mini|Albrecht, mit dem Physiker Alfred Krohs, auf einer DDR-Tagung 1975 Rosemarie Albrecht (* 19. März 1915 in Kōbe, Japan; † 7. Januar 2008 in Jena) war eine deutsch-japanischeBundesstiftung Aufarbeitung: Biographische Datenbank. Mutter war Japanerin. Hals-Nasen-Ohren-Ärztin. Als Professorin leitete sie die HNO-Kliniken in Erfurt, danach in Jena. Im Jahr 2000 ergaben Akten aus dem NS-Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit Hinweise auf eine Beteiligung an Euthanasie-Maßnahmen 1940 bis 1942. Ein Verfahren gegen sie wurde 2005 aufgrund des Alters der Angeklagten eingestellt.

Leben und Wirken Marie Johanna Albrecht,Beatrice Brand (2015): Entwicklung von Klinik und Lehrstuhl für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der Universität Jena von 1957 bis 1975, Dissertation der Universität Jena, S. 9. genannt Rosemarie, wurde 1915 als Tochter eines deutschen Kaufmanns und einer Japanerin geboren. Sie wuchs nach dem Ersten Weltkrieg in Rostock auf und legte dort 1935 das Abitur ab. Es folgte das Studium der Medizin an der Universität Hamburg, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Rostock.Siehe dazu die Immatrikulation von Rosemarie Albrecht im Rostocker Matrikelportal: Erstimmatrikulation, Zweitimmatrikulation, Drittimmatrikulation 1940 legte sie ihr Staatsexamen in Rostock ab und wurde mit einer Dissertationsschrift mit dem Titel Der Vitamin C-Gehalt der Frauenmilch vor und nach dem Kochen zum Dr. med. promoviert.

Rosemarie Albrecht meldete sich danach freiwillig für die Thüringischen Landesheilanstalten Stadtroda, wo sie zunächst als Pflichtassistentin und dann als Stationsärztin einer Frauenstation tätig war. Dort war sie aktiv an den Krankenmorden in der Zeit des Nationalsozialismus der nationalsozialistischen Rassenpolitik beteiligt.Tony Paterson: East German doctor faces trial over Nazi murders - 1. Feb. 2004 Sie wurde 1942 zur HNO-Klinik der Universität Jena dienstverpflichtet.

Nach dem Zusammenbruch des Nazireichs wurde sie 1946 HNO-Fachärztin. 1948 habilitierte sie sich und wurde Dozentin. 1952 begann ihre Karriere in der DDR. Sie wurde Chefärztin der HNO-Klinik der Städtischen Krankenanstalten Erfurt. Mit der Gründung der Medizinischen Akademie Erfurt wurde Albrecht auf den Lehrstuhl für Oto-Rhino-Laryngologie berufen. Sie hatte „überaus wesentlichen Anteil an der Gestaltung und Entwicklung“ des modernen Neubaus der HNO-Klinik. 1957 folgte sie einem Ruf auf den Lehrstuhl ihres ebenfalls an der Rassenpolitik beteiligten Lehrers Johannes Zange an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Albrecht wurde auch in den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde gewählt und war von 1965 bis 1967 Dekanin der Medizinischen Fakultät der FSU. Sie war gleichzeitig Lehrstuhlinhaberin für HNO-Heilkunde an der Akademie für Ärztliche Fortbildung der DDR und damit an der Erarbeitung der HNO-Facharztstandards beteiligt. 1975 wurde Albrecht mit 60 Jahren emeritiert.

Als Pionierin auf dem Gebiet der Operation führte Albrecht bereits Anfang der 1950er Jahre in Erfurt zahlreiche mikrochirurgische Fensterungsoperationen und Tympanoplastiken durch. Zusammen mit dem VEB Carl Zeiss in Jena entwickelte sie dafür ein Operationsmikroskop. Sie führte Mitte der 1950er Jahre die mikroskopische Betrachtung von präkanzerösen und kanzerösen Veränderungen der Schleimhaut von Mundhöhle und Kehlkopf ein. Ein Schwerpunkt der operativen Tätigkeit von Albrecht war die Beseitigung von Malignomen des Nasenrachenraums. Sie führte auch transethmyoidale Entfernungen von Hypophysenadenomen durch. Albrecht rekonstruierte die HNO-Wachstation und richtete verschiedene Funktionsabteilungen in der Klinik ein.

Euthanasie Zwischen 1964 und 1966 ermittelte die Bezirksverwaltung Gera des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Rahmen einer Untersuchung der Krankenmorde in der Landesheilanstalt Stadtroda auch gegen Rosemarie Albrecht. Auf Anweisung des Ministeriums in Ost-Berlin wurden die Ermittlungen eingestellt und die Ermittlungsakten gesperrt. Rosemarie Albrecht blieb ein Star unter den Ärzten der DDR. Sie erhielt noch 1975 als „Verdiente Hochschullehrer(in) der DDR“ die Humboldt-Medaille in Gold.Berliner Zeitung vom 5. September 1975, S. 4

Im Jahre 2000 wurden diese Unterlagen aus den Beständen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gefunden, die Hinweise auf eine Beteiligung Albrechts an Euthanasie-Maßnahmen (Überdosierung von Beruhigungsmitteln) erbrachten, als sie von Mai 1940 bis Mai 1942 für die Frauenstation der Landesheilanstalt Stadtroda verantwortlich war. 2004 stand sie auf der Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher des Simon Wiesenthal Center.Efraim Zuroff: (PDF; 615 kB) August 2004, S. 42–43 Das Landgericht Gera stellte das Verfahren im Februar 2005 wegen „Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten“ ein.Rainer Erices, Antje Gumz: Der Fall Rosemarie Albrecht: Zu Ende begutachtet. In: Deutsches Ärzteblatt. Bd. 102 (2005), H. 33, S. A-2223–2227.

Ehrungen 1953: Verdienter Arzt des Volkes 1965: Mitglied der Leopoldina 1967: Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR 1972: Nationalpreis III. Klasse der DDR 1972: Vaterländischer Verdienstorden in Gold 1975: Verdienter Hochschullehrer der DDR 1996: Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie Mitglied des Collegium Oto-Rhino-Laryngologicum Amicitiae Sacrum

Literatur Kurt Schröder: Zur Geschichte der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in Erfurt. In: Beiträge zur Geschichte der Universität Erfurt (1392–1816), Hrsg. Rektor der MAE, Heft 11/1964, S. 271–285 Norbert Jachertz: Jena und der „Fall Albrecht“. Eine finstere Geschichte (PDF-Datei; 171 kB). In: Deutsches Ärzteblatt, Heft 10 vom Oktober 2003, S. 460–463. Rainer Erices und Antje Gumz: Der Fall Rosemarie Albrecht: Zu Ende begutachtet. In: Deutsches Ärzteblatt, Heft 33 vom 19. August 2005, S. A2223-5. Orlando Guntinas-Lichius und Hilmar Gudziol: Nachruf für Frau Professor Dr. habil. Rosemarie Albrecht. Ärzteblatt Thüringen 19 (2008) 107–108 Beatrice Brand (2015): Entwicklung von Klinik und Lehrstuhl für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der Universität Jena von 1957 bis 1975, Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Universität Jena, 126 Seiten. Volltext als PDF

Film Rainer Erices 2004: Der Fall Rosemarie Albrecht, MDR

Weblinks

Euthanasie: "Ich bin doch keine Massenmörderin!", Stern

Einzelnachweise

Kategorie:Operation Last Chance Kategorie:HNO-Arzt Kategorie:Hochschullehrer (Medizinische Akademie Erfurt) Kategorie:Hochschullehrer (Friedrich-Schiller-Universität Jena) Kategorie:Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR Kategorie:Mitglied der Leopoldina (20. Jahrhundert) Kategorie:Träger des Nationalpreises der DDR III. Klasse für Wissenschaft und Technik Kategorie:Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Gold Kategorie:Verdienter Hochschullehrer der DDR Kategorie:Person (Aktion T4) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1915 Kategorie:Gestorben 2008 Kategorie:Frau Kategorie:Verdienter Arzt des Volkes