Tier- und Pflanzendomestizierung in Nordafrika sind zwei der drei primären Kennzeichen einer neolithischen Kultur. Alle übrigen wie Steinschliff und -bohrung, spezielle Werkzeuge wie Sicheln und Reibsteine, Techniken wie Weben und Spinnen oder Pflügen sowie die Vorstufen der Schrift sind letzten Endes zwangsläufige Folgewirkungen der drei Primärfaktoren. Der dritte Primärfaktor ist der Umgang mit Keramik, der in Afrika bereits als Phänomen teilsesshafter Jäger und Sammler auftrat. Er wurde für Ackerbauern wichtig, um Nahrung zu bevorraten bzw. aufwendiger zuzubereiten.
Grundlagen In den verschiedenen Gebieten, in denen das Neolithikum (teilweise im Holozän) entstand, also vor allem den Tälern von Jangtsekiang und Indus, dem Zweistromland sowie später in Mittelamerika und den Anden (wo es außer dem Lama keine Tierdomestikationen gab) existierten ganz unterschiedliche Schwerpunkte, je nachdem, welche Pflanzen und Tiere zur Verfügung standen. Das hatte auch Folgen für grundlegende Kulturtechniken. So wurde etwa in Altamerika das Rad als Gebrauchsgegenstand nicht genutzt (erfunden schon, aber nur für Kinderspielzeug), da es vor allem in Mesoamerika zu domestizierende Zug- und Reittiere in der Natur nicht gab und im gebirgigen Andenbereich, wo mit dem Lama ein geeignetes Tier zur Verfügung stand, Räder nicht sehr sinnvoll waren.
Wichtig im Falle Nordafrika aber ist die Tatsache, dass die Sahara als hier weitaus größte regionale topografisch-klimatische Einheit zur Zeit der Domestikationen im Holozän keine Wüste war, sondern, belegt unter anderem durch Funde von Fischereigerät wie Angelhaken, Harpunen und Fischknochen, eine Baumsavanne mit Wasserstellen, Seen und Flüssen, eventuell Galeriewäldern, und sie sich erst später zu dem extrem trockenen Gebiet wandelte, wie es sich heute etwa in der auch Libysche Wüste genannte Ostsahara präsentiert. Dementsprechend war die dortige Tier- und Pflanzenwelt anders zusammengesetzt und bot ein anderes Ausgangsmaterial für Domestikationsversuche. Dies gilt für die Tier- wie für Pflanzendomestikation, wobei man bei letzterer in der heutigen Libyschen Wüste mit einer Savannen- und Oasenvegetation zu rechnen hat,Vgl. K. Neumann: Vegetationsgeschichte der Ostsahara im Holozän. weshalb im Abschnitt Pflanzendomestikation Arten aufgenommen wurden, die heute nur noch in feuchten Gebieten wie dem Niltal oder Delta vorkommen oder an der Mittelmeerküste, zumal bei der Betrachtung altägyptische Fresken auffällt, wie viele Bäume und andere Pflanzen hier dargestellt sind. Archäologisch belegt ist diese Gestalt der Vegetation unter anderem durch die Auswertung von Holzkohlen an prähistorischen Fundstellen und von Pollen und Pflanzensamen in Sedimenten.
Haustiere mini|Wildrind; Nachzeichnung eines Felsbildes der Rinderperiode vom Tel Issaghen, Fezzan mini|Die sogenannte Schminkpalette des Narmer; die beiden Tierköpfe im oberen Teil könnten Bubalus darstellen, sie sind hier Symbole der Hathor als Himmelskönigin; auch in den übrigen Tafeln der Thinitenzeit sind Steppentiere dargestellt mini|Grabkammer des Sennudem (um 1200 v. Chr.); geschecktes Zuchtrind mini|Grabkammer des Nefermaat und der Itet, Medûm. Vogelfang (Gänse) und Feldbestellung mit schon recht kleinen Rindern. 4. Dynastie, 2700 v. Chr. mini|Die berühmte Gänsedarstellung aus der Mastaba von Snofrus Wesir Nefermaat aus der frühen 4. Dynastie zeigt wohl noch halbwilde Gänse, die wie in der vorigen Abbildung gefangen wurden mini|Wandbild in der Grabkammer des Priesters Panehsi: Esel mit Bauern, um 1298–1235 v. Chr. mini|Altägyptischer Pharaonenhund Tesem vom Windhundtyp, ca. 3000 v. Chr. (Nachzeichnung) mini|Mopsartiger Hund aus der prädynastischen Periode Prä-Negade, Negade I oder Amratien, Material Chlorit (Louvre) mini|Entenjagd. Grabkammer des Schreibers Nacht, Theben West, 1422–1411 v. Chr. mini|Teile einer Bienenhieroglyphe, Grab Sesostris I., 12. Dynastie 1971–1926 v. Chr. mini|rechts|Enten-Hieroglyphe: Sohn des Re für „Pharao“ mini|Grab des Nacht, 15. Jh. v. Chr. Hauskatze unter dem Stuhl ihres Herren Nacht mini|Streitwagenszene; Relief aus der Amarna-Zeit des Pharao Echnaton, zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr. mini|hochkant|Stele mit dem Gott Amun in verschiedenen Erscheinungsformen (Mensch, Gans und Widder), Abydos; Spätzeit, 25. Dynastie, um 700 v. Chr. mini|Dromedar; den arroganten Blick hat es nach islamischer Überlieferung, weil es als einziges den hundertsten Beinamen Allahs kennt
Problematik Von Interesse ist hier vor allem die Ostsahara. Die noch bis in die Achtziger des vorigen Jahrhunderts in Fachbüchern anzutreffende Feststellung, die drei einzigen in Afrika domestizierten Tiere seien der Esel, die Katze und das Perlhuhn kann heute so nicht mehr aufrechterhalten werden, vielmehr stellt sich uns das neolithische Domestikationsgeschehen nun viel komplexer dar. Insgesamt setzt die Landwirtschaft in Ägypten relativ plötzlich um 5200 v. Chr. mit der Ankunft eines kompletten Bündels aus domestizierten Pflanzen und Tieren aus Vorderasien ein. Überhaupt zeigen sich dabei vor allem in der Merimde-Kultur und der Kultur des Fayum am Südrand des Nildeltas sehr enge Beziehungen zur Levante. Auch gleichen die dortigen Skelettfunde eher denen in Vorderasien als denen der lokalen Bevölkerung, so dass einige Wissenschaftler vermuten, es könnte sich um eine Wanderbewegung aus Richtung Palästina gehandelt haben.J. D. Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa, Bd. 1, S. 490Br. Viktor Näf: (PDF; 39 kB) Vortrag, 1. April 2009, bei den OF Langenthal.
Um die Ursprünge eines heutigen Haustieres festzustellen, gibt es mehrere Möglichkeiten: die Genetik und Biologie der Wild- und Haustierformen, ihre heutige Verteilung und ihre Rassen, archäologische Befunde, z. B. Knochen, Mumien und Geräte, Abbildungen und andere Darstellungen in der Kunst sowie gelegentliche Berichte in alten Texten. Mitunter wurden Domestikationen aber auch parallel in mehreren Weltgegenden vollzogen, wobei es dann oft später über Importe zur Vermischung von Haustierrassen gekommen sein könnte.
Domestikationen sind aber auch in ihrer Zusammensetzung und Herkunft für jede Kultur aussagekräftig, vor allem was Ökonomie, religiöse Bräuche, aber auch gesellschaftliche Faktoren angeht. Für die Sahara und ihre Kulturen konzentriert sich von den reinen Küstenbereichen einmal abgesehen, die aber vorwiegend von Ost nach West führende Informationskorridore für Kulturtechniken waren, das Interesse hier vor allem auf Ägypten und den Nordsudan, wo es vor dem Hintergrund des Sahara-Sudan-Neolithikuns und des unterägyptischen Neolithikums mehrere originäre und/oder parallele Domestikationen gegeben hat. Die meisten der großen Haustiere im Bereich der Ostsahara und hier vor allem auch des Niltales sind jedoch Importe oder zwar wie eventuell im Falle des Rindes und des Esels eigenständige Domestikationen, die aber auch in anderen Kulturen im Rahmen der überall einsetzenden Tierzucht parallel vollzogen wurden, so dass es heute oft kaum mehr möglich ist sicher festzustellen, wo jeweils der Ursprung genau lag. Eigene Domestikationen sind vor allem dann zu vermuten, wenn die Wildformen im Bereich der heutigen Ostsahara also der Libyschen Wüste vorkommen oder vorkamen.
Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist der Fall des Rindes, das in der sog. Bubalus-Feldbildperiode zwischen 6000 und 1500 v. Chr. quer über das Gebiet der Sahara als allerdings zunächst wohl halbwildes Vieh gehalten wurde. Zahlreiche neolithische Fesselsteine, die Tiere am Weglaufen hindern, kann man noch heute in der Wüste finden. Die südliche Grenze des Vorkommens der Wildrinder bildete offenbar der 25. Breitengrad.
Kleine Haustiere Von den kleinen Haustieren ist nur das Huhn mit Sicherheit als nordafrikanische Domestikation auszuschließen. Die heutige Form stammt vom südostasiatischen Bankivahuhn (Gallus gallus) ab; die vier in der Sahara lebenden Flughuhnarten kommen dafür nicht in Frage. Einen Sonderfall stellt hier aber das in Afrika verbreitete Perlhuhn dar. Stammform ist das Helmperlhuhn (Numidia meleagris), das mit etwa 20 Unterarten über ganz Afrika verbreitet ist. Es war bereits im prädynastischen Ägypten bekannt, wo es sehr viel weiter nördlich vorkam als heute, und wo es vermutlich auch domestiziert und später von den Römern übernommen wurde, jedoch im Mittelalter aus unklaren Gründen verschwand und erst von den Portugiesen Ende des 15. Jahrhunderts wiederentdeckt und ein zweites Mal domestiziert wurde. Es gibt sogar eine Perlhuhn-Hieroglyphe (Sennār).
Enten und Tauben sind problematisch, erstere ist aber ikonographisch bedeutsam, bei letzterer kommt die Wildform in der Sahara bis heute vor; sie sind daher unten mit aufgeführt. Hasen wurden weltweit nie domestiziert (obwohl es in Ägypten bei Hermopolis Magna und Amarna ein Hasengau gab, was sich aber wohl auf die dort häufigen Wildhasen bezog, zumal alle 7 mit Tiernamen bezeichnete ägyptischen Gaue nicht nach Haustieren benannt sind), Kaninchen erst im frühen europäischen Mittelalter.
Folgende Domestizierungen sind mit Ausnahme des bereits erwähnten Perlhuhns damit für das Gebiet der Libyschen Wüste, hier insbesondere Nordsudan, Ostlibyen und das alte Ägypten, als potentiell möglich bis sicher anzunehmen: Die Honigbiene Apis mellifera ist neben dem chinesischen Maulbeerspinner das einzige domestizierte Insekt überhaupt und wurde wohl zuerst im 4. Jahrtausend im Anschluss an die viel ältere und vor allem in Europa in der Felskunst belegten Wildbienennutzung in Ägypten domestiziert, wohl auch als Folge des nesterzerstörenden Raubbaus, den man zuvor betrieb und damit die Zahl der Bienenvölker dramatisch senkte. Eine frühe Darstellung findet sich im Tempel von Ne-User-Re in Abū Ghurāb um 2400 v. Chr.Siehe Reiseführer »wikivoyage.org« Wie wichtig die Bienenzucht im Alten Ägypten war, erkennt man auch daran, dass die Biene als Symbol des unterägyptischen Königtums Verwendung fand und in vielen Hieroglyphen und hier vor allem bei Königsbezeichnungen vorkommt (Ideogramm: König von Unterägypten). Aber auch in anderen alten Kulturen, etwa der der Chaldäer, war die Biene herrscherliches Symbol. Zugrunde liegt das Bild eines von einem König geleiteten, gut organisierten Staates (die Bienenkönigin hielt man lange für männlich); außerdem ist die Bienenhieroglyphe mit sechs Beinen Symbol des Rades mit sechs Strahlen und damit Sonnensymbol. Die Bienenhaltung in Tonröhren (sie gibt es in Ägypten bis heute) und die Honigverarbeitung sind auf Darstellungen in Gräbern mehrfach bezeugt. Die Graugans Anser anser, die Stammform der Hausgänse, wurde in Ägypten in der 2. Hälfte des 3. Jahrtausends domestiziert. Die ältesten Belege für ihre Domestikation stammen entsprechend von dort, und sie wurde schon früh neben der Nilgans, Blässgans und Saatgans ein beliebtes Speise- und Opfertier. Man fing sie mit Netzen (s. Bild) und mästete sie dann. Dabei vollzog sich offenbar der Übergang von der Gefangenschaftshaltung zur vollständigen Domestikation. Indikatorisch ist dabei das immer häufigere Auftreten von weißen, in der freien Natur wegen der fehlenden Tarnung kaum überlebensfähigen Gänsen in den Darstellungen. Bereits auf einem Grabrelief aus der 5. Dynastie (2480–2320 v. Chr.) ist das Stopfen von Gänsen dargestellt. Die Ente als domestizierter Abkömmling der Stockente (Anas platyrhynchos) wurde möglicherweise in Ägypten und Mesopotamien nebenher gehalten, vor allem für den Totenkult (das gilt aber auch für die später nicht domestizierte Spießente Anas acuta). Allerdings scheint dabei die Stufe der eigentlichen Domestikation nicht erreicht worden zu sein, sondern nur wie bei der Gans eine Gefangenschaftshaltung, die in diesem Falle erst im späten Mittelalter Europas in eine echte Domestikation überging. Als Hieroglyphe ist die Ente aber recht häufig, vor allem in der Bedeutung Sohn, also auch in Königsnamen, die häufig mit Sohn des Re etc. beginnen.