sehnsucht habe. Doch sein abendliches Schlendern führt ihn nicht nach Hause, sondern quer durch die Stadt und in den Wald. Unvermittelt steht er vor der Chinesischen Mauer, wo er auf Bin trifft, der die Ellenbogen auf der Mauer abstützt und Pfeife raucht. Auf dessen Frage, wohin er wolle, weiß der Erzähler keine Antwort. So brechen sie nach Peking auf, das ganz nah sein muss, kann man doch schon die Dächer der Stadt erkennen.
Die Reise nach Peking dauert länger als erwartet. Immer wieder wird sie für Wochen, Monate oder gar Jahre unterbrochen. Doch wenn der Erzähler erneut nach Peking aufbricht, wartet Bin bereits und begleitet ihn. Der Erzähler fühlte sich glücklich und befreit auf der Reise, wenn er nicht eine Rolle mit sich schleppen müsste. Immer wieder drückt und stört sie ihn, doch er will sie nicht einfach zurücklassen. Sie zu erstellen hat ihn einst große Mühe gekostet, ihr Inhalt ist außerordentlich gewichtig. Auf der Reise begegnet der Erzähler einem Heiligen aus Sandstein und Menschen aus seinem früheren Leben. Er sieht noch einmal als Jugendlicher die erste nackte Frau im Meer baden und folgt ihr ins Dunkel einer am Strand liegenden Tonne. Er trifft erneut den Maler Anastasius Holder, dem er nicht offenbart hat, wie sehr ihn eines seiner Aquarelle beeindruckte, und der noch am gleichen Tag zu Tode gestürzt ist. Er tanzt noch einmal mit seiner Jugendliebe Maja. Sie ist so jung wie damals, sagt aber nun Sie zu ihm, weil er ein Herr geworden ist. Er erinnert sich an einen Selbstmörder, dem der Selbstmord verleidet wurde, weil er beim Vorhaben, ins Wasser zu gehen, einem Jungen das Leben rettete; seitdem schämt er sich vor dem Wasser.
Als er fast Peking erreicht hat, will der Erzähler seine Rolle in einem Haus unterstellen. Doch das Haus entpuppt sich als Entwurf seiner eigenen Phantasie, die Tochter des Hauses erinnert an Maja, der Fürst von China kommt zu Besuch und will sich vom Erzähler einen neuen Palast konstruieren lassen. Der Erzähler bleibt lange in dem Haus, und er fürchtet beinahe, Bin könne wieder auftauchen und ihn zur Weiterreise gemahnen. Doch am Ende wird er des Hauses überdrüssig. Es ist nicht mehr das Haus seiner Träume, stattdessen ist es festgelegt, seine Fehler unabänderlich, es erscheint ihm nun fremd und trostlos. Er flieht mit der chinesischen Maja. Auch sie wird von einem inneren Drang in die Welt hinaus getrieben und will von dem Weitgereisten wissen, ob er das Ziel ihrer Sehnsucht kenne, ob es wirklich existiere. Doch die Träume des jungen Mädchens sind im Gegensatz zu seinen noch ungebrochen. Bei der ersten Gelegenheit setzt sie sich mit einem jungen Burschen ab. Dem Erzähler bleibt nur das Wissen, dass sie ihn geliebt hat; er flüchtet in den Alkohol.
Beim Besuch eines Konzerts erscheint Kilian der Tod und klopft ihm auf die Schulter. Entweder müsse Kilian selbst mit ihm kommen oder einen Ersatz für sich nominieren. Kilian kann sich nicht überwinden, einen Musiker oder Konzertbesucher auszuwählen. Blind tippt er irgendjemand an die Schulter, der sich als sein Vater entpuppt und stirbt. Im gleichen Augenblick wird Kilian Vater, kommt sein Sohn zur Welt. Am Ende ist Kilian wieder daheim. Rapunzel bereitet ihm ein Frühstück. Er weiß, dass er nie nach Peking kommen wird. Nur die Gesichtszüge seines Sohnes erinnern ihn an Bin.
Form
Gertrud Bauer-Pickar sah Bin als Mosaik von Erinnerung, Traum und Erfahrung. Auf verschiedenen Stationen der Reise vermischen sich Realität und Vorstellung. Durch hypothetische Geschichten werden Möglichkeiten der Gegenwart ausgelotet, eingeleitet durch Wendungen wie „Oder es konnte auch sein“.Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-06533-5, S. 605. Der traumhafte Charakter der Erzählung wird durch unbestimmte Zeitangaben („oft“, „manchmal“, „damals“, „bald“) und des Ortes („draußen“, „drinnen“, „drüben“) unterstrichen. Motivisch immer wiederkehrende Handlungselemente wechseln ihre Erscheinung, etwa der Mond, der einer Katze, einem Gong oder einem fetten Gesicht gleicht, oder der Heilige, der am Ende als Nippesfigur auf der Truhe einer Wohnung steht. Der Protagonist der Erzählung zerfällt in drei Figuren: den namenlosen Ich-Erzähler, sein komplementäres ‚Du‘ namens Bin und Kilian, von dem bloß in der dritten Person die Rede ist.Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 61–62, 64. Sowohl das Ich als auch Bin bleiben repräsentative Modellgestalten, die in ihrer Individualität nicht näher ausgeführt werden.Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Romane, S. 30.
Der namenlose Erzähler wird dem Leser als Identifikationsfigur angeboten, als Jedermann. Mehrmals wird der Leser direkt angesprochen und so in die Geschichte hineingezogen. Bereits der erste Satz lautet: „Es ist im Ernst nicht anzunehmen, daß es Leute gibt, die Bin, unseren Freund, nicht kennen.“Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 603. Auch später wird an einigen Stellen das einbeziehende Wir verwendet: „Auf einmal, nach Jahren des Wartens, sieht man sich von der Frage betroffen, was wir an diesem Ort eigentlich erwarten.“Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 604.Linda J. Stine: Chinesische Träumerei: Märchenelemente in „Bin“, S. 99. Durch ironische Kommentare durchbricht Frisch die Erzählung, und ruft so dem Leser die verschiedenen Realitätsebenen ins Bewusstsein. So bemerkt er über seinen Erzähler, „dem wir die Rolle eines erzählenden Ich überbürdet haben, um keine Namen nennen zu müssen“, im folgenden Absatz: „wir hätten ihn auch Kilian nennen können“,Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 650. was er mit dem Wechsel in die dritte Person von nun an auch tut. An anderer Stelle plaudert er über die Hauptfigur: „Mit anderen Worten: Ein wenig soff er wohl auch.“Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 653.Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 68–68.
Interpretation
Ich Bin
Die Figur Bin wurde von verschiedenen Interpreten als Kilians besseres Ich, sein Alter Ego, sein Doppelgänger, Reiseführer, die Verkörperung seiner Möglichkeiten oder Wünsche gedeutet. Gleichzeitig wird er von Kilian losgelöst als Teil aller Menschen bezeichnet. Im Handlungsablauf tritt er mehrmals in der Rolle eines übernatürlichen Beistands aus dem Märchen in Erscheinung. Seine Funktion für den Erzähler erinnert an die Funktion des späteren Tagebuchs für Max Frisch: Bin kommentiert, gibt Antworten, erklärt Sachverhalte oder stellt dem Erzähler jene Fragen, die dieser beantworten will. Ich und Bin sind zwei Ausprägungen eines Selbst, aus dem Bin veräußerlicht wurde, um einen Dialog mit sich selbst zu ermöglichen.Linda J. Stine: Chinesische Träumerei: Märchenelemente in „Bin“, S. 100–101.
Der Dialog des Ich-Erzählers mit Bin erinnert an das Schreiben, und tatsächlich bekennt der Erzähler: „Manchmal noch schreibe ich an Bin. Nicht immer, wenn etwas passiert, gibt es Freunde; eine Feder, ein Papier, eine Wirtschaft gibt es fast immer“.Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 656. Im Erzählen, im Schreiben an Bin wird für Kilian sein poetisches, literarisches Ich erfahrbar.Walter Schmitz: Max Frisch: Das Werk (1931–1961), S. 120. Durch den Zusammenfall von Ich und Bin entsteht erst der ganze, der wirkliche Mensch. Der Erzähler weiß, „daß ich nur durch die Mittel des Traumes an diesem ersehnten Ort bin.“Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 636. Nur im Bereich des Traumes, im Erzählen kann der Erzähler von sich behaupten: „ich […] bin.“Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Romane, S. 40. Hans Schumacher leitete den Namen Bin als Silbe von Al-Bin ab, Albin Zollinger, dem von Frisch in seiner Jugend verehrten Schriftsteller.Hans Schumacher: Zu Max Frischs „Bin oder Die Reise nach Peking“, S. 180.
Das „Du“ der Geschichte ist die Frau, der Archetypus der weiblichen Anima, der der Erzähler im Verlauf der Geschichte in verschiedenen Gestalten begegnet: der nackten Frau in der Tonne, der Kurtisane Pfirsichblüte, seiner ersten Liebe Maja und der jungen Chinesin, mit der er die Erinnerung vergeblich zu wiederholen versucht. Das Ende ist dem Märchen Rapunzel entnommen: nachdem der „Prinz“ in Blindheit durch die Welt geirrt ist, findet er glücklich heim zu seiner Ehefrau Rapunzel.Linda J. Stine: Chinesische Träumerei: Märchenelemente in „Bin“, S. 102–103.
Die Reise nach Peking
Peking steht nicht für die reale chinesische Hauptstadt, sondern für einen Ort der Phantasie, einen Gedankenzustand. Dennoch lässt sich Peking geografisch im Fernen Osten ansiedeln. Es ist ein Ort der östlichen Philosophie und Weisheit: die Frage „was machen sie eigentlich?“ wird sogleich mit „Oh, diese westliche Frage!“ kommentiert.Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 608. Peking ist auch ein Ort des Friedens, während für den Westen gilt: „Drüben ist immer noch Krieg“.Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 606. Im Gegensatz zum hektischen, automatisierten, monotonen Westen steht Peking für Muße und Besinnlichkeit, für Wasserfälle und Schmetterlinge, kurz für ein besseres Leben, was Frisch einem Satz Albin Zollingers entlehnt: „Die Sehnsucht ist unser bestes.“Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 643.Vgl. zum Absatz: Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 62.
Die Reise folgt einem Fluss. Peking als Ziel erwartet der Erzähler an dessen Mündung ins Meer. Der Fluss trennt das Wirkliche vom Vorstellbaren, wie er auch die Gegenwart von der Vergangenheit und möglichen Zukunft trennt. Es handelt sich um den Fluss der Zeit, der dem Erzähler ermöglicht, in verschiedene Zeitebenen zu springen. Gleichzeitig ist er auch der Fluss des Lebens. Er fließt weiter, auch wenn der Erzähler nicht voranschreitet: „Bin […] ich glaube, es treibt uns ab. Indem wir meinen, wir bleiben am Ort, indem wir rasten und reden und weilen, treibt es uns ab“.Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 611.Vgl. zum Absatz: Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 62–63.