Wing Chun – rahmenlos|zentriert|215pxWing-Chun-Schule – – Nathan Road, Hongkong 2009 Chinesische Bezeichnung Langzeichen Kurzzeichen Hochchinesisch Pinyin yǒngchūn Wade-Giles yung-ch’un Kantonesisch Ad-hoc-Umschrift wing chun Jyutping wing6ceon1 rahmenlos|zentriert|215pxWing Chun-Schriftzug in Kurzzeichen Wing Chun () ist eine vermutlich im frühen 19. Jahrhundert entstandene (süd-)chinesische Kampfkunst. Es wird manchmal aufgrund der Homophonie mit den Zeichen verwechselt, siehe Weng Chun.Robert Chu, Rene Ritchie u. a.: Complete Wing Chun. The Definitive Guide to Wing Chun’s History and Traditions. Tuttle Publishing, Boston 1998, ISBN 0-8048-3141-6 (englisch); Leung Ting: Roots and Branches of Wing Tsun. 1. Auflage. Leung’s Publications, Hongkong 2000, ISBN 962-7284-23-8 (englisch). Wing Chun ist damit einer der jüngsten Kung-Fu-Stile.
Name und Marke Der romanisierte Name der Kampfkunst stammt aus dem Kantonesischen, daher gibt es bis heute keine geregelte Standardumschrift des Begriffs. Aus markenrechtlichen bzw. wirtschaftlichen Gründen, und um sich von anderen Schulen und Verbänden abzugrenzen, sind zahlreiche Schreibweisen entstanden, so beispielsweise Wing Tsun – später WingTsun (W.T.), Wing Tsung, Wing Tsjun, Wing Tjuen, Wing Tzun, Wing Tzung, Wing Chung, Wing Shun, Wing Zun, Wyng Tjun, Ving Tsun (V.T.), Ving Chun (VC), Dynamic Ving Tshun (DVT). In Pinyin, dem offiziell verwendeten Umschriftsystem des Hochchinesischen (Standardchinesisch), werden die Schriftzeichen als Yǒngchūn transkribiert. Die einzelnen Umschriften repräsentieren zum Teil Derivate von größeren Verbänden und zum anderen völlig verschiedene Unterstile, die nur noch oberflächliche Gemeinsamkeiten haben. Alle Wing Chun-Stile werden im Chinesischen mit denselben Schriftzeichen „“ geschrieben. Dieselben Schriftzeichen sind letztlich der Vorname von Yim Wing-chun – , eine Schülerin der Äbtissin Ng Mui – , kantonesisch . Die formal korrekte Bezeichnung des Kungfu-Stils im Chinesischen ist: Wing Chun Kuen – analog zum Begriff tàijíquán.
Geschichte Entstehung von Wing Chun Die frühesten schriftlichen Aufzeichnungen über Wing Chun datieren aus dem Jahr 1854, belegt durch Schriftforschungen des Foshan-Museums und der Chin Woo Athletics Association of Foshan.
Das heutige moderne bzw. populäre Wing Chun mit seinen charakteristischen sechs Formen und der „Chi-Sao-Übung“ bzw. „Poon-Sao-Übung“ geht aktuellen Erkenntnissen nachJan Peter Hintelmann: Westliche Sinnfindung durch östliche Kampfkunst? Iko-Verlag für Interkulturelle Kommunikation. Berlin 2005, ISBN 3-88939-774-3.David Peterson, Melbourne Chinese Martial Arts Club: Look Beyond the Pointing Finger. The Combat Philosophy of Wong Shun-leung. Melbourne Chinese Martial Arts Club, Melbourne 2001, ISBN 0-9579570-0-9 (englisch).Leung Ting: Roots and Branches of Wing Tsun. 1. Auflage. Leung’s Publications, Hongkong 2000 (englisch). auf die Studien des Lehrerkreises um Yuen Kay-shan und Yip Man zurück.
Das traditionelle Wing Chun geht nach der mündlichen Überlieferung von Großmeister Yip Man (amtlich: Ip Man) und anderen Quellen zurück auf das untergegangene Süd-Shaolin-Kloster in der chinesischen Provinz Fujian, welches von den Qing-Truppen gegen Ende der Ming-Dynastie zerstört wurde. Die letzten buddhistischen Vertreter des traditionellen Wing Chuns waren der Süd-Shaolin-Abt Chi Sim und die Äbtissin Ng Mui, welche flüchteten und dann das Wing-Chun-System an ihre Schülerin Yim Wing-chun weitergab, die den Stil erfolgreich zur Selbstverteidigung nutzte und Namensgeberin der Kampfkunst wurde. Ng Mui war auch diejenige, die die neue Kampfkunst Wing-Tsun erfand. Inspiriert wurde sie nach der Legende dabei von dem Kampf zwischen einem Kranich und einem Fuchs. Ziel ihrer Kampfkunst war es, dass eine schwächere Person einen deutlich stärkeren Gegner besiegen kann.
Die Mönchslinie des Wing Chuns aus Süd-Shaolin ging mit der Zerstörung des Klosters unter. Chi Sim und Ng Mui gehörten zu den legendären Persönlichkeiten der „Fünf Ältesten des Shaolins“, die zur Regierungszeit Qianlongs (1735–1796) gelebt haben sollen.
Die neu entwickelte Kampfkunst erhielt ihren Namen von der ersten Schülerin von Ng Mui. Ihre erste Schülerin hieß Wing-chun und nach der Legende soll sie innerhalb von 3 Jahren diese neue Kampfkunst gemeistert haben. Über Generationen wurde die Kampfkunst Wing Chun im Geheimen trainiert: so beispielsweise unter Leung Bok Chau, Wong Wah Bo, Leung Jan – bis Yip Man den Stil öffentlich machte.
Neuere Geschichte Die heute weltweit bekanntesten Stilrichtungen des Wing Chun gehen auf den Kampfkünstler Yip Man (amtlich: Ip Man, 1893–1972) zurück. Der historisch erste Verband des Wing Chun nach Yip Man ist die offizielle Ving Tsun Athletic Association (VTAA), deren Gründung 1967 auf Yip Man und sieben seiner damaligen Schüler zurückgeht. Der Sitz bzw. die Hauptgeschäftsstelle des Verbands VTAA befindet sich seit dieser Zeit auf der Nullah Road – – nahe der Hauptverkehrsader Nathan Road auf der Halbinsel Kowloon in Hongkong. Zu dieser Zeit fand in Hongkong die erste öffentliche Demonstration des Wing Chun-Kampfsystems nach Yip Man in einem offiziellen Schaukampf im Winter 1969 im damaligen Baptist College – heute Hong Kong Baptist University – statt. Leung Ting, ein Schüler Yip Mans, lud seinen Meister und einige namhafte Vertreter der damaligen Kampfkunstszene ins College ein und führte vor dem Fachpublikum die Schaukämpfe durch.
Stilrichtungen
Die bekannteste Wing Chun-Stilrichtung ist der Yip-Man-Stil (), dessen Hauptlinie heute durch seine Söhne Yip Chun und Yip Ching (auch Ip Chun und Ip Ching) und Schüler der Ving Tsun Athletic Association (VTAA) vertreten werden. Als wichtige Unterstile des Yip-Man-Stils gelten aufgrund ihrer weltweiten Verbreitung: „Wing Tsun“ (heute „WingTsun“) nach Leung Ting, das nach eigener Angabe auch die überprüften Ergebnisse seiner Kampferfahrungen und die seiner Schüler und anderer Wing Chun-Kämpfer bei Kung-Fu-Wettbewerben nutzte. Diese Methoden wurden später zum neuen, weltweit gültigen Unterrichtssystem der IWTMAA (heutige IWTA, International Wing Tsun Association) zusammengefasst und die abweichende Schreibweise gewählt, um den deutlichen inhaltlichen Unterschied gegenüber dem Yip-Man-Stil kenntlich zu machen.Leung Ting: Dynamic Wing Tsun Kung Fu. 2. Auflage. Hongkong 1986 (englisch). Wing Chun nach Lo Man-kam, offiziell Lo Man Kam Wing Chun, der dritte Schüler und Neffe von Yip Man. Er bekam in der Schule seines Onkels 10 Jahre Unterricht in der Kampfkunst Wing Chun. Im Jahr 1974 eröffnete er eine eigene Schule in Taipeh und war damit der erste, der diese Kampfkunst in Taiwan unterrichtete. Im selben Jahr kamen bereits die ersten beiden ausländischen Studenten, um von Sifu (Meister) Lo Man-kam in der Kampfkunst unterwiesen zu werden. In den folgenden Jahren kamen weitere Schüler, unter anderem aus Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Südafrika, England, Belgien, Italien und Amerika um bei ihm Wing Chun zu erlernen.
Weitere bekannte Stile sind: Yuen-Kay-Shan-Stil Pan-Nam-Stil Yiu-Choi-Stil (Yiu-Kay-Stil)
Zu den weniger bekannten Stilen sind zu zählen: Pao-Fa-Lien-Stil Yuen-Chai-Wan-Stil (Nguyen Te-Cong-Stil) Yip-Kin-Stil
Außerdem gibt es noch einige weitere Unter- oder Hybridstile dieser Stilrichtungen. Die umfangreichste Dokumentation liegt derzeit zum Yip-Man-Stil und dem Pan-Nam-Stil vor.
Prinzip und Technik Der Grundstand Der typische Grundstand oder die Hauptposition in allen chinesischen Kampfkünsten ist der Mabou – . Im Wing Chun ist es speziell der Yeejee Kimyeung Ma – . Im „Leung Ting-WingTsun“ ist er als „IRAS“ – Internally Rotated Adduction Stance – bekannt. In diesem Stand werden die verschiedenen Formen ausgeführt oder auch Chi-Sao-Übungen trainiert. Der Grundstand bildet das Fundament für fortgeschrittene Techniken und ist Basis jeder Kampfkunst, insbesondere der Kampfkünste mit asiatischen bzw. ostasiatischen Wurzeln.
Techniken
Ein typisches Element einiger Wing-Chun-Stile ist der Kettenfauststoß. Je nach angegriffenem Körperteil und Intention des Kämpfers werden Fauststöße, Fingerstiche, Handkantenschläge oder Hammerfäuste bei Schlägen eingesetzt.
Die Kraft des Gegners wird durch Schritttechniken wie Wendungen neutralisiert und gegen ihn verwendet – Gleichzeitigkeit von Angriff und Abwehr, der Angriff ist die Verteidigung. Ein Schlag des Gegners wird so beispielsweise durch einen konternden Gegenschlag abgewehrt.
Der Stil ist weiterhin durch seine Trittarbeit charakterisiert, die nur sehr wenige Grundtritte umfasst und mit der im Allgemeinen nur niedrige Ziele bis etwa zur Höhe der Hüfte angegriffen werden.
Neben der körperlichen Ökonomie der Bewegung betont Wing Chun auch eine innere Gelassenheit, um in Stresssituationen klar und reaktionsfähig zu bleiben.
Waffen Wing Chun war ursprünglich eine Kampfkunst ohne Waffen.
Im frühen 19. Jahrhundert erweiterten Wong Wah-bo – Schüler von Leung Bok-chow, Ehemann der Stilbegründerin Yim Wing-chun – und Leung Yee-tai – Schüler des untergetauchten Süd-Shaolin-Abts Chi Sim auf der „Roten Dschunke“ – genauer Rote Dschunke der Kanton-Operntruppe – – den Kung-Fu-Stil um zwei Waffenformen: Langstock – genauer „Sechseinhalb-Punkt-Langstock“ – Luk Dim Bun Gwan, Doppelmesser – genauer „Schmetterling-Doppelmesser“ – Wu Dip Seung Do,
Die Übungen und Formen wurden den Prinzipien des Wing Chuns angepasst.
Historische Dokumente hierzu sind nicht überliefert. Wong Wah-bo wird in vielen anderen Entstehungslegenden anderer Stile (z. B. Hung Kuen) erwähnt. Seine Existenz ist weder belegt noch widerlegt. Er spielt in nahezu allen Wing-Chun-Legenden eine Schlüsselrolle.
Formen
Die ersten Grundlagen des Wing Chuns werden zumeist in kurzen Formen (San Sao) oder langen Formen (To Lo) erlernt und geübt. Formen sind festgelegte Abfolgen von Techniken, die jeder Schüler alleine durchführt. Die Formen des Wing Chuns sind – siehe auch die japanischen Kata – jap. , Kanji , – oder dem koreanischen Hyeong – kor. , Hanja – wie ein „Notizbuch“ zur Vermittlung von Theorien und Techniken zu verstehen und nicht als ein ritualisierter Kampf gegen imaginäre Gegner. Reihenfolge, Anzahl und Art der Formen ist in den verschiedenen Wing-Chun-Stilen oftmals sehr unterschiedlich. In einigen Wing-Chun-Stilen werden weniger als die nachstehend aufgeführten sechs bekanntesten Formen praktiziert, in anderen werden mehr oder gänzlich andere Formen unterrichtet.
Die bekanntesten Formen sind: Siu Nim Tau / Siu Lim Tao – – etwa anfänglicher Gedanke, Grundidee. Die Siu nim tau-Form („Kleine-Idee-Form“) ist die erste Form im Wing Chun-System. Hier lernt man in 8 Schritten (häufig als „Sätze“ bezeichnet) verschiedene Grundbewegungen, die man auch als Grundlagen in Angriff und Verteidigung ansehen kann. Die Siu nim tau wird im Grundstand durchgeführt. Schrittarbeit und Wendungen sind (in der Regel) noch nicht vorhanden.
Cham Kiu / Chum Kiu – – also eine „Brücke“ finden, um über „diese Verbindung“ den Gegner auf Abstand zu halten und zu blockieren bzw. einen Weg zu den Techniken des Gegners finden, um ihn anzugreifen. Die Cham Kiu-Form („Brücken-Suche-Form“) beinhaltet hauptsächlich Defensivtechniken sowie Techniken zur Distanzhaltung und Distanzüberbrückung zum Gegner. In dieser Form kommen Schritte, Wendungen und Tritte hinzu.