mini|Heinrich Schliemann, 1866

Johann Ludwig Heinrich Julius Schliemann (* 6. Januar 1822 in Neubukow; † 26. Dezember 1890 in Neapel) war ein deutscher Kaufmann, Archäologe sowie Pionier der Feldarchäologie. Als erster Forscher führte er (geleitet vom Werk Homers) Ausgrabungen im kleinasiatischen Hisarlık durch und fand die von ihm und zuvor schon anderen Forschern, vor allem Frank Calvert,Gustav Gamer: Frank Calvert, ein Vorläufer Schliemann. In: Ingrid Gamer-Wallert (Hrsg.): Troia – eine Brücke zwischen Orient und Okzident. Attempto, Tübingen 1992, ISBN 978-3-89308-150-9, S. 42. hier vermuteten Ruinen des bronzezeitlichen Trojas.

Leben mini|Ehemaliges Pfarrhaus in Ankershagen, heute Teil des Schliemann-Museums. Hier verbrachte Schliemann seine Kindheit bis zum 10. Lebensjahr

Jugendzeit mini|Schliemann-Haus in Fürstenberg mini|Gedenktafel in Fürstenberg mini|In Sankt Petersburg nannte sich Schliemann, möglicherweise im Vorgriff auf seinen Aufenthalt in Kalifornien, Henry Schliemann, wie er auf dem Grabkreuz für seine Mutter auf dem Kirchhof in Ankershagen (gegenüber dem heutigen Schliemann-Museum) vermerkt hat Heinrich Schliemann wurde in Neubukow im (Teil-)Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin als fünftes von neun Kindern des Pastors Ernst (Johann Adolph) Schliemann (1780–1870) und dessen Frau Louise (Therese Sophie), geborene Bürger (1793–1831), Tochter von Joachim Bürger, der 1803–1821 Bürgermeister von Sternberg war, geboren. Getauft wurde er am 10. Januar 1822 in der Stadtkirche von Neubukow. Einer seiner Taufpaten war der Sternberger Superintendent Johann Heinrich Kleiminger, wenngleich jener und zwei weitere Paten bei der Taufe nicht persönlich anwesend waren.

Teile seiner Kindheit verbrachte Schliemann in Ankershagen im Osten des Landesteils Mecklenburg-Schwerin, wo sein Vater im Juni 1823 die Pfarrstelle übernommen hatte. 1829 erhielt er nach eigener Darstellung in seiner 1879 erschienenen Autobiografie als Weihnachtsgeschenk Die Weltgeschichte für Kinder von Georg Ludwig Jerrer, aus der ihm der Vater vorlas. Daraus erwuchs nach eigenen Angaben bereits dann sein Entschluss zur Suche nach der antiken Stadt Troja.

Die Mutter Heinrich Schliemanns starb 1831, neun Wochen nach der Geburt des neunten Kindes. Daher kam Heinrich im Januar 1832 in die Familie seines Onkels Friedrich Schliemann (1790–1861), der zu dieser Zeit Pastor in Kalkhorst bei Grevesmühlen war, und trat 1833 in das Gymnasium Carolinum in Neustrelitz ein. Als sein Vater wegen erheblicher Differenzen mit seiner Kirchengemeinde in Ankershagen des Amtes enthoben wurde und das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnte, musste Heinrich Schliemann nach nur drei Monaten das Gymnasium verlassen und auf die Neustrelitzer Realschule wechseln, die er – wie damals üblich – bis zur Vollendung seines 14. Lebensjahres besuchte. Ostern 1836 begann er in einem Krämerladen in Fürstenberg eine Kaufmannslehre als Handelsgehilfe.Sein Lehrherr war zunächst Kaufmann Ernst Ludwig Holtz, der jedoch im Dezember 1836 starb, danach lernte er beim Bruder von dessen Schwiegertochter, Theodor Hückstädt (1812–1872), der den Krämerladen fortführte und später in der 1848er Reformbewegung von sich Reden machte.

In Fürstenberg begegnete ihm der Müller Hermann Niederhöffer, Sohn eines protestantischen Pastors, der seine Schulzeit auf dem Gymnasium beinahe vollendet hatte und somit nicht weniger als 100 Verse aus dem Homer in griechischer Sprache rezitieren konnte. Schliemann war davon so begeistert, dass er von nun an nicht aufhörte, „Gott zu bitten, daß er in seiner Gnade mir das Glück gewähren möge, einmal Griechisch lernen zu dürfen“.Heinrich Schliemann: Selbstbiographie. 1. Kindheit und kaufmännische Laufbahn (1822–1866). Online-Version, Absatz 14.

Nach Beendigung seiner Lehrzeit zu Ostern 1841 war Schliemann fest entschlossen, Fürstenberg zu verlassen und gemeinsam mit einem Schulfreund nach Nordamerika auszuwandern. Stellenangebote in Fürstenberg interessierten ihn nicht mehr und um Johannis 1841 war Schliemann arbeitslos.Wilfried Bölke: Heinrich Schliemann. Ein berühmter Mecklenburger. Demmler Verlag, Schwerin 1996, S. 72–82 (mit vielen weiteren Details zu diesem Lebensabschnitt). Er besuchte seinen inzwischen in zweiter Ehe verheirateten und in Rostock-Gehlsdorf lebenden Vater und nutzte den Aufenthalt in Rostock, um eine Handelsschule zu besuchen und sein Lungenleiden in einer Wasserheilanstalt auszukurieren.

Kaufmannskarriere Im September 1841 verließ Schliemann endgültig Mecklenburg und versuchte sein Glück in Hamburg, konnte aber trotz mehrerer Empfehlungsschreiben nur eine Stelle als Lagerarbeiter erhalten und erkrankte schwer. Völlig verarmt dachte er nun wie viele Zeitgenossen an Auswanderung, nahm eine Stelle in La Guaira in Venezuela an und lief am 28. November 1841 bei schlechtem Wetter mit dem Dreimaster Dorothea aus. Das Schiff strandete jedoch am 11./12. Dezember vor der niederländischen Insel Texel. Am 20. Dezember traf er in Amsterdam ein, erhielt zu Jahresende eine Stellung als Kontorbote im Handelshaus Hoyack & Co. und begann, Fremdsprachen zu erlernen, was ihm anscheinend außerordentlich leicht fiel. Innerhalb eines Jahres lernte er Niederländisch, Spanisch, Italienisch und Portugiesisch.

1844 erlangte er eine Stellung in Hamburg bei B. H. Schröder & Co. als Korrespondent und Buchhalter, später Leiter des Korrespondenzbüros, und begann – wohl auf Grund der engen Handelsbeziehungen seines Arbeitgebers zum Zarenreich – Russisch zu lernen.Näheres dazu: C. August Schröder: Heinrich Schliemann und das Handelshaus Schröder. in: Verein für Hamburgische Geschichte (Hrsg.): Geschichts- und Heimatblätter 12. Bd., 1992, S. 217ff. (Digitalisat. Der dort erwähnte Kaufmann und als „Entdecker des Schliemannschen Genies“ bezeichnete war Johann Heinrich Schröder (1815–1890) (Deutsches Geschlechterbuch 128, 10. Hamburger Band, Starke, Limburg 1962, S. 167), nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Johann Heinrich Schröder, mit dem Schliemann ebenfalls in Verbindung stand). 1846 wurde er als Agent von dem in Schröder Gebrüder & Co. umbenannten Handelshaus nach Sankt Petersburg geschickt;C. August Schröder: Heinrich Schliemann und das Handelshaus Schröder. in: Geschichts- und Heimatblätter 12. Bd., 1992, S. 220. bereits ein Jahr später eröffnete er dort ein eigenes Handelshaus auf dem Newski-Prospekt und erwarb die russische Staatsbürgerschaft (15. Februar 1847). In Sankt Petersburg logierte er im Palais des Grafen Sievers und hielt sich bereits einen Bediensteten. Besonders erfolgreich wurde Schliemann im Handel mit sogenannten Kolonialwaren, nämlich Farbstoffen (insbesondere Indigo) und Genussmitteln, sowie mit Industrierohstoffen.Joachim Mai: Zur rechtlichen Situation Heinrich Schliemanns in Russland 1846 bis 1864. In: Mitteilungen aus dem Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen. Nr. 5, 1997, S. 57–62.

Der Tod seines Bruders Ludwig, der in Kalifornien Goldsucher war, zog Schliemann 1850 nach Amerika, wo er bis 1852 blieb. Er gründete eine Bank für Goldhandel in Sacramento und begann erfolgreich in amerikanische Eisenbahnprojekte zu investieren. Zurück in Sankt Petersburg heiratete er am 12. Oktober 1852 in der Isaakskathedrale die russische Kaufmannstochter Jekaterina Petrowna Lyschina (1826–1896) nach russisch-orthodoxem Ritus und festigte damit seine gesellschaftliche Stellung. Der Ehe entstammten die drei Kinder Sergei (1855–1941), Natalja (1859–1869) und Nadeschda (1861–1935).

Durch Großlieferungen von Munitionsrohstoffen (Blei, Schwefel und Salpeter) an die zaristische Armee im Krimkrieg (1853–1856) unter geschickter Umgehung der Seeblockade über den Landweg wurde er reich: In seinem wirtschaftlich erfolgreichsten Jahr (1855) wurde Schliemann an der Petersburger Börse als Kaufmann mit dem höchsten Handelsumsatz und einem Geschäftsvolumen von 1 Million Taler notiert.

Forscherleben 1864 bis 1870 Ab 1856 erlernte er Latein und Altgriechisch und wollte sich aus dem Geschäftsleben zurückziehen, was ihm erst 1864 gelang. In diesem Jahr ging er auf ausgedehnte Studienreisen nach Asien sowie Nord- und Mittelamerika. 1865 verfasste er sein erstes Buch: La Chine et le Japon au temps presént. Mit seiner genauen, sachlichen Beschreibung ist das Buch eine gute Quelle zur Kenntnis des vormodernen Alltags in diesen beiden Ländern. 1866 studierte er Sprachen, Literatur und Altertumskunde an der Sorbonne in Paris.

Im April 1868 begann Schliemann seine erste Forschungsreise nach Griechenland. Über Rom und Neapel reiste er nach Korfu und suchte nach Spuren der Phaiaken, bei denen Odysseus laut Homer strandete und deren Land Scheria oft mit Korfu gleichgesetzt wurde.Justus Cobet: Heinrich Schliemann. Archäologe und Abenteurer. Beck, München 1997, S. 55 f. Am 28. Juli 1868 erreichte er Ithaka und suchte dort neun Tage lang vergeblich nach dem in der Ilias beschriebenen Palast des Odysseus. Erstmals versuchte er sich hierbei als Ausgräber und heuerte dazu örtliche Hilfskräfte an. Über kurze Aufenthalte in Korinth und Athen gelangte er am 9. August zum ersten Mal in die Troas und stellte intensive Forschungen zur vermutlichen Lage der legendären Stadt des Priamos an. Er übernahm nach langen, ausführlichen Ortsbegehungen die Meinung Frank Calverts, dass sich die Burg unter dem Hisarlık verbergen müsse, und beantragte eine Grabungserlaubnis bei der Hohen Pforte. mini|Von Schliemann finanziertes Gebäude des Deutschen Archäologischen Instituts Athen. Im September 1868 reiste Schliemann zurück nach Paris und schrieb dort sein Buch Ithaka, der Peloponnes und Troja, das er 1869 in der französischen Fassung zusammen mit seiner Publikation La Chine der Universität Rostock als Dissertation vorlegte.Wilfried Bölke: Promotion an der Rostocker Universität. In: Bölke 1996, S. 160–168; Richter 1992, S. 165–178. Im selben Jahr folgten eine Reise nach Sankt Petersburg und in die USA, wo er am 29. März die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt und am 30. Juni die Scheidung seiner zum damaligen Zeitpunkt in Europa unauflösbaren russisch-orthodoxen Ehe erreichte.Justus Cobet: Heinrich Schliemann. Archäologe und Abenteurer. Beck, München 1997, S. 68. In absentis, d. h. „in Abwesenheit“, wurde er zur selben Zeit von der philosophischen Fakultät der Universität Rostock zum Dr. phil. promoviert;Carl Schuchhardt: Schliemann’s Ausgrabungen in Troja, Tiryns, Mykenae, Orchomenos, Ithaka im Lichte der heutigen Wissenschaft. F. A. Brockhaus, Leipzig 1891, S. 9. (online) die Rostocker Universität war eine der letzten deutschen Hochschulen, die dieses lange Zeit gebräuchliche Verfahren, d. h. eine Promotion nach Begutachtung der Dissertation, aber ohne mündliche Verteidigung und persönliche Anwesenheit, damals noch ermöglichte. Die Doktorurkunde wurde am 27. April 1869 in lateinischer Sprache ausgefertigt. Das heutige Rostocker Institut für Altertumswissenschaften ist nach Schliemann benannt.

mini|Hauptgebäude der Universität Rostock Gleichzeitig ließ er sich von seinem Freund Erzbischof Theokletos Vimpos aus Athen Fotografien von griechischen Heiratskandidatinnen zusenden und ehelichte nach seiner Rückkehr nach Griechenland die 17-jährige Sophia Engastroménos am 24. September 1869 nach griechisch-orthodoxem Ritus in der Meletios-Kirche in Kolonos, dem Geburtsort des Sophokles, heute ein Stadtteil von Athen. Nach einer Hochzeitsreise durch Italien und Aufenthalt in Paris kehrte das Ehepaar Schliemann Anfang 1870 nach Athen zurück und kaufte sich eine Villa in der Odos Mouson nahe dem Syntagma-Platz. Im selben Jahr wählte ihn die Griechische philologische Gesellschaft in Konstantinopel zum korrespondierenden Mitglied.

1870 bis 1873 (Troja) mini|Helios-Metope vom hellenistischen Athena-Tempel Trojas