Das semiologische Abenteuer (L’aventure sémiologique) ist ein literaturtheoretisches Werk des französischen Poststrukturalisten und Semiotikers Roland Barthes aus dem Jahr 1985. 1988 erschien die deutsche Übersetzung von Dieter Hornig im Suhrkamp Verlag.
Inhalt Einordnung In Das semiologische Abenteuer legte Roland Barthes die Grundlagen seiner strukturalistischen Literaturbeschreibung, als deren populärster Vertreter er oft genannt wird. Das Buch versucht, linguistische Wissenschaftlichkeit in die Literatur zu tragen. Besonders der Abschnitt Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen,Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 102–143 der ein Analysemodell für Erzählungen entwickelt, gilt als Grundlage einer strukturalistisch orientierten Narratologie.
Die Erzählung Barthes geht in seinem Buch von einem universalistischen Begriff der „Erzählung“ aus: „Erzählung“ zielt hier weder nur auf mündliche oder geschriebene Texte noch auf die spezielle Machart literarischer Werke. Der Begriff „Erzählung“ meint für Barthes generell die Vermittlung von Ereignisfolgen, wie sie in verschiedenen Medien und – spezieller – in verschiedenen Textgattungen umgesetzt wird. Für Barthes sind Erzählung allgegenwärtig und in allen Ethnien, Klassen und Gruppierungen nachweisbar: „Die Erzählung ist international, transhistorisch, transkulturell.“.Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 102 Obwohl es unendlich viele konkrete Erzählungen gibt, versucht Barthes mit Hilfe des Strukturalismus die grundlegenden Struktur der Erzählung zu beschreiben, „die Unendlichkeit der Sprechweisen in den Griff zu bekommen“.Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 103 Er verwendet dabei ein deduktives Vorgehen, den Entwurf eines „hypothetische[n] Beschreibungsmodells“ von Erzählungen, als deren methodischer und terminologischer Bezugspunkt ihm die Linguistik dient.
Die Sprache der Erzählung Ausgehend von der Hypothese, dass zwischen dem Satz, dem Untersuchungsgegenstand der Linguistik und dem „Diskurs (als Gesamtheit von Sätzen)“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 105 eine Homologiebeziehung besteht, versteht Barthes auch die Erzählung als satzartige Organisation: „Von der Struktur her deckt sich die Erzählung mit dem Satz, ohne jemals auf eine bloße Summe von Sätzen reduzierbar zu sein: die Erzählung ist ein großer Satz, genauso wie jeder konstative Satz gewissermaßen der Entwurf einer kleinen Erzählung ist.“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 106 Diese analoge Organisation von Sprache und Erzählung macht es möglich, das linguistische Prinzip, verschiedene Beschreibungsebenen zu unterscheiden, auf die Erzählanalyse zu übertragen. Wie der Satz in der Linguistik auf verschiedenen Ebenen – phonetisch, phonologisch, grammatikalisch, kontextuell – untersucht wird, die je für sich nicht den vollen Sinn des Satzes ergeben, sondern sinnkonstituierend ineinandergreifen, muss auch die Erzählanalyse Ebenen unterscheiden und in eine „hierarchische (integratorische) Perspektive bringen“.Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 107
Barthes schreibt: „Eine Erzählung lesen (hören), heißt nicht nur, von einem Wort zum anderen übergehen, sondern auch von einer Ebene zur anderen.“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 107 f. Er schlägt deshalb die ‚provisorische’ Unterscheidung von drei Beschreibungsebenen vor:
Funktionen Handlungen Narration
Die Funktionen Die „Funktionen“ stellen die kleinsten sinnkonstituierenden Einheiten als Glieder einer Korrelation dar: Die Erzählung besteht ausschließlich aus Funktionen, d. h., alles ist bedeutsam, wenn auch in unterschiedlichem Maße, und selbst noch das, was „unweigerlich bedeutungslos erscheinen“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 109. mag, ist in der „Bedeutung des Absurden oder des Nutzlosen“ funktional relevant. Die Funktion ist eine inhaltliche Einheit, d. h. das in der sprachlichen Form der Erzählung jeweils Gemeinte, nicht die Formulierung selbst.
Funktionen und Indizien Barthes unterscheidet zwei große Klassen von narrativen Einheiten: distributionelle und integrative. Die distributionellen Einheiten, die dadurch definiert sind, dass sie kommenden Ereignissen der Erzählung korreliert sind bzw. auf diese verweisen, heißen Funktionen. Die integrativen Einheiten, die nicht auf Folgeakte rekurrieren, sondern durch Zusatzinformationen – Charakter eines Protagonisten, Beschreibung einer Atmosphäre etc. – den Sinn der Geschichte aufschließen, heißen Indizien. Während die Funktionen syntagmatisch operieren, d. h. Bezüge auf einer Ebene, der Ebene der Ereignisfolge, herstellen, schaffen die Indizien paradigmatische Relationen zwischen der Ebene der Ereignisse und einer zusätzlichen Sinnebene, die fakultativ ist, weil sie die Ereignisfolge nicht funktionell konstituiert. Barthes schreibt: „Funktionen und Indizien fallen damit unter eine weitere klassische Unterscheidung: Die Funktionen implizieren metonymische Relata, die Indizien metaphorische Relata; die einen entsprechen einer Funktionalität des Tuns, die anderen einer Funktionalität des Seins.“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 112
Kardinalfunktion und Katalyse Jede der genannten zwei Klassen besitzt zwei Unterklassen: Die Funktionen teilen sich in Kardinalfunktionen (oder Kerne) und Katalysen. Die Kardinalfunktion ist dadurch gekennzeichnet, „daß die Handlung, auf die sie sich bezieht, eine für den Fortgang der Geschichte folgentragende Alternative eröffnet (aufrechterhält oder beschließt), kurz, daß sie eine Ungewißheit begründet oder beseitigt“.Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 112 f. Kardinalfunktionen besitzen eine logische Funktionalität in dem Sinne, dass sie Folgehandlungen notwendig fordern. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei den Katalysen um Informationen zu einer Ereignisfolge in der Zeit, die zwar konsekutiv, aber nicht konsequentiell sind. Kardinalfunktionen bilden alternative Handlungspunkte, die „Risikomomente der Erzählung“,Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 113 Katalysen dagegen die „Sicherheitszonen, Ruhepausen“. Die Spannungsökonomie der Erzählung wird durch das Verhältnis der beiden Funktionen zueinander bestimmt.
Indizien und Informanten Die Indizien teilen sich in zwei Unterklassen, die (eigentlichen) Indizien und die Informanten. Die Indizien, so Barthes, verweisen beispielsweise auf einen Charakter, ein Gefühl, eine Atmosphäre, die als Anzeichen auf eine kommende Handlung verweisen, ohne sie notwendig klar anzudeuten oder gar einzufordern. Der Leser ist aber gehalten, ihre „implizite[n] Signifikate“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 114 zu entziffern. Informanten dagegen liefern Informationen, „die zum Erkennen und Zurechtfinden in Raum und Zeit dienen“. Sie machen als „realistischer Operator“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 115 die erzählte Wirklichkeit durch Details glaubwürdig. Die Unterklassen Katalysen, Indizien und Informanten haben gemeinsam, dass sie sich als – prinzipiell unbegrenzte – „Expansionen“ an die zu Sequenzen gefügte, endliche Anzahl von Kernen anlagern.
Die Sequenz Eine Sequenz ist eine Folge von Kernen, die kausallogisch aufeinander bezogen sind und die eine Handlungseinheit bezeichnen, deren Anfang und Ende eindeutig zu bestimmen sind. Barthes verwendet als Beispiel die Handlungssequenz aus den Kernen „ein Getränk bestellen, erhalten, trinken, bezahlen“.Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 118 Sequenzen lassen sich immer metalinguistisch benennen; wie in der strukturalistischen Märchenanalyse, die etwa die Sequenztypen „Betrug, Verrat, Kampf, Vertrag, Verführung“ identifiziert. Barthes schreibt: „Die geschlossene Logik, die eine Sequenz strukturiert, ist untrennbar mit ihrem Namen verbunden: Jede Funktion, die eine Verführung ins Spiel bringt, ruft in der Weckung dieses Namens unmittelbar nach ihrem Auftreten den gesamten Prozeß der Verführung ab, wie wir ihn aus allen Erzählungen gelernt haben, die in unserem Innern die Sprache der Erzählung ausgebildet haben.“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 119
Syntax der Sequenzen Barthes unterscheidet eine „Syntax im Inneren der Sequenzen“ von einer „(surrogate[n]) Syntax der Sequenzen untereinander“,Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 120 d. h. von einem hierarchischen Verweiszusammenhang, in dem bestimmte aktualisierte Mikrosequenzen übergeordnete Sequenzen anzeigen. Barthes liefert das Beispiel eines analytischen Stemmas: Die aus den Kernen „Hand reichen“, „Hand drücken“, „Hand loslassen“ bestehende Mikrosequenz „Begrüßung“ fungiert als Glied der umfassenderen Sequenz „Begegnung“, die aus den Mikrosequenzen „Näherkommen“, „Anrede“, „Begrüßung“ und „Setzen“ bestehen kann. Die Sequenz „Begegnung“ wiederum kann als Mikrosequenz im Verbund mit „Bitte“ und „Vertrag“ die übergeordnete Sequenz „Ansuchen“ bilden. Auf der Ebene der Sequenzen gliedert sich die Erzählung in hierarchische Blöcke, die als Episoden unabhängig nebeneinanderstehen und nur auf der nächsthöheren Ebene, der Ebene der Handlungen, zusammengehalten werden.
Die Handlung Die Ebene der Handlungen wird durch einen strukturalen statt psychischen Status der Protagonisten bestimmt. Der Protagonist wird nicht als „psychische Essenz“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 121 aufgefasst, d. h. als eine Instanz, die die Handlung aus sich heraus motiviert, sondern – unter Bezug auf Algirdas Julien Greimas – als Aktant. Die Protagonisten der Erzählung sind also, laut Barthes, „nicht nach dem, was sie sind, sondern nach dem, was sie tun, zu beschreiben und einzuteilen […], insofern sie an drei großen semantischen Achsen partizipieren, die man übrigens auch im Satz wiederfindet (Subjekt, Objekt, Attribut, Adverbialbestimmung), nämlich Kommunikation, Wunsch (oder Suche) und Prüfung; infolge der paarweisen Anordnung dieser Partizipationen ist die endlose Welt der Protagonisten ebenfalls einer auf die ganze Erzählung projizierten paradigmatischen Struktur unterworfen (Subjekt/Objekt, Geber/Empfänger, Helfer/Widersacher); und da der Aktant eine Klasse definiert, kann er mit verschiedenen Akteuren ausgefüllt werden, die nach den Regeln der Multiplikation, der Substitution oder der Leerstelle mobilisiert werden.“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 123
Das Problem des Subjekts Barthes benennt als besondere Schwierigkeit die ungelöste Frage nach dem Subjekt in der Aktantenmatrix, ein Problem, das sich die strukturale Erzählanalyse mit der Analogie von Erzählstruktur und Satzgrammatik einhandelt, denn jeder Satz fordert ein grammatisches Subjekt: Wer bzw. welche Klasse von Akteuren ist als eigentlicher „Held“ der Erzählung zu definieren? Barthes konstatiert, dass viele Erzählungen ein widerstreitendes „Dual“Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 124 von Personen in den Mittelpunkt stellen, in dem das Subjekt verdoppelt erscheint und nicht reduziert werden kann.
Die narrative Kommunikation