Die Bezeichnungen Osteopathie (von und ), osteopathische Medizin und osteopathische Behandlung beschreiben im Bereich der Alternativmedizin verschiedene Krankheits- und Behandlungskonzepte.
In Europa werden darunter unterschiedliche befunderhebende und therapeutische Verfahren verstanden, die manuell, also mit den bloßen Händen des Behandlers, ausgeführt werden. Die Bezeichnungen „Manuelle Medizin“, „Manualtherapie“, „Chirotherapie“ und „Chiropraktik“ werden teils synonym gebraucht. Wirkungsnachweise gibt es nur für sehr wenige der Indikationen, die der Osteopathie zugeschrieben werden.
Im angloamerikanischen Sprachraum, speziell in den USA, steht der Begriff für ein Diagnose- und Therapiekonzept, das auf den US-amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still zurückgeht. Wann genau Still den Begriff osteopathy prägte, ist nicht genau bekannt, wahrscheinlich nicht vor Anfang 1891. Stills Konzept beruht zumindest teilweise auf Annahmen, die im Widerspruch zu modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen stehen.Max Geiser: Die Rückkehr zur Vernunft im Gesundheitswesen des 21. Jahrhunderts In: Schweizerische Ärztezeitung. Band 88, Nummer 17, 2007, S. 758–760 (PDF; 190 kB). Sie wurde daher auch als „Irrlehre“ verworfen. Die in den USA existierende Ausbildung zum , Deutsche Gesellschaft für Osteopathische Medizin. orientiert sich allerdings an der wissenschaftlichen Medizin.
Seit dem Jahr 2012 übernehmen in Deutschland rund 90 gesetzliche Krankenkassen einen Teil der Behandlungskosten. Voraussetzung hierfür ist eine formlose ärztliche Bescheinigung der Notwendigkeit und eine anerkannte berufliche Qualifikation des Behandlers. Die meisten privaten Krankenversicherungen übernehmen die Kosten osteopathischer Leistungen. Der Grund für die Kostenübernahme durch die Krankenkassen liegt jedoch nicht, wie bei evidenzbasierten Behandlungsmethoden, in einem Nachweis der Wirkung der Osteopathie – gerade bei der Behandlung von Säuglingen und Kindern –, sondern ist als Marketing der Krankenkassen zu betrachten.
Grundlagen und Prinzipien Theorie nach Andrew Taylor Still Die auf den US-amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still zurückgehenden grundlegenden konzeptionellen Annahmen in der Osteopathie entsprechen einem historisch begründeten, philosophischen Gedankengebäude. Die naturwissenschaftliche Ausrichtung ist entsprechend dem Wissenschaftsverständnis seiner Zeit stark mechanistisch geprägt, wobei er versucht, zur Entstehungszeit seines Ansatzes (ca. 1860–1875) damals noch unbekannte physiologische und immunologische Zusammenhänge mit seiner mechanistischen Sprache auszudrücken. Da Stills Sprache einen stark narrativen und philosophischen Charakter hat, ist die ärztliche und naturwissenschaftliche Beurteilung aus heutiger Sicht nur bei guter Kenntnis der soziokulturellen Bedingungen des 19. Jahrhunderts, insbesondere des amerikanischen Grenzlandes, sowie unter primärer Berücksichtigung der von ihm kernhaft aufgeführten philosophischen Aspekte möglich. Eine umfassende Quellenstudie in diesem Kontext steht noch aus, weshalb Aussagen über Stills Ansatz grundsätzlich kritisch zu betrachten sind.Christian Hartmann: Gedanken zu A. T. Stills Philosophie der Osteopathie. JOLANDOS, 2016, S. 89–124, ISBN 978-3-936679-95-3.
Zu Stills grundlegenden Annahmen gehören, dass der Körper als Funktionseinheit betrachtet werde und aufgrund einer dem Menschen übergeordneten Intelligenz, die sich im Leben ausdrückt, grundsätzlich zur Selbstregulierung fähig sei, dass sämtliche Körperfunktionen von der Ent- und Versorgung durch das Nerven- und Gefäßsystem abhängen und dass eine Heilung nur durch die Förderung der Selbstheilungskräfte des Körpers möglich sei. Auf abstrakter Ebene sind manche seiner Postulate durchaus kompatibel mit heutigem naturwissenschaftlichem Denken. So ist es auch möglich, Stills ursprüngliche Annahmen im Sinne allgemeiner Grundprinzipien und nicht als eigenständiges Gedankengebäude (wie die anthroposophische oder die traditionelle chinesische Medizin) zu interpretieren.
Still hat in seinen Publikationen die Grundlagen der „osteopathischen Theorie“, von ihm auch als Philosophie bezeichnet, formuliert. Er geht davon aus, dass der Körper eine Funktionseinheit bildet. Störungen in einem Bereich wirken sich auch auf andere Bereiche aus; durch die Behandlung des Knochengerüstes und des Bewegungsapparats sollen sich daher Störungen des Organismus beheben lassen. Stills vier wesentliche Grundannahmen sind:
Die Rolle der Arterie ist essentiell. Der Körper ist eine Funktionseinheit. Die Funktion bestimmt die Körperstruktur und umgekehrt. Der Körper besitzt die Fähigkeit zur Selbstregulation.
Nach Still hängen alle Körperfunktionen von der Ver- und Entsorgung durch das Gefäß- und Nervensystem ab. Arterienverkalkung, blockierte Gelenke oder verspannte Muskeln können die Versorgung des Körpers durch den Blutkreislauf und das Lymphsystem behindern und führen zu Symptomen. Bei Störungen der Versorgung wird der Körper laut Still versuchen, dies zu kompensieren. Der Osteopath kann nach seiner Theorie mit den Händen die Grundspannung von Muskeln, Knochen und Gelenken feststellen und so gestörte Funktionen erkennen. Nach Auffassung Stills heilt sich der Körper bei Störungen grundsätzlich selbst, und es ist nicht möglich, ihn von außen zu heilen. Die Osteopathie soll die Selbstheilungskräfte aktivieren und fördern.
Prinzipien der Diagnostik Die osteopathische Diagnostik umfasst neben üblichen medizinischen Untersuchungsmethoden wie Inspektion, Palpation und Auskultation auch spezifisch osteopathische Verfahren, die vor allem die Gewebebeschaffenheit, Beweglichkeit und Spannungsmuster des Körpers beurteilen. Ein Bestandteil ist die Untersuchung entlang der drei Hauptebenen des Körpers – sagittal (Drehung, Rotation), transversal (Flexion, Extension) und koronal (Seitneigung) – sowie die Analyse typischer Bewegungsmuster. Mithilfe des sogenannten Barrier-Konzepts werden physiologische von pathologischen Bewegungseinschränkungen unterschieden, um Funktionsstörungen zu erkennen. Dabei werden insbesondere somatische Dysfunktionen berücksichtigt, also Störungen in Gelenken, Muskeln oder Bindegewebe, die sich durch Veränderungen in Position, Beweglichkeit und Gewebetextur äußern.
Die Untersuchung erfolgt systematisch: Zunächst wird die Körperhaltung inspiziert, gefolgt von der Palpation zur Erfassung von Bewegungseinschränkungen, Spannungen oder Flüssigkeitsverschiebungen. Neben muskulären und gelenkbezogenen Aspekten werden auch viszerale und autonome Komponenten berücksichtigt, da Störungen der inneren Organe oder des vegetativen Nervensystems auch körperliche Beschwerden auslösen können. Ziel der osteopathischen Diagnostik ist es, alle Aspekte zu einem Gesamtbild zusammenzuführen, um die zugrunde liegenden Ursachen von Beschwerden zu erkennen und gezielt behandeln zu können.
Anwendungsbereiche Allgemein gehen Osteopathen grundlegend davon aus, dass eine perfekte Ausrichtung des muskuloskelettalen Systems Hindernisse in Blut- und Lymphgefäßen eliminiert und so zu einem optimalen Gesundheitszustand führt. Zum Erreichen der idealen Ausrichtung wurde eine Reihe manipulativer Techniken entwickelt.Edzard Ernst, D. Eisenberg: Praxis Naturheilverfahren: Evidenzbasierte Komplementärmedizin, S. 84 ().Emil P. Lesho: An Overview of Osteopathic Medicine. In: Arch Fam Med. Band 8, 1999, S. 477–484, PMID 10575385.
Abhängig von den betrachteten anatomischen Strukturen und den postulierten Funktionsmechanismen kann die Osteopathie in drei Bereiche eingeteilt werden:
Struktur Bereich Bindegewebe, Muskulatur und Gelenke parietale Osteopathie innere Organe und deren bindegewebige Aufhängung viszerale Osteopathie inhärente „Rhythmen“ des Organismuscranio-sacrale Osteopathie (auch innerhalb der Osteopathie stark umstritten)
Befunderhebung und Therapie erfolgen in der Regel palpatorisch (durch Betasten) und orientieren sich ebenfalls an den anatomisch existenten oder von der Osteopathie postulierten Körperfunktionen und -strukturen. Die osteopathische Befunderhebung ist nicht gleichzusetzen mit einer (ärztlichen) Differenzialdiagnose.
Die parietale Osteopathie geht in ihren Grundzügen auf Andrew Taylor Still (1828–1917), die viszerale auf H. V. Hoover und M. D. Young in den 1940er Jahren (später dann Jean-Piere Barral), die Cranio-Sacral-Therapie auf William Garner Sutherland (1873–1954, Schüler von Andrew Taylor Still) und John E. Upledger zurück.
Bei der Cranio-Sacral-Therapie, die sich ihrerseits in mehrere Richtungen unterteilt, finden Handgrifftechniken (meist an Schädel und Kreuzbein) Verwendung, mit deren Hilfe eigenständige inhärente Rhythmen des menschlichen Organismus (primärer respiratorischer Mechanismus – PRM) harmonisiert werden sollen. In den 1970er Jahren wurde das ursprüngliche Konzept von Upledger um die Theorie der sogenannten „Energie-Zysten“ erweitert und mit einer alternativen Psychotherapie kombiniert.
Techniken Der Osteopath ertastet Verspannungen und Bewegungseinschränkungen und versucht, Muskeln und Gelenke zu mobilisieren. Dazu verwendet er unter Berücksichtigung der osteopathischen Prinzipien u. a. folgende Techniken: General Osteopathic Treatment (GOT) Strain/Counterstrain – positional release Muskel-Energie-Techniken (MET) (siehe zum Prinzip einiger MET auch: Postisometrische Relaxation) Faszien-Release-Techniken HVLA-Techniken („high velocity, low amplitude“, also kleine schnelle Bewegungen; Syn: Thrust, Impulstechnik, Manipulation bzw. Manipulationsbehandlung) Viszerale Techniken (zur Behandlung u. a. von Gleitbewegungen innerer Organe). Lymphdrainage-Techniken Artikulations- und kombinierte Techniken Klinische Integration osteopathischer Manipulationstechniken (OMT) Osteopathie im Kopfbereich (Cranio-Sacral-Therapie). Diese Methode geht auf Stills Schüler W. G. Sutherland zurück, der das Konzept in den 1930er und 1940er Jahren entwickelte. Die Ausbildungsrichtlinien hierin und die offiziellen Arbeitshypothesen hierzu werden innerhalb der American Osteopathic Association (AOA) durch die Sutherland Cranial Teaching Foundation (SCTF) definiert.
Begriffsabgrenzung und Definition Die Osteopathie im deutschsprachigen Raum orientiert sich bezüglich des Einsatzes entsprechender Verfahren an den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung in den Bereichen Anatomie und Neurophysiologie, die Osteopathie im US-amerikanischen Sinne am (Zitat des Deutschen Ärzte-Blatts). Die Deutsche Gesellschaft für Manuelle Medizin (DGMM) unterscheidet in ihrem Positionspapier ebenfalls zwischen wirksamen osteopathischen Techniken, deren Grundlage neurophysiologisch nachvollziehbare Denkmodelle sind (z. B. manuelle Medizin), und solchen, deren Erklärungsansätze im Widerspruch zur modernen naturwissenschaftlichen Forschung stehen.
Im deutschsprachigen Raum werden heutzutage unter dem Oberbegriff der Osteopathie verschiedene Formen von Diagnose und Therapie reversibler Funktionsstörungen des aktiven und passiven Bewegungsapparats gefasst. Dazu gehören Manuelle Medizin, Chirotherapie, Chiropraktik, Manualtherapie, osteopathische Medizin und Manipulationstherapie. Als Verfahren beziehungsweise Methode ist sie jedoch in zahlreichen Ländern ohne das historische Konzept verbreitet.Peter Reuter: Springer Lexikon Medizin. Springer, Berlin u. a. 2004, ISBN 3-540-20412-1, S. 1596.
Im angloamerikanischen Sprachraum finden sich die Begriffe osteopathic medicine,Roche Lexikon Medizin, Urban&Fischer Verlag, 2003, S. 1382, ISBN 3-437-15150-9 (). chiropractic und osteopathy als mögliche Übersetzungen.